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Interviews & Artikel

PITCHSHIFTER

Eigentlich sind die britischen Sample-Punks immer für Überraschungen gut. Auch nach über zehn Jahren und einem wohlverdienten, auf schier endlosen Tourneen hart erarbeiteten Major-Deal haben sie kein bisschen an Biss eingebüsst. Stagnation ist ihnen ein Fremdwort, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass die Agit Pop-Institution auch der kompliziertesten Situation noch etwas Positives abgewinnt.

Mit Gitarrist und Gründungsmitglied Johnny Carter verließ einer der Haupt-Songschreiber die Band direkt vor den Aufnahmen zum neuen Album "Deviant", etwa gleichzeitig packte Session-Drummer "D" Walters seine Drumsticks. Um die Gerüchteküche nicht unnötig brodeln zu lassen, entschieden sich alle Beteiligten die Lineup-Wechsel offiziell auf nach die Aufnahmen zu datierten und erst später bekannt zu gegeben.

"Johnny hatte einfach die Nase voll von dem ganzen Zirkus", erklärt Frontmann und Programmierer J.S. "Er hat eine extrem nette Freundin, ein schönes Haus und eine kuschelige Katze. Eines Tages sagte er mir: "Weisst du was? Ich möchte nicht mehr auf Tour gehen und all diese wunderbaren Menschen und Dinge für die nächsten zwei Jahre verlassen." Auch wenn es zuerst ein Schock für uns war, hat sich am Ende alles positiv entwickelt. Eigentlich war es sogar sehr lobenswert, dass er uns schon vor den Arbeiten reinen Wein einschenkte, damit wir später nicht mit Songs leben müssen, die wir wahrscheinlich anders angegangen wären. Das Album wurde komplett von mir und Jim Davies geschrieben, was mir mehr Raum für die Vocals gelassen hat, während Jim für die Gitarren profitierte. Johnny würde nämlich jederzeit eingestehen, dass er mittlerweile das Keyboard vorzieht. Er hat immer zugegeben, dass Jim ein verdammt guter Gitarrist ist und geradezu darunter leiden müsse, immer nur seine Riffs runterzuspulen."

Glücklicherweise muß man Johnny Carter auch in Zukunft nicht vermissen. Statt selbst als Musiker in Erscheinung zu treten, wird er seine musikalischen Aktivitäten jedoch auf Produzententätigkeiten verlagern. Neben dem persönlichen Verlust war die Trennung von Live-Percussionist "D" recht einfach zu verschmerzen. "Er hat nie ein Album eingespielt oder Interviews gegeben, weil er es so wollte."

Die beiden neuen Bandmitglieder Matt Grundy und Jason Bowld sind nicht nur langjährige, persönliche Freunde der Band, sondern haben laut J.S. auch für frischen Wind im Bandsound gesorgt. "Beide waren für uns absolut erste Wahl. Mit Matt habe ich u.a. schon für den STEREOPHONICS-Remix zusammengearbeitet. Bislang war er Bassist und Programmierer in einer Live-Drum&Bass Band namens CATFISH" ... und davor Gitarrist der Alternative-Band BIVOUAC. Drummer Jason konnte dagegen bei der Punkband STIMULATOR nie mit seinem ganzen Talent glänzen, das ihn sogar Breakbeats problemlos umsetzen läßt. "Während bei den Shows mit "D" etwa 50% der Beats vom Band stammten, trommelt Jason gut 95% der komplexen Rhythmen live und mit nur minimaler Unterstützung von Samples."

Ein organisches Live-Feeling zu erzeugen und dabei so weit wie möglich auf den Einsatz von Samples zu verzichten, zeichneten sich als Intention von "Deviant" ab, kaum dass die Band mit der Vorproduktion in den heimischen PITCHSHIFTER/Shabby Road Studios in Nottingham begonnen hatte. "Die ausgedehnte US-Tour mit den DEFTONES und QUICKSAND ging quasi nahtlos in die Arbeiten zu "Deviant" über. Wir wollten ganz bewußt ein rockiges Album schreiben, damit wir später Spaß an der Live-Umsetzung haben. Deshalb wählten Jim und ich den klassischen Songwriter-Weg: Jim spielte Gitarre und ich entwickelte die passenden Melodien. Die neuen Songs räumen Platz für leichtere Momente, für Melodien und Hamonien ein und sind dafür an anderer Stelle richtig heavy. Um ehrlich zu sein hatte unsere Musik nach Johnnys Weggang plötzlich mehr Seele für mich."

