Interviews & Artikel : HENRY ROLLINS :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

HENRY ROLLINS

Rollins - der Mann ist eine zwiespältige Erscheinung: auf der Bühne der schwitzende Bodybuildertyp, dahinter der nachdenkliche Literat. Keiner der gern genommenen glatten Rockstars, sondern das, was man gemeinhin als schwierige Persönlichkeit bezeichnet. Um so schöner, dass er im Ox-Interview zu diversen Themen überraschend deutliche Antworten gab - zu Punk damals und seiner Musik heute, zum Wohnen in Garagen und langen Haaren.

Nerven dich die Leute, mit denen du früher in Washington zusammen unterwegs warst, eigentlich noch, weil du nach LA gezogen bist?


Nein. Ich bin ja auch nicht gerne in LA, aber hier kann ich einfach besser arbeiten. Wenn ich immer noch in Washington leben würde, was ich liebend gern täte, müsste ich jede Woche wegen Proben und anderen Sachen, die ich zu erledigen habe, nach LA fliegen. LA ist wie Babylon. Einige der größten Arschlöcher, die du dir vorstellen kannst, sind dort meine Nachbarn.

Liefern die dir wenigstens Material für deine Spoken Word-Projekte?

Die meisten Geschichten entstehen, wenn ich auf Tour bin. Glücklicherweise bin ich fast neun Monate im Jahr auf Tour, insofern kann ich mich der Hölle LA gut entziehen. Wenn ich ausschließlich Schauspieler wäre, sähe das natürlich anders aus, dann wäre ich ständig hier. Aber so versuche ich möglichst viel unterwegs zu sein. Ich lebe in den Hügeln über LA. Wenn ich meine Tür schließe, tummeln sich in meinem Hinterhof Adler, Hirsche, Stinktiere und Frösche. Ich höre noch nicht einmal den Verkehr. Ich muss erst runter in die Stadt fahren, bevor ich mich mit Hollywood auseinandersetzen muss. Ich habe eine richtig coole Bude, und wenn ich eine Platte von Charlie Parker auflege, kriege ich nicht mehr viel von LA mit.

Aber du hast ja auch schon weniger komfortabel gewohnt.


Ich habe mal hinter dem Haus der Familie Ginn in einem Schuppen gewohnt, wo Bücher und alte Radios untergebracht waren, und wo eine Tür als Tisch an der Wand befestigt war. Ich schlief unter der Tür auf einigen Schlafsäcken und Laken – es war immer ein bisschen feucht. Tagsüber saß ich einem Klappstuhl und arbeitete an diesem ‘Tür-Tisch’. Ich war der einzige bei BLACK FLAG, der seine eigene Bude hatte. Es gab kein fließendes Wasser. Der Strom setzte zwar öfters mal aus, schadete aber nicht meinem analogen Equipment.

Hast du in LA eigentlich nach wie vor Probleme mit den ständigen Stromausfällen?

Im Moment benutze ich ein batteriebetriebenes Telefon und alle meine Lichter sind an, insofern scheint alles in Ordnung zu sein.

Wie war das eigentlich, als du noch lange Haare hattest? Gibt es da irgendwelche Anekdoten?

Ich hatte lange Haare, weil ich sehr lange einfach zu faul war, sie abzuschneiden.

Was hat dich dazu bewogen, sie doch noch abzuschneiden?


Weil ich ein bestimmtes Alter erreichte, wo es mich nervte, immer erst mein Haar aus dem Gesicht schieben zu müssen, wenn ich mich mit jemandem unterhalten wollte. Also schnitt ich sie ab. Übrigens hingen die Haare in einer Plastiktüte einige Jahre an einer Wand im Dischord-Haus.

Hängen sie immer noch da?

Ich hoffe, dass sie endlich mal jemand entsorgt hat. Eine ganze Zeit hing übrigens Ians Haar in einem Sack direkt neben meinem, weil er sich auch ziemlich lange nicht die Haare geschnitten hatte. Da hingen also diese zwei haarigen Säcke nebeneinander, aber ich denke, dass sie inzwischen verschwunden sind. Ich habe mir schon häufiger vorgestellt, dass ich bei Dischord vorbeischaue und da hängen sie immer noch an der Wand wie Teile eines seltsamen Voodoo-Rituals.

Hast du mal ernsthaft an eine S.O.A.-Reunion gedacht?

Nein, ganz sicher nicht.

Du kommst aus Washington DC und bist mit Ian MacKaye aufgewachsen und ihr habt beide eine bestimmte Phase von Dischord mitgeprägt. Im Gegensatz zu Ian arbeitest du jetzt in einem eher mainstreamigen Umfeld.
Wundert dich diese Entwicklung?


