
AGROTÓXICO, 1993 in São Paulo gegründet, gehören zu den ältesten noch aktiven Hardcore-Punk-Bands Brasiliens. Im Zuge der anstehenden Europatour wird auf Bitzcore ein Best-Of-Album erscheinen. Das nehmen wir zum Anlass, um mit Jeff über die letzten 30 Jahre AGROTÓXICO zu sprechen, ihre Beziehung zu OLHO SECO und auch zur deutschem Punk-Szene. Jeff ist außerdem mit dem Label Red Star Recordings aktiv.
Im Juli geht ihr wieder auf große Europatour. Wie bekommt ihr das für euch auf die Reihe – privat, aber auch gesundheitlich? Und was erwartet ihr?
Dies wird die zehnte Tournee von AGROTOXICO in Europa sein, wenn man unsere erste Erfahrung mit OLHO SECO im Jahr 1999 mitzählt. Ich sage immer, es ist ein echtes Privileg für uns, ein Haufen Punk-Kids, die aus einem von Gewalt geprägtem Vorort von São Paulo stammen, so viele Länder und Städte erleben und Menschen mit so unterschiedlichen Kulturen und Weltanschauungen treffen zu können. Das hat nicht nur zu unserer musikalischen Entwicklung beigetragen, sondern hat uns in den letzten Jahrzehnten auch als Menschen geformt. Die Rückkehr nach Europa, wo wir alte Freunde treffen und neue Gesichter kennenlernen wollen, muss natürlich sorgfältig vorbereitet werden, was die Show und die Songs betrifft, die wir spielen werden. Seit wir 1993 angefangen haben, wollen wir bei unseren Konzerten möglichst viele Menschen erreichen, durch die Energie und Aggression in unseren Liedern oder auf politischer Ebene, indem wir unsere Konflikte und Beobachtungen eines Lebens in der Dritten Welt mit ihnen teilen.
Zur Tour soll es auch ein Best-Of-Album auf Bitzcore und Break The Silence geben. Wie ist der Kontakt zustande gekommen?
Break The Silence unterstützt AGROTÓXICO seit der Veröffentlichung des „XX“-Albums im Jahr 2013 und ist seitdem nicht nur für unsere Touren und den Plattenvertrieb, sondern vor allem für die Verbreitung des DIY-Geistes der Band wichtig, so wie es Dirty Faces in den 2000ern war. Daraus ist eine enge Freundschaft mit den Punks aus Bochum und Umgebung gewachsen. Der Kontakt zu Bitzcore entstand aus unserer langen Beziehung zur Hamburger Szene, insbesondere zur Punkrock-Kneipe Lobusch und zum FC St. Pauli. Für diese Veröffentlichung haben wir versucht, die wichtigsten Songs von jedem Album auszuwählen, so dass alle Phasen der Band vertreten sind. Ob ihr unsere acht Studioalben schon kennt oder nicht, hier bekommt ihr einen ziemlich coolen Überblick mit toller Aufmachung und jeder Menge Infos.
2023 gab es anlässlich eures 30-jährigen Bestehens mit „Era Do Caos“ eine Neufassung eures ersten Albums „Caos“ von 1998. Was war die Idee dahinter?
Wir wollten diese alten Songs noch mal so veröffentlichen, wie wir sie heute spielen. Wir fanden, sie hätten eine bessere Produktion verdient, damit sie so klingen, wie es die Band heute tut. Die Scheibe war seit vielen Jahren vergriffen, und als die Leute nach einer Wiederveröffentlichung fragten, dachten wir immer, die Originalveröffentlichung sollte den alten Fans und Sammlern vorbehalten bleiben und es wäre cooler, unsere frühen Tage mit der aktuellen Besetzung der Band wieder aufleben zu lassen. Auch das Artwork ist anders. Anstelle des brennenden Polizeiautos zeigt das Cover nun eine düstere Darstellung einer sterbenden Zivilisation, geschützt durch Stacheldraht und Militärpolizei.
Im Rückblick: Was hat sich in den vergangenen dreißig Jahren verändert, was eure Texte betrifft, zum Positiven aber auch zum Negativen?
