36 Jahre später: BOXHAMSTERS

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Wir Kinder aus Bullerbü (LP, Bad Moon, 1988)

Was für ein Abend: Nach einem Konzert im Berliner Supamolly gibt es gleich um die Ecke bei neuen Punk-Bekannten drei für mich noch unbekannte Bands auf die Ohren, die meinen Musikgeschmack für immer ändern und prägen werden. Neben NOFX und FLIEHENDE STÜRME sind das die BOXHAMSTERS aus Gießen. Die Einstiegsdroge war das damals aktuelle Album „Tupperparty“, bis heute meine Lieblingsscheibe der Truppe. Punk war auch damals für mich aktuell, aber irgendwie ein bisschen ... untot. Das lag an der im Laufe der Jahre entstandenen etwas formatiert wirkenden Haltung, was nicht nur die Musik, sondern auch besonders die Texte anging. Diese bewegten sich meist zwischen politischen Schlagwörtern und Transpi-Sprüchen auf der einen und meist ziemlich doofen Fun-Punk-Texten auf der anderen Seite. BOXHAMSTERS wirkten von Sekunde eins an wie ein Urknall. Es war schnell herauszuhören, dass nicht nur interessante und klischeefreie Texte, sondern auch Musik am Start ist, deren Mitte Punk ist, gepaart mit Offenheit für andere Krachgitarren-Genres. Auf ihrem Debüt „Wir Kinder aus Bullerbü“ ist das noch nicht ganz so deutlich wie auf späteren Alben, dafür „rumpelt es herrlich“, wie im Forum eines Online-Magazins zu lesen ist.
Das liegt an der noch nicht ganz so ausgereiften Produktion, die jedoch ab dem zweiten Album deutlich an Qualität zulegte, sowie am Songwriting, das sich über längere Zeit von Album zu Album weiter steigerte. Höhepunkte gibt es allemal: das Instrumental „Calzone und seine Killer“, das krachige „Unfallflucht“ oder „Herzblut“, in dem sich ein weiteres Talent der Band offenbart, nämlich Texte über die Liebe, ohne dass es peinlich wird, sowie „Prost Neujahr Jr.“. Und damit sind wir bei einem anderen BOXHAMSTERS-Thema: die Huldigung musikalischer Vorbilder in Wort und Bild. Neben DINOSAUR JR. sind das die großartigen HÜSKER DÜ oder die nicht minder tollen THE WEDDING PRESENT und damit alles Bands, die in ihren jeweiligen Genres Spuren hinterließen und bis heute eine hohe Relevanz besitzen. Umgekehrt verhält es sich so, dass im deutschsprachigen Raum etliche Bands die „Boxis“ als Inspiration nennen, wobei sie aber eher selten oder auch gar nicht die hohe Messlatte der Vorbilder erreichen.
Auf dem Plattencover ist Gert Fröbe als sehr böse Filmfigur aus „Es geschah am hellichten Tag“ zu sehen. Kommt öfter bei den BOXHAMSTERS vor, das Zitieren von Filmen oder TV-Serien, auch gern als Samples, um den Songs eine besondere Stimmung oder mehr Aussagekraft zu verleihen. Der Grundstein für diese Musik wurde bei diesem Debüt im Jahr 1988 gelegt. Die meisten folgenden Alben der Band gerieten sogar noch großartiger.

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