Interviews & Artikel : VOLXSTURM :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

VOLXSTURM

Alt und wütend

VOLXSTURM aus Schwerin erinnern an einen Witz aus Woody Allens „Bananas“, in dem es um einen Afroamerikaner geht, der mit einer jüdischen Zeitung in der U-Bahn sitzt und von einem hellhäutigen Mitmenschen geschlagen und mit dem Satz „Schwarz allein genügt wohl nicht?“ bedacht wird. Skinheads, die ihre Band VOLXSTURM nennen, da ist doch alles klar. Ist es das? Mitnichten! Zum zwanzigsten Bandgeburtstag veröffentlicht die Band dieser Tage via Sunny Bastards ihr Opus Magnus namens „Ein kleines bißchen Wut“, ein Paket aus CD, Buch und DVD.

20 Jahre VOLXSTURM – was war richtig grandios, was total beschissen in dieser Zeit?

Wolf: Grandios ist, dass wir noch da sind und das tun können, was wir wollen: Musik machen und Hirngespinsten nachjagen. Verrückt ist, dass mehr spinnige Ideen auf fruchtbaren Boden fallen und sogar veröffentlicht werden. Herrlich ist, dass wir durch den Verkauf unserer bekloppten Ideen die Chance haben, den Faden immer wieder von Neuem zu spinnen. Total beschissen war sicher unsere Zeit nach den Spanienkonzerten und die damit einhergehenden Vorwürfe. Ein Thema, dem wir uns offen gestellt haben und aus dem wir gelernt haben. Leider haben wir hierbei aber auch die Erfahrung gemacht, dass einige diese Situation für pauschales Dreckschmeißen missbraucht haben. Und recht enttäuscht waren wir, dass langjährige Bekannte diesen Gerüchten unreflektiert Glauben schenkten, ohne uns zu hören oder uns aufgrund der langjährigen Bekanntschaft einen Vertrauensbonus zu gewähren, den wir sicher nicht unsinnig ausgenutzt hätten.

Mit dem Alter wird man angeblich klüger. Angeblich. Was habt ihr gelernt?

Wolf: Ich könnte jetzt mit der Werbung antworten: „Ich bin gelassener geworden, aber meine Sorgen sind nicht kleiner“. Das trifft es, ehrlich gesagt, ganz gut. Ich bin in vielen Dingen vom Grundsatz her eher der gelassene Typ. Das scheint ein bisschen an unserer norddeutschen Mentalität zu liegen, zumindest sagt man uns das immer nach. Ich kann andererseits aber auch sehr ungeduldig sein, davon können meine Bandmitglieder und meine Familie manches Mal ein leidvolles Lied singen. Ich versuche immer, 120% zu geben, und erwarte das auch von meiner Umwelt. Ausreden wie: „Keine Zeit“ kann ich schlecht dulden. Anstrengend für sie und letztlich auch häufig für mich. Ich habe auch gelernt, dass die meisten vordergründig abgedroschen wirkenden Lebenswahrheiten zumindest einen Funken Wahrheit enthalten. So gewinnen Freundschaft, Verlässlichkeit und Handschlagqualitäten zunehmend an Gewicht und die Zeit trennt die Spreu vom Weizen. Ich denke, wir haben da als Band ganz gute Weichen gestellt, das heißt, die „geschäftlichen Beziehungen“, die wir pflegen, haben in erster Linie eine freundschaftliche Basis und alle Leute, mit denen wir intensiv und langfristig zusammenarbeiten, sind in erster Linie Freunde, die wir teilweise auch seit 20 oder sogar 25 Jahren kennen. Da bleiben ehrliche, kritische Worte nicht aus und vielleicht ist es das, was zu unserer Bodenhaftung beiträgt. Ich habe auch gelernt, nicht auf jeden Kritiker zu hören, und das eher als Ausdruck wachsenden Erfolges zu sehen, da wir einfach umfassender wahrgenommen werden. Wir sind anfangs einen sehr offensiven Kurs gefahren und haben auf Kritik individuell reagiert oder sogar Statements verfasst. Irgendwann läuft man allerdings Gefahr, sich in den ganzen Statements zu verheddern und kommt immer mehr vom eigentlichen Weg ab. Wir setzen mittlerweile eher auf die freie Verfügbarkeit von Infos zu und über uns und natürlich auf Interviews, in denen Dinge kritisch hinterfragt werden können. Wer dann immer noch jede Aussage so lange dreht, bis er eine faule Stelle findet, der will uns auch nicht verstehen. Wenn ich so nachdenke, könnte ich noch stundenlang weitermachen, da ich im Leben bisher doch schon einiges gelernt habe. Daher nur noch eine elementare Erkenntnis: Das Leben spielt sich nicht im Virtuellen ab, und manche Probleme sind mehr Schein denn Sein.

Wir wollen keine schmutzige Wäsche waschen, aber ihr seid nicht mehr bei DSS, eurem langjährigen Label, sondern bei Sunny Bastards. Wie kommt’s?

