© by Jessica StandleyANOTHER DAMN DISAPPOINTMENT aus Sacramento, Kalifornien standen in den frühen 2000er Jahren bei mehreren Warped-Touren auf der Bühne. Nach über 17 Jahren Release-Pause, in der sie unter anderem Gründungsmitglied und Bassist Casey Marsullo verloren haben, erschien im April 2025 das neue Album „Bedlam“. Bassist Aaron erzählt uns, wie das Album entstand, und gewährt Einblicke ins Songwriting.
Aaron, was machst du alles bei ANOTHER DAMN DISAPPOINTMENT?
Ich bin derzeit der Bassist, habe aber als Gitarrist angefangen, und ich bin sozusagen der zweite Sänger, der alle Harmonien singt.
Euer Gründungsjahr wird mal mit 1998, 1999 oder 2001 angegeben – wann war das wirklich und wie kam es dazu?
Wir haben mal nachgerechnet und kamen auf 1998, dann haben wir gemerkt, dass es eigentlich erst ein Jahr später war. Ach, sagen wir einfach 1998, was macht das für einen Unterschied? Ich bin ja erst 2006 dazugekommen. Die erste Besetzung bestand aus unserem Sänger Josh, dem ursprünglichen Bassisten Casey und unserem aktuellen Gitarristen Ross. Ich glaube, der Schlagzeuger damals war Jeff. Jedenfalls gingen sie alle auf die Folsom Highschool, standen auf Skateboarding und Punkrock.
Was waren die Einflüsse und Ambitionen, die du bei deinem Einstieg mitgebracht hast?
Als ich zur Band kam, waren sie eher von Bands auf Epitaph Records beeinflusst, RANCID, BOUNCING SOULS, GUTTERMOUTH und so. Ich mochte die alle auch, aber ich war irgendwie eher von den Fat Wreck Chords-Bands besessen. Ich absolvierte da damals eine Ausbildung in einem Tonstudio, als Josh vorbeikam, um für das Projekt eines Freundes etwas einzusingen. So habe ich ihn kennengelernt. Kurz zuvor hatte ich ADD als Vorband von DEATH BY STEREO gesehen, die auch zu meinen Lieblingsbands gehören. Und als ich Josh dann zufällig traf, erwähnte ich ihm gegenüber, dass ich gerade zurück in die Stadt gezogen war, dass ich Gitarre spiele und auch gerne einspringen würde, falls sie mal jemanden brauchen. Und er sagte: „Wir suchen tatsächlich gerade einen zweiten Gitarristen.“ Ob ich vorbeikommen und vorspielen wolle. Es war einfach perfektes Timing. Sie hatten als Quartett angefangen. Ich hatte tatsächlich Musik studiert und einen Abschluss in Gitarre gemacht. Ich war also definitiv überqualifiziert, um Punkrock zu spielen, haha.
Euer aktuelles Album „Bedlam“ kam vor ein paar Monaten und 17 Jahre nach eurem letzten Album „Relentless“. Dazwischen ist viel passiert. Der Elefant im Raum ist wohl der Verlust eures Mitglieds Casey.
Es ist jetzt fast neun Jahre her, dass wir Casey verloren haben. Er ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Eine schreckliche Tragödie, die aus dem Nichts kam. Es hat eine Weile gedauert, bis wir seinen Verlust verarbeitet hatten. Aber wir wussten einfach, wie wichtig ihm die Band war und dass er gewollt hätte, dass wir weitermachen. Glücklicherweise kam zu der Zeit, als wir Casey verloren haben, unser alter Schlagzeuger, sein Name ist Wes, und sagte, er könne eine Weile als Bassist einspringen. Er spielte ein paar Shows lang Bass, dann fanden wir schließlich unseren aktuellen Gitarristen Alex. Ich erinnere mich, dass die Jungs mich panisch angerufen haben, um mich zu fragen, ob ich zum Bass wechseln würde. Und ich sagte nur: Ja, klar, mach ich.
Wie lange habt ihr letztlich an „Bedlam“ gearbeitet?
Nach der Veröffentlichung von „Relentless“ hatten wir unseren Schlagzeuger gefeuert, der es mit eingespielt hatte. Ich glaube, das war 2009. Und wir hatten gerade ein neues Mitglied und neue kreative Energie, und fast alle Songs für „Bedlam“ entstanden damals in kürzester Zeit. Wir hatten also diese Sammlung von Songs und haben auch allen erzählt: Es kommt bald, das neue Album kommt bald! Und dann hat es 15 Jahre gedauert, haha. Aber eines der großartigen Dinge daran, dass es so gekommen ist, und ich bin super dankbar, dass wir uns die Mühe gemacht haben, ist, dass Casey tatsächlich auf „Bedlam“ zu hören ist. Wir haben es, glaube ich, ein Jahr vor seinem Unfall aufgenommen. Es ist immer so, dass einer entweder mit einem Riff oder ein paar verschiedenen Strophen ankommt, also nur dem musikalischen Part. Und dann komponiert Josh dazu Melodien und baut den Song auf. Und so haben wir den Rahmen für den Song. Wir gingen in ein großartiges Studio hier in Sacramento, Pus Cavern, und arbeiteten mit einem Typen namens Joe Johnston zusammen, der das Ganze technisch umsetzte. Wir haben einfach so gespielt, wie wir es auch bei den Proben tun, und dabei Bier getrunken. Es mag ein bisschen holprig klingen, aber das war unser Sound.
