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Interviews & Artikel

Factory Records

Use hearing protection

Manchester, 4. Juni 1977: Die SEX PISTOLS spielen live in der Lesser Free Trade Hall. Mit geschätzten 40 Leuten war das von Howard Devoto (BUZZCOCKS/MAGAZINE) organisierte Konzert zwar nicht unbedingt gut besucht, verhältnismäßig viele der Anwesenden folgten aber dem Beispiel der Pistols, lernten ein paar Akkorde und gründeten Bands (Mark E. Smith – THE FALL; Steve Diggle – BUZZCOCKS; Bernard Sumner und Peter Hook – JOY DIVISION/NEW ORDER; Steven Morrissey – THE SMITHS). Wenn man aber wie Tony Wilson, Alan Erasmus oder Rob Gretton zu alt oder unglaubwürdig für einen Neuanfang als (Post-)Punkrocker war, musste man sich seine Szenelorbeeren anderweitig verdienen: Punkbands in der eigenen Musiksendung featuren, Gigs organisieren, Platten herausbringen. And so it goes ...

1976-78: Manchester Punk City


Kaum etwas widerspricht dem Punkethos im Jahre 1976 mehr als Tony Wilson, ein verschnöselter TV-Moderator beim Privatsender Granada, Cambridge-Absolvent und Lokalpatriot, der aussieht wie eine weichgespültes, ungeschminktes David Bowie-Double mit Satinschal und Dufflecoat. Warum gerade er Punkbands in seine bis dato harmlose Musiksendung „So It Goes“ einlud? Weil er so die größtmögliche Aufmerksamkeit für seine Sendung erhaschen konnte? Weil er den Kids zeigen wollte, dass diese Bewegung die Zukunft ist? Weil er die Chance sah, an etwas Neuem teilzuhaben? Wahrscheinlich trug von allem etwas seinen Teil dazu bei. Entsprechend skeptisch reagierten die Kids in Manchester zunächst auf die Versuche von Wilson und Erasmus, Gigs für sie zu organisieren. Wohl aus Mangel an Alternativen konnten die beiden sich schließlich doch durchsetzen und eine Konzertreihe namens „The Factory“ im örtlichen Russell Club anschieben, in deren Rahmen unter anderem THE DURUTTI COLUMN, THE GERMS, GANG OF FOUR, THE MISFITS, HUMAN LEAGUE, THE FALL, JOY DIVISION und THE ADVERTS auftraten.

Schon bald entstand der Wunsch, einen Sampler mit Tracks einiger Bands, die in dieser Reihe auftraten, herauszubringen, um damit einer größeren Öffentlichkeit bekannt zu werden. Erasmus und Wilson heuerten Martin Hannett, Produzent des ersten BUZZCOCKS-Albums „Spiral Scratch“, für diese und eventuelle weitere Produktionen an und nahmen ihn als Label-Teilhaber mit an Bord. Hannett stellte insgesamt neun Tracks von JOY DIVISION, John Dowie, CABARET VOLTAIRE und THE DURUTTI COLUMN zu einem Doppel-7“-Sampler namens „FAC-2 – A Factory Sample“ zusammen.

FAC-2 erschien 1978 in einer aufwändigen Verpackung aus von Hand silber eingefärbtem und eingeschweißtem Reispapier. Die Umsetzung eines künstlerischen Gesamtkonzepts war also von Beginn an das wichtigste Gebot einer Factory-Veröffentlichung. Für ein Mindestmaß an Stringenz sorgte in diesem Zusammenhang eine recht klare Aufgabenverteilung: Tony Wilson sorgte für das Finanzielle, Alan Erasmus fungierte als Manager, Martin Hannett kümmerte sich um die Produktion und Peter Saville übernahm den künstlerischen Part. Schnell wurde klar: „We can do it here, in Manchester!“

