Interviews & Artikel : SCHEISSE MINNELLI :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

SCHEISSE MINNELLI

Deutsch-Amerikanische Freundschaft

Seeing is believing: Um zu verstehen, warum man sich für SCHEISSE MINNELLI aus Frankfurt/Main einfach begeistern muss, sollte man die Band um den Exil-Kalifornier Sam mal live gesehen haben. Ähnlich wie die SPERMBIRDS in jungen Jahren (die aber auch heute noch begeistern können) schafft es der Vierer, mitreißenden Alte Schule-Hardcore kalifornischer Achtziger-Machart ungeheuer feurig auf die Bühne zu bringen. Aber auch ihre Platten sind erstklassig, und die Band nur wegen ihres Namens mit Stumpfpunk in Verbindung zu bringen, ist ein großer Fehler. Anfang 2011 ist „The Fight Against Reality“ erschienen, ein Zwitter aus Buch und CD, denn Sam nahm das Album zum Anlass, seine wilde und harte Lebensgeschichte zu Papier zu bringen und in Form eines überdimensionierten Booklets zu veröffentlichen.

Sam, wie kamst du einst zu Punk und Hardcore, oder wie kamen die zu dir?

Punkmusik hörte ich das erste Mal bei einem Freund, da war ich in der vierten Klasse. Sein älterer Bruder hatte da diese wilde Musik laufen und ich fragte den, was das sei. Es waren die SURF PUNKS. Mir gefiel das, aber irgendwie schaffte ich es nicht, mehr über diese Band und diese Musik herauszufinden und vergaß es auch wieder. In der sechsten Klasse dann hatte ich meine erste Begegnung mit Thrashpunk. Ein Kumpel kritzelte während des Unterrichts das D.R.I.-Logo auf seinen Block. Ich fragte ihn, was das ist, und er spielte mir deren Musik vor, an der ich sofort Gefallen fand. Das „Dealing With It“-Album hat mich damals echt weggeblasen mit seiner Geschwindigkeit und Aggression – ich konnte kaum glauben, das solche Musik existiert, und natürlich wollte ich mehr davon.

Was waren deine ersten Konzerte und Platten?

Mein erstes Konzert waren die BEACH BOYS. Mein Vater nahm mich zu einem Baseball-Spiel mit, da war ich sieben, und nach dem Spiel traten die auf. Mein erstes Punkkonzert waren die DICKIES. Ich war verliebt in ein Mädchen, das ein paar Jahre älter war, und sie und ihr Freund nahmen mich und ein paar andere zu dieser Show mit. Endlich eine dieser Punkbands live zu sehen war für mich ein Schlüsselerlebnis: Wie die Band abging, keine Trennung zwischen Publikum und Band – da wusste ich, dass ich dazugehören will. Meine erste Platte war „Bozo the Clown“, aber da war ich drei. Später hatte ich dann Tapes, zuerst was von RUN DMC, das war bevor ich Punk entdeckt hatte, und dann „Locals only“ von SURF PUNKS und „Dealing With It“ von D.R.I.

Und wie kamst du dann dazu selbst Musik zu machen bzw. zu singen?

Mein Vater ist Musiker und hat mir als Kind oft Lieder vorgespielt. Bevor er Schreiner wurde, hatte er Musik studiert und in Jazz-Bands gespielt. Deshalb mochte und mag ich Jazz, denn da gibt es keine Regeln. Mit 13 habe ich dann selbst angefangen Bass und Gitarre zu spielen. Ich spielte meine Punk-Songs auf der klassischen Gitarre meines Vaters, bis der irgendwann genervt war und mir eine elektrische Bassgitarre kaufte, damit ich seine Gitarre in Ruhe lasse. Als ich noch in den USA lebte, spielte ich vor allem Bass, etwa bei den DEAD SMURFS. Bei SOCIALLY RETARDED sang ich dann, aber wir brachten es gerade mal zu einem Konzert. Gesungen habe ich in Amerika eher selten, das hat sich erst in Deutschland entwickelt. Mein Plan war, zwei Bands zu machen – eine, bei der ich Bass spiele, und eine, bei der ich singe. Letzteres liegt mir eben irgendwie, da ich ein Großmaul bin. Dass ich bei SCHEISSE MINNELLI auf Englisch singe, hat auch seinen Grund, denn so können wir auch im Ausland spielen, das war mir immer wichtig.

Viele in Deutschland würden alles dafür geben, in San Francisco leben zu können. Du dagegen bevorzugst Aschaffenburg bzw. Frankfurt gegenüber der Bay Area. Wie bist du hier gelandet, und was macht das Leben hier so viel angenehmer, dass du dich für’s Bleiben entschieden hast?