Das Album klingt sehr kraftvoll und punkig, manchmal sogar thrashig, wie etwa der Opener „All“.
Ich denke, wenn man sich das ganze Album anhört, ist „All“ irgendwie anders als die restlichen Songs. Er ist am stärksten vom Metal beeinflusst. Ross und ich haben uns zusammengetan, und Ross schreibt meist den Großteil der Gitarrenparts, weil er einfach eine Riff-Maschine ist. Ich erinnere mich, dass er dieses Riff hatte, und dann fanden wir beide die harmonischen Gitarrenriffs richtig gut, wo wir nicht einfach nur dasselbe spielen. Das ist typisch Metal. Nichts Neues. Und dann der Mittelteil des Songs, der Breakdown, der klingt eher wie ein SLAYER-Riff oder so. Das war von mir. Wir haben das zusammengefügt, unser Schlagzeuger hat die Doublebass ergänzt und plötzlich war klar: Hey, wir haben einen Metal-Song geschrieben!
„Runnin’ dry“ thematisiert Erschöpfung und den Drang weiterzumachen. Wie findet ihr in Zeiten von Social Media, Krisen und Kriegen im Alltag Kraft, wenn der Wunsch aufzugeben immer größer wird?
Josh hat alle Lyrics dafür geschrieben und es ist einer der Songs, bei denen die gesamte Musik von mir stammt. Ich finde, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, dass es um Erschöpfung geht, aber auch darum weiterzumachen. Und ich glaube, wenn ich für Josh sprechen darf, das kommt daher, dass Josh ein echter Arbeiter ist, einer der hart arbeitet, eigentlich tun das alle in dieser Band. Ich denke, heutzutage fühlen sich viele Leute, besonders durch die sozialen Medien, berechtigt, nicht hart zu arbeiten, und erwarten stattdessen, dass ihnen alles einfach so gegeben wird.
In „Lights go out“ geht es um Entfremdung und die Wut über die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Wie nehmt ihr diese Probleme in eurer Region wahr?
Wir schreiben einfach über das, was wir um uns herum sehen. Und ich finde, dass sich die Lage in den letzten fünf Jahren seit Corona deutlich verschlechtert hat. Wir haben hier in der Gegend festgestellt, dass es viel mehr Obdachlosigkeit und andere soziale Probleme gibt als früher. Ich glaube allerdings, Josh hat den Text zu diesem Song schon lange vor Corona geschrieben, wahrscheinlich vor zehn Jahren. Aber er hat schon damals bemerkt, was auf uns zukommt, zum Beispiel das Verschwinden der Mittelschicht. Und als das Album dann herauskam, stellten wir fest: Wow, die Lage ist noch viel schlimmer!
„You take the pain“ beschreibt den Umgang mit Verlust und widersprüchlichen Gefühlen. Was fasziniert euch an dieser Spannung?
Das weiß ich nicht so genau. Josh kommt einfach mit den Texten und wir finden erst nach und nach heraus, worum es genau geht. Aber ich mag, dass du „You take the pain“ erwähnt hast, weil der Song anders ist als alle anderen, die wir jemals geschrieben haben. Es ist eher eine Heavy-Rock-Nummer. Jedenfalls brachte er diesen Entwurf mit und ich erinnere mich, dass unser Bassist Casey ihn hasste, weil er ihm nicht punkig genug war. Letztlich kam er doch auf das Album, obwohl keiner von uns wirklich glaubte, dass vielen Leuten dieses Stück gefallen würde, also haben wir es ganz weit hinten in der Tracklist versteckt. Aber überraschenderweise ist er einer der am meisten gespielten Titel von uns auf den Streaming-Seiten. Es ist cool zu verfolgen, wie er ein Eigenleben entwickelt.
Gibt es noch irgendwelche Bands oder Projekte, die du uns empfehlen möchtest?
Nun, wir hatten die Freude, vor ein paar Wochen beim Gutterfest zu spielen, dem Festival von GUTTERMOUTH in Los Angeles. Das war wirklich cool, weil sie eine unserer Lieblingsbands sind. Meiner Meinung nach müssten sie heute eigentlich viel größer sein. Eine andere Band sind THE DEVIATES. Hört euch ihr Album an, wenn ihr es noch nicht kennt, es heißt „Holding Out“.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Tim Wetzer
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #181 August/September 2025 und Christoph Siart