ALTE SAU

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„Bitte gehen Sie weiter. Es gibt nichts zu verstehen.“

Einmal mehr Jens Rachut. Anlass: Neues ALTE SAU-Album, „Öl im Bauch“ heißt es. Und Halb-Anlass ist auch noch MAULGRUPPE, neue Platte vor ein paar Monaten. Und sowieso ist es immer schön, mit dem Hamburger zu reden, der, aber das würde er nie zugeben, eine der stilprägendsten Figuren der deutschsprachigen Punk-Szene ist und mit seiner Art zu texten und zu singen unzählige Bands beeinflusst hat. Wer einen kleinen Denkanstoß braucht: Rachut – ANGESCHISSEN – BLUMEN AM ARSCH DER HÖLLE – DACKELBLUT – OMA HANS – ...

Jens, du wohnst auf dem Land, bist passionierter Gärtner, wir sprachen mehrfach über Schneckenplage, Wildschweine und Rehe, die alles wegfressen. Wie wichtig war dir dein Garten in Corona-Zeiten? Gerade 2020 war für Uschi und mich unser Garten so was wie die Rettung, mental.

Bei mir genauso. Ich habe mir zwei Tonnen Kies und sieben Tonnen Mutterboden kommen lassen. Und dann habe ich den Teich neu gemacht und ein Hochbeet gebaut.

Und jetzt bist du schon beinahe Selbstversorger?
Überhaupt nicht. Die Schnecken sind hier und mit den Rehen ist das auch schwer. Man braucht da schon ein Gewächshaus, oder man müsste einen Sicherheitsdienst hinstellen.

Elon Musk will auf den Mars fliegen, aber viel wichtiger wäre es doch, was gegen Schnecken zu erfinden. So eine Art Laser-Discokugel des Todes, die man im Garten anbringen kann und die dann über KI und Kameras Schnecken erkennt und dann mit einem Laserstrahl einfach verdampfen lässt.
Also mein Gärtner-Kumpel sagt, du musst den Schnecken die Verstecke nehmen. Altes faules Holz rausschmeißen und nicht rumliegen lassen. Das Regenfass ab und zu mal hochheben – was da alles drunter ist! Aber diese Leopardenschnecken und Schnecken mit Haus, die muss man schonen.

Als Künstler, der ob nun als Theaterschauspieler oder als Musiker auf die Bühne angewiesen ist, wie hast du die Pandemie weggesteckt und überlebt?
Also ich habe Corona-Hilfe gekriegt. Und ich habe einfach abgeschaltet. Ich habe alles runtergeschaltet. Ich habe gelesen, dass Pandemien zwei Jahre dauern, die Spanische Grippe und so. Das kann hinkommen, habe ich mir gesagt, und jetzt mache ich was draus. Schalt mal ab. Schalt alles ab, was dir im Kopf rumgeht, was mit in ICE-Zügen sitzen, Bühnen, Theater und so weiter zu tun hat. Und das habe ich gemacht, das ging, und dann war das richtig gut.

Also in dem Sinne, dass du sagt, dass was nicht ist, das muss ich jetzt einfach vergessen, nicht irgendwas hinterherrennen, das sowieso nicht passieren wird – sondern sich einfach einlassen auf die Situation?
Ja, das war ideal. Ich habe auch kein Radio gehört eine Weile, weil mich das alles genervt hat. Diese Zahlen! Einmal die Woche bin ich zu Aldi, mit Maske, oder habe die Gasflasche getauscht, und das war’s. Ansonsten haben wir ab und zu mal heimlich was getrunken hier, haben uns natürlich, als es das dann gab, immer alle getestet. Hier sind die Bullen wirklich durch den Wald gefahren und haben geschaut, ob nicht zwei oder drei Autos vor den Türen stehen. Ich habe mir gedacht, irgendwann geht das ganze Gehassel sowieso wieder los, bis dahin schraube ich alles runter.

