45 Jahre später: TUXEDOMOON

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No Tears (12“, Time-Release, 1979)

Die Deutung, welches Jahr man nun exakt als jubiläumsrelevant ansetzt, ist eine Wissenschaft für sich. Eigentlich erschien eine erste Version dieser 4-Song-12“ schon 1978, aber auf keinem Label, eine Selbstveröffentlichung mit wohl überschaubarer Verbreitung. 1979 gab es eine weitere Pressung, diesmal mit der Angabe Time-Release Records, ein kleines Label aus San Francisco, das wohl dem Bandkontext von TUXEDOMOON zuzurechnen ist und damals nur drei weitere Veröffentlichungen aus diesem Umfeld auf den Weg brachte, darunter eine 7“ von Sänger Winston Tong. Man kann davon ausgehen, dass diese Platte erst ab 1979 eine größere Verbreitung fand ... und wohl bald schon einen gewissen Kultstatus hatte, verbunden mit miserabler Verfügbarkeit. Italien war damals bekannt für Bootlegs, 1980 gab es einen „unoffical release“ von da, mit pinkem statt des ikonischen schwarzen Covers. 1983 dann ein weitere Italienpressung, diesmal auf Expanded Music und mit Genehmigung der Band, und erst 1985 schließlich erschien die Version, die die allermeisten besitzen dürften, die zu jener Zeit Platten kauften und in der Indie-Disco ihrer Wahl mit „No tears“ angefixt wurden, auf dem belgischen Cramboy-Label. Das war ein Sublabel von Crammed Discs, hinter dem TUXEDOMOON selbst steckten, die zu der Zeit ihre Zelte in Brüssel aufgeschlagen hatten. Zwar findet sich auf dem Backcover ein Hinweis auf die Erstveröffentlichung 1978, aber für uns war diese 1985 erstmals überall erhältliche 4-Song-12“ eine Neuentdeckung. Mag sein, dass manche DJs die Platte schon vorher spielten, Fakt ist, dass der Siegeszug des solitären (weil keine Ähnlichkeit zu anderen Songs von TUXDOMOON aufweisenden) Dancefloor-Hits zu jener Zeit begann. Circa 1985 startete „Wave“ (niemand sprach von „Goth“) in Deutschland voll durch, und der DJ des Alternative-Abends in der lokalen Disse hatte für uns mindestens das Doppel aus „No tears“ und „Temple of love“ von SISTERS OF MERCY im Angebot – zwei endlose lange Nummern, zu denen wir spitze schwarze Schnallenschuhe über den Edelstahlboden schoben. An die anderen drei Songs „New machine“, „Litebulb overkill“ und „Nite & day (Hommage an Cole Porter) haben wohl die wenigsten eine konkrete Erinnerung, „New machine“ erinnert mich aus heutiger Sicht an eine Mischung aus David Bowie und Gary Numan, aber wie „No tears“ auch war diese frühe Post-Punk-Nummer aus Kalifornien ein „Ausrutscher“ für die Band um Blaine Reiniger und Winston Tong – das mäandernde „Litebulb overkill“ zeigte eher, wohin TUXEDOMOON sich bewegten. Auf ihrem europäischen Durchbruchsalbum „Holy Wars“ von 1985 klang nichts mehr nach „No tears“, dessen von Tong mit schriller Stimme herausgepresste Zeilen „No tears for the creatures of the night [...] My eyes are dry [...] I feel so hollow I just don’t understand“ sich auf ewig ins Hirn eingeschrieben haben.

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