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Interviews & Artikel

SOULSIDE

Dreißig Jahre später

SOULSIDE gründeten sich 1986 in Washington, DC. Bobby Sullivan (Gesang), Scott McCloud (Gitarre), Chris Thomson (Bass) und Alexis Fleisig (Schlagzeug) hatten zuvor im gleichen Line-up als LÜNCH MEAT gespielt. Das Debüt-Album wurde 1987 veröffentlicht, Thomson wechselte zu IGNITION, für ihn kam Johnny Temple. SOULSIDE nahmen zwei weitere Alben und eine Single auf, bevor sie sich 1989 nach einer Europatour auflösten. Temple, McCloud und Fleisig gründeten GIRLS AGAINST BOYS – mit Eli Janney, der alle SOULSIDE-Platten produziert hatte. Im Herbst spielen SOULSIDE, die in den letzten Jahren sporadisch auftraten, wieder eine Europatour, parallel dazu erscheint auf Antena Krzyku das Live-Album „Live from Rome 1989“. Scott McCloud beantwortete meine Fragen.

Erste Frage: Warum? Wir hatten einen Artikel in der letzten Ausgabe von Ox, in dem über das „süße Gift der Nostalgie“ von Band-Reunions diskutiert wurde.


Für SOULSIDE ist der Hauptgrund die Freundschaft. Nicht nur innerhalb der Band, sondern auch mit Menschen, die wir seit 1989 kennen und mit denen wir noch immer in Kontakt stehen. Die Tournee, die wir 1989 in Europa machten, hat uns wirklich nachhaltig geprägt. SOULSIDE genossen nie eine so große Popularität, dass mit einer Reunion ein großer Gewinne zu erzielen wäre. Dementsprechend sind diese Shows preiswert. Aber was die Frage in Sachen Nostalgie betrifft, so denke ich, ich könnte beide Positionen einnehmen. Ich erinnere mich, dass WIRE bei ihrer Reunion im Jahr 1987 ein interessantes Statement machten. Sie spielten damals nur neues Material und brachten eine Support-Band mit, die ihre alten Songs coverte. Ich mochte diese Idee, weil sie so dreist war. Aber ich mochte auch die EP „Snakedrill“ und das Album „The Ideal Copy“ damals, also waren ihre Auftritte keine Enttäuschung für mich, aber ich kann verstehen, wie sich einige Besucher damals fragten, was das alles soll. Und wer sagt, dass einen Musik, die man vor Jahren gemacht hat, nicht immer noch definiert? Zudem sind wir mit SOULSIDE ja nicht unterwegs, um ein neues Album zu promoten. Ich finde es zudem interessant, dass gerade Punk ein etwas anderes Verhältnis zur Idee der Nostalgie zu haben scheint als, sagen wir, Classic Rock, der wahrscheinlich schon Mitte der 80er Jahre zu einer komplett nostalgischen Form der Musik geworden ist. Niemand will doch das neue Material der ROLLING STONES hören. Du gehst doch nicht zu den Stones, um „Anybody seen my Baby?“ zu hören. Deren Alben nach „Tattoo You“ oder sogar schon früher waren eindeutig nur Marketing-Tools. Da will doch das gesamte Stadion ein nostalgisches Erlebnis vom Typ Disneyland erleben. Das ist alles normal im Rock. Aber bei Punk haben wir höhere Erwartungen. Punk war schon immer irgendwie nostalgisch, romantisierte diesen damaligen Moment der „Rebellion“, wenn man es so nennen kann. Aber wahrscheinlich ist es dann doch wieder nur der Kapitalismus, der uns dazu bringt, die Vergangenheit immer wieder zu konsumieren. Aber zurück zu SOULSIDE: Wir denken über all das nicht viel nach. Wir sind Freunde, die eine gemeinsame Erfahrung teilen. Wir werden älter, also war es jetzt an der Zeit, wieder zu spielen – wann, wenn nicht jetzt? Wir machen das nur, weil wir Spaß daran haben und um die Chance haben, die Geschichte unserer Band zu erzählen.

Wer spielt bei SOULSIDE 2019?

Alle Gründungsmitglieder, wir sind seit 1984 Freunde.

Was für einen Umfang wird diese Reunion haben, jenseits der kurze Tournee durch Europa diesen Herbst?

Ich weiß ich es nicht. Wahrscheinlich wird es aber das letzte Mal sein, dass SOULSIDE spielen.Wir spielten ja bereits in der jüngeren Vergangenheit einige Shows in den USA, rund um den Film „Salad Days“. Wir reden darüber, neue Musik zu machen, vielleicht wird ja was daraus.

Im Ox-Interview von 1989 kündigte Alexis die Auflösung von SOULSIDE an, und Johnny sagte, ihr hättet euch auseinandergelebt und dass er genug von Hardcore hätte. Nun, 30 Jahre später ...