Insofern war es nur logisch, dass man sich mit Dave Jerden (u.a. ALICE IN CHAINS, JANE´S ADDICTION, THE OFFSPRING oder RED HOT CHILI PEPPERS) zielstrebig für einen Produzenten entschied, der sich von der Pike aus mit Live-Instrumenten auskennt. Die dreimonatige, detaillierte Vorproduktion trug entscheidend dazu bei, dass die Aufnahmen in den Eldorado Studios in Los Angeles sehr entspannt verliefen, was der ungezwungenen, rockigen Atmosphäre von "Deviant" zuträglich war. Unterstütz wird sie nicht zuletzt von den präzisen Drums von ex-HELMET Schlagzeuger John Stanier. "Wir benutzten eigentlich immer Gastschlagzeuger, die im Studio die von uns während der Vorproduktion programmierten Beats eintrommeln. Unser A&R fragte uns, wer dieses Mal denn unsere Wunschkandidaten wären und ich legte ihm diese vollkommen verrückte Liste vor, die von John angeführt wurde. Unser A&R sagte nur: "Kein Problem, ich habe früher mit ihm bei SST Records im Postraum gearbeitet." Das war total verrückt. Ich schickte ihm ein Demo unseres Albums und er fand es so cool, dass er extra wegen uns einen Job in Australien auf später verschob. HELMET waren eine der mit Abstand unterbewerteten Bands. KORN oder LIMP BISZKIT verdanken HELMET echt eine ganze Menge, denn niemand anderer als sie hat den Weg für Staccato-Riffs geebnet."

Neben Stanier gibt es für den Song "As Seen On TV" mit Jello Biafra einen weiteren besonderen Gast. Die Punk-Legende ist seit Jahren ein persönlicher Freund der Band, so dass die Idee, ein Stück zusammen aufzunehmen, nicht erst seit gestern existiert. "Als wir uns im Studio befanden machte Jello mit Perry Farrel und Michael von den DISPOSABLE HEROES OF HIPHOPRISY auf der"Spitfire"-Spoken Word-Tour Station in LA. Es waren gerade alle zu Mittag, als Jello anrief und sagte: "Ich kann in einer Stunde bei euch sein". Er hat alles in einem Take aufgenommen und danach sind wir mit Vinnie von der Punkband SPIT und seiner Frau Mistress Jaqueline The Dominatrix gemütlich auf der Melrose Avenue Essen gegangen. Im dem Diner fragte dann irgend ein Mädchen Jim: "Bist du nicht der Sänger von 311?" Das war schon bizarr angesichts der versammelten Mannschaft." Dank der freundschaftlichen Beziehung kam auch die Veröffentlichung der "Un-UK"-EP (u.a. mit einer Coverversion von BIG BLACKS "Kerosene") zustande. In Grossbritannien wurde sie ursprünglich als Überbrückung zwischen "www.pitchshifter.com" und "Deviant" von MCA herausgebracht und erschien aufgrund der großen Nachfrage für den Rest der Welt etwas später auf Alternative Tentacles. "Eigentlich war sie als SEX PISTOLS "God Save The Queen"-mäßiger Gag geplant. Alle feiern ständig England ab, wie großartig die Queen, Melonen-Hüte oder The Times ist, aber ist das alles Unsinn. Wir selbst sind während der Bergarbeiterstreiks aufgewachsen und noch heute leben 20% der Kinder unter 14 Jahren unter der europäischen Armutsgrenze. Irgendwie fanden wir es cool Großbritannien als ganz schön uncool darzustellen. Das hatte natürlich den Effekt, dass sich alle echauffierten, wir hassten unsere Heimat. Das ist natürlich Quatsch. Wir lieben und hassen vieles an diversen Ländern, allerdings maßen wir uns nur an, sie über unser eigenes Land zu sagen, weil wir dort leben und Steuern bezahlen."