1979-1981: Post-Punk Years

1979 war rückblickend eines der entscheidenden Jahre im Werdegang von Factory. Der Russell Club wurde endgültig in „The Factory“ umbenannt, die Konzerte gingen weiter. Aus der seltsamen Kollision von Bürgertum und Arbeitermilieu, von Konzeptkunst und authentischer Straßenmusik entstand schließlich das Label Factory Records. Die Krux an der Sache war nur, dass keiner der Beteiligten wirklich eine Vorstellung davon hatte, wie man ein Plattenlabel managet. Also stellte man eigene Regeln auf, versah alles, was im Kontext des Labels entstand – vom Briefpapier über die Menstruationseieruhr und Platten bis hin zum Klebeband –, mit einem Logo und nummerierte es durch. Auf Factory veröffentlichte Platten sollten sich nicht nur musikalisch, sondern auch optisch von der Masse abheben und einen hohen künstlerischen Standard erfüllen. Die Kosten waren dabei sekundär, gemacht wurde auf der Basis „Keine schriftlichen Verträge“ sowohl musikalisch als auch künstlerisch, was gefiel.

Je nach Band und Künstler fiel das Ergebnis mal mehr, mal weniger experimentell aus. Die Einflüsse der frühen Factory-Bands reichten dabei von Brian Eno über KRAFTWERK, James Brown bis hin zu den SEX PISTOLS. Erste Mitglieder dieser situationistisch angehauchten Anarchistenschmiede waren neben JOY DIVISION unter anderem A CERTAIN RATIO und THE DURUTTI COLUMN. JOY DIVISION-Manager Rob Gretton und seine Zöglinge wurden als offizielle Label-Teilhaber zu festen Mitgliedern des Factory-Teams. Der eigentliche Factory-Urknall war der Punkt, ab dem sich das von Hannett produzierte erste JOY DIVISION-Studioalbum „Unknown Pleasures“ (FAC-10) zu einem echten Verkaufsschlager entwickelte, obwohl oder gerade weil klassische Marketingstrategien nahezu komplett außer Acht gelassen wurden: Weder Band- noch Albumname waren auf der Vorderseite der LP-Hülle abgedruckt, es gab wenig bis gar keine Werbung für das Album.

Der kommerzielle Erfolg von „Unknown Pleasures“ schrie geradezu nach einem schnellen Nachschieben von JOY DIVISION-Veröffentlichungen und führte dazu, dass neben der Hitsingle „Love Will Tear Us Apart“ schon 1980, also weniger als ein Jahr später, das zweite Sudioalbum „Closer“ herausgebracht wurde. Rückblickend bedeutete das insbesondere für deren Frontmann Ian Curtis, der unter anderem als Nebenwirkung seiner medikamentösen Epilepsietherapie stark depressiv war, ein sehr hohes Arbeitspensum. Am 18. Mai 1980 fand seine Frau ihn erhängt in ihrem gemeinsamen Haus auf. Nach dem Selbstmord ihres Sängers schlossen sich die drei verbliebenen Mitglieder gemeinsam mit Gillian Gilbert zu NEW ORDER zusammen. Ihr erstes Album „Movement“ erschien noch 1981. Martin Hannetts Drogenabhängigkeit entwickelte sich zunehmend zu einem Problem und trug dazu bei, dass er sich endgültig mit Tony Wilson überwarf und bei Factory ausstieg.

1982-1987: Ecstasy Clubbing

Beflügelt von einigen Kurztrips in die USA mit ausgiebigen Clubbing-Touren durch New York sahen sowohl Wilson, Gretton als auch NEW ORDER die Zukunft in tanzbarer, elektronischer Musik und änderten ihre eigene Marschroute entsprechend ab. In diesem Zusammenhang fassten sie auch den Plan, einen Club in Manchester an den Start zu bringen. Die Haçienda (FAC-51) öffnete im Mai 1982. Der Club war zu Beginn schlecht besucht und machte mit einer für den Bedarf von Manchester überproportional langen Öffnungszeit von sechs Tagen in der Woche riesige Verluste.