Nun bist du jemand, der mit wenig klarkommt und auch „runterschrauben“ konnte. Bei Leuten in einer anderen Lebenssituation mit Partner:in, Kind, Familie, da war nichts mit runterschrauben, da war nur pure Verzweiflung.
Ich will auf keinen Fall arrogant klingen, weil das hier im Wald schon ging, denn ich habe ja Freunde in Hamburg, denen es wirklich nicht gut ging. Und die sind dann auch mal zu mir rausgekommen, weil sie keinen Balkon haben. Ich habe mit Leuten telefoniert, mit Agenturen, mit Veranstaltern, die mussten teilweise Hartz IV beantragen. Aber was denkst du, wie das jetzt weitergeht?

Mit der Pandemie? Keine Ahnung. Mal den Drosten-Podcast hören, dann weiß ich Bescheid. Jemand fragen, der sich damit auskennt. Wenn ich was mit Starkstrom mache, zwirbel ich ja auch nicht einfach nur zwei Kabel zusammen und behaupte, ich kann das. Dafür gibt es Elektriker.
Ach, falsch, man kann ja auch auf YouTube gehen und da machst du dann schnell den Elektromeister. Genauso wie Leute auch plötzlich Virologen und Ärzte geworden sind, per Schnellstudium auf YouTube. Und dann ordentlich das Maul aufreißen.

Wovon würdest du so jetzt einfach mal ganz selbstbewusst sagen, dass du davon was verstehst?
Aquarien, davon verstehe ich was. Und ich verstehe wirklich was von ... das ist schwer. Aquarien, das war es, glaube ich. Ich kenne mich nur mit Aquarien richtig aus, und sonst kann ich hundert Sachen so halb, wie du auch. Ich kann den Keilriemen wechseln vom Volvo. Ja, ich kann eine Nachtfahrt machen von Dresden nach Bremen. Ja, ich kann schwimmen. Ja, ich kenne viele Schwämme und Pilze, die nehme ich alle, außer den Gallenröhrling, weil der macht die Mahlzeit kaputt. Ja, ich kann Wildschweinkot von Rehkot unterscheiden. So läuft das. Man kann ganz viel, aber nicht gut.

Und auf der professionellen Ebene? Würdest du über dich sagen, dass du gut Texte schreiben kannst?
Manchmal ja. Manchmal sind die gut, aber oft sind die auch mittelmäßig und manchmal sind sie auch scheiße. Das ist ja alles relativ. Wenn jetzt jemand ankommt und zu mir sagt: „Jensen, Danke für die letzten vierzig Jahre, du hast mir so geholfen!“, dann sage ich „Bitteschön.“ Aber als ich mir für das Buch ...

Du redest vom Textebuch „Der mit der Luft schimpft“, das im November 2020 erschienen ist.
Ja. Also ich hab dafür die Texte selektiert und da habe ich alles durchgelesen. Da habe ich auch manchmal gesagt: Ja, mein Gott noch mal, was soll das? Was ist das denn für ein Scheiß, den du da geschrieben hast vor vierzig Jahren?

Hast du das selber nicht mehr verstanden oder was hat dich gestört?
Ich fand manches schwach, blass. Ich hätte es heute anders gemacht. Und dann wiederum habe ich Sachen entdeckt, wow, geil, da hast du ja zwei gute Minuten gehabt, oder einen guten Tag.

