© by Moni ScherabonManche Bands begleiten einen schon fast das gesamte Punkrock-Leben. Erst waren da Ende der 1980er TARGET OF DEMAND aus Linz, dann kam der „Ableger“ 7 SIOUX und wir feierten die einen wie die anderen als seltene europäische Vertreter dessen, was uns Dischord aus Washington, D.C. als Weiterentwicklung des „klassischen“ US-Hardcore vermittelt hatte. Die Jahre vergingen, Bands kamen und gingen und kamen wieder, so auch 7 SIOUX, die nun mit „Alligator Patrol“ eine neue Platte gemacht haben. Rainer und Pezzy beantworteten meine Fragen, wobei Rainer (Krispel) sonst ja der Typ ist, der als Ox-Autor in Interviews die Fragen stellt.
Es besteht die Möglichkeit, dass einige Ox-Leser:innen noch nicht mal geboren waren, als 7 SIOUX ihre ersten Konzerte spielten. Dröselt deshalb doch bitte mal die Bandgeschichte auf. Und welche Rolle spielten doch gleich TARGET OF DEMAND bei all dem ...?
Rainer: Huckey am Schlagzeug und ich als Sänger waren seit 1985/86 in Linz bei TARGET OF DEMAND aktiv. Als Bassist Johnny und Gitarrist Mops nach Wien übersiedelten, hat das die Frequenz der Bandaktivitäten von T.O.D. so verändert, dass wir mit Horst an der Gitarre und Hofi am Bass eben 7 SIOUX gegründet haben. Ursprünglich als WIPERS-Coverband gedacht, kamen dem rasch eigene Songs in die Quere, der grobe Plan: T.O.D. kriegen die deutschen Texte, 7 SIOUX singen englisch, die Musik differenzierte sich nicht zuletzt durch den jeweiligen Gitarristen. Unseren ersten Gig haben wir 1988 gespielt, in der bis heute, wenn auch an anderem Standort existierenden Linzer Stadtwerkstatt, gemeinsam mit DEAD SOULS und LILA VILA. Dazu kam immer wieder Sängerin Alex, die auch bei den meisten der Konzerte letztes Jahr dabei war und in einem Song auf der neuen Platte zu hören ist, „F Y P“.
Where are they now? Wer ist noch an Bord anno 2025?
Rainer: In der Viererbesetzung Hofi, Horst, Huckey und ich haben wir 1994 als SCHWESTER ein Album gemacht, aufgenommen im Inner Ear Studio in Arlington – wir sind ja großteils Dischord/D.C.-Nerds! Nach den Live-Gigs dazu war vorerst Schluss, 2002 gab es eine Reunion in vollständiger Besetzung mit Alex bei einem Benefiz-Gig für das Kulturzentrum Röda, danach stand wohl im Raum, wieder mehr zu machen, was sich für Huckey, der mit TEXTA HipHop machte, nicht ausging – so ab 2005 und bis heute sitzt daher Pezzy an den Drums, Horst, Hofi und ich an unseren angestammten Positionen. Alex war immer wieder live dabei, ist aber auf keinem der Tonträger seither zu hören, darunter auch unsere Aufnahmen mit dem STIMMGEWITTER AUGUSTIN, einem Chor aus dem Umfeld der Wiener Straßenzeitung Augustin. Huckey ist leider im Mai 2018 verstorben, auf eine völlig unesoterische Art ist er aber immer mit dabei, sein Spirit, sein liebenswürdiger Wahnsinn, seine positive Maßlosigkeit, etwas zu wollen.
Pezzy: Ich zähle ja zur nachfolgenden Generation, bin so 1991, als unbedarfter Hardcore-Bube, das erste Mal zu den Shows von STAND TO FALL, 7 SIOUX oder SO MUCH HATE in die Kapu gepilgert. Das hat mich komplett weggeblasen! Diese Energie, dieser Furor, und doch irgendwie so sophisticated und underground! Das wollte ich auch machen. Dieses Hardcore-Ding mit Bands wie VERBAL ASSAULT, FUGAZI, NOMEANSNO und auch der NIRVANA-Knall hat uns dann dazu gebracht, selber Bands zu gründen wie DEADZIBEL, VALINA oder STRAHLER 80. In den 1990ern waren wir sehr viel on the road. Als die Jungs wieder anfingen, als Band zu agieren, holte ich mir den musikalischen Segen von Huckey und stieg 2005 bei meinen „Hardcore-Helden“ aus der Jugend ein. Schöne Geschichte, irgendwie ... haha.