Leider hat sich an der in unseren Songs beschriebenen Situation nicht viel geändert. Gewalt ist in unserer Gesellschaft immer noch weit verbreitet und die soziale Ungleichheit ist definitiv der Hauptgrund dafür. In gewisser Weise hat sich unser Land sozial weiterentwickelt, aber der weltweite Aufstieg der Rechtsextremen hat auch Brasilien nicht verschont. Die vier Jahre der Regierung Bolsonaros brachten uns viele Rückschritte und eine Zunahme von Hatespeech.
Ihr habt euer Debüt damals auf eurem eigenen Label Red Star Recordings veröffentlicht. Wie ging es damit weiter? Bei Discogs sind ja mittlerweile 103 Releases gelistet.
Von Anfang an waren wir bei AGROTÓXICO der Meinung, dass wir uns am besten Gehör verschaffen können, wenn wir alles selbst machen, auf unsere Weise. So verliefen die ersten Jahre der Band, in denen wir kostenlose Shows in den Straßen unseres Viertels Cidade Ademar organisierten und unsere ersten Demobänder aufnahmen. Red Star Recordings wurde 1997 mit dieser Einstellung gegründet, hauptsächlich, um die brasilianische Punk-Szene zu unterstützen und uns mit anderen Bands auf der ganzen Welt auszutauschen. Im Laufe von mehr als 25 Jahren hatten wir das Privileg, viel zur lokalen Punk-Szene beizutragen, indem wir Alben von CÓLERA, RATOS DE PORÃO, INOCENTES, FLICTS, AÇÃO DIRETA, DEVOTOS und natürlich AGROTÓXICO veröffentlichten, aber auch von Bands aus anderen Ländern wie RASTA KNAST, D.O.A., NEW MODEL ARMY, DISCHARGE oder SIMBIOSE. Wir unterstützen die brasilianische Punk-Szene immer noch aktiv mit neuen Veröffentlichungen, Festivals und Shows und seit 2017 haben wir unser eigenes Studio und einen Ort für Gigs und alternative Kulturaktivitäten.
Warum wird die nächste Platte ein „Best-Of“ und wann gibt es wieder ein neues Album?
Unsere europäischen Labels schlugen diese Veröffentlichung vor und uns schien es eine gute Idee zu sein, die verschiedenen Phasen und Besetzungen der Band auf einem Release zusammenzufassen. Ein neues Album hat definitiv Priorität, aber wir haben uns schon immer mehr auf Shows und Tourneen fokussiert. Aufgrund von Besetzungswechseln wurde zudem der Schreibprozess immer wieder verzögert oder unterbrochen. Wenn wir dieses Jahr von der Tour zurück sind, ist geplant, zwei weitere Singles zu veröffentlichen und uns auf das Schreiben von neuem Material zu konzentrieren.
„Antifa Worldwide Crew“ ist euer Motto seit der 25-Jahre-Tour. Warum?
Wir kamen auf diese Idee, als wir feststellten, dass wir, egal, woher wir kommen, welche Nationalität wir haben, welche Sprache wir sprechen und so weiter, mit Freunden aus der ganzen Welt libertäre und antifaschistische Prinzipien teilen, die uns als globale Gemeinschaft zusammenbringen. Das ist es, was wir sind: die Antifa Worldwide Crew!
Das Motiv eures letzten Tourshirts erinnert an die „Troops Of Tomorrow“-LP von EXPLOITED ...
Wir haben diese Parallele zuvor gar nicht gesehen, aber jetzt, da du es erwähnst, gibt es tatsächlich einige ästhetische und konzeptionelle Ähnlichkeiten. Vor unserer letzten Tour baten wir Mauro Landim, einen berühmten brasilianischen Tätowierer aus der Punk-Szene von São Paulo, um eine Zeichnung mit dystopischen Anspielungen auf unsere Stadt und Zombie-Punks, die wie die Überreste einer kollabierten Gesellschaft erscheinen. Er hat die Idee wirklich gut umgesetzt und wir waren mit dem Ergebnis sehr zufrieden.
