BAD GENES

Foto

Die Pittsburgher Punkrocker

D.I. Y. - Do It Yourself! - eine alte Maxime der Hardcoreszene. Die Pittsburgher Punkrocker BAD GENES, hervorgegangen aus NECRACEDIA, nahmen die Forderung, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, ganz genau: Statt sich einer deutschen Agentur zu bedienen, buchte Bassist und Sänger Sean die vierwöchige Europatour der Band einfach selbst. Anfang August kam die Band auf dem Pariser Flughafen an, wo ein Peugeot im VW Golf-Format gemietet wurde, in den sich dann Sean, Sänger Scott, Drummer Rieh (der sonst bei den genialen AUS-ROTTEN spielt) und Gitarrist Dan samt ihres minimalen Gepäcks hineinzuquetschen versuchten. Ich traf die BAD GENES zweieinhalb Wochen später bei ihrem Konzert in der Düsseldorfer Kiefernstraße.

Sean:
Bevor wir irgendwas sagen, muss ich die Ox-Leser warnen: Dieses Interview nur aus sicherer Entfernung zu lesen, denn wir konnten seit Tagen nicht duschen und stinken erbärmlich. O.k., Scott, Rieh und ich spielten früher bei NECRACEDIA und sind jetzt die BAD GENES. Unser erstes Konzert spielten wir im März 1992.
Scott: NECRACEDIA gab es seit September 1986, als deine Leser alle noch in die Grundschule gingen, hehehe. Ich war damals sechzehn und ging zur Highschool.
Sean: Wir hatten also eigentlich genug Zeit um zu erkennen, wie blöd wir doch sind, unsere Zeit so zu verschwenden. Stattdessen fahren wir immer noch in der Gegend rum und verlieren unser sauer verdient es Geld.

Wann und warum habt ihr angefangen Musik zu machen?
Scott:
Als ich vierzehn war, spielte ich in einer Heavy Metal-Band, weil die ganzen Mädels immer zu unserem Proberaum kamen. Wir soffen und kifften und machten grauenhafte Musik und markierten für die Mädels die Helden, hehehe. Danach spielte ich in einer Speedmetal-Band, bis ich anfing Hardcore zu hören und schließlich Scott und Rieh traf.
Sean: Eigentlich machen wir ja auch Speedmetal, aber weil wir so schlecht sind, nennen wir's Punkrock. Ich fing damals deshalb an, in einer Band zu spielen, weil ich erst fünfzehn war und nirgends Bier trinken durfte. Also „probten" wir jeden Tag, nahmen das aber nur als Vorwand, uns vollaufen zu lassen. Mein Vater kam gelegentlich vorbei, um mich abzuholen und erkundigte sich dann, wie die Probe gewesen sei. Ich war regelmäßig breit und murmelte nur: „Sehr ermüdend"... Die Band war wirklich schlecht und ich war der Sänger. Wir hießen CORROSIVE DEATH, hahaha.
Scott: Meine Metalband hatte noch einen viel besseren Namen: Sie hieß LASHER, hehehe.
Sean: Wir kommen alle drei aus einer langweiligen, kleinen Provinzstadt namens Altoona in Pennsylvania, und als Teenager spielst du entweder in einer Band oder arbeitest an der Tankstelle. Oder du machst beides.

Und dann habt ihr euch entschieden, in die große Stadt zu ziehen und reich und berühmt zu werden.
Sean:
Ja, und stattdessen gingen wir nach Pittsburgh. Wir lösten die Band auf und begannen zu studieren. Aber irgendwann wurde das alltägliche Saufen langweilig und wir entschieden uns, wieder in einer Band zu spielen. Ich probte kurzzeitig in einer Skinheadband, bis ich herausfand, dass sie rassistische Texte hatte.
Scott: Ich probte eine Weile mit einer Metalband namens TRAVESTY, aber dann kam ihr ursprünglicher Sänger zurück und sie schmissen mich wieder raus.
Sean: Danach gründeten wir zusammen mit Wes, der bei einer recht bekannten Metalband namens EVICTION gespielt hatte, eine neue Band, aber wir konnten keinen Drummer finden. Wir fragten deshalb Rieh, ob er nicht Lust habe.
Rieh: Und ich war so blöd, mich überreden zu lassen. Ich wohnte nicht in Pittsburgh und fuhr jedes Wochenende drei Stunden nach Pittsburgh zur Probe und drei , Stunden wieder zurück - mitten im Winter, mit meinem alten VW ohne Heizung! Ich setzte mich deshalb immer mit dem Schlafsack ins Auto.

