
Der Brite Tim Bowness ist vor allem als Frontmann des Projekts NO-MAN bekannt, das er zusammen mit Steven Wilson seit 1987 betreibt – zur selben Zeit gründete sich auch Wilsons Band PORCUPINE TREE, die sich seitdem zu den hervorstechendsten und innovativsten Vertretern im Bereich Neo-Prog entwickelten. Bei NO-MAN, deren Frühwerke bei One Little Indian (inzwischen One Little Independent) erschienen, hielt sich Wilson eher im Hintergrund, und auch musikalisch waren NO-MAN und PORCUPINE TREE kaum vergleichbar. Denn Bowness, der als Sänger wie eine weniger exzentrische Mischung aus Marc Almond und Andy Bell klingt, tendiert eher zu einem sehr kunstvollen, elektronisch gefärbten Art- oder Dreampop, in dem sich Elemente von Techno, Ambient, Jazz, Folk und Neo-Klassik wiederfinden lassen und der selten wirklich rockig ist. „Powder Dry“ ist Bowness’ achtes im Alleingang eingespieltes Solo-Album, bei dem auch Wilson beteiligt war, allerdings nur in technischer Hinsicht bei der Abmischung. Die stilistische Entfernung zwischen Bowness’ Soloplatten und NO-MAN-Releases ist nicht unbedingt groß, allerdings wirkt „Powder Dry“ mit seinem verträumten, aber auch mal düster und disharmonisch klingenden Synthpop in sich geschlossener und songwriterisch stimmiger als manche NO-MAN-Werke. Während viele Bands und Musiker:innen, die aktuell solche 1980er-Synthpop-Sounds wieder aufgreifen, oft ein wenig platt und uninspiriert wirken, hat man bei Multi-Instrumentalist Bowness nie das Gefühl, er würde hier unter rein retrospektiven Gesichtspunkten versuchen, irgendetwas zu kopieren.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #177 Dezember 2024/Januar 2025 2024 und Thomas Kerpen