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Interviews & Artikel

DONOTS

Keine dieser Neunziger-Bands

Man muss nur reden mit den Leuten. Und Ingo Knollmann, Sänger der DONOTS, ist ein dankbarer Gesprächspartner. Eine knappe Stunde lassen wir uns in der Morgensonne vor dem Ox-Büro von Thema zu Thema treiben, reden über dies und über das und haben am Schluss eine Menge spannender Aspekte beackert, die letztlich alle mit seiner Band und deren neuer Platte „Lauter als Bomben“ zusammenhängen, die im Januar erscheint. Kommt mit!

Ingo, was macht dir mehr Spaß: auf Tour zu gehen oder in Ruhe von zu Hause an den „Bandgeschäften“ zu arbeiten?


Wir haben das mittlerweile, da wir fast alle Kinder haben, sehr gut aufgeteilt: Wenn wir auf Tour gehen, dann nur eine Woche und dann sind wir wieder eine Woche zu Hause. So ist beides „quality time“, weil man das jeweils andere zu schätzen weiß und sich darauf freut. Sitzt du zu Hause, denkst du, es könnte jetzt mal wieder losgehen, und auf Tour wünscht du dir, du wärst bei deiner Freundin und deiner Tochter. So gesehen habe ich das Beste von beiden Welten.

Gibt es auch etwas, das dich jenseits der Musik ausfüllt, kannst du dir vorstellen was anderes zu machen?

Ich glaube, auch wenn das mit der Band nichts geworden wäre, hätte ich irgendwas mit Musik gemacht. Meine andere große Passion neben der Musik, und da kommt meine Achtziger-Kiddie-Sozialisation durch, sind Videospiele. Ich zocke seit Anfang der Achtziger und sammle alle Plattformen, die es so gibt. Heutzutage nennt man im Nerd-Jargon Typen wie mich „Core-Gamer“. Kann also sein, dass ich ohne die Musik heute in der Spiele-Branche arbeiten würde, als Tester oder Promoter oder so. Ich habe ja einst ein bisschen Deutsch, Englisch und Philosophie studiert, dann ging es mit der Band los, so dass ich mir nie ernsthaft die Frage nach einem „normalen“ Beruf stellen musste. Abgesehen davon bin ich ganz schlecht darin vorauszuplanen. Ich denke mir immer, dass ich, wie eine Katze, irgendwie auf den Füßen landen würde.

Kennst du so was wie Langeweile? Ich weiß noch, wie lang als Kind manchmal die Wochenenden oder Ferien sein konnten.

Ich weiß auch noch, wie lange mir damals oft ein Nachmittag oder die Sommerferien vorkamen. Heute hingegen habe ich das Gefühl, so mit Band, eigenem Label und Familie, dass 24 Stunden am Tag nicht reichen, 48 wären besser. Kaum aufgestanden, ist es bereits wieder an der Zeit, die Klamotten auszuziehen und ins Bett zu gehen. Und wenn ich überlege, was in der Zwischenzeit seit unserem letzten Gespräch vor dem letzten Album so alles passiert ist ... Wir haben seitdem die größten Shows gespielt, nochmal exorbitant größer als zuvor. Unser tausendstes Konzert fand vor 6.500 Leuten in der Halle Münsterland statt, Wahnsinn!

Wie kommt’s?

Das fragst du mich? Okay, also der Wechsel von englischen zu deutschen Texten hat viel damit zu tun. Und was denkst du?

Dass so manches Lied auf dem neuen Album recht „hosig“ klingt, „Rauschen“ und „Eine letzte letzte Runde“ etwa. Ich unterstelle euch da kein Kalkül, aber wenn man sieht, wie gut es für andere deutschsprachige Punkbands wie BROILERS oder ROGERS derzeit läuft, und natürlich auch für DIE TOTEN HOSEN. Und dann haben wir noch nicht über FJØRT, KMPFSPRT und LOVE A geredet. Vor diesem Hintergrund könnte man euren Wechsel zu deutschen Texten auch als kluge strategische Entscheidung bezeichnen.