Auch NEW ORDERs 12“ „Blue Monday“, angeblich die meistverkaufte Maxi-Single aller Zeiten, sorgte 1983 dank ihres kostspieligen Disketten-Sleeves nicht etwa für klingelnde Kassen, sondern riss mit jedem verkauften Exemplar ein größeres Loch in die ohnehin nicht üppig gefüllten Taschen. Erstmals rächte sich gleich auf mehreren Ebenen, dass es keinen wirklichen Business- oder Masterplan gab. Sicherlich wäre die Einrichtung eines labeleigenen Studios, wie von Hannett und einigen anderen gefordert, die zwar weniger reizvolle, aber zweckmäßigere Alternative zur Haçienda gewesen.

Hannetts Klage auf Auszahlung seines Anteils verlief unterdessen erfolgreich. Factory musste 40.000 Pfund an Hannett zahlen, das dazugehörige Gerichtsurteil ging mit Katalognummer FAC-61 in die Label-Annalen ein. Aufgrund Rob Grettons Weigerung, die aus Manchester stammenden THE SMITHS zu veröffentlichen, verlor Factory eine potenzielle neue Erfolgsband an Rough Trade. Stattdessen wiesen die HAPPY MONDAYS, eine Acid-House-Partyband, Factorys Weg in eine neue Musikära.

1988-1990: Madchester – 24 Hour Party People

Ende der Achtziger war Manchester der Nabel des Acid House und der Raves, die Haçienda einer der angesagtesten Clubs in ganz Europa. Die jahrelangen Investitionen schienen sich jetzt auch ohne Businessplan auszuzahlen. Doch es gab auch in dieser Zeit Rückschläge. Auf musikalischer Ebene verlor Factory mit den STONE ROSES eine weitere vielversprechende lokale Band an ein anderes Label. Martin Hannett und einige andere Ex-Factory-Partner hatten dieses Mal ihre Finger im Spiel und rieten der Band davon ab, mit Factory zusammenzuarbeiten.

Wie sich nach und nach zeigte, waren die Haçienda-Erlöse aus Eintritt und Getränkeverkäufen niedrig, zu niedrig, um die anfallenden Kosten zu decken. 1989 geriet der Club außerdem erstmals negativ in die Schlagzeilen, als dort ein 16-jähriges Mädchen in Folge ihres Ecstasykonsums starb. Außer den Drogendealern, die mit Pillenverkäufen im Club ein ganz großes Geschäft machten, zog letztlich niemand einen finanziellen Gewinn aus der Haçienda. Auch nicht NEW ORDER, die als Teilhaber einen Großteil der Einnahmen aus ihren Plattenverkäufen in den Club gesteckt hatten. Die Stimmung begann zu kippen, die Party People waren zunehmend inmitten eines blutigen Bandenkrieges um die Hoheit auf dem örtlichen Drogenmarkt gefangen.

1991-1997: The End

Am 30. Januar 1991 wurde die Haçienda vorübergehend geschlossen und unter anderem mit Metalldetektoren ausgestattet, um die Mitnahme von Schusswaffen unterbinden zu können. NEW ORDER legten eine Schaffenspause ein, die HAPPY MONDAYS waren in erster Linie mit ihrer Heroinabhängigkeit beschäftigt, alle anderen Factory-Bands waren kommerziell wenig gewinnversprechend. Ohne die beiden Zugpferde und mit geschätzten zwei Millionen Pfund Schulden war Factory Records am Ende. Eine Übernahme durch das innerhalb der Polygram halbunabhängig agierende Label London Records scheiterte fast daran, dass es kaum schriftliche Verträge mit den Bands und damit eigentlich auch kaum etwas zu verkaufen gab.