Ja, im Rückblick ist das irgendwie lustig, aber um das in den Kontext zu setzen, erinnere dich, dass wir 1989 sehr jung waren, 21, 22. Wir waren auf einer zweimonatigen Tournee durch die Staaten gewesen, bevor wir die dreimonatige Tournee in Europa begannen, und gleich zu Beginn hatten wir eine Art Bandtreffen in Amsterdam, bei dem wir uns darauf geeinigt hatten, die Europatournee zu absolvieren, anschließend ein letztes Album aufzunehmen und SOULSIDE zu beenden. Und um dies weiter zu kontextualisieren, die meisten der Shows, die wir in den USA gespielt haben, waren All-Ages-Shows und das waren vor allem 14-17-Jährige. Manchmal mussten wir im Haus der Eltern der Veranstalter in Schlafsäcken schlafen. Was alles in Ordnung ist, aber es wird auf Dauer anstrengend und ein wenig seltsam, wenn du mal Anfang 20 bist. Außerdem waren das die 80er Jahre, viele Punk-Bands spielten nur ein paar Dutzend Shows, bevor sie sich auflösten. SOULSIDE aber hatten vier, fünf Jahre existiert und Hunderte von Shows gespielt, eine gefühlte Ewigkeit in unserem jungen Alter.

Wie hatte das alles begonnen mit SOULSIDE?

Wir haben alle die Woodrow Wilson High School in Washington, DC besucht und in unserem Abschlussjahr 1984 LÜNCH MEAT gegründet. Ich hatte bis dahin Classic Rock gehört, AC/DC, Ozzy, etc., aber hatte davon genug. Ich wusste, wie man Gitarre spielt, hatte Unterricht gehabt und ich erinnere mich, dass ich Bobby Sullivan und Chris Thomson bei der Schuljahreseröffnungsversammlung des Jahres 1984 angesprochen habe. Sie waren die einzigen Punk-Kids, die ich an der Schule kannte, und ich fragte sie, ob sie eine Band gründen wollen. Ich sagte auch: „Hey, Alexis kann Schlagzeug spielen.“ Alexis war auch eine Art „cool kid“ in der Schule, was damals bedeutete, gebrauchte Armeejacken zu tragen und gut in Videospielen zu sein. Und er war ein großartiger Schlagzeuger. Bobby und Chris waren es auch, die mich 1984 in die DC-Punk-Szene eingeführt haben. Die erste Show, zu der Bobby mich mitnahm, war von SCREAM im alten 9:30 Club. Ich war erstaunt, dass Bands mit eigener Musik ein Publikum fanden, denn die meisten Kids spielten mit ihren Bands Songs von LED ZEPPELIN und so weiter. Also war ich sofort begeistert. Bobbys älterer Bruder Mark war in Punkbands gewesen und kannte Ian MacKaye, so dass wir, als wir anfingen zu proben und ein paar Shows gespielt hatten, zum Dischord House gingen und mit Ian sprachen. Er war immer sehr nett zu uns. Allmählich wurde die Band besser, wir spielten Support-Shows im DC Space und anderswo, unter anderem mit RITES OF SPRING. Dann waren wir mit der Schule fertig und gingen alle aufs College. In den Ferien änderten wir den Bandnamen in SOULSIDE. Wir machten eine 7“ und eine LP auf Sammich Records, Amanda MacKayes Label, bevor wir 1987 schließlich bei Dischord landeten. Wir nahmen „Trigger“ im Dezember 1987 auf, das war das erste Album von SOULSIDE auf Dischord.

Wie war die DC-Szene damals? Einige Dokumentarfilme erwecken den Eindruck, dass die 80er Jahre in Washington eine Art Hardcore-Wunderland waren.

Es war kein Hardcore-Wunderland. Ich erinnere mich, dass die Szene wirklich klein war. Es gab nur zwei „normale“ Veranstaltungsorte, den kleinen DC Space und den alten 9:30 Club auf der F Street, wo etwa 350 Leute reinpassten, aber auch mal 500 drin waren. Aber es gab auch andere Orte, die Keller von Gemeindezentren und Benefiz-Shows, die von Positive Force DC organisiert wurden. Wenn du im DC Space gespielt hast, passten da maximal 200 Leute rein. Aber jeder, der da war, das ganze Publikum, bestand aus Leuten von Bands, oder Künstlern, Fotografen, die filmten und dokumentierten. Es war wirklich eine Künstlerszene. Ich denke, das ist zum Teil der Grund, warum da so viel Nostalgie im Spiel ist. Und es war ja auch die erklärte Idee von Ian und Jeff Nelson von Dischord, Bands zu dokumentieren, anstatt ein „normales“ Plattenlabel zu sein. Jeff Nelsons Artwork war von zentraler Bedeutung. Jede Dischord-Veröffentlichung war Kunst, wirklich. Diese Shows damals waren damals nur für eine kleine Gemeinschaft von Menschen wichtig. Wir hatten damals das Gefühl, dass es nicht nur im musikalischer Hinsicht, sondern auch in Bezug auf die Produktionsweise der Alben eine umfassende Alternative war. Und das ist es bis heute, was „Indie“ für mich bedeutet: es ist kein Sound, es ist eine Frage der alternativen Herangehensweise. So haben wir die Releases oft selbst „zusammengebaut“, die Textblätter in die Vinylhüllen eingelegt, und so weiter.