Also wir sind nicht gut in strategischen Entscheidungen ... Wer darin Kalkül sehen will, der wird das auch tun, aber wir haben immer nur das gemacht, was gerade Bock gemacht hat. Und sicher hatten wir schon immer so einen gewissen Stadion- oder Pop-Appeal. Grundsätzlich sehe ich uns aber in der Garde der punksozialisierten Bands und nicht bei denen aus dem Deutschrock, der ja momentan so grassiert. Diese ganze Deutschrock-Suppe finde ich ganz schlimm. Ich will nicht, dass die DONOTS in diesem Fahrwasser stattfinden. Wir sind eine Punkband, und genau davon grenzen wir uns ab. Bei so einem Song wie „Rauschen“ sollte das ganz klar werden, denn damit greifst du nicht die Grauzonen-Leute ab, von denen wird das keiner mitsingen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie das jetzt wird mit der Platte, nachdem uns die letzte wirklich gutgetan hat. Und wir konnten ja trotzdem, trotz der deutschen Texte, noch so was machen wie diese Konzertkreuzfahrt in den USA mit FLOGGING MOLLY und RANCID. Wir hatten „Karacho“ ja auch noch mal in einer englischen Version veröffentlicht, für Japan und die USA. Den Plan gibt es auch diesmal wieder, ich habe die Texte quasi simultan geschrieben.

Auch schon aufgenommen?

Das nicht, aber das ist schnell passiert, denn wir haben jetzt unser eigenes Studio. Das haben wir in den letzten Jahren eingerichtet, in einem Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, mitten in einem Wohngebiet in Münster. Das können übrigens auch andere Bands nutzen, bislang hatten wir da schon zwei, drei andere Produktionen. Um das Studio kümmert sich Robin Völkert, der hat mal bei DEAN DIRG Gitarre gespielt und ist mittlerweile unser sechster Mann auf der Bühne, kümmert sich um die Keyboards und so weiter. Robin hat ein unfassbares Gehör, der hat schon Bands wie MARATHONMANN und MESSER aufgenommen, kennt sich mit Akustik aus. Der betreut das Studio jetzt. Und wir proben da auch.

Ihr habt, du hast also drei turbulente Jahre hinter euch: du bist Vater geworden, die runderneuerte Band wurde größer, Studio eingerichtet ...

...und wir sind in Japan und den USA auf Tour gewesen. Meine Tochter ist mittlerweile zwei, Guidos Tochter wurde eben vier, Alex ist das zweite Mal Vater geworden, Eike hat drei Kinder – und der Poggemann hat ’nen Hund.

Und du hast auch einen Hund, wie man hier unter dem Tisch sieht.

Eigentlich gehört der meiner Freundin, aber ich kümmere mich auch um den.

Ein Kind ist eine ziemliche Veränderung im Leben. Hat das auch die Arbeit für die Band und an der neuen Platte beeinflusst?

Ich bin Perfektionist, möchte immer 100% geben, und wenn du dann feststellst, dass du weder für die Band noch zu Hause diese 100% schaffen kannst, das ist fürchterlich, der Gedanke zerreißt mich. Aber in erster Linie ist so ein Kind natürlich eine große Freude und ich weiß um das Privileg, mit dieser Band jetzt schon 23 Jahre Musik machen zu können. Und parallel dazu haben wir noch tolle Familien, das ist doch super.

Gab es auch mal den Moment, wo du das Gefühl hattest, wegen der Band etwas zu verpassen, dich zwischen Privatem und Band entscheiden zu müssen?

Eigentlich nicht, und das mit dem Kind ist auch eigentlich eher so passiert – und ich habe mich dann total darauf gefreut. Meine Maxime ist, dass einem egal, was man gerade so macht im Leben, das so viel Freude wie möglich bereiten sollte. Ich möchte so viel wie möglich erleben und mitmachen – und muss akzeptieren, dass 100% nicht immer gehen.

Weil ich gerade das neue John Niven-Buch gelesen habe, in dem es um einen abgestürzten Rockstar geht: Das Rock’n’Roll-Leben kann bisweilen zu Extremen reizen ... Wart ihr immer die vernünftigen Münsterländer oder gab es bei euch auch mal krisenhafte Situationen?