Tony Wilson gelang es letztlich doch noch, Factory Records 1994 als „Factory Once“ für Reissues und „Factory Records Too“ für neues Material mit finanzieller Unterstützung von London Records wiederzubeleben. 1997 gab er aber, entnervt von den ständigen unrealistischen Gewinnforderungen seines Mutterlabels, erneut auf. Die Haçienda wurde noch bis 1997 weitergeführt, blieb kommerziell jedoch ähnlich erfolglos wie zuvor. Geld hat Factory Records nicht hinterlassen. Dafür aber Musik und Kunst, die ohne die von Factory gebotenen Freiräume so sicherlich nie entstanden wäre. Der Traum von einer unabhängigen, vitalen Kunstszene in Manchester ist nicht zuletzt dank Factory über ein Jahrzehnt lang Realität gewesen.

1997-heute: The Years After

Schon zu Zeiten seiner Existenz haben sich – redseligen und einfallsreichen Menschen innerhalb des Labels sei Dank – zahlreiche Mythen um Factory gerankt. Nach dem Ende des Madchester-Booms widmete die BBC Manchester – und damit in weiten Teilen auch Factory – eine Folge der Reihe „Rock Family Trees“ („And God Created Manchester“, erzählt von John Peel), in der die wichtigsten Factory-Beteiligten ausgiebig zu Wort kamen und setzte so eine weitere Welle der Ikonisierung in Gang.

Spätestens nach dem Erscheinen des Factory-Spielfilms „24 Hour Party People“, der einige Fakten sehr blumig ausschmückt, und dem Tod einiger zentraler Akteure (Martin Hannett starb 1991, Rob Gretton 1999, Tony Wilson 2007) ist die Legendenbildung nicht mehr aufzuhalten. Tony Wilsons 2006 gestarteter letzter Factory-Wiederbelebungsversuch „F4 Records“ endete abrupt, als sein Krebsleiden diagnostiziert wurde. Noch immer verleibt Factory Erscheinungen rund um das eigene Label als FAC-Nummern in seinen Katalog ein. Ein tatsächliches Ende ist nicht in Sicht.

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Filme und Dokus über Factory

Für Einsteiger:
Die BBC-Doku „Factory – From Joy Division to Happy Mondays“ liefert einen kompakten Einstieg. Die Doku wurde anlässlich des Todes von Tony Wilsons 2007 erstellt und spart daher einige nicht ins Gesamtbild passende Details aus (ja, es gab doch ab und an Verträge).

Für Ungeduldige: Wer trockene Dokus nicht unbedingt mag und keinen großen Wert auf eine hundertprozentig korrekte Wiedergabe der Tatsachen legt, schaut sich „24 Hour Party People“ an, allerdings auf Englisch, eine synchronisierte deutsche Fassung gibt es selbst auf der hierzulande erschienenen DVD nicht.

Bücher und Homepages über Factory

Für Interessierte:
Das über 500 Seiten starke Buch „Shadowplayers – The Rise And Fall Of Factory Records“ erfordert echtes Interesse an der Sache und viel Ausdauer. Dank eines Stichwortregisters kann man bei Bedarf aber auch ganz gezielt einzelne Passagen lesen. Ein umfassender Rundumschlag zur Geschichte des Labels.

Fürs Auge: Matthew Robertson hat in „Factory Records – The Complete Graphic Album“ (FAC-461) einige der eindrucksvollsten Factory-Artworks in einem Hochglanz-Bildband zusammengetragen.

Für Sammler: Wer Wert auf einen umfassenderen Einblick in den Factory-Backkatalog legt, wird auf cerysmaticfactory.info fündig. Hier ist vom Factory-Klebeband (FAC-136) bis hin zu optionalen „CD Car Carry Cases“, einigen frühen CD-Releases, alles bebildert aufgelistet. Außerdem gibt es zahlreiche Infos zu weiteren Veröffentlichungen rund um Factory (Homepages, Dokus, Filme, etc.).

Anke Kalau

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #106 (Februar/März 2013)

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