Wolf: Wer uns länger kennt weiß, dass wir selten schmutzige Wäsche waschen, sondern eher unsere Schlüsse ziehen und danach handeln. Wir sind mit Micha von DSS bereits sehr lange befreundet und waren zur „Bi uns to Hus-CD sehr dankbar, dass er uns die Möglichkeit gab, Platten zu veröffentlichen. Er hat uns im Vergleich zum vorhergehendem Label noch mal deutlich einen Schritt weitergebracht. Leider haben sich unsere Prioritäten mit den Jahren etwas verschoben, und während wir immer weiter mit Volldampf geradeaus fuhren, steuerte Micha eher ruhigere und privatere Gewässer an. Wir sprachen das Thema dann offen bei ihm an, und häufig ist es ja durchaus für beide Seiten erlösend, wenn Dinge angesprochen werden. So stieß unsere Sicht auch nicht so sehr auf Unverständnis, sondern eher auf Erleichterung und wir konnten von daher recht unkompliziert alles Praktische Richtung Wechsel besprechen. Da wir mit Sunny Bastards für Tribute- und Compilation-Beiträge parallel zu DSS Records immer mal in Kontakt waren, sich diese Zusammenarbeit immer sehr gut und unkompliziert gestaltete und wir auf der Suche nach einem neuen Label waren, lag es nach Sichtung der Angebote für uns nahe, zu Chris und Sunny zu wechseln. Sie haben im Gesamtpaket das beste Angebot gemacht und geben wie wir stets 120%. Somit haben sich hier zwei Verrückte gefunden, die mit Herzblut an einem Strang ziehen. Nicht zu vergessen in der Aufzählung ist unser Vinyllabel Contra Records, das uns ermöglicht, auch dieses Format voll auszureizen. Den Hechti haben wir zunächst auch als Konzertgänger, fliegenden Händler und Freund schätzen gelernt, bevor wir Stück für Stück unsere Zusammenarbeit intensivierten.

Euer neues Werk ist gemeinerweise extrem downloadunfreundlich, denn das Buch will anders als die Musik einfach nicht durch die Leitung passen. Also, was war die Idee, was bekommt man für sein Geld, und wie habt ihr’s umgesetzt?

Marcus: Dass die CD so umfangreich wurde, hatte weniger damit zu tun, sie downloadunfähig zu machen, als vielmehr unsere Ideen umzusetzen. Zum 20. sollte es etwas Besonderes werden, ein Album, welches sich auch mit der Geschichte der Band befasst. Da war ein Fotobuch sehr naheliegend. Dies wurde letztlich ja auch sehr detailreich gestaltet und viele Texte kamen in der Erarbeitung noch dazu, da wir nicht ein reines Bilderbuch abliefern wollten, sondern eher eine Zeitreise durch „20 Jahre Volxsturm“ ermöglichen wollten. Dann hatten wir noch mehr oder weniger spontane/verrückte Ideen, wie beispielsweise das Subkulturen-Quartett zur LP. Seinen Ursprung hatte das eigentlich in einer Diskussion über Bands und deren Stellenwert auf einer der Fahrten zum Konzert, und da die Beurteilung von Bands so subjektiv ist, kam die Frage auf, wie man diese vergleichbar machen könnte. Andererseits fiel die Idee auf fruchtbaren Boden, da wir für die CD ja ein interaktives Movie-Game planten, so dass wir uns dachten, dann haben wenigstens alle, unabhängig vom Format, ein Spiel. Dazu kamen dann noch die Nachwirkungen unserer Band-DVD, da wir dort unsere Lust an Videodrehs und Laienspiel entdeckten, und eh wir es uns versahen, hatten wir zwei Videoclips und einen 35-minütigen Kurzfilm, der kurz die Geschichte und den Ablauf der CD-Entstehung erzählt. Das alles kombiniert mit nicht minder verrückten Labelbossen, die mitspielten und uns auch noch in unserem Tun unterstützten. Verbote auszusprechen oder den Fans ein schlechtes Gewissen einzureden, damit sie das Album nirgendwo runterladen, macht keinen Sinn. Produziert man ein Album, muss man kreativ sein, dem geneigten Hörer etwas Interessantes anbieten. Neue Zeiten erfordern neue Ideen, mehr Mut und Kreativität. Als „Ein kleines bisschen Wut“ entstand, hatten wir eine Menge Spaß und die Leute, die uns dabei unterstützten, ebenfalls und das kann man an unserem neuesten Werk deutlich spüren. „Ein kleines bisschen Wut“ ist ein Konzeptalbum. Cover, CD und DVD bilden eine Einheit, die sich erst erschließt, wenn man das Werk in seinen Händen hält. Nun liegt es am Hörer, selbst zu entscheiden, wie er sich die CD aneignet.

In eurem DVD-Videospiel kommt ein „Deutschrock-Monster“ vor. Diesem angeblichen neuen Musikstil namens „Deutschrock“ begegnet man ja immer öfter, wobei manche, die diesem Genre zugeordnet werden, eigentlich als „Italo-Rock“ bezeichnet werden müssten. Also, wer und was passt euch daran nicht, und warum?