Ich würde dir jetzt gerne irgendwelche Lügenmärchen auftischen von Champagner und Koks, aber ... nee. Allerdings muss ich sagen, dass wir viel trinken, sehr, sehr viel. Und bisweilen steckt sich jemand eine Sportzigarette an, doch der ganze andere Scheiß ist nichts für uns, das soll machen, wer will. Ich komme ohne Substanzen klar, ich muss nicht in Clubs mit Geldscheinen um mich werfen. Sowieso finde ich es gruselig, wenn Bands denken, sie wären wer. Es gibt nichts Schlimmeres als Leute, die irgendwo reinkommen und erwarten, dass sie erkannt werden.

Das ist aber nicht der Stoff, aus dem irgendwann unterhaltsame Musikerbiografien erstellt werden ... Die DONOTS-Biografie wäre dann ja wohl das langweiligste Buch aller Zeiten.

Hahaha, nee, also ein paar Geschichten haben wir schon auch in petto, etwa als einer nackt auf dem Hoteldach saß und versuchte, das Hotelschild abzuschrauben. Aber ich finde, mit solchen Storys muss man nicht hausieren gehen. Irgendwann werden DONOTS 25 oder 30 und dann kann ich mir schon vorstellen, dass jemand aufschreibt, was alles so passiert ist. Und dafür gibt es schon ein paar Anekdoten. Wenn aber solche Anekdoten zum Verkaufsargument für deine Band werden, na, ich weiß nicht ... Neulich habe ich eine Doku über THE DAMNED gesehen, und als mir da klar wurde, wie viele Besetzungen es da gab, wer da mit wem überhaupt nicht mehr kann, da ist mir aufgefallen, wie schrecklich ich so was finde. Dafür will ich nicht in einer Band sein. Und da bin ich froh, dass es bei uns in der Band auch keinen gibt, auf den man ständig aufpassen muss. Dass es auch mal härter wird, bleibt nicht aus – als wir mit FLOGGING MOLLY, CJ Ramone und ANTI-FLAG einen Monat in den USA unterwegs waren, habe ich es alkoholtechnisch so krachen lassen wie kaum mal zuvor, morgens oder mittags das erste Bier ...

Du erzähltest, dass die letzte Platte besser lief als jede davor. Die hattet ihr mit Universal gemacht. Das neue Album kommt trotzdem – oder deshalb? – auf eurem eigenen Solitary Man-Label. Warum?

Universal hätten auch wieder mit uns gearbeitet, doch am Ende des Tages sind wir eben „nur“ die DONOTS und die müssen sich auch um RAMMSTEIN und DEICHKIND kümmern ... Jetzt machen wir quasi alles selbst, holen uns für all die Jobs gute Leute dazu – unser Management macht beispielsweise Oise, der auch wieder unser Tourmanager ist und ja auch End Hits Records betreibt. Jetzt arbeiten wir nur mit besten Freunden und Familie, können alles auf dem „kurzen Dienstweg“ erledigen. Und Warner vertreibt die Platte. Ich bin gespannt, wie viel Mehrarbeit das wird in den nächsten Monaten, aber ich habe da Bock drauf.

Es gibt ja viele Musiker, die angeblich ein eigenes Label haben, wo es aber in Businesskreisen ein offenes Geheimnis ist, dass die nur ihren Namen dafür hergeben, dass sie in der Realität wohl noch nie eigenhändig eine Rechnung getippt, ein Päckchen gepackt oder mal Büroablage gemacht haben.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Tim Armstrong von Hellcat jetzt gerade Pakete zur Post bringt, haha. Was nun Solitary Man betrifft, so wurde das Label ja einst für Japan gegründet. Meine Aufgabe war A&R, die Bandakquise, und es gab in Tokio Leute, die die Arbeit vor Ort gemacht haben. Was nun die DONOTS und Solitary Man in Deutschland betrifft, so hat jeder in der Band seine feste Aufgabe und macht das, was er am besten kann – ich bin froh, dass das in meinem Fall nicht so Abrechnungsscheiß ist, ich finde das zum Kotzen. Generell würde sich wohl jeder Außenstehende wundern, wie viel Zeit in so einem Bandkontext jeden Tag dabei draufgeht, kleine, mittlere und große Entscheidungen zu treffen. Wie soll das Coverartwork aussehen, wie die Anzeigen, und so weiter. Wir sind eine sehr demokratische Band, in der jeder seine Meinung kundtut: wir haben einen Mailverteiler, eine WhatsApp-Gruppe, eine Slack-Gruppe, und den ganzen Tag fliegen da Nachrichten durch die Gegend. Und einmal die Woche gibt es eine Band-Telefonkonferenz, und da ist der Tag recht schnell voll.