Das war damals lange vor dem Internet. Und es scheint, dass zu dem Zeitpunkt, als die Leute in Deutschland damals endlich von all diesen großartigen Bands und Veröffentlichungen erfahren haben, hauptsächlich auf Dischord, viele dieser Bands bereits wieder aufgelöst waren. Oder ihre Musik hatte sich im Vergleich zu dem, was es auf Vinyl nach Europa geschafft hatte, verändert. Viele Bands damals haben sich schnell weiterentwickelt, ihren Stil innerhalb von ein oder zwei Jahren stark verändert. Wie hast du das damals erlebt?

Ja, die Bands in DC hatten die Tendenz, sich schon nach einem Jahr wieder zu trennen. Oder sie lösten sich auf und formierten sich auf inzestuöse Art mit Mitgliedern anderer Bands zu neuen Bands. Es gab damals einige Band-WGs in DC mit riesigen Plattensammlungen. Und das war eine überwiegend männliche Szene, bis FIRE PARTY kamen, eine weitere großartige Band – von Frauen. RITES OF SPRING etwa haben insgesamt nur ein paar Dutzend Shows gespielt, nur eine außerhalb von DC, in Detroit, als Support von SONIC YOUTH. Ich kann mir vorstellen, wie das in Europa gewesen sein muss, eine neue coole Band zu entdecken, nur um herauszufinden, dass die sich schon wieder aufgelöst hatte, als man endlich die LP in den Händen hielt. Aber die Leute in DC haben sich nicht wirklich um die Welt außerhalb ihrer kleinen Szene Gedanken gemacht. Oder vielleicht haben sie das getan, manche zumindest? So war das bis Anfang der 90er Jahre, bis NIRVANA. Dann begannen die Bands wirklich zu touren. SOULSIDE aber waren in den 80er Jahren wirklich viel auf Tournee gegangen. So wie MINOR THREAT schon lange vorher und FUGAZI noch ein wenig später, aber auch SCREAM, DAG NASTY und einige andere. Und natürlich waren es diese Bands, unsere Freunde, über die wir damals Zugang zum „Punkzirkel“ fanden.

Ich muss die „Emo-Frage“ noch einmal stellen, genau wie 1989 im Ox-Interview. Also, was war das damals mit diesem „Emocore“, wer hat das erfunden und warum blieb das an so vielen Bands aus dieser Zeit hängen?

Ich glaube, dass Hardcore bis Mitte der 80er Jahre irgendwie macho wirkte, da es sich um eine überwiegend junge, jugendliche Männerszene mit schneller und lauter Musik handelte. Die Musik ließ Teenager einen Testosteronschub erleben, der manchmal letztendlich zu Gewalt führte. Das erste Mal hörte ich den Begriff „Emo“ im Kontext von RITES OF SPRING, und das Wichtige an denen war, dass es bei denen immer noch hauptsächlich ein junges männliches Publikum war, aber es ging nicht darum, macho zu sein, sondern um Gefühle, die junge Leute haben. Nur einfaches, ehrliches Zeug. Die erste Liebe. Erste sexuelle Erfahrungen. Sogar etwas Romantik. So fand dies bei einem noch überwiegend jungen männlichen Publikum Anklang, aber auch bei Frauen, glaube ich. Es ist schon irgendwie erstaunlich, wie viel Musik aus DC kam. Da waren MINOR THREAT, die im Grunde definierten, was Hardcore ist, und damit Legionen anderer Bands inspirierten. Dann gab es noch RITES OF SPRING, die nur wenige Jahre später, nach sehr wenigen Shows, Emo definierten und zig Nachahmer hatten. Vielleicht war DC, wie Ian MacKaye in „Salad Days“ sagt, der perfekte Ort, um etwas Neues ins Leben zu rufen, denn dort beobachtete keiner, was wir das eigentlich machten.

Im Ox-Interview von 1989 sagte Alexis auch, dass ihr inzwischen einen eher „funky“ Sound spielen würdet, weniger Punk, weil ihr mittlerweile bessere Musiker geworden seid. War das schon der Anfang von GIRLS AGAINST BOYS?

Das ist lustig. Klingt so, als hätte er nur versucht zu beschreiben, dass SOULSIDE nicht wirklich eine traditionelle Hardcore-Band waren. Und das waren wir wirklich nicht. Wenn wir mit YOUTH OF TODAY oder so auf Tour spielten, waren die Leute immer irgendwie verwirrt von uns. Sie waren nett zu uns, aber sie haben nicht verstanden, was wir machten. Aber ich würde es nicht als „funky“ beschreiben. SOULSIDE waren wohl einfach nicht wirklich eine Hardcore-Band. Hör dir einfach mal wieder „Hot-Bodi Gram“ an.

Zum Schluss: Was ist mit GIRLS AGAINST BOYS?

Das ist auch eine lange Geschichte. Lassen wir GVSB vorerst aus dem Spiel, okay? Da können wir gerne ein andermal drüber reden.

Joachim Hiller

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #145 (August/September 2019)

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