Welche Bedeutung hat dieses Band-Ding und Musikmachen in eurem Leben? Es ist ja wie Punk ganz allgemein eine Ausdehnung der Jugend ins fortgeschrittene Erwachsenenalter.
Rainer: Hmmm, das ist mir jetzt fast zu simpel, oder zu ... bescheiden. Ich durfte mir einmal bei einem Telefoninterview mit dem unlängst verstorbenen David Thomas von PERE UBU anhören, wie sehr es ihn nervt, dass Rockmusik immer mit Jugend assoziiert wird, wo er sie doch als relevante, erwachsene Kunstform sieht, mit Geschichte und Strömungen, Widersprüchen ... Ich denke, dass Musik und Punk für mich ein ganz, ganz wesentlicher „room full of possibility“ sind, um eine Zeile aus dem Song „F Y P“ zu zitieren. Möglichkeiten, die wir dann gemeinsam erkunden oder formulieren, wobei gerade die Aufnahmen für „Alligator Patrol“ auch für uns als Freunde, die sich seit Jahrzehnten verbunden sind, ganz speziell waren. Punk und Musik und Bands sind keine Phasen meines Lebens, oder Hobbys, sondern wesentlicher Bestandteil, ein Teil von mir, ohne den ich nicht ich bin.
Rainer, du bist parallel noch mit POST aktiv. Und der Rest?
Rainer: Ich darf ergänzen: Gemeinsam mit Mops spiele ich bei GOLDKANTE – jetzt auch als Live-Act. Unter anderem mit zwei ehemaligen KURORT-Menschen bin ich außerdem bei ROY LOIDL & HIS BACONHUNTERS. Und auf keinen Fall zu vergessen, THE CLASHINISTAS, mit denen ich meinen inneren Joe Strummer kanalisieren kann.
Pezzy: Als junger Hüpfer und Rookie der Band, bin ich ja doch noch etwas umtriebig und spiele aktuell Schlagzeug bei KALIGULA, das ist so punkiger Rapcore, und bei den DEAD APES, wir arbeiten gerade an einem Album. Es wird eine posthume Würdigung unseres Gitarristen Andy K. Randall, der 2024 verstorben ist und uns noch einige unvergleichliche Riffs und Songlayouts hinterlassen hat. Als kleine Auflockerung habe ich noch eine Tom Petty-Coverband namens PEZZY & THE ARTBREAKERS.
Linz war einst eure Homebase. Was machte die Szene damals aus ... und wo probt ihr heute, wo seid ihr angesiedelt?
Rainer: Als lange in Wien lebender Flucht-Linzer sei es mir gestattet, von den beiden letztjährigen 40-Jahre-Kapu-Abenden zu schwärmen, wo mit DEADZIBEL, 7 SIOUX, STAND TO FALL und T.O.D. eben das vier Jahrzehnte währende Existieren der Kapu in Linz gefeiert wurde. Als ich irgendwann in den Morgenstunden des zweiten Abends, an dem sich weit über 1.000 Menschen vor und in der Kapu bewegt haben und begegnet sind, heimgetorkelt bin, war dieser Gedanke, dieses unendlich warme Gefühl da: Ich weiß nicht wie, ich weiß nicht warum, ich weiß auch nicht, was das genau heißt, aber wir haben einfach gewonnen. Davon abgesehen steht Linz heute für mich vor allem für Familie und eigene Geschichte ... und für 7 SIOUX, wobei wir im Linzer Posthof proben.
Früher wurde ja vieles anders gesehen ... Würdet ihr heute eine Show zusammen mit DEAD PIONEERS spielen, solltet ihr vorbereitet sein, mit Gregg das Thema „kulturelle Aneignung“ zu diskutieren angesichts eures Namens. Wie würdet ihr die damalige Namenswahl erklären und deren heutige Beibehaltung?