Wolf: Mir passt die Verwässerung der Grundattitüde und der Verkauf der Subkulturen als Eventkultur nicht, das heißt frei nach den gesellschaftlich akzeptierten Grundsätzen „höher, schneller, weiter“ wird der Versuch unternommen, sich mit der Anzahl an Tattoos, prolligem Auftreten, ein paar „coolen“ Klamotten und Bildern mit Tussen gegenseitig aufs Brot zu schmieren, wer der Checker ist. Das Ganze wird garniert mit inhaltsfreien, metaphorischen Texten, die sich eher um primäre Geschlechtsorgane und deren Einsatz drehen oder wahlweise aus der Verlierersicht die Schlechtigkeit der Welt an sich beklagen und letztlich zu dem Schluss kommen, dass man ja eh nichts ändern kann. Letztgenanntes ist ein beruhigendes Gefühl und ein dankbarer Aufhänger, um im Anschluss ohne Gewissensbisse fleißig konsumieren zu können. Eine Szene die mehrheitlich angetreten ist, Resteverwertung eines Erbes zu betreiben, welches ich nie haben wollte, kann nichts Neues oder Kritisches hervorbringen. Zum Glück begreifen das auch einige wenige Leute, und Einstellung sowie Billing bei diversen Festivals ändern sich ein wenig. Das klingt hart, ich weiß, und ich will auch nicht alle über einen Kamm scheren, aber mit dem Gros dieser Szene haben wir wenig gemeinsam. Wir haben mal versucht, uns bei einem dieser Festivals selbst ein Bild zu machen, und viele dortige Besucher entsprechen dem Klischee des jugendlichen Bushaltestellenstehers oder des Fahrers eines tiefergelegten Autos. Mit solchen Leuten will ich schon zu Hause nichts zu tun haben, und deshalb auch nicht auf Festivals meine Zeit mit ihnen verbringen.

Reden wir mal über GRAUZONE: „Eisbär“ kennt jeder, aber was sind eure GRAUZONE-Favoriten, und warum ist GRAUZONE so cool, auch heute noch?

Wolf: Seit wir, nach Meinung weniger, zu dieser Spezies gehören und da wir anderseits auch immer wieder mal als Blaupause für das pauschalisierte und vorurteilsbehaftete Klischee der Ich-bezogenen Dummglatze herhalten müssen, kann es darauf nur eine Antwort geben: WIR sind unsere Favoriten! Wer sich die Mühe macht, sich mit uns inhaltlich auseinanderzusetzen, wird schnell merken, dass wir durchaus weiter als bis drei zählen und viele Klischees schlichtweg nicht bedienen können. Und wer sich dann weiterhin mit anderen Bands dieser Szene beschäftigt, wird merken, dass Gleiches auch auf viele andere zutrifft. Kritisches Hinterfragen finde ich gut und versuche das auch immer wieder selbst zu tun, um Routinen aufzubrechen, aber Gutmenschendiskussionen und pauschalisiertes Abkanzeln ohne Hören des Betroffenen sind nicht meine Sache. Im Übrigen denke ich, dass „Grauzone“ wohl zum Unwort des Jahrzehnts wird, und auf unserer neuen CD haben wir dazu und zu diesen ganzen Helden der Tastatur, die sich vermehrt in den virtuellen Welten verlieren, auch einen ganz klaren Text geschrieben. GRAUZONE sind auch heute noch cool, da sie einerseits neue Wege mit dem Einsatz elektronischer Elemente und dem leicht depressiven Gesang in Verbindung mit stark interpretierbaren und vor allem deutschen Texten gingen, und andererseits durch das Verweigern von kommerziellen Anforderungen eine Punkattitüde an den Tag legten, die mir in meiner Jugend Hoffnung gab und eine Gedankenflucht in zu kleinen Kinderzimmern, in anonymen Neubauten in noch piffigeren Kleinstädten ermöglichte.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Was machen VOLXSTURM in 20 Jahren?

Marcus: In 20 Jahren sind wir alle zwischen 50 und 60 Jahren. Ein stolzes Alter, in dem man schon mal an die Rente denkt und wie man die Zeit mit seinen Enkelkindern verbringt. Vielleicht beherrschen wir dann endlich unsere Instrumente und machen Freejazz. 20 Jahre ist eine lange Zeit. In den letzten zwei Jahrzehnten ist so viel passiert, innerhalb der Band, aber auch im privaten Leben. Das hätte sich niemand von uns ausgemalt. Die Leute kamen und gingen, neue Einflüsse beeinflussten unsere Kapelle. Im Moment sind wir so richtig in Fahrt, was die Mucke angeht. Fast alle wohnen mittlerweile wieder in Schwerin, große Pläne wurden geschmiedet, so dass erst mal kein Ende in Sicht ist. Wäre ja schön, wenn das in 20 Jahren auch noch so ist.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #95 (April/Mai 2011)

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