Woher kam denn ganz ursprünglich deine Lust daran, mit Worten zu arbeiten?
Ich weiß es nicht. Aber Schreiben mochte ich immer schon. In der vierten Klasse sollten wir Lügengeschichten schreiben, und bei so was habe ich immer eine Eins gekriegt. Ich habe immer so ’nen Quatsch geschrieben. Ich habe das Glück, ein bisschen Fantasie im Kopf zu haben. Was irgendwelche Gehirnströme dann zu meinen Händen leiten und die schreiben das auf. Weder meine Eltern noch aus meinem Umfeld ist jemand Dichter. Nee, das ist Glück, das ist die Aneinanderreihung der Gehirnzellen, und die können dann was. Ich bin nicht so ein Schreiber, der sagt: Oh ja, jetzt muss ich mich mal hinsetzen, jetzt muss ich mal ein Gedicht oder eine Geschichte aufschreiben. Das mache ich nur, wenn wir eine Platte aufnehmen oder wenn ein Theaterstücke her muss. Seit einer Weile allerdings habe ich mir angewöhnt, jeden Tag eine Seite zu schreiben, eine Geschichte, und das klappt, von sieben Tagen klappt das fünfmal.

Wird das ein Buch?
Das weiß ich ehrlich gesagt noch nicht. Ich habe, glaube ich, jetzt so 121 Seiten, ich habe davon aber schon wieder 60 Seiten weggeschmissen, weil das totaler Schwachsinn ist. Irgendwann muss man das alles mal korrigieren und in Ruhe durchlesen. Und ich habe bei mir selber gemerkt: So gut ist das jetzt auch alles nicht. Dieses Format, jeden Tag eine Seite zu schreiben, das ist ja Übungssache. Ich habe dann auch mal ein halbes Jahr nichts geschrieben, und dann habe ich wieder angefangen und gemerkt, das braucht, bis das Hirn läuft, bis die Ideen fließen. Die Fantasiekiste muss aufgeschlossen werden.

Brauchst du eine bestimmte Schreibsituation?
Nee. Wenn es kommt, dann läuft es raus, egal wo. Also dieses Märchen von wegen man braucht einen bestimmten Raum und Blick auf ein Atomkraftwerk, sonst kommt nichts Böses raus – das ist bei mir nicht so. Manche brauchen das, aber ich bin auch kein Schreiber oder Schriftsteller in dem Sinne.

Schreibst du mit Stift und Papier oder am Computer?
Nein, mit der Han, das war mal! Das letzte Mal habe ich 2006 ein Hörspiel ganz in ein DIN-A4-Heft geschrieben. Das war aber so schlimm, dass man die letzten Seiten vom Vorabend am nächsten Tag nicht mehr lesen konnte. Man trinkt ja auch mal Rotwein und raucht. Man konnte es nicht lesen! Die Sätze waren total unleserlich. Und dann hat meine damalige Freundin gesagt: Komm, versuch es mit dem Computer, das wird am Anfang langsam gehen, aber dann läuft das. Und dann habe ich die Vorteile gemerkt von den Dingern. Etwa dass man korrigieren kann.

Du sagtest gerade: „Ich bin ja kein Schriftsteller.“ Das ist ja so eine Sache, wie man von sich selbst spricht: „Hallo, ich bin Musiker.“ Oder Journalist. Oder Künstler. Ich habe so meine Probleme damit, wenn man sich das selbst zuspricht.
Ja, das sollen andere machen.

Und was antwortest du, wenn jemand fragt: „Herr Rachut, was machen Sie eigentlich so?“
Ja, ich mache manchmal in Theaterstücken mit. Und manchmal bin ich mit einer Punkband auf Tour, manchmal mache ich meine Lesungen, manchmal mache ich auch gar nichts.

„Ach, Sie sind freischaffender Künstler, das ist ja interessant.“
Das Wort Künstler nervt mich immer. Ich bin für mich kein Künstler. Also das sind Jobs für mich. Und manchmal hat das mit Emotion und Herz zu tun. Wenn man so Texte schreibt, dann ist man auch mal emotional aufgewühlt oder man ist betroffen von irgendwas. Aber das andere ist ein Job. Aber wenn ich jetzt zum Beispiel im Theater spiele mit Studio Braun oder so, dann verdiene ich damit Geld. Das ist sauanstrengend, weil es Konzentration erfordert. Das ein Job für mich ist, aber es ist ein guter Job, weil da gute Leute mitmachen. Was anderes kann mir auch keiner erzählen. Ich kenne auch ganz viele Schauspieler:innen, Festangestellte, die machen sechs, sieben Stücke im Jahr. Das ist eine Knochenarbeit und die machst du, damit das Licht angeht, damit du duschen kannst und du die Miete bezahlen kannst.