Und was ist mit dir, Dan?
Dan:
Die BAD GENES sind die erste richtige Band, in der ich spiele. Vorher probte ich mit den üblichen Highschoolbands, aber wir schafften es nie, aus unserem Keller herauszukommen. Vor eineinhalb Jahren schlug dann das Schicksal zu: Debbie von WORMHOLE stellte mich im BBT, einer polnischen Säuferkneipe in Pittsburgh (Guter Laden! Kann ich nur empfehlen - die haben dort fünfzig verschiedene Biersorten. - Joachim), Sean vor. Ich hatte nichts Besseres zu tun - also wurde ich der neue Gitarrist. Und was habe ich davon? Ich sitze heute in einem Ghetto in Düsseldorf, das mehr nach Leipzig oder Dessau aussieht, wir haben eine Metalcombo als Vorband, ich habe Durchfall, einen verstauchten Knöchel und amüsiere mich prächtig. Und ich muss noch zugeben, dass das erste Punkkonzert, das ich besucht habe, eines der BAD GENES war. Und auch seit ich in dieser Band spiele, sind unsere Konzerte die einzigen Punkshows, bei denen ich war. Denn falls es jemanden interessieren sollte: Punk ist immer noch das dümmste und langweiligste, was mir in meinem bisherigen Leben begegnet ist. Klar, es macht Spaß…
Sean: Hör nicht auf ihn, der kommt sich nur so klug vor, weil er einen Ziegenbart hat.
Dan: Wahrscheinlich hast du recht: Sobald ich mich rasiere, wird der ganze Punk-Bullshit wieder einen Sinn ergeben. Vielleicht bin ich auch einfach nur ein Arschloch, aber was soll’s - ich bin stolz darauf.

NECRACEDIA waren ja mehr eine typische Hardcoreband, während die BAD GENES eher in der Tradition englischer Bands a la CLASH oder SUBHUMANS stehen. Wie kam es zu diesem Kurswechsel?
Sean:
Andere Bands mögen dafür den Ausdruck „Weiterentwicklung" verwenden - ich nenne es einfach „Älterwerden". Du investierst deine ganze Zeit in die Band und kommst irgendwann an den Punkt, wo du feststellst, dass niemand in deinem Alter zum Konzert kommt, weil sie so laut und schnell und schrecklich ist. Und auch die Leute, mit denen du einen Trinken gehst, können mit deiner Musik nichts anfangen. Wir fingen an, nachzudenken und entschlossen uns, NECRACEDIA aufzulösen und die BAD GENES zu gründen.
Scott: Am Schluss hatte ich gar keinen Bock mehr, unsere Musik anzuhören, weil ich mittlerweile eher auf Rockabilly stand.
Sean: Mittlerweile spielen wir live wieder ein paar NECRACEDIA-Songs und stellen fest, dass es immer noch Spaß macht. Außerdem ist unser eigentlicher Schlagzeuger zu Hause geblieben, und wir nahmen stattdessen Rieh mit, womit wir zu 3/4 NECRACEDIA sind. Wir wollte mit den BAD GENES einen Schlussstrich unter NECRACEDIA ziehen und suchten deshalb für unsere erste Single zwei Songs aus, die besonders in diese SUBHUMANS/CULTURE SHOCK/ CLASH-Richtung gehen.

Wieso sind denn euer alter Gitarrist und Schlagzeuger nicht mehr dabei ?
Scott:
Die beiden sind bzw. waren wirklich nette Leute, haben auch eine Teil der Songs mitgeschrieben, aber irgendwie waren sie etwas zu brav für ein Punkband. Sean und ich haben Spaß dran, unsere Freizeit mit der Band zu verbringen, jedes Wochenende durch die Gegend zu fahren und irgendwo zu spielen.
Sean: Für uns ist es normal, im Monat zehn oder zwölf Konzerte zu spielen, aber mit den beiden waren höchstens zwei oder drei drin. Im ersten Jahr der BAD GENES passierte deshalb außer der 7" nicht viel. Aber dann ließ mich meine Freundin sitzen und ich hatte plötzlich wieder die Energie, mich ganz der Band zu widmen. Ich kaufte einen VW-Bus und wir spielten wieder regelmäßig.