Hier im Büro stehen eine Menge Aktenordner, das lässt sich nicht vermeiden. Ist das bei euch ähnlich, oder gibt es da nur dich und dein MacBook am Küchentisch?

Eike und ich wohnen in Köln, der Rest im Münsterland, und so ist in Münster unser Büro, bei den Leuten von Merch Cowboy, die sich um unsere T-Shirts und so weiter kümmern. Dort hat unser Gitarrist Alex auch seinen Schreibtisch, der ja wiederum Manager der DONOTS ist, und unterstützt wird von Marie, die mit Alex zusammen das Tagesgeschäft regelt. Und zwei Kilometer weiter ist unser Studio. Die eigentlich „Wirkstätte“ der DONOTS ist also Münster. Der ganze Rest läuft dann über den Schreibtisch von jedem von uns zu Hause. Und rum um den Release des Albums wird das Team dann verstärkt, aktuell sind das Tessa und eben Oise. So einen richtigen Bürojob hat bei uns also vor allem Alex.

Da wird so eine Band ja schnell zum mittelständischen Unternehmen, hat man Verantwortung für Menschen.

Klar, Verantwortung haben wir, eine ganze Menge sogar, vor allem für uns und unsere Familien. Und wir stellen das alles unter das Dach Solitary Man. Am Ende des Tages sind es aber doch nur wir die gleichen fünf Idioten – plus x –, die das all die Jahre schon machen.

Ich finde es spannend, Menschen zuzuhören, wenn sie von ihrem Beruf erzählen, und in meinem Freundeskreis gibt es viele, die irgendwo Chef sind, ob als Ingenieur, in einer Software-Firma, in einer Agentur. Und auf die konkrete Frage, was sie da eigentlich machen, kommt nach etwas Nachbohren und Überlegen fast immer die Antwort, dass sie versuchen, irgendwie die Fäden zusammenzuhalten, damit der Laden, die Projekte laufen. Und das ist beim Ox so, und ja wohl auch bei den DONOTS.

Ja, das ist einerseits bescheuert, andererseits toll. Du brauchst diese rigiden Labelstrukturen heute nicht mehr, diese alte Denken in den Strukturen von Indies und Majors, dass man sich als Band in die Hände von jemand anderem begeben muss, das ist vorbei. Die D.I.Y.-Kultur kennen wir ja von Anfang an, aus den frühen Neunzigern – die ersten beiden Platten erschienen in Eigenregie. Auch später haben wir immer versucht, die größtmögliche Kontrolle über alles zu haben. Ich finde es abgefahren, wie viel man selbst machen kann, sofern man das möchte und das auch aus Überzeugung tut. Das ist eine tolle Sache, aber diesen Freiraum haben wir uns auch über 23 Jahre erarbeitet beziehungsweise erwirtschaftet. Das hat sich nicht einfach so ergeben, dafür haben wir gearbeitet. Letzten Endes ist das Arbeit, es fühlt sich nur nicht immer so an.

Letztlich unterwirft man sich – ob Fanzine oder Band – doch der „kapitalistischen Verwertungslogik“. „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“, wie es heißt. Oder anders gefragt: Wo ist die Utopie in all dem?

Es wäre schön, wenn es kein Geld mehr gäbe und wir alle Tannenzapfen aus dem Wald tauschen oder was weiß ich was. Von daher: Egal wir weit draußen man mit dem eigen Tun ist, man ist doch Teil eines großen Ganzen.

Wie wäre es mit einem von der Gemeinschaft finanzierten Existenzminimum? Du könntest dich mit deinen Liedern in den Park setzen, hättest dein Auskommen, müsstest kein Geld nehmen für deine Musik?