Wie sieht die Szene in São Paulo aus? Und wie war es in euren Anfangstagen?
Die Szene ist heute größer und aktiver als je zuvor, mit Hunderten von neuen Bands und all den alten Hasen, die es immer noch draufhaben, hahaha. Es gibt viel mehr Locations, wo man spielen kann, mehr unabhängige Labels und, was am wichtigsten ist, viel mehr politisches Engagement, sei es bei der Unterstützung von marginalisierten Gruppen, Wohnungsinitiativen, Landkämpfen, Veganismus oder Umweltfragen. In São Paulo wird die Punk-Bewegung niemals sterben.
1999 wart ihr mit Fabio von OLHO SECO auf Europatour. Wie ist das gekommen, was sind eure Erinnerungen?
Es sind tolle Erinnerungen. OLHO SECO hatten immer einen sehr guten Ruf in der weltweiten Punk-Szene und das hat uns motiviert, die Tour zu organisieren und damit in die Fußstapfen anderer brasilianischer Bands wie CÓLERA, AÇÃO DIRETA und RATOS DE PORÃO zu treten. Es war eine unvergessliche Erfahrung und die Resonanz war besser, als wir erwartet hatten. Es war unser erster richtiger Kontakt mit der europäischen DIY-Punk-Szene, mit Squats, Labels, Aktivismus und so weiter. Ich glaube, diese Zeit hat in gewisser Weise unsere Sicht auf die Welt und die Punk-Szene geprägt und uns eine globalere Perspektive gegeben. Von diesem Moment an war uns klar, dass wir diese Verbindung für immer aufrechterhalten wollten, und genau das haben wir mit AGROTÓXICO auch getan.
1999 ist auch der OLHO SECO-Tribute-Sampler auf eurem Label erschienen. Was war die Idee dahinter?
Als wir bei OLHO SECO einstiegen und mit dem Einstudieren der Setlist begannen, gab es in der lokalen Szene einen großen Hype um unsere erste Show, die schließlich bei der Eröffnung des Hangar 110 stattfand – dem wichtigsten Punk-Treffpunkt in Brasilien, der immer noch aktiv ist. Während dieser Zeit meldeten sich mehrere Bands bei Red Star Recordings und wollten eine Hommage an OLHO SECO machen, und so kamen Bands wie CRIPPLE BASTARDS aus Italien und FORÇA MACABRA aus Finnland dazu. Es war eine großartige Veröffentlichung, und mit der Unterstützung von Dirty Faces fand sie auch ihren Weg zu den Punks in Deutschland.
Apropos Dirty Faces, wie entstand eure Verbindung zur deutschen Punk-Szene? Auf der Split-LP mit RASTA KNAST covert ihr ja fünf Deutschpunk-Songs.
Es begann mit der OLHO SECO-Tour. Wir hatten unser erstes gemeinsames Konzert, wenn ich mich nicht irre, in Gießen, und seitdem sind wir unzertrennliche Freunde geworden und haben mehrere Touren und Konzerte in Brasilien und Europa mit RASTA KNAST gemacht. Die Idee für das Split-Album kam von ihrem Sänger Martin und wir waren uns schnell einig. Wir stehen sowieso auf deutschen Punk, also versuchten wir, einige ikonische Songs auszuwählen. Zu dieser Zeit waren wir bereits gut mit Dominik von CANAL TERROR – einer der angesehensten deutschen Bands in Brasilien – und DK von RECHARGE befreundet, schließlich hatten wir Kontakt zu allen Bands, denen wir Tribut zollten. Wir lieben dieses Album wirklich, obwohl ich denke, dass ihr wahrscheinlich kein Wort von unserem „Deutsch“ verstehen könnt, hahaha.
Gibt es in der Szene in Südamerika ähnliche Strukturen wie in Europa? Wo gibt es Probleme?