Wo spielt ihr denn?
Sean:
In Städten wie New York, Chicago, Detroit oder Philadelphia insgesamt rund zehn Städte, die nicht weiter als sieben, acht Stunden entfernt sind. Und wenn wir die durch haben, fangen wir wieder von vorne an. Außerdem sind wir früher regelmäßig mit kaputtem Bandbus irgendwo liegengeblieben, was die Sache immer spannend gemacht hat. Aber: „What can I do?", wie man in Slowenien sagt. Da fällt mir ein, „bruham" ist das neue Wort im Punkrock. Es ist slowenisch und bedeutet „ich kotze". Wir haben darüber mit unseren Gastgebern in Slowenien gesprochen, weil es keinen Sinn macht, das zu sagen; Man sagt es nicht, man tut es! Kurz darauf übernachteten wir dann in einem besetzten Haus in Slowenien, und da war dieses Mädchen, so sechzehn Jahre alt, die gerade mit ihrem Freund Schluss gemacht und einen Liter Gin gesoffen hatte. Mitten in der Nacht wachte ich dann auf, als sie von dem Sofa, auf dem sie geschlafen hat, neben mir auf den Fußboden fällt. Ich fragte sie, ob sie o.k. sei. Rate mal, was sie mir antwortete? „Bruham!" Bei unseren Konzerten in Slowenien haben wir dann immer „Bruham!" ins Mikrophon gebrüllt, und die Leute schrien „Bruham!" zurück. Ich denke, wir haben eine neue Modewelle ausgelöst.
Scott: Danach waren wir dann in Augsburg bei FLAT EARTH SOCIETY, Freunden von Sean. Wir hatten wie üblich ordentlich gesoffen, und ich machte mich gerade in der Dusche etwas frisch, als Günther von F.E.S. an die abgeschlossene Tür klopfte. Ihm war wohl schlecht und ich hörte ein kurzes Gerumpel sowie den Schrei „Bruham!". Tja, er hatte in einen Eimer kotzen müssen. Er war sturzbesoffen und versuchte mir weiszumachen, es hätte an verdorbenen Tomaten gelegen, hahaha.

Wie war denn die Tour so?
Sean:
Ziemlich o.k., wobei ich das Gefühl habe, dass außer dir und Uschi sowie meinen Freunden in Augsburg niemand in Europa mehr von uns kennt als den BAD GENES-Song von der Ox-7". Um so erstaunlicher deshalb, dass wir eigentlich immer recht viele Zuschauer hatten.

Die einzige US-Band außer euch, die ihre Tour selbst gebucht hat, sind LEGAL WEAPON. Mir scheint, daß viele Bands denken, Europa hätte nur auf sie gewartet. Scott: Wir sind sehr genügsam. Wir sind schon zu Frieden, wenn wir genug Freibier bekommen.
Dan: Es ist traurig, was für einen Eindruck viele US-Bands in den Clubs, Squats und Jugendzentren hinterlassen haben. Im K.O.B. in Berlin wurden wir anfangs mit solcher Distanziertheit behandelt, dass wir den Eindruck hatten, sämtliche US-Bands vor uns hätten sich wie Arschlöcher aufgeführt. Falls sich irgendeine US-Band angesprochen fühlt und das liest: Fuck off!!!
Scott: Wir bekamen da ein eigenes Zimmer, hervorragendes Essen und genug zu trinken. Und trotzdem fragten die ständig, ob denn alles o.k. sei. Es war uns schon richtig peinlich. Wir hatten das Gefühl, die würden uns nicht glauben, dass alles perfekt ist, und nur darauf warten, bis wir uns beklagen.
Sean: Wir haben uns auch immer bemüht, mit örtlichen Vorbands zusammen zu spielen. Klar, wir waren auch auf sie angewiesen, weil wir außer unseren Gitarren und ein paar Schlagzeugteilen nichts dabeihaben. Als ich in Augsburg studierte, hatte ich gemerkt, wie schwer es für einheimische Bands ist, an Konzerte ranzukommen. Wir wollten deshalb nicht als die amerikanischen Stars erscheinen. Fuck American Bands! Überall wo wir hinkamen, erwarteten die Leute von uns unreifes, kindisches Verhalten. Hier müssen sich ein paar Leute ganz schön übel aufgeführt haben.