Nicht wirklich. Wir haben uns halt für einen unterschiedlichen Weg entschieden. Ich habe großen Respekt vor dem, was er tut. Ian würde niemals etwas mit dem Rolling Stone machen, weil die für Alkohol und Zigaretten werben, Substanzen mit denen wir beide nichts zu tun haben wollen. Ich habe aber kein Problem damit, auf dem Cover des Rolling Stone zu sein und in die Charts zu kommen. Ich respektiere zwar, dass er das nicht will, finde aber nichts schlechtes an dem Gedanken, auf dem Cover des Rolling Stone zu sein. FUGAZI machen kein Merchandise – von mir aus, wenn sie das cool finden. Ich habe nur ständig neue Ideen für T-Shirts. Wir machen jetzt sogar Kaffeetassen. Ich habe nicht das Gefühl, dass das meine Integrität gefährden würde. Niemand zwingt dich, diesen Kram zu kaufen oder meine Konzerte zu besuchen. Ich lasse mich auf Filme, TV-Shows usw. nur ein, weil ich meine Person da auf eine bestimmte Weise integrieren kann. Ich bin nicht mit diesen Leuten befreundet und ich habe auch schon größere Mengen Geld abgelehnt, weil ich mit diesen Leuten nicht einer Meinung war. Man bot mir mal viel Geld, um in Japan eine Flasche Whisky in die Kamera zu halten, wie das bereits Charlie Sheen getan hatte. Ich lehnte $350,000 ab, weil ich keine Lust hatte, eine Flasche Whisky zu halten. Ein Tabak-Hersteller wollte mal meine Tour sponsoren. Mit dem Geld wäre mein Hausboot gesichert gewesen. Aber ich wollte kein Skoal-Logo hinter mir auf der Bühne haben, während irgendwelche Arschlöcher die jungen Leute im Publikum mit Tabak versorgten. Das ist Geld, das wirklich stinkt. Aber der ‘Batman Of The Future’-Serie meine Stimme zu leihen, war richtig cool. Ich suche mir solche Angebote schon sehr gut aus.

Zumindest hat es den Anschein, dass das Geld, das du mit Filmen etc. verdienst, wieder in deine anderen Projekte wie dein Label bzw. deinen Verlag fließt.


Wenn du über konkrete Zahlen reden willst: Ich musste über eine Million Dollar in Platten und Bücher stecken, die nicht von mir stammten. Das sind viele Nullen für eine kleine Nummer wie mich, der sich nicht auf irgendwelchen goldenen Schallplatten ausruhen kann. Dafür muss man eine Menge Shows spielen. Ich habe eine Menge Geld in Künstler wie Charles Gale oder Matthew Shipp gesteckt, die Avantgarde-Jazz spielen. Warum? Weil ich an diese Jungs glaube. Weil ich glaube, dass sie großartig sind. Diese Platten verkaufen sich nicht gut und ich verliere Geld dadurch. Stört mich das? Nicht besonders. Ich bin einfach froh, dass diese Platten und Bücher erhältlich sind. Und das Geld? Geh los und verdiene neues. Mir geht es um die Kunst. Es kümmert mich auch nicht, wenn die Leute um mich herum wie mein Manager sagen: ‘Mach das nicht. Du wirst das Haus verlieren, in dem du lebst.’ Ich mache es einfach und ich kann nachts immer noch gut schlafen.

Was für Gedanken hattest du beim 20-jährigen Jubiläum von Dischord?

Ich bin ziemlich froh, dass ich von Anfang an mit dabei war und eine Platte auf Dischord machen konnte. Ich hasse zwar das Wort ‘Stolz’, aber es ehrt mich wirklich und ich bin stolz darauf, dass ich das Ganze mit anschieben konnte. Eines der seltsamsten Ereignisse in meinem Leben war, dass ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort war, um Ian als 14-jährigen vor seinem Stimmbruch zu erleben und zu sehen, wie er sich weiterentwickelt hat. Sicherlich der Mensch auf diesem Planeten, den ich am meisten schätze und für den ich mich ohne zu zögern opfern würde.

Wie sieht es mit einer Kollaboration von euch beiden aus?