Menschen haben, glaube ich, so eine gewisse Wahrnehmung von „dem legendären Rachut“ mit all diesen Bands, die er seit vierzig Jahren hat. Die Leute kennen dich aus dieser Konzertsituation, auf der Bühne und vor oder nach dem Konzert, wo du halt irgendwo stehst, ein Bierchen in der Hand. Du verkörperst so eine gewisse „Sloppyness“. Und dazu ist es dann irgendwie ein Kontrast, das mit dem Rachut in Deckung zu bringen, der konzentriert an einem Hörspiel arbeitet für den WDR.
Bei beiden Malen redest du über Jobs. Also WDR ist ein Job und das macht mir Spaß. Das ist quasi die Verlängerung von der vierten Klasse, mir Geschichten auszudenken. Ich habe da eine richtig gute Redakteurin, die es drauf hat, mich und und und den ganzen Quatsch, der da rauskommt, zu fördern. Die sortiert das und sagt ab und zu: „Jens, wir müssen auch mal ein bisschen auf die Hörer achten, die müssen ja mal wenigstens etwas verstehen.“ Und ansonsten habe ich da freie Hand. Das ist ein guter Job. Wenn ich jetzt aber zum Beispiel, sagen wir, irgendwo in einer freien Theatergruppe, das habe ich auch mal gemacht, in der Schweiz an einem Sonntag in einem Vorort von Zürich vor elf Leuten einen Turnlehrer spiele, dann ist das zwar auch ein Job, aber der ist total ungeil. Das muss dann so aufhören, dass man noch den Zug kriegt, das Stück war nicht gut, und so was. Aber es ist immer ein Show, also es wird dazu. Am Anfang war es bestimmt emotionaler und geil, wieder ein Konzert, und so.

Also bist du im Grunde ein strukturierterer, organisierterer Typ, als man das jetzt so gemeinhin annimmt?
Na klar. Deswegen bin ich, glaube ich, so alt geworden. Und kann es mir noch immer leisten, an manchen Tagen nicht aufstehen zu müssen oder an manchen Tagen einfach nur in den Garten zu gehen und da was zu machen. Das ist ja das Privileg von mir und von dir: Wenig Rente, aber gutes Leben. Ich habe einen Bescheid bekommen, ich werde 269 Euro kriegen, 2023 geht es los.

Aber du darfst ja noch was dazuverdienen ...
Na ja, klar, logisch. Man hört ja dann nicht auf. Man macht einfach diesen geilen Scheiß weiter.

Ich rede viel mit Musiker:innen, mit Bands und da mache ich ganz unterschiedliche Erfahrungen: Die einen antworten sehr offen und ehrlich, andere versuchen in einer bestimmten Weise gesehen zu werden, die inszenieren sich. Willst du, dass Menschen dich im Grunde verstehen? Oder bist du einer, der vielleicht ein bisschen mysteriöser wirken will?
Ach Quatsch, das weißt du doch. Also wir reden jetzt so ganz normal, als wenn wir irgendwo am Tresen sitzen und lassen das Mikrofon laufen, weil du hast ein Magazin und machst ein Interview mit mir, weil ich in deinem Magazin vorkomme, weil ich Platten rausbringe. Du hast das Glück, dass ich nicht unter Druck stehe, das ist der Unterschied zu den Leuten, die sich irgendwie darstellen wollen, die das Licht heller machen auf sich, als dass es wirklich sein muss. Weil sie denken immer, sie sind eine Figur und sie müssen ihr Produkt gut verkaufen. Und ich bin es nicht. Ich mache mir keine Gedanken darum, wie ich ankomme bei den Leuten, weil ich keine Platten verkaufen muss. Also klar, ich will natürlich, dass das Label kann kein Minus macht. Und deswegen habe ich das Glück, dass ich einfach so vor mich her schnattern kann. Wir reden nicht anders, als wenn da kein Mikro an wäre – nimmst du das auf? Ja? Gut.

