AUSREDEN

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Erste Ausfahrt Kosovo

Ein Quartett aus der Punk-Hauptstadt Berlin, gegründet kurz vor der Pandemie, das ungewöhnliche Wege geht. Nach gerade mal zwei Auftritten in Deutschland spielen DIE AUSREDEN gleich mal eine zweiwöchige Tour durch den Kosovo. Mitten im osteuropäischen Niemandsland. In Pristina entsteht auch das Debütalbum „Menschen“, das Ende November bei Bakraufarfita erschien. Logan Zufall, Paula Prachtkind, Ms. Mawashi Geri und Phil Smaller rammen damit ihre Fahne in die Punk-Landkarte. Wir treffen die Band bei ihrem Auftritt im Vorprogramm von HASS im Club Immerhin in Würzburg und die Berliner erzählen, wie das alles so gekommen ist, mit ihnen und dem Kosovo.

Wie lauten die schlechtesten Ausreden, mit denen ihr durchgekommen seid?

Phil: Ich habe tatsächlich mal die tote Oma benutzt und es hat funktioniert. Damit habe ich eine Klassenarbeit in meiner Jobausbildung geschwänzt. Das hat geklappt, haha. Ich hoffe, die Lehrer:innen lesen nicht das Ox.
Paula: Bei mir ist es fast immer, dass die Bahn nicht fährt. Nur ist das keine Ausrede, sondern es passiert immer in Berlin, dass irgendeine Bahn nicht fährt. Deshalb bin ich leider immer zu spät.
Logan: Ich erzähle immer, dass ich irgendwas aus beruflichen Gründen nicht machen kann. Ich muss noch arbeiten. Das akzeptieren immer alle blöderweise. Obwohl es bei mir fast nie stimmt, haha.
Mawashi: Ich habe auch die Schule geschwänzt, das stand dann im Zeugnis und meine Eltern haben gefragt, was da los war. Und ich habe ihnen gesagt: Keine Ahnung. Die haben einen Fehler gemacht.

Ihr seid eine junge Band, euch gibt es noch gar nicht so lange. Wie hat das alles angefangen mit DIE AUSREDEN? Habt ihr vorher in anderen Bands gespielt?
Logan: Für einige von uns ist es die erste Band, nicht für alle. Ich bin schon seit den 1990ern in verschiedenen Bands unterwegs. Meine erste Band waren die BRAINLESS WANKERS, jetzt spiele ich noch in einer Elektropunk-Band namens PROTOKUMPEL und in der Glampunk-Band THE LOVE ROCKETS.

Warum hast du dann noch eine Band ins Leben gerufen?
Logan: Ausgangspunkt war, dass ich eher elektronische Sachen gemacht und die Wankers sich schon vor einer Weile aufgelöst hatten. Ich hatte einfach wieder Bock auf Gitarrenmusik und Punk. Dann habe ich angefangen, ein paar Songideen zu sammeln und Augen und Ohren nach Leuten offenzuhalten.
Paula: Ich habe Logan bei einem Konzert von Freunden kennengelernt. Ich hatte vor zehn Jahren mal eine Band und wollte schon lange wieder was machen, habe aber niemanden gefunden. Dann haben wir uns getroffen und schnell war klar, dass wir eine Band starten. Das war 2021 und dann kam gleich die Pandemie. Es gab keine Konzerte und wir hatten noch keinen Drummer. Aber dann kam der Moment, in dem Logan mit seiner anderen Band THE LOVE ROCKETS im Clash in Berlin gespielt hat. Mawashi und ich waren da und Phil war auch mit einem Kumpel dort.
Phil: Ich habe eine Kassette von THE LOVE ROCKETS gekauft, wollte die signieren lassen und habe mich mit Logan unterhalten. Da habe ich ihm erzählt, dass ich Schlagzeuger bin und schon seit einem Jahr eine Band suche. Er sagte dann: Ich suche noch einen Schlagzeuger für meine andere Band – und die Sache war geritzt. Ich war schon vorher in Bands und spiele schon seit 20 Jahren Schlagzeug. Ich hatte Bands in Berlin und in Texas. Ich war vier Jahre lang in Houston, Texas und fünf Jahre in Pristina im Kosovo und habe dort immer in Bands gespielt. In Houston waren das SILVER BLUEBERRY und MUHAMMADALI. Und in Pristina SOTAP und ZWADA.