Insgesamt ist die lateinamerikanische Szene ganz anders strukturiert als die europäische, sowohl kulturell als auch geografisch. Wir haben eine ziemlich starke und aktive Punk-Bewegung in mehreren Ländern, vor allem in den großen Städten wie São Paulo in Brasilien, aber auch in Bogotá und Medellín in Kolumbien, in Mexico City, in Buenos Aires in Argentinien, in Santiago in Chile oder in Quito in Ecuador. Es gibt eine Vielzahl von Bands und politischen Initiativen auf dem gesamten Kontinent, aber das Hauptproblem sind die Entfernungen und die geografischen Besonderheiten, die es den Bands unmöglich machen, hier auf Tour zu gehen und sich so zu etablieren, wie sie es in Europa tun. Eine Band aus São Paulo muss neun Stunden fliegen, um nach Mexico City zu kommen, sechs Stunden nach Bogotá oder vier Stunden nach Santiago de Chile. Dennoch kann man sagen, dass die verschiedenen Szenen sehr lebendig sind und auch immer mehr europäische und nordamerikanische Bands hierher kommen, um zu touren.
Bei AGROTÓXICO teilt ihr euch den Gesang. Warum ist das so?
Das war sozusagen eine Notwendigkeit, nachdem wir unseren zweiten Sänger nach den Aufnahmen zu unserem zweiten Album verloren hatten. Mauro Emerson ist auf „Caos 1998“ zu hören und bei „Estado De Guerra Civil“ hat Renato Correia die Vocals übernommen. Für das dritte Album konnten wir keinen dritten Sänger finden, also beschlossen wir, inspiriert durch unsere Nähe zu RASTA KNAST, uns am Mikro abzuwechseln. Wir schreiben viele Texte gemeinsam, aber die Person, die etwas schreibt, singt nicht unbedingt auch den jeweiligen Song, sondern entscheidend sind vielmehr der jeweilige Stil und die einzigartige Qualität der Stimme.
Wie seht ihr die politische Situation in Brasilen nach Bolsonaro?
Die Situation hat sich seit dem Machtwechsel deutlich verbessert. Trotz der Probleme, die jede Regierungsform mit sich bringt, konzentriert sich das Programm des derzeitigen Präsidenten Lula da Silva immerhin auf die Bekämpfung von Armut, Hunger und sozialer Ungleichheit. Die Regierung Bolsonaro hat jedoch den Zugang zu Waffen erleichtert und verursachte große Schäden auch in der Wirtschaft, aber vor allem bei Umweltbehörden, Menschenrechtsorganisationen, dem Schutz der indigenen Völker und so weiter. Es wird lange dauern, bis diese Einschnitte überwunden sind. Darüber hinaus ist die extreme Rechte in Brasilien viel aktiver geworden. Jetzt hat der Konservatismus den Kongress in seine Gewalt gebracht und versucht permanent, den Präsidenten und seine Regierung zu erpressen. Leider sieht es so aus, dass wir es weiterhin mit einer faschistischen Bedrohung zu tun haben werden, die versucht, wieder an die Macht zu kommen, und es ist unsere Aufgabe, dafür zu kämpfen, dass so was nie wieder passiert.
Danke für die ehrlichen Antworten. Haben wir was vergessen?
Wir möchten uns bedanken für die tolle Gelegenheit, mit den Lesern des Ox-Fanzine in Kontakt zu treten, das AGROTÓXICO von Anfang an unterstützt hat. Außerdem hoffen wir, viele von euch im Juli 2025 treffen zu können, um uns mit euch kulturell und auch über unsere Ideen für eine gerechtere Gesellschaft austauschen können.
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Diskografie
„Caos“ (LP, Dirty Faces/Red Star, 1998) • „Marcas Da Revolta“ (Split-LP/CD w/ RASTA KNAST, Nasty Vinyl, 2003) • „Estado De Guerra Civil“ (LP/CD, Dirty Faces, 2003) • „Third World Jihad“ (Split-LP/CD w/ FLICTS, Dirty Faces 2004) • „Libertação“ (LP/CD, Dirty Faces 2007) • „Pelos Escombros“ (DVD+CD, Red Star, 2009) • „Quebre O Silêncio“ (Split-7“ w/ RAWSIDE, Break The Silence, 2009) • „XX“ (LP/CD, Red Star/Break The Silence, 2013) • „Era Do Caos“ (LP, Break The Silence, 2023)
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