
1985. Punk in Deutschland ist im Wandel. Nachdem 1983/84 eine Reihe von Veröffentlichungen von Bands, die heute als Deutschpunk bezeichnet werden, erschienen waren, wurden das in diesem Jahr merklich weniger. Etliche Bands lösten sich auf, andere öffneten sich anderen Einflüssen, und auch die Labels wandten sich teilweise anderen Genres zu. „Punkrock ist hier Herr im Lande“, wie einst BUTTOCKS sangen, galt zu dem Zeitpunkt nicht mehr.
Und doch erschien im Jahr 1985 eine grandiose Live-LP der Hamburger Punkband RAZZIA auf Weird System, wo 1983 mit „Tag ohne Schatten“ bereits ihr grandioses Debüt rauskam. Über den Sinn von Live-Platten lässt sich ja trefflich streiten und RAZZIA erklärten auf dem Textblatt selbst: „Eigentlich war diese Platte nicht vorgesehen. Da wir aber unseren Vertrag mit Weird System noch erfüllen wollten, einigten wir uns die Veröffentlichung dieser Live-LP.“ Die Aufnahmen stammen vom „Keine Experimente“-Festival, das 1985 im Ballhaus Tiergarten Berlin von.stattfand. Der Studio-Bonustrack „Barriere-Dub“ wurde bereits 1983 aufgenommen. Doch „Los Islas Limonados“ zeigt die Live-Qualitäten der Hamburger Band. Nach einer wenig schmeichelhaften Ansage legen RAZZIA mit „BRD & Co. KG“ gleich los. Der Song über die „größte Firma in der besten Republik“ handelt vom Arbeitsamt und den Vorzügen der Arbeitslosigkeit. Dazu passt auch die Ansage zum „Lied für das arbeitende Volk“ – „Arbeit macht frei“. Denn diese macht frei „von Gefühlen, Gedanken und Ideen“, wie RAZZIA singen. Natürlich fehlen auch Tracks wie „Der Söldner“ oder „Nacht im Ghetto“ nicht in der Setlist. „Die Limo Insel“ hat durchaus etwas von Pippi Langstrumpf und zeigt auch den augenzwinkernden Humor der Band. „Neo-Nazi“ ist ein großartiger Pogo-Smasher und kommt live natürlich noch besser. Der letzte Song ist dann „Arsch im Sarge“.
Ich habe RAZZIA das erste Mal 1984 im KuKoz in Paderborn gesehen, und ihr Auftritt zählt für mich zu den besten Konzerten in den 1980ern. Die LP erschien in der bei Weird System üblichen Limitierung – leider, muss ich sagen. Denn auch wenn ein Live-Album dem Selbstverständnis von RAZZIA zufolge keine „volle LP“ sein sollte und die Band die Platte dementsprechend billiger verkaufte, wurde „Los Islas Limonadas“ schon schnell zum gefragten Sammlerstück (bei Discogs steht Stand November die Platte bei 220 Euro). Auch ich besitze nur eine von Tape auf Tape kopierte Aufnahme. Eine Neuauflage wäre wirklich wünschenswert, zumal sich auch auf diversen Internetplattformen nur einzelne Tracks finden. Das zweite Studioalbum von RAZZIA, „Ausflug mit Franziska“, erschien dann 1986 – wie schon auf der LP angekündigt in Eigenregie.
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