Ian hatte ja die 88er-ROLLINS BAND-Platte ‘Life Time’ produziert, ansonsten gibt es kein Pläne dieser Art. Wenn wir uns sehen, geht es weniger um Musik. Ich habe immer eine Million Fragen zu FUGAZI, weil ich schließlich auch Fan bin. Wir unterhalten uns wie zwei alte Freunde, und da wird nicht gefragt: Wie läuft es mit der Firma? In kreativer Hinsicht bereden wir nicht viel. Ich habe mir auch noch nie ernsthafte Gedanken gemacht, wie so eine Zusammenarbeit mit Ian aussehen könnte. Ich kenne ihn diesbezüglich zu wenig und habe nie mit ihm in einer Band gespielt. Und die Sache mit der ROLLINS BAND ist ja bereits 14 Jahre her. Wir haben die Platte in nur fünf Tagen aufgenommen. Wir hatten damals kein Geld, um irgendwas zweimal aufzunehmen. Ian kriegte das hin, und die Platte klang großartig. Unsere Freundschaft ist mir aber wichtiger, die darauf basiert, dass wir in derselben Nachbarschaft aufgewachsen sind. Es gibt nicht viele Leute, die Ian in dieser Form kennen.

Du hast 1997 deine langjährige Begleitband aufgelöst, „Get Some Go Again“ erschien dann 2000 mit einem neuen Line-Up. Gibt es immer noch Fans, die dir das übelnehmen?

Mit den Aufnahmen für die Platte hatten wir schon ‘98 begonnen und ‘99 hatten wir eigentlich alle Songs im Kasten. Aber es war noch nicht abzusehen, wann die Platte erscheinen würde. Ich saß zu dieser Zeit in LA und wollte aus der Stadt raus. Der Band ging es ähnlich. Aber sie hatten noch nie eine größere Tour gemacht, und schließlich spielten wir überall in den Staaten und in Europa. Aber ich sagte ihnen direkt, dass sie einige Leute vielleicht nicht leiden könnten bzw. hatte ich keine Ahnung, wie die Leute überhaupt reagieren würden. Alles, was ich wusste war, dass wir als Band ziemlich gut klangen. Wir hatten hier in der Umgebung gespielt und jeder war überrascht, wie gut wir Gas geben konnten. Alle mochten es und wollten wissen, wann denn endlich die Platte käme. Und ich sagte: Sie ist fertig, kommt aber erst nächstes Jahr im Februar. ‘Scheiße’ meinten sie und wollten wissen, warum sie so lange warten müssen. Also schlug ich ihnen vor: Nehmt die Shows auf und macht euch ein Tape davon. Darunter waren Leute, die schon seit sieben Jahren zu unseren Konzerten kamen und meinten, dass wir noch nie so gut gewesen wären. Ich bekam nur einen einzigen negativen Brief von jemandem, der schrieb: ‘Ich bin 300 Kilometer gefahren, um euch zu sehen. Was soll diese Rock-Scheiße. Fickt euch!’ Ihm war nicht ganz klar, dass es eine komplett andere Band war. Generell war die Resonanz sehr aufbauend. Ich will aber auf keinen Fall miesmachen, was ich vorher mit der alten Band gemacht habe, die verstanden ihren Job und waren nette Typen. Ich hatte nur befürchtet, dass es deshalb negative Kritik geben würde, aber die Leute waren einfach immer noch an ihnen interessiert, weil sie großartige Musiker waren. Ich bin mir sicher, dass kurz nach der Auflösung der alten Band bei allen die Telefone klingelten und sie gut beschäftigt sind. Chris Haskett hat danach z.B. bei David Bowie Gitarre gespielt.

Seid ihr immer noch befreundet?

Ich sehe sie eigentlich so gut wie nicht mehr. Ich sehe fast ausschließlich die Leute, mit denen ich zusammenarbeite. Theo sah ich mal während unserer Tour in Amsterdam. Melvin lief mir mal in New York auf der Straße über den Weg. Aber Chris und Sim habe ich seit Ende 1997 schon nicht mehr gesehen.

Ist abzusehen, ob du dich in Zukunft mal zur Ruhe setzen wirst?

Momentan habe ich mehr denn je zu tun. Es gibt immer mehr Mög-lichkeiten. Ich kann in mehr Ländern touren, z.B. in Russland oder Israel, was ich früher nie gedacht hätte. In den letzten vier Jahren war ich regelmäßig in Afrika. Ich entdecke gerade Ecken dieser Erde, wo ich vorher noch nie war, z.B. Indien oder Indonesien. All diese Möglichkeiten und Interessen beschäftigen mich fast das ganze Jahr. Das sind die Sachen, die mich interessieren. Es gibt kein Kind, um das ich mich kümmern muss, kein Mädchen, das ich anrufen muss. Keine Sucht, mit der ich mich auseinandersetzen muss. Ich stehe morgens auf und lege los.

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #48 (September/Oktober/November 2002)

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