Rainer: Das würde ich sehr gerne tun – mit Gregg von DEAD PIONEERS das Thema diskutieren. Es gab einen Anlauf von mir, den Bandnamen zu ändern, als für eine kurze Zeit Mike Glück mit uns am Bass geprobt hat. Doch Mike hat uns das ganz pragmatisch ausgeredet. Was schon passt, weil ich den Namen zwar heute ziemlich sicher nicht mehr wählen würde, ihn aber ganz eindeutig als im Geist der Solidarität gesetzt verstehe, einem naiven und im Detail unüberlegten womöglich, aber mit keiner bösartigen oder verletzenden oder gar „räuberischen“ Absicht. Er leitet sich von einem Film ab, in dem sieben nordamerikanische Ureinwohner das ihnen zugewiesene „Reservat“ verlassen – auch so ein Irrsinnsbegriff –, den ich gesehen hatte, als die Namensfindung dringend wurde. Das in Verbindung mit Siouxsie Sioux und 7 SECONDS, schon hießen wir 7 SIOUX! Würde eine Namensänderung von 7 SIOUX dazu beitragen, dass die rechten Arschlöcher von den Identitären nicht mehr durch Wien und das Land mit dem A koffern und ihre furchtbaren Begriffe prägen und plärren, dann sofort!
Euer Song „Left“ ist so eine Art Nachhilfestunde in Sachen Punk-Historie. Erzählt mal, wen ihr da warum genamedroppt habt.
Rainer: „Left“ war schon einmal in einer etwas unbedarften Version auf einer X-Mist-Compilation zu hören, in bester Gesellschaft mit CROWD OF ISOLATED, HAPPY EVER AFTER, SO MUCH HATE oder UGLY FOOD. Und dass Armin vor zwei Jahren gestorben ist, mag da schon mit hineingespielt haben, den Song noch einmal anders zu formulieren – durch dieses Bandding haben wir viele großartige Bands und Menschen kennengelernt, vielleicht nicht so gut und umfassend, wie wir uns das wünschen würden, aber doch – sie haben uns berührt, sie haben Anstöße geliefert, Lieblingssongs, Ideen, Haltungen, Standpunkte ... die Komplexität von FUGAZI oder NOMEANSNO, die überbordende Energie von JINGO DE LUNCH, die Widersprüchlichkeit der BAD BRAINS, die mit einem Rückwärtssalto von H.R. dann doch für einen Moment transzendiert schien, die eigene Blauäugigkeit. „We were as green as the grass“, zitiere ich die wunderbaren LIFE ... BUT HOW TO LIVE IT? In einem Gesangstake, der es nicht in den Endmix geschafft hat, habe ich auch „Tiny giants“ von VERBAL ASSAULT zitiert. „Left“ will als Song vor allem positiv affirmieren, aus was für einer reichen Kultur wir schöpfen.
Die Welt hat sich weitergedreht, welche Bands aus den letzten Jahren kicken euch?
Rainer: Oh, Mensch, ich bin als Vinyl kaufender Nicht-Streamer großteils im Rerelease-Fach gelandet, gerne Wiener Nachbar:innen: AUTOR, ROLLTREPPE, PALOMA 004 ...
Pezzy: Bei mir waren das zuletzt vor allem Bands wie IDLES, VIAGRA BOYS oder TURNSTILE. Im Hardcore/Punk-Segment begeisterten mich vor allem die PLOSIVS, PRESS CLUB, HAMMERED HULLS und ULTRABOMB, und als abgöttischer AC/DC-Verehrer fand ich GOODBYE JUNE – seltsamer Name! – mit ihrem Bon Scott-Gedächtnissänger richtig klasse.
Was hat es mit diesen Spracheinspielungen im Opener „Toxic dandy“ auf sich? Ist das Esperanto?
Rainer: Ja, Esperanto. Als Plansprache hat mich Esperanto schon immer fasziniert, auch die ganzen mitschwingenden und historischen Aspekte, „rechte“ gegen „linke“ Plansprachen, die Geschichte von Ludwik Lejzer Zamenhof, der sie entworfen hat, und seiner Familie. Ist eine gerechte Welt erst dann möglich, wenn wir gerecht sprechen und schreiben, siehe auch „kulturelle Aneignung“? „Toxic dandy“ hat seinen Titel von Sebastian Kurz, Ex-Kanzler von Österreich, und eine der negativsten zeitgeschichtlichen Figuren, die ich unmittelbar miterleben musste – enthemmte, völlig prinzipienfreie Macht- und Geltungsgier. Solche „Toxic Dandys“ wie er, Peter Thiel, Donald Trump, etc. bündeln ein großes apokalyptisches Potenzial, darum habe ich eine Stelle aus einem dystopischen Roman paraphrasiert, eine tröstliche Botschaft für die Überlebenden aus einer fiktiven Stadt der Freundschaft, die sich der Verständigung willen des Esperanto bedient, im Original kommt die Message auf Spanisch aus Kuba, was ich so nicht reproduzieren wollte.