Hm ... also ich habe für mich den Anspruch, dass ich irgendwie weiterkommen möchte. Was wir tun, das belohnt einen doch auch. Kein Mensch kann mir erzählen, dass es nicht toll ist, ausverkaufte Konzerte zu spielen! Diese Koketterie von wegen: „Hach, irgendwie ist uns das aus den Händen gerutscht und plötzlich ist das alles so groß!“, das ist Quatsch. Jede große Band hat die Möglichkeit, auch kleine Clubs zu buchen. Warum spielen die die großen Konzerte? Weil sie’s können! Und ja, es ist ein tolles Gefühl, wenn die Leute das beklatschen, was du machst. Du machst doch auch nicht ein Punk-Fanzine in der Hoffnung, dass das so wenig Menschen wie möglich kaufen, um so eine Punkrock-Elite zu schaffen. Nein, so funktioniert das nicht.

Was du da sagst, passt irgendwie zu deiner Selbstbeschreibung als Gamer: Weiterkommen, nächstes Level!

Auf jeden Fall! Und jeder, der sich mal in einer gewissen Selbständigkeit befunden hat, der den Anspruch hat, das, was er macht, noch besser zu machen, wird dir das bestätigen. Es ist eine tolle Belohnung, wenn man etwas aus eigener Kraft schafft. Das Problem an so einer Selbständigen-Existenz ist aber, dass du nie wirklich abgesichert bist. Du bist immer am „Strugglen“. Und dieses „Belohnungsgefühl“ kann so stark sein, dass du gar nicht mehr das Maß findest, wann es auch mal Zeit ist, mit der Arbeit aufzuhören. Irgendwas geht immer noch!

Man rackert sich in den Burn-out.

Ja, die Gefahr ist groß. Man muss sich selbst reglementieren, speziell wenn man irgendwann noch Familie hat. Für mich ist das gerade eine spannende Zeit, ich sehe das als positive Herausforderung, gerade auch wegen des Wegfallens der rigiden Labelstrukturen und der ständig zurückgehenden Plattenverkäufe. Was da heute in der ersten Woche abgesetzt wird, das war vor zwanzig Jahren nicht mal eine Meldung wert. Und ich lache da drüber, denn wir haben das ganze Geschäft so viel näher um uns herum aufgebaut, dass uns das kaum betrifft. Und wir sind ganz nah dran an den Leuten, auf den Konzerten. Da kann mir keiner erzählen, dass es sich nicht lohnt, 23 Jahre an sich selbst zu arbeiten. Deshalb bin ich gespannt, was jetzt mit der neuen Platte passiert. Die Zeiten sind so beschissen wie noch nie, die Welt brennt ... beste Voraussetzungen für Deutschpunk!

Du willst sagen – um auf eure neue Platte zu sprechen zu kommen –, dass Lieder mit klaren Ansagen gefragt sind? Oder doch fröhliche Liedchen, weil die Wirtschaft brummt und es uns allen doch so gut geht?

Fröhliche Lieder und Brot und Spiele muss es auch geben, die Leute wollen so was eben hören, weil Musik letztlich oft nur Entertainment ist. Das ist einfach so. Mir ist das aber immer noch wichtig, dann klare Ansagen zu machen, wenn wir die Möglichkeit dazu haben, wie 2015, als wir beim Bundesvision Song Contest von Stefan Raab mitgemacht haben, obwohl wir da eigentlich nicht hingehören. Aber zur Primetime auf Pro7 Nazis anpissen, das hat Spaß gemacht. Wir sagten, wir brauchen kein tolles Licht, kein großes Drumherum, wir wollen nur in der Mitte von „Dann ohne mich“ eine kleine Ansage machen, weil das ja eine Live-Sendung ist. Das fanden die erst okay, aber Pro7 hat da zwei Testläufe gemacht vor der Live-Sendung, und beim ersten Test habe ich kurz erklärt, was ich sagen werde – und auf einmal wuselten die alle rum und wurden bleich. Eine Mitarbeiterin wurde dann vorgeschickt und sagte, sie würden uns bitten, die Ansage doch nicht zu machen, das solle ja alles Entertainment sein und nicht politisch. Ich sagte dann, das sei aber der einzige Grund, weshalb wir hier seien, wir wollten gar nicht gewinnen. Es wurde im Hintergrund diskutiert, es hieß ,sie hier von der Produktion fänden das ja alle cool, aber die Chefetage von Pro7 ... Wir berieten uns bandintern und sagten dann, dass wir unter diesen Bedingungen nicht auftreten würden. Und schließlich sagten wir uns, wir lassen es drauf ankommen, was wollen die tun, es ist eine Live-Sendung – danach können die uns ja rausschmeißen. Und die Redaktion kam dann auch an und sagte, sie könnten das ja bei einer Live-Sendung sowieso nicht verhindern, zwinker. Und siehe da, drei Minuten nach dem Auftritt und meiner Ansage verbreitete Pro7 schon über deren Kanäle nur diesen Ausschnitt, das Video hatte innerhalb von 48 Stunden drei Million Views. Und in der Berichterstattung über den Contest war am nächsten Tag unsere Ansage das beherrschende Thema. Ich fand gut, dass wir in diesem Kontext so eine klare Ansage machen konnten.

