30 Jahre später: VISION OF DISORDER

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s/t (CD/LP/MC, Roadrunner, 1996)

In meiner musikalischen Sozialisation in den 1990er Jahren habe ich viel Zeit auf Konzerten und in Plattenläden verbracht. In jeder Stadt gab es Möglichkeiten, Tonträger, in erster Linie CDs zu kaufen. So auch in Lippstadt bei Elektro Christ. Da fiel mir eines Tages eine Scheibe mit einem giftgrünen Cover in die Hände, die mich wochen- und monatelang fesseln sollte. Damals waren Crossover und die Neuinterpretation des Thrash Metal die großen Zugpferde für die Freunde des gepflegten Gedresches. Hardcore war in der Szene etwas abgetaucht, trotzdem gab es immer wieder neue Combos, die auch dieses Genre mit in ihren Sound einbrachten – so wie VISION OF DISORDER, eine Band aus New York.
Sich gegen die ganzen Truppen aus der Heimatstadt zu behaupten, fällt allen Hardcore-Bands schwer. Szenegrößen wie AGNOSTIC FRONT, SICK OF IT ALL, MADBALL oder WARZONE bestimmen seit jeher das Geschehen. Das Quintett aus Long Island machte schon früh auf sich aufmerksam, da man die klassischen Pfade des NYHC, wenn überhaupt, nur als Basis benutzte. VISION OF DISORDER pfeifen auf konservative Szenepolizisten und formten ihren eigenen Sound, der sie seit jeher zu einer der spannendsten Bands aus dem Big Apple macht. Das Debütalbum ist immer noch ein hörenswerter Hassbrocken, der seinesgleichen sucht. Das liegt neben der kompromisslosen Gangart vor allem an Frontmann Tim Williams. Der damals noch mit blonden Dreadlocks auftretende Sänger machte allein optisch schon ordentlich was her, konnte sich aber auch auf Platte und live eindrucksvoll in Szene setzen. Mit seiner variationsreichen Stimme haben VISION OF DISORDER immer noch ein Überraschungsmoment mehr in petto als andere. So klingt das Debütalbum eher wie eine ALICE IN CHAINS-Coverband, die sich mit einer Death-Metal-Combo und einer Hardcore-Truppe zusammen haben volllaufen lassen.
Neben brachialem Mosh der Kategorie „Watering disease“ oder „Through my eyes“ kredenzen die New Yorker immer wieder auch ruhigere Töne, etwa bei „Viola“. Tim singt hier schon fast radiotauglich und klingt wie der kleine Bruder von Layne Staley, driftet aber im nächsten Augenblick wieder ins völlige Brutalochaos ab und brüllt alles nieder. Total irre! Genau diese chaotische Grundstimmung macht das Debüt von VISION OF DISORDER auch 30 Jahre später noch zu einem Highlight in der Plattensammlung. Der Musikriese Roadrunner Records machte damals alles richtig, als er sich die Rechte an diesem Underground-Meisterwerk sicherte. Vinylliebhaber mussten sich im Erscheinungsjahr zunächst gedulden, denn die Formate CD und Tape hatten Vorrang. Erst mit erheblicher Zeitverzögerung erschien das Debütalbum in einer sehr limitierten Stückzahl für den Plattenspieler.

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