Damit entsprechen sie nicht den gängigen Mustern eines guten Bürgers und sind selbst "Deviants", also "Abweichler" - und die Protagonisten ihres Album-Titels. "Medien wie Radio und Fernsehen drängen uns an den Rand und featuren N-SYNC und BRITNEY SPEARS statt Bands, die in irgend einer Form extrem sind. Wir drehen den Spieß jedoch um und bezeichnen Institutionen wie Kirche und Staat als abweichend, deshalb der Papst und die Queen zusammen als eine Person auf unserem Cover." Ursprünglich war ein anderes Cover geplant, das jedoch verboten wurde. Es zeigte eine Parodie auf ein Bild des bekannten amerikanischen Künstlers Norman Rockwell, der in den 50ern die Allgemeinheit mit kitschigen (Werbe-)Bildern von der Kernfamilie entzückte. "Das Original präsentiert eine Familie, die zu Thanksgiving einträchtig um den Tisch versammelt ist, auf dem ein großes Silbertablett mit einem dicken Truthahn steht. Wir hatten den Truthahn mit einer fetten Handgranate ausgetauscht... Leider war unsere Interpretation dem Original zu ähnlich." Die Idee dahinter war, die weitverbreitete Ignoranz aufs Korn zu nehmen, mit der viele Menschen auf Probleme reagieren, die außerhalb ihres direkten Umfelds liegen. "Wir sind eine fröhliche Familie der westlichen Hemisphäre, die einen Scheiß auf den Rest der Welt gibt, solange es UNS gutgeht." Auch wenn man den Polit-Noisern vorwerfen kann, in ihrer über 10jährigen Bandgeschichte immer dieselben alten Themen aufzugreifen, werden sie ihrer nicht müde. Denn es gibt noch viel zu viele, die sich einen feuchten Kehricht um soziale Probleme scheren.

"Unser einziges Anliegen war und ist, Menschen auf Mißstände aufmerksam zu machen, weil es derzeit nicht gerade "in" ist über irgend etwas zu reflektieren. "Ich mag Boybands, Videogames und mir am Wochenende richtig die Hucke vollzusaufen" - weiter denken die Leute nicht. Natürlich tragen Medien und die Gesellschaften zu dieser Haltung bei, dabei könnte es auch ganz anders sein. Da draußen laufen eine Menge Menschen mit unerkanntem geistigen Potential herum. Sie müssen nur darauf aufmerksam gemacht werden, was im Leben wirklich wichtig ist. Deshalb möchten wir ihr Bewußtsein schulen - ohne ihnen vorgefertigte Antworten zu liefern. Wir persönlich sind Vegetarier und spenden an Organisationen wie Amnesty International und Greenpeace. Verständlicherweise kann das aber nicht die Lösung für jeden sein."

Nachdem das eigentliche Cover verboten wurde, kontaktierten PITCHSHIFTER Gee V., einst Sängerin und Coverkünstlerin von CRASS. Ihr schwarz/weißes Original wurde koloriert und für die PITCHSHIFTER-Version etwas überarbeitet. "Ich versuche gerade, einige große Statuen davon anfertigen zu lassen. Leider wird das wohl zu teuer, aber ich hätte schon gerne zwei Papst-Queens, die unsere Bühne flankieren... mit Lasern in den Augen", lacht J.S. Irgendwie scheint es sogar noch etwas besser in das Konzept der britischen Sample-Punker zu passen. "Eigentlich stehe ich selten morgens auf und denke: "Gott, was bin ich britisch!" Ich spreche eine andere Sprache fließend und habe schon an den verschiedensten Orten gelebt. Trotzdem kann ich nicht leugnen, daß wir einen typisch britischen Humor haben..." Vom dem kann man sich nicht nur auf "Deviant", sondern auch live während der für November/Dezember geplanten Europatournee überzeugen. In der Zwischenzeit sollte man ihrer aufwendigen Website www.pitchshifter.com unbedingt einen Besuch abstatten, um sich dort mit allerlei News und Specials zu füttern.

Melanie Schmidt

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #40 (September/Oktober/November 2000)

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