Wenn wir über das Thema „Verstehen“ reden, so hat nicht ohne Grund der Ventil Verlag dieses Buch mit deinen Texten rausgebracht. Und nicht ohne Grund sind bei euren Platten die Texte abgedruckt. Wir wissen alle, wie viele Bands es gibt, wo andere Sänger oder Texter versucht haben, in diese Kerbe zu hauen. Wenn man sich nun einen Text von Jello Biafra durchliest, dann erzählt Jello da was über Politik und ich kann das verstehen und ich kann Hintergründe lesen, dann verstehe ich es noch besser. Wenn ich jetzt aber Texte wie deine lese, ja, die sind eben so, als ob ich mir im Museum ein Bild anschaue, und dann finde ich das interessant oder schön, aber ich muss es nicht verstehen. Ich kann es aber auch gar nicht verstehen, es ist halt, wie es ist. Und so geht es mir bei den Texten. Die Frage ist also: Kann man deine Texte im klassischen Sinne verstehen?
Nein. Man braucht immer eine Übersetzung dazu. Und der Schlüssel liegt entweder bei mir oder in dem Zustand, in dem ich gerade war. Auf der neuen ALTE SAU-Platte gibt es ein Stück, da habe ich den Text bewusst bekifft geschrieben und dann sollte der auch direkt aufgenommen werden. Ich sagte den anderen, dass ich glaube, ich kann nur eine Version machen. Diese Version ist dann auch so gelungen, dass man alles verstanden hat, also akustisch. Und dass da auch die Energie rüberkam, die es braucht. Da kann man dann hinterher keinem erklären, was das soll. Mit Thomas Wenzel habe ich diese Lesetour gemacht, da sind wir auf einem „Literaturschiff“ von Travemünde nach Warnemünde gefahren. Bei uns haben zwanzig, dreißig Leute zugehört, und danach kam eine Frau von vielleicht Mitte sechzig auf mich zu mit französischem Akzent. Sie sagte, sie habe nicht alles verstanden, aber sie fand das super, auch mit der Musik und so. Also was für ein großes Kompliment: „Ich habe zwar nicht alles verstanden, aber ich fand es trotzdem gut.“

Geht dir das selbst auch schon mal so?
Ja. Ich höre intensiv finnische Musik von verschiedenen Pop- und Punkbands, und irgendwie trifft mich die, auch wenn nicht weiß, was die da singen. Ich übersetze mir das dann mit Google Translator, und das ist zu 80% geiles Zeugs, harte Geschichten und lustige Sachen und lustige Ausdrücke. Ich glaube, das ist bei mir genauso. Ich habe habe einen Text auf der aktuellen MAULGRUPPE-Platte, der heißt „Im Pferd geblieben“. Das sind eigentlich zwei Geschichten, beide Geschichten sollten auf das Lied passen, aber die haben jeweils für sich nicht gereicht, also habe ich die zusammengetan. Erst geht es um eine Liebesbeziehung unter Hippies, und dann wird geswitcht in das Trojanische Pferd. Wie die sich fühlen kurz vor dem Angriff. Im Refrain werden dann beide Geschichten zusammengetan. Das musst du dann aber jedem erklären. Auf Punk-Konzerten geht das aber nicht. Meine Texte sind also, das wollte ich sagen, nicht alle gleich verständlich. Und ich will auch nicht geschmierte Brote da abliefern. Die Leute sollen, wenn die Bock drauf haben, ein bisschen nachdenken.Oder die können mich auch fragen. Ich bin ja nicht so, dass ich darüber nicht rede.