Ihr spracht vorhin, davon, dass ihr euch zu alt fühlt für Knüppelhardcore. So alt seid ihr doch noch gar nicht, oder?
Scott:
Nein, Scott und ich sind Mitte zwanzig. Aber wir sind einfach ruhiger geworden, zu Hause warten unsere Freundinnen und wir haben keine Lust mehr auf permanente Exzesse. Aber hey, das soll nicht heißen, dass wir uns nicht gern einen trinken. Dazu schmeckt das deutsche Bier auch einfach zu gut. Ich weiß gar nicht, was ich trinken soll, wenn ich wieder zurück bin.
Sean: Falls irgendwer aus Deutschland vorhat, in die USA zu reisen, kann ich ihm nur raten, ausreichend Bier mitzubringen. Außerdem gibt es bei uns keine Biergärten, und es ist auch nicht erlaubt, auf der Straße Alkohol zu trinken. Dass man in Kneipen erst ab 21 trinken darf, weiß wohl schon jeder. Don't visit America - and if you do, bring your own alcohol.

Wie ist es denn so, in einem französischen Kleinwagen durch Europa zu touren?
Sean:
Ich muss mich bei den Franzosen entschuldigen, denn ich hatte schon das Schlimmste befürchtet, weil mir als einziges französisches Auto die Ente in Erinnerung war. Wir wollten ursprünglich einen VW Golf, aber der Peugeot 306 Diesel ist ein tolles Auto und verbraucht kaum Sprit. Mittlerweile riecht es allerdings wie eine Fischfabrik, weil vier schmutzige, verschwitzte Punks mit all ihrem Gepäck darin schlafen, essen und wohnen. Die werden sich freuen, wenn sie das Auto zurückbekommen...

Was sind eure Pläne für die nächste Zukunft?
Sean:
Wir sprachen gerade mit Angela von New Life Records und wir werden wahrscheinlich Anfang nächsten Jahres bei ihnen eine CD rausbringen. Ja, und vielleicht kommen wir ja nächstes Jahr schon wieder auf Tour.

Habt ihr noch ein Anliegen?
Sean:
Ja. Uns würde interessieren, warum so viele deutsche Punks Lederhosen tragen, aber scheinbar keine Probleme damit haben: Sie schwitzen nicht, es juckt nicht, es stinkt nicht. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Leute mit Lederhosen gesehen wie hier auf Tour in Deutschland. Schreibt uns, falls ihr eine Antwort wisst! Als Belohnung schicken wir euch dann unsere nächste 7“
Scott: Deutsche Punks sind sowieso witzige Leute. Bei uns trägt jeder Jeans, aber hier haben die Punks gestreifte Hosen oder Hosen mit Leopardenmuster an.
Sean: Punks in Amerika, besser gesagt in Pittsburgh, sehen irgendwie gepflegter aus. Leute mit Iros und Nietenjacken sind bei uns meistens ziemlich jung und Leute, die noch zu Hause wohnen oder eine eigene Wohnung haben. Hier sind die Iropunks viel schmuddliger und schnorren dich ständig um Geld an. Außerdem haben viele Punks hier lange Haare. Bei uns war das vor drei Jahren so, aber heute ist das ein „Fashion-No-No". Bei Deutschen, die ein gutes Fanzine machen, können wir über lange Haare aber ausnahmsweise hinwegsehen...

Nun ja, andere Leute, die in US-Punkbands singen, sehen dafür aus wie Elvis Presley in jungen Jahren...
Scott:
Danke! In Essen sagte mir auf dem Konzert eine Frau, ich sähe aus wie Brendan aus „Beverly Hills 90210"."
Sean: Vielleicht sollten wir uns ja in BAD GENES 90210 umbenennen.

Anzeige