
Es ist wunderbar, dass diese Diskografie endlich erschienen ist, denn es war längst überfällig, dass das gesamte Werk dieser Band wieder erhältlich ist. SONS OF SADISM oder kurz S.O.S. waren zur Mitte der 1980er Jahre im nördlichen Ruhrgebiet das Aushängeschild der sogenannten Skatebrigade Marl, einem wilden Haufen junger Punks, die mit dem Skateboardfahren in Kombi mit der damals noch neuen frischen US-Punkmusik aufgewachsen waren. „Free Thinking Individuals Together“ stand groß auf dem Bühnenbackdrop und bezeichnete auch ganz klar, wes Geistes Kind der ganze Haufen war, Männlein wie Weiblein. Bei Konzertfahrten von S.O.S. wurden große Reisebusse gemietet, so das mit S.O.S. meist ein großer Mob von Leuten der Skatebrigade Marl als auch aus Mülheim, Gelsenkirchen, Recklinghausen, Oberhausen etc. anreiste. Die Busse waren zudem perfekt geeignet, um die Verstärker und das Drumkit der Band zu transportieren. Daher waren Konzerte im AJZ Bielefeld, in holländischen Grenzstädten, Osnabrück, Mülheim oder auch Berlin absolut beeindruckende Ereignisse, über die damals anwesenden Leute auch heute noch sprechen. Kultur ist immer so gut wie die Leute, die sie schaffen und machen. Und wenn eine Kultur nicht dokumentiert wird, gerät sie unweigerlich in Vergessenheit. Daher ist es eine Wohltat, diese alten Songs von S.O.S. wieder zu hören als auch das sehr gut gemachte Booklet mit reichlich Fotos, Flyern als auch Linernotes zu lesen. Zudem ist das Kapitel „Skatebrigade Marl“ aus meinem Buch „Network of Friends“ im Booklet abgedruckt. Auf dieser LP enthalten ist die Studio-Session von 1985, die auf der legendären selbstbetitelten 7“ erschienen war, die restlichen beiden Songs stammen von dem Sampler „Smelling Just Another Bad Breath“. Auf der B-Seite findet man ausschließlich Live-Tracks, die teils im AJZ Bielefeld über das Mischpult aufgenommen wurden und um Stücke von der Tape-Compilation „Live At Alberts“ ergänzt wurden. Diese zeigen eindeutig, dass S.O.S. live noch einen ganzen Deut besser funktioniert haben als auf Platte, vor allem vom Gitarrensound her. Stagediving fand hier exzessiv statt und wer am Ende eines S.O.S.-Live-Sets nicht klitschnass war, der war entweder Popper oder Bewegungslegastheniker. Diese Wiederveröffentlichung auf Power It Up Records reflektiert ein schönes Stück gelebte Punkgeschichte – auch wenn es nur einen Hauch davon vermitteln mag, denn im „echten“ Leben war das damals noch wesentlich krasser. Und ich freue mich sehr, dass ich an dieser Diskografie-LP von S.O.S. beteiligt war.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #184 Februar/März 2026 und Helge Schreiber