Der Kosovo hat eine große Rolle gespielt in den Anfangstagen eurer Band. Ihr habt eure ersten Konzerte dort gespielt.
Mawashi: Unsere allererste Show war vor zweieinhalb Jahren hier im Immerhin in Würzburg. Ein Konzert haben wir noch in Berlin gespielt. Phil sagte dann, seine alte Band ZWADA hätte angeboten, wir könnten jederzeit kommen und auftreten. Dann haben wir das einfach gemacht und waren im Oktober zum ersten Mal im Kosovo und haben dort fünf Konzerte gespielt. Das war super. Wir kamen dahin und kannten den Kosovo nur aus den Nachrichten. Unsere Freunde meinten alle: Seid ihr irre? Phil sagte uns, das ist kein Problem, wir fahren. Das lief dort alles sehr spontan und improvisiert. Aber es hat super funktioniert und es war unglaublich. Nach jedem Konzert kamen Kids zu uns, die gesagt haben: So was habe ich noch nie gehört. Ich will auch eine Band gründen.
Phil: Es war so frustrierend in Berlin, weil dort die Venues schon Monate im Voraus ausgebucht sind. Als neue Band hat man große Probleme, irgendwo reinzukommen, weil der Markt so übersättigt ist. Deshalb habe ich die Tour im Kosovo vorgeschlagen. Und wir wussten tatsächlich erst, als wir dort waren, welche Shows wir spielen. Die Besitzer der meisten Bars wussten gar nicht, ob sie am nächsten Tag noch am Leben sind. Wir haben zwei Tage vorher angerufen und die Konzerte klar gemacht. Ich habe in Pristina damals an der deutschen Botschaft gearbeitet. Von 2016 bis 2021 war ich mit meiner Familie dort. Da gibt es noch keine richtige Szene und ich kam aus Texas, wo DIY in der Punk-Szene sehr weit verbreitet ist. Wenn du keine Shows buchen kannst, musst du sie selbst organisieren. Dann kaufst du einen Generator und veranstaltest illegale Shows unter irgendeiner Brücke. Damit haben wir im Kosovo auch angefangen und irgendwann haben die Barbesitzer gemerkt, dass man damit Geld verdienen kann. So sind einige Konzert-Venues dort entstanden. Meine alte Band ist mir heute noch dankbar dafür, deshalb wollten sie was zurückgeben und haben uns eingeladen.

Kommst du aus einer Diplomatenfamilie?
Phil: Ich bin der erste Diplomat in meiner Familie. Ich bin tarifbeschäftigter Sekretär im mittleren Dienst. Ich habe eine Ausbildung zum Fremdsprachenassistenten gemacht, bin 2009 nach Berlin gezogen und habe direkt beim Auswärtigen Amt angefangen. 2012 bin ich nach Texas versetzt worden mit Frau und Tochter. Dann waren wir eben noch im Kosovo, haben noch zwei Kinder bekommen und sind irgendwann wieder zurück nach Berlin gekommen.

Jetzt habt ihr euer Debütalbum „Menschen“ aufgenommen. Das war auch im Kosovo, oder?
Logan: Es war klar, dass wir ein Album aufnehmen wollen. Ich kam arbeitsbedingt zwei Tage später im Kosovo an, da hatten die schon Kontakt zu einem Typen aufgenommen, der in Pristina ein Studio betreibt. Also haben wir unser Album dort aufgenommen. Die Tour war im Oktober 2023 und im August 2024 waren wir noch mal dort, um das Album aufzunehmen.

Wie seid ihr zu eurem Label Bakraufarfita gekommen?
Paula: Ich kenne Bönx schon seit 25 Jahren aus der Berliner Punk-Szene. Ich bin auch aktiv beim Online-Fanzine Bierschinken. Wir haben das Album komplett allein gemacht und wollten das als Vinyl groß aufziehen. Als alles fertig war, sind wir zu Bakraufarfita gegangen. Bönx hatte uns schon bei unserer EP unterstützt, die nur als CD erschienen ist. Wir wollten, dass unsere wunderschöne Platte auch zu den Menschen kommt, deshalb waren wir ihm für seine Hilfe sehr dankbar.

Worum geht es in den Texten? Gibt es einen roten Faden?
Logan: Es ist kein Konzeptalbum. Es gibt sehr unterschiedliche Texte. Von leichteren, dadaistischen Themen bis zu Lovesongs und politischen Dingen.
Paula: Der Albumtitel „Menschen“ beschreibt unsere Songs ziemlich gut, weil wir alltägliche Dinge aus dem Leben aufgreifen. Alles, was uns persönlich beschäftigt. Ein Song auf dem Album heißt „Irgendwas mit ohne Menschen“ und während wir das Album aufgenommen haben, bin ich im Kosovo herumgelaufen und habe heimlich Fotos fürs Artwork gemacht. Bei allen Bildern habe ich gemerkt, dass ich diesen einen Song im Hinterkopf hatte und auf keinem Foto Menschen zu sehen waren, sondern nur Tiere oder Architektur. Letztendlich war es der Kontrast, den Songtitel abzukürzen und das Album „Menschen“ zu nennen. Weil ich fand, das beschreibt alles, was uns auf der Platte beschäftigt. Dann habe ich meine Idee der Band präsentiert und alle waren einverstanden.
Logan: Der Song „Irgendwas mit ohne Menschen“ ist aus der Verzweiflung heraus entstanden über das, was Menschen anderen Menschen antun. In welche Richtung sich viele Dinge entwickeln. Wo man manchmal verzweifelt und es trotzdem schaffen will, positiv zu bleiben und die Hoffnung zu wahren.

Was ist der Plan mit DIE AUSREDEN? Wie ist die Attitude der Band?
Paula: Wir freuen uns immer mega, wenn wir angefragt werden. Das ist eigentlich immer der Grundtenor. Wir sind alle berufstätig, haben aber drei Leute in der Band, die selbständig sind und sich ihre Zeit ganz gut einteilen können. Wir machen das für uns, weil wir einfach Bock haben und unbedingt Konzerte spielen wollen.

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