Gibst du dann, wenn Leute dich fragen, auch eine ehrliche Antwort? Du bist ja auch mal ein ironischer Fabulierer, und ich könnte mir vorstellen, dass es da je nach Tagesform und Laune ganz verschiedene Antworten geben kann.
Genau so ist das. Du hast da aus 17 Metern genau ins Tor geschossen.

„Bitte gehen Sie weiter. Es gibt nichts zu verstehen.“
Wer hat das gesagt?

Ich.
Das ist gut.

Vielleicht habe ich schon eine Überschrift für den Text.
Selbst wenn sie nichts verstehen, die Leute, ja mein Gott noch mal, die sollen sich mal nicht so anstellen. Die WIPERS haben nur in so Hieroglyphen geschrieben. Ich weiß nicht, was Greg Sage genommen hat. Und was für Geschichten die STRANGLES geschrieben haben. Aber es wird ja trotzdem irgendwie mitgesungen.

Verfolgst du denn, was über dich geschrieben wird?
Nein. Also was ich gelesen habe, ist der Text, den Andreas Bock geschrieben hat über mich für Die Zeit. Der ist ja von 11 Freunde, der war hier bei mir im Wald und es war ein richtig guter Abend. Das habe ich durchgelesen und dann aber festgestellt, dass ich niemals zu ihm gesagt habe: „Hey, piss mal da hin, wegen den Wildschweinen.“ Ich hatte das anders formuliert. Dieser eine Satz hat mich wahnsinnig gestört. Den Artikel habe ich tatsächlich ganz durchgelesen. Aber sonst? Nach so langer Zeit, wenn man das mal vierzig oder fünfzig Jahre macht, irgendwann hört man auf, Sachen über sich zu lesen. Man macht dann auch keine Fotos mehr von Sonnenaufgängen.

Echt, bist du nicht so der Romantiker? Also wenn du jetzt irgendwo in Finnland in der Waldhütte sitzt und über dem See die Sonne aufgeht, auch dann nicht?
Die geht ja nicht auf, denn die geht da nie unter.

Ein guter Punkt.
Na du weißt, was ich meine. Für die Proben mit MAULGRUPPE muss ich immer zum Üben nach Freiburg fahren. Da schieße ich immer billige Tickets. Für 26 Euro muss ich dann aber um sieben Uhr losfahren zurück nach Hamburg. Wieland fährt bis Hannover mit, dann weiter nach Berlin. Das eine Mal haben wir da einen Sonnenaufgang gehabt, und da war nicht die Sonne das Geile, sondern der Kampf zwischen Nebel und Sonne. Die Sonne hat natürlich gewonnen nachher, die blöde Kuh, aber das war schön anzuschauen für zwei Stunden. Das war richtig gut.

Was nimmt dich emotional so richtig mit? Solche Momente? Oder schöne Zeiten auf der Bühne?
So was wie mit Nebel und Sonne. Und auf der Bühne, wenn das so richtig knattert. Oder wenn du was anpflanzt und das kommt dann. Dieser irre Moment, wenn du was ganz Kleines in die Erde tust und plötzlich kommt da was raus. Ich habe mir Zitronensamen gekauft, und da sind zwei gekommen – Wahnsinn. Und an einem Bäumchen sind nach drei Jahren zum ersten Mal Früchte, diese kleinen grünen Dinger, Limetten.

Das neue ALTE SAU-Album ist jetzt raus, und im Sommer kam das zweite MAULGRUPPE-Album. Nicht schlecht für Corona-Zeiten – oder deshalb?
Du sagst das schon richtig. Man hatte echt Zeit dafür. ALTE SAU haben wir im November 2020 aufgenommen. Die Texte habe ich vorher gemacht, das war schon während Corona. Mit ALTE SAU waren wir im Januar 2020, also noch vor Corona, zusammen in Finnland und haben die Musik geschrieben, alles sortiert. Und dann habe ich auch schon während Corona die Texte gemacht, aufgenommen haben wir ab Dezember 2020 aufgenommen. Bis Februar 2021 waren wir immer wieder mal bei Ted Gaier im Studio.

