
Wenn man es mal genauer betrachtet, ist ein Treppenwitz der Geschichte die Rezeption von TURBONEGRO unter Einbeziehung der schwedischen Punklegende RUDE KIDS. Die Norweger um ihren popkulturell höchst versierten Mastermind Happy Tom coverten einst den RUDE KIDS-Klassiker „Raggare is a bunch of motherfuckers“, ein von 1978 stammendes wütendes Abkotzen über die schwedische Raggare-Jugendkultur: junge Männer mit einer Vorliebe für große amerikanische Autos und Rockabilly und keinen Bock auf schmuddelige Punks, was einst wohl zu unschönen Jagdszenen auf stachelhaarige Nietenlederjackenträger führte. Und dann ... kam irgendwann die Turbojugend und sieht, wenn man sich mal ein paar Fotos vergleichend anschaut, eher so aus wie die Raggare als wie die Punks, die von diesen auf die Fresse bekamen. Happy Tom elaboriert zum Raggare-Phänomen in einem Beitrag im Booklet zu dieser RUDE KIDS-Werkschau, vergleicht „Raggare ...“ sogar mit Dylans „Subterranean homesick blues“. RUDE KIDS hatten sich im November 1977 in den Suburbs von Stockholm gegründet, Polydor veröffentlichte die „Raggare ...“-7“ sowie auch 1979 das Debütalbum „Safe Society“. Danach war es auch schon fast wieder vorbei mit dem Punk bei RUDE KIDS, ihr Sound wurde poppiger und damit ... irrelevant. Danach gab es die Band noch bis 1984, nachdem Sänger Böna Anfang 1983 bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. 1998 hatte es auf Distortion Records mit „The Worst Of ...“ erstmals eine Zusammenstellung von Material der Band gegeben, in den letzten Jahren gab es vereinzelte Rerelases des Debütalbums, doch die 2024er Version von „Safe Society“, für die mit Peter von Burning Heart ein ausgesprochener Schwedenpunk-Fachmann verantwortlich zeichnet, ist mit Sicherheit die ultimative Alternative zum teuren Original. Ergänzt werden die Album-Songs um Bonustracks von der „Raggare ...“-7“ sowie von der „Stranglers/Punk Will Never Die“-7“. Safe Society“ ist eine jener Platten, die man jedem vorspielen muss, der wissen will, wie wütend, angepisst, aggressiv und messerscharf Punk zu klingen hat, um sich Punk nennen zu dürfen. Man höre sich nur Songs wie „No more fun“, „We got polar bears on our streets (Chup-chup)“ oder „Marquee“ an. Man denke an PAGANS, THE KIDS, POISON IDEA, HAMMERHEAD ... Bitte spätestens jetzt entdecken. Im Booklet gibt es die ganze Bandgeschichte und Texte.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #34 I 1999 und Joachim Hiller