Ich habe die USA im Dezember aus verschiedenen Gründen verlassen. In meiner Familie wurde schon immer viel gereist, mein Vater erzählte mir von seinen Rucksacktouristenerlebnissen in Europa, Asien und Afrika, wie er es geschafft hat, von einem Dollar am Tag zu leben. Mich faszinierten seine Erzählungen, und auf einer Rucksacktour durch Asien und Europa bin ich dann nach neun Monaten in Deutschland hängengeblieben. Nachdem ich erfahren hatte, dass man hier Bier auf der Straße trinken darf, wollte ich hier bleiben. Wer das im Detail wissen will, sollte das im Buch nachlesen, das der CD beiliegt.

„Punk rock does not pay the bills“ – was zahlt deine Rechnungen?

Ich habe einen Job, aber über den kann ich nicht reden, sorry.

Wann, wo und mit wem hast du SCHEISSE MINNELLI gegründet?

Die Band wurde in Aschaffenburg gegründet. Ich habe Dudel auf einer Party getroffen und mit ihm total besoffen Bandpläne geschmiedet. Dudel hat Dash dazu geholt und ich konnte Egore überzeugen von Amerika nach Deutschland zu kommen. Egore war wichtig, denn er kann jedes Instrument spielen und trommelte bei OPPRESSED LOGIC, THE NEED, DEATHTOLL und INTREPID AAF. Wir lebten anfangs im berüchtigten „Shit house“ und schrieben da unser erstes Album „Exist To Get Piss’t“. Nach sechs Monaten bekam Egore dann aber Heimweh und ging zurück in die USA. Wenn wir in den USA auftreten oder bei Besuchen in Deutschland spielt er aber immer noch mit uns. Nach fünf Jahren Band hatten wir dann ein Gitarristenproblem: Unser alter Gitarrist musste in den Knast, also brauchten wir einen neuen, und in der Besetzung sind wir jetzt seit einem Jahr zusammen.

Eine Frage muss ich natürlich stellen: Was genau ist das Problem mit Liza Minnelli ...?

Wir haben nichts gegen sie. Sie säuft alleine mehr Wodka und macht mehr kaputt als unsere ganze Band zusammen. Einmal wurde sie sogar in einem Hotel verhaftet, als sie im Wodkarausch ein Hotelzimmer verwüstete, ihren Ehemann verprügelte und einen Wachmann angriff.

Das klingt sympathisch. Sprechen wir über eure Musik: Du scheinst eine konkrete Vorstellung davon zu haben, wie deine Band zu klingen hat – und es klingt sehr amerikanisch, nach Westküste und nach den Achtzigern.

Das ist, womit ich aufgewachsen bin. Ich komme vom Geburtsort dieser Musik und habe in jungen Jahren sehr viele Bands live gesehen, die mich inspiriert haben. Alle in der Band sind große Fans von Old-School-Achtziger-Punk. Als ich dann nach Deutschland kam, vermisste ich diese Art von Musik, diese Konzerte, und mein Plan war es, mit SCHEISSE MINNELLI diese Musik nach Deutschland zu bringen. Im Laufe der Zeit merkte ich dann, dass es auch hier einige Bands gibt, die einen solchen Sound spielen, aber ich denke, wir geben dem Sound unseren ganz eigenen Dreh. Man hat uns schon mit R.K.L. und mit INFEST verglichen, und das ist eine Leistung, finde ich. Aber letztlich darf man Vergleiche nicht überbewerten, wir sind einfach nur eine Band.

Hast du als Sänger Vorbilder? Es gibt leider nur wenige Bands, deren Frontmann richtig abgeht – du bist einer davon.

Ich habe immer Jason Sears von R.K.L. bewundert, wie der so abgeht auf der Bühne, der spuckte rum, sprang herum, zeigte dem Publikum seinen nackten Arsch, ganz großartig! Auch Orlando von SPECIAL FORCES war unglaublich: Der war oft schon vor dem Konzert so betrunken, dass er nicht mehr stehen konnte, aber kaum fing seine Band an zu spielen, wachte er auf und wurde zu einem absolut verrückten Sänger. Oder Nick Sicki von VERBAL ABUSE, oder Blaine von THE FARTZ, oder Paul Baloff von EXODUS, der war auch ein echtes Tier auf der Bühne und machte das Publikum heiß mit seinem Luftgitarrenspiel.

Apropos „tierisch abgehen“: Im Booklet der neuen CD ist ein Foto von dir vom „Ball Accident“ im April 2010 zu sehen. Was genau ist da geschehen? Hoden so groß wie ein Hokkaido-Kürbis beeindrucken nur auf den ersten Blick, beim zweiten denkt man „Autsch!“.

Das war ein Unfall mit einem Geländer und viel Alkohol, aber ohne Skatebord. Bei einem Konzert in Wuppertal bin ich betrunken in einem Treppenhaus ein Stockwerk runtergefallen und landete mit meinem Schritt auf dem Geländer. Es tat höllisch weh, aber ich war ja betrunken, und so lief ich einfach weg. Wir spielten dann das Konzert, doch am Ende des Auftritts schaute ich an mir runter und sah einen Fußball vorne in meiner Hose ... Ein Freund fuhr mich ins nächste Krankenhaus, und die wollten mich gleich dabehalten, um mich am nächsten Tag zu operieren, aber ich wollte nicht bleiben, also entließ ich mich selbst, schlief bei einem Freund und ging am nächsten Tag wieder zur OP hin. Vor der OP sagten die mir, sie müssten mir einen meiner Hoden rausschneiden, aber irgendwie ging doch alles gut und ich bin noch intakt. Wer es noch genauer wissen will, soll es im Booklet nachlesen.

„Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir.“ Warum widmest du mit „Haarmann“ einem deutschen Serienkiller aus den 1930ern ein Lied, und nicht beispielsweise John Wayne Gacy alias „Pogo the Clown“?

Als Kid war ich immer fasziniert von Serienkillern. Nicht, dass ich sie bewundert hätte, aber irgendwie fand ich sie interessant. Ich erinnere mich, wie ich als Kind die Geschichten vom Night Stalker hörte, und dass wir an Halloween vorsichtig sein müssten, weil da draußen ein irrer Killer rumläuft. Ich wollte immer schon mal einen Text über einen dieser Psychos schreiben, und da wollte ich mal schauen, was sich deutsche Mörder so einfallen lassen. Bei meiner Recherche bin ich auf Haarmann gestoßen. seine Geschichte hat mich fasziniert, und so ist das Lied entstanden. Im übrigen finde ich „Bozo the Clown“ sowieso besser als „Pogo the Clown“.

Die neue CD „The Fight Against Reality“ kommt in Form eines 200 Seiten dicken Buches im Format einer dicken CD-Hülle. Was steht drin, warum muss man das lesen, und wie bekommt man sein Label dazu, so was zu bezahlen?

Das Buch dreht sich um mein bisheriges Leben, wie ich in Amerika von der Schule geflogen bin, kriminell wurde, in den Knast kam, die Uni nicht schaffte, nach Deutschland kam, wie die Band entstanden ist, und so weiter. Lesen müssen tut das keiner, und viele werden es sicher nicht lesen, weil ich auf Englisch geschrieben habe, aber ich wollte eben zeigen, wer ich bin und wie SCHEISSE MINNELLI entstanden sind. Das ist nicht angeberisch gemeint oder so, ich gehe auch nicht im Detail auf Leute und Bands ein, die ich kannte, das wäre langweilig, sondern es ist ein Buch darüber, wie ich wurde, was ich bin. Die Idee für das Buch entstand bei einem Meeting mit unserem Label Destiny Records. Nachdem kaum einer mehr CDs kauft und jeder Musik nur noch runterlädt, mussten wir uns etwas einfallen lassen. Das einzige, was die Leute weniger machen als CDs kaufen, ist lesen. Also haben wir beides verbunden. Mal sehen, ob das funktioniert ... Natürlich musste jeder in der Band eine Niere verkaufen, um den Scheiß zu finanzieren.

Wie kam’s zur Connection mit Destiny? Mag Dave Pollack dich, weil du wie er ein in Deutschland gestrandeter Amerikaner bist?

Ich traf Dave erstmals, als ich den Gesang von unserem „The Crime Has Come“-Album aufnahm. Ich wohnte in Berlin bei ihm und Archi von TEERORGRUPPE, und eines Abends gingen wir dann zusammen auf Wodka-Sauftour. Nach den Aufnahmen machten wir uns auf die Suche nach einem Label, ich schickte die Songs an zig Labels in den USA, aber die wollten nur eine Band signen, die regelmäßig in den USA tourt. Dann rief mich Archi an, sagte, er möge das Album und Dave auch, und so ging das los. Was Dave nun an mir persönlich mag? Wahrscheinlich hat das was mit unserer gemeinsamen Vorliebe für Wodka und echten Punk zu tun.

Archi hat euer neues Album produziert, Kevin und Chris von ATTITUDE ADJUSTMENT sind zu hören, ebenso Barry, Joe und Chris von RKL und THE TOTEN CRACKHUREN IM KOFFERRAUM – „friends & family“ oder wie oder was?

Archi hat uns auch die Crackwhores als Gastsänger besorgt, und Kevin und Chris kenne ich über den Gitarristen von AA, und mit Lil Joe von RKL habe ich schon Party gemacht, als ich noch in der Bay Area lebte. Wir trafen uns wieder, als er mit den REAL McKENZIES auf Tour war, wir spielten ein Konzert zusammen, er griff bei unserem RKL-Cover zur Gitarre, und so ergab sich das weitere. Letztlich sind wir also wohl wirklich sowas wie eine große Familie.

Was wird 2011 mit SCHEISSE MINNELLI passieren, was für Pläne habt ihr?

Wir werden im April in Oakland auf dem Bobfest auftreten, eine Westcosttour dranhängen und so oft in Europa spielen wie möglich – dann haben wir vielleicht genug Geld, um unsere Nieren zurückzukaufen!

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #94 (Februar/März 2011)

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