Wie ist denn deine Rolle bei den Bands? Du bist ja der Typ, den die Leute kennen und wahrnehmen. Was ist von dir, was von anderen? Hast du auch Einfluss auf die Musik? Und wie, als „Nicht-Musiker“, du spielst ja selber kein Instrument, zumindest nicht auf den Alben.
Ich bin zu 90% einfach nur ein Sortierer. MAULGRUPPE zum Beispiel, da kommt ein Lied, die Typen sind ja fleißig. Und dann sage ich: „Nimm mal den Teil weg bitte und versuch den hinten dranzuhängen und zu halbieren. Ich habe eine Idee dazu, aber wie das jetzt ist, kann ich nicht so gut darauf singen.“ Und so schrauben wir an dem Ding rum, und bei ALTE SAU ist das genauso. Da kommt dann von Becki eine Orgelmelodie und dann frage ich, kann man nicht die verlängern oder kann man da nicht einen zweiten Teil machen, und dann kommt Thomas und spielt den zweiten Teil. So irgendwie geht das. Ich bin der Typ, der sagt: „Versuch das mal bitte anders, weil sonst kann ich da nicht so gut drauf singen.“

Wer ist denn dann der Songwriter. Wer bekommt die GEMA? Alle?
Nee, also Text ich und Musik je nachdem, wer das gemacht hat. Früher war mehr von mir, weil ich dann immer auf einer Saite Gitarre gespielt und mir was ausgedacht habe. Aber das ist zwanzig Jahre her. Wie gesagt, ich sortiere oder sage, was ich scheiße finde. Also ich muss ja irgendwie meinen Enterhaken auf die Musik rüberwerfen können, da muss was entstehen. Ich bin der Sänger und soll da Worte drauf tun und Chöre womöglich noch und so weiter und so fort. Oder andersrum gesagt, das kommt alles in einen Topf, dann wird gerührt und dann kommt da manchmal was Schmackhaftes dabei raus.

Um bei dem Topf-Beispiel zu bleiben: Man muss sich beim Kochen ja schon über die Richtung im Klaren sein: Mexikanisch, indisch, italienisch? Dieser Grundgeschmack ist bei MAULGRUPPE ein ganz anderer als bei ALTE SAU. Wer legt das fest?
Letztendlich mache ich das tatsächlich. Weil ich der bin, der die letzten Zutaten dazutut, nämlich die Wörter. Und wenn ich mit den Restzutaten nichts anfangen kann, dann weiß ich nicht, wie ich sie würzen soll, um bei dem Beispiel zu bleiben. Und ich sage auch schon mal zu den anderen, ich kann damit überhaupt nichts anfangen. Und das ist auch okay.

Wird dein Urteil von deinen Mitmusiker:innen dann auch akzeptiert? Bist du derjenige, der das letzte Wort hat? Oder wird diskutiert? „Nee, Jens, das ist aber gut.“ Wie ist da euer Verhältnis?
So ist das auch mal, dann bleibt das als Instrumental, weil ich kann mich da nur schwer verstellen. Ich brauche immer eine gewisse Qualität von einem Stück. Das muss irgendwie ballern, in irgendeiner Form berühren. Sonst geht es gar nicht erst los mit dem Schreiben.

Das neue ALTE SAU-Album wurde von eurem Tourbooker Jens mit den Worten angekündigt: „Rachuts erste Platte, auf der er nicht schreit“.
Kann sein. Das ist ja auch eine keine Brüll-Platte. Das sind ja mehr so ... Fetzen. Es ist ja nicht so wie die ersten beiden. Sonst hätten wir auch nicht weitergemacht. Noch mal so eine Platte zu machen wie die ersten beiden, das hätte nicht funktioniert, glaube ich. Das Das wäre ja dann wie die vierte BAD RELIGION oder die fünfte SNUFF. Deswegen wurden die Bands ja auch so oft gewechselt von mir, weil das dann für mich schon festgefahren war. Und deswegen haben wir gedacht, wir müssen uns vom Personal her auch verändern, deshalb haben wir Thomas Wenzel dazugeholt. Der schreibt richtig gute Lieder. Für mich ist das ein außergewöhnlicher Musiker wie auch Brezel Göring, Mense Reents und Ronnie Henseler.