Was ist das für eine absurde Story von Lola, die in New York City auf „Alligator Patrol“ geht ...?
Rainer: Du hast ja dem Bandnamen gefragt, was mich aber noch weit mehr beschäftigt, sind die Songtexte, die mir zum einen wichtig sind, zum anderen natürlich immer aus dem biografischen Ablauf – siehe Bandgeschichte – schöpfen und dass wir Englisch singen. Ich versuche halt im Rahmen meiner Möglichkeiten als Non-Native Speaker etwas zuwege zu bringen, das berühren oder zumindest erstaunen kann. Der Schriftsteller Thomas Pynchon hat in einem seiner Romane von einer „Alligator patrol“ erzählt, die habe ich mir ausgeborgt und ihr Lola – die womöglich nach dem gleichnamigen KINKS-Song so heißt?! – zugeführt, die den Alligator tatsächlich findet. Ein wenig ist „Alligator patrol“ ein Sprachbild für das, was du bezüglich Band und Musikmachen und Punk gefragt hast. Wir suchen etwas, von dem wir nicht genau wissen, was es ist, aber in aller schwerzufassenden Brüchigkeit und Fragmentiertheit gibt es uns doch eine starke Ahnung davon, wer wir sind oder sein möchten.
Auf einem eurer Bandfotos lacht ihr euch schlapp. Darf man fragen worüber? Und ist Musikmachen sowieso etwas, das viel zu oft viel zu ernst genommen wird?
Rainer: Ich weiß nicht mehr, was aktuell die Heiterkeit auf dem Bild ausgelöst hat, aber, wenn wir zusammenkommen, sind das schon meist sehr lustvolle Gelegenheiten, gerade auch so etwas eigentlich Absurdes wie „Bandfoto machen“, was ja gerade wir als mehrheitliche Vertreter:innen der „Keine Pose ist die beste Pose“-Schule als solches empfinden ... And don’t get us started about „merch“ ... Da rennt dann der „Schmäh“, gerade der Nachmittag, als das Foto mit Monika Scherbaon entstanden ist, war erfrischend heiter, samt Sozialkontakt mit balkonisierenden Nachbar:innen. Ich denke wir haben eine ganz gute Distanz zu den Unsinnigkeiten des ganzen Musikmachens und genießen das umso mehr, was wirklich Sinn macht für uns: das Musikmachen selbst, das Live-Spielen, die Zeit miteinander. Es ist ein bissl so, wie der eine gute Deutschlehrer, den ich hatte, sagte: Das Leben ist ein Spiel. Erste Regel: Das Leben ist kein Spiel.
Was bringt die schönste Platte, wenn man sie nicht live aufführt. Was habt ihr für Reisepläne in der näheren Zukunft?
Rainer: Wir spielen ab Ende September einmal fünf Konzerte, eines davon in Berlin am 17. Oktober. Aus der ganzen Booking-Kiste bin ich ein bisschen raus, der Idealfall wären für uns „nicht überredete Partner:innen“, also Veranstalter:innen, die das wollen und lokal auch sinnvoll machen können. Die sich als Gastgeber:innen verstehen und nicht routiniert einen gewachsenen Live-Automatismus bedienen, der ohnehin allüberall Angebot erzeugt. Die verstehen, dass das schon ein Aufwand ist für uns, auch als nicht mehr ganz junge Menschen, die Kilometer zu fressen – gleichzeitig ist uns bewusst, dass wir eine kleine No-Name-Band sind, die keine Massen bewegt, die zu veranstalten Aufwand und Risiko bedeutet ... Wie mensch in Österreich sagt: Wir wern scho seng. Grundsätzlich sind wir aber höchst spielwillig, you know, von wegen Hardcore und Punk. Get in touch!
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Joachim Hiller