Eure Einstellung hattet ihr schon immer, dass die Message aber so deutlich rüberkommt und wahrgenommen wird, ist aber ja erst seit dem letzten Album „Karacho“ und dem Wechsel zu deutschen Texten der Fall. Erreicht man die Leute auf Deutsch einfach direkter?

Ja, in der Tat. Wir arbeiten schon lange mit Organisationen wie Amnesty International, Attac, PeTA oder Kein Bock auf Nazis zusammen, aber es ist tatsächlich so, dass die Menschen erst jetzt, seit wir deutsche Texte haben, wirklich verstehen, worum es uns geht. Das ist gleichermaßen enttäuschend wie es für mich eine Aufgabe geworden ist. Ich fühle mich mittlerweile ganz gut dabei, Leuten ans Bein zu pinkeln – einfach weil ich es kann und weil ich denke, dass das doch das ist, was Punk sein sollte. Nicht sagen, wie geil doch alles ist, sondern Dinge in Frage stellen. Dafür darf man auch mal markige Sprüche raushauen, muss aber natürlich den Gegenwind aushalten können – Shitstorms aus dem braunen Lager haben wir mittlerweile auch schon erlebt. Ich sehe das aber als Kompliment: Wenn die nicht merken würden, wo wir stehen, wären wir nicht laut genug.

Bist du ein Social-Media-Junkie, verfolgst du minutenaktuell, was bei Facebook, Twitter und Co. um euch herum passiert?

Ja, in der Tat ... und ich finde das auch gar nicht so gut. Ich bin da schon etwas süchtig. Andererseits bin ich auch nicht der Typ, der ständig und unkontrolliert zu allem irgendeine Meinung haben muss. So Typen, die immer zu allem eine Meinung haben, die gehen gar nicht. Einfach mal die Schnauze halten! Andererseits gibt es Momente, wo es aus mir herausbricht und wo ich dann überrascht bin, wie viel Zuspruch man bekommt.

Hat es dich auch mal gereizt, mit dem Wissen darum, dass du dich gut artikulieren kannst, dich politisch zu engagieren in der klassischen Parteienlandschaft?

Nein, ich denke, ich habe meinen Wirkungskreis gefunden. Ich bin nicht so der Bono-Typ. Ich wurde mal gefragt, ob ich mir vorstellen könnte was für Die PARTEI zu machen, die finde ich ja auch ganz lustig, aber ich entschied mich dagegen. Ich bin zufrieden mit dem, was ich im Bandkontext machen kann, und dass ich hier vielleicht dem einen oder anderen bei der Entwicklung eines politischen Bewusstseins helfen konnte. Und ich bin auch froh, dass wir kein Publikum haben, das sich alt anfühlt: wir haben alte Fans, die von Anfang an dabei sind, wir haben so die mittlere Generation – und auch ganz junge Kids. Zum Glück haben wir es geschafft, dass wir heute als eine Band, die Mitte der Neunziger anfing, nicht als eine dieser „Neunziger-Bands“ wahrgenommen zu werden. Ich fände nichts schlimmer, als so ein „yesterday’s hero“ zu sein. Wir sind im positiven Sinne berufsjugendlich geblieben, haha.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #135 (Dezember/Januar 2017)

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