Woher kennst du Thomas Wenzel, der früher mal bei DIE STERNE und DIE GOLDENEN ZITRONEN Bass spielte?
Ich kenne ihn, weil der ist mit Peta Devlin zusammen, die war bei OMA HANS. Peta macht Hörspiele und er macht die Hörspielmusik.

Ein prägendes Element bei dem Album ist der wirklich schöne Orgelsound, der von von Rebecca „Becki“ Oehms kommt. Wie ist euer Background?
Wir haben uns auf dem Dom kennen gelernt, dieser Kirmes hier in Hamburg. Da war ich im Spiegelkabinett und fand nicht mehr raus. Ich hatte mich da rettungslos verlaufen. Und da kam sie mit ihrem Freund an und hat das gesehen, weil ich saß da schon total verschwitzt. Das war Sommer. Und dann hat sie mir rausgeholfen und einen Schluck von ihrer Cola gegeben.

Die Orgel ist ein spezielles Instrument, sie hat einen markanten Sound, der prägnant ist bei der Platte. Warum wolltest du das so haben?
Ich wollte mal mit Leuten zusammen spielen und eine Band haben, wo keine Gitarre dabei ist. Weil die Gitarre nimmt die Hälfte des ganzen Sounds ein, wenn man mal darauf achtet. Das Glück ist, dass Ted Gaier auch Orgelfan ist, und die hatten da im Studio sechs oder sieben verschiedene Tasteninstrumente und haben die total geil eingesetzt. Die beide haben das Gehör dafür, haben bei verschiedenen Stücken verschiedenen Instrumente genommen.

Raoul Doré ist der Schlagzeuger, war aber auch für das Coverartwork zuständig – und dein Buchcover und die Zeichnungen darin. Wie kamt ihr zusammen?
Raoul habe ich über Becki direkt im Übungsraum kennen gelernt. Der hat auch mal bei einem Theaterstück mitgearbeitet, das ich in Hamburg gemacht habe. Der macht ganz viel Verschiedenes, Theaterbühnen, Installationen und so weiter, oder auch mal Projekte mit Jugendlichen. Der macht immer fünf, zehn verschiedene Sachen. Im Moment macht er Videos für ALTE SAU.

Was ist aus deinem alten Wegbegleiter Heiner Ebber geworden?
Der macht Studio Braun. Und er hat auch zwei, drei Bands. Auch so einer, der immer fünf verschiedene Sachen macht.

Das erste Interview, das ich gemacht habe mit einer deiner Bands, war mit DACKELBLUT 1995 im Biergarten vom Druckluft in Oberhausen. Du wolltest da nicht vors Mikro, also machte er das. Magst du Interviews nicht wirklich?
Man muss immer Bock dazu haben. Meistens stellen die Leute beknackte Fragen. Wieso trägst du Schirmmützen? Bist du wirklich aus Hamburg? Wie alt? Und irgendwann selektiert man das und dann macht man nur noch mit zwei, drei Leuten was.

Im Oktober habt ihr mit MAULGRUPPE ein paar Shows gespielt, die Bühne ist schon so deine zweite Heimat. Wie ging es wieder los für dich?
Im Juli 2020 haben wir tatsächlich einmal in Karlsruhe gespielt. Das war draußen mit Maske bis zum Platz und immer nur vier Leute an einem Tisch. In Bremen auch. Und jetzt halt wieder. Im Januar gibt es dann ALTE SAU-Konzerte, dann kommt noch eine Lesetour und dann weiß ich noch nicht, dann will ich auch mal wieder was anderes machen.