BLACK HEINO

Foto© by John Brömstrup

Eine politische Band

Es ist lustig, dass unser Interview mit Diego Castro von BLACK HEINO über das Album „Menschen und Maschinen“ per Videokonferenz stattfindet. Nach weniger als zwei Minuten fühlen wir uns beide bestätigt bezüglich des Inhalts des zweiten Albums, das sich kritisch mit der Digitalisierung und dem daraus resultierenden Wandel der Gesellschaft auseinandersetzt. Ton und Bild sind leicht versetzt und außerdem ist uns beiden klar, dass das Gespräch nicht halb so vertraulich ist, wie wir uns es wünschen.

BLACK HEINO sind nicht das, was man landläufig als Punkband versteht ...

Wir haben nie behauptet Punks zu sein, wir sind eine Rock’n’Roll-Band. Da wir deutsche Texte haben, die sich kritisch zum Zeitgeschehen äußern, liegt die Assoziation aber nahe. Was wir machen, geht jedoch über Punk hinaus. Dass sich das nicht wie Punk anhört, ist okay. Wenn du jetzt aber bei uns jemand mit Irokesenschnitt und Hund an der Seite erwartest, dann können wir das nicht erfüllen. Dafür sind wir auch zu alt, haha.

Der Rock’n’Roll tritt bei den präsenten Texten aber erst mal in den Hintergrund. Dabei ist die Musik bei euch mitnichten Mittel zum Zweck. Manchmal wirkt es sogar so, als ob euch die Musik wichtiger ist als die Texte.
Das wird bestimmt innerhalb der Band kontrovers diskutiert, haha. Es ist beides wichtig, aber wir sind keine Musiker im eigentlich Sinne. Es fiel mal der Ausdruck dekonstruktiver Rhythm and Blues. Wir nehmen Rock’n’Roll auseinander und beschäftigen uns damit, sind aber nicht immer auf der Suche nach etwas Neuem oder neuen Dimensionen. Wir rocken einfach gerne.

Ihr spielt jetzt wieder zu viert, inwiefern wirkt sich das auf die Musik aus?
Unser neuer Gitarrist Yves hat sehr viel Energie mitgebracht. Die wichtigste Veränderung ist aber, dass wir auf der neuen Platte experimenteller vorgegangen sind. Wir haben improvisiert, Sessions eingespielt und das dann teilweise erst in der Post-Produktion montiert. Unser Schlagzeuger und Produzent Max hat das technische Know-how dafür und ich habe meinen Senf dazugegeben. Das war musikalisch sehr anspruchsvoll, da ich meine Texte dann dem angepasst habe. Die Songs haben teilweise gar nicht die Metrik und es gab keine Songstruktur. Das war schwierig, hat aber richtig Spaß gemacht.

Wie kam es zu dem Konzept?
Es war eine Kopfgeburt, da mich das Thema sehr beschäftigt hat. Wir sind eine politische Band und wir haben, auch aus persönlicher Betroffenheit, viele Songs über Arbeitslosigkeit geschrieben. Durch künstliche Intelligenz fallen im Dienstleistungssektor immer mehr Jobs weg, dazu kommt noch die Automatisierung in den Betrieben, was zur Veränderung unserer Arbeitswelt führt. Das bedingungslose Grundeinkommen hat ja nicht nur etwas mit der Wertschöpfungskette zu tun, also dass man viele Menschen an der Arbeit beteiligen muss. Kann ja nicht sein, dass Firmen Gewinne einfahren und alles von Robotern erledigen lassen. Es geht auch darum, womit sich Menschen dann in einer ehemaligen Arbeitsgesellschaft beschäftigen sollen. Die Deutschen sind stark von der Arbeit geprägt. Was passiert, wenn wir nichts mehr zu tun haben, was fangen wir mit uns an? Oder die Entwicklung, dass Menschen soziale Kontakte – freiwillig oder unfreiwillig – durch Maschinen ersetzen. Unser Album „Menschen und Maschinen“ ist zweigeteilt. Erst widmen wir uns der sozialen Frage, also wie sich Gesellschaft im Hinblick auf Automatisierung verhält, und die zweite Hälfte beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Menschen und Maschinen.

Kannst du der Digitalisierung etwas Positives abgewinnen?
Ich hätte auch ein Loblied auf die Technik singen können, ich bin kein Fortschrittsfeind. Sicher können wir auch von Maschinen profitieren, aber mein Ansatz für das Album war der kritische. Der Beruf des Anwalts oder des Bankangestellten verschwindet quasi komplett und die Frage ist ja, was passiert mit der Gewinnschöpfung und der Zeit? In der Linken wird jetzt langsam mal angefangen, über die Post-Arbeitsgesellschaft zu diskutieren. Dass Donald Trump an die Macht gekommen ist, wäre ohne soziale Medien auch gar nicht denkbar gewesen. Da sieht man mal, wie manipulativ das ist. Es gibt im Internet keine Objektivität, es ist eigentlich der Wilde Westen und der Stärkere überlebt. Wer keine Likes kauft, geht unter. Das ist knallharter Kapitalismus, und wenn dann noch politische Einflussnahme dazu kommt, dann wird es schwierig. Für eine Million Dollar kriegt man sehr viel Verbreitung im Internet. Und besonders die, die laut schreien, man solle mal selbst nachdenken, gehören meistens zu denen, die Autoaffirmation über die Medien suchen und finden. Eigentlich müssten soziale Medien reglementiert oder reformiert werden. Das Liberale, die absolute Freiheit im Internet, das ist totaler Quatsch.

Es reicht nicht, an den Einzelnen zu appellieren?
Das wäre neoliberale Immanenz, ich bin ja Sozialist. Es soll Gesetze geben, die auch durchgesetzt werden. Wenn unsere Demokratie in Gefahr ist, dann sollten wir uns auf die Gesetze berufen, die diese Demokratie stützen. Die haben wir schon, die muss man auch nicht neu erfinden.

Mit dem Song „Homo oeconomicus“ widmet ihr euch genau diesem Widerspruch. Um der Anmaßung, den kompletten Markt überblicken zu können, gerecht zu werden, müsste man sich ja auf tatsächliche Fakten berufen können.
Das ist das eine, es geht um das ökonomische Handeln und die Optimierung. Im Video deuten wir an, dass marktkonformes Denken schon fast religiös betrieben und kaum hinterfragt wird.

„Große Erwartungen“ spielt auf den Wunsch der Eltern an, die wollen, dass es den Kindern mal besser geht. Denkst du, die Kinder haben es heute wirklich besser?
Ich habe das natürlich aus meiner Perspektive geschrieben, die der Generation X. Meine Eltern kamen beide nicht aus reichen Familien, haben es aber geschafft, ein Haus zu bauen und in die Ausbildung ihrer Kinder zu investieren, damit es denen mal besser geht. Die ganze Generation hat an diesen Aufstieg geglaubt und viele haben sich dann die Augen gerieben, als sie erleben mussten, dass die Kinder, trotz guter Ausbildung, den sozialen Abstieg erleben mussten. Die Zoomer gelten als die Generation mit der höchsten Depressionsrate, obwohl man denken würde, dass die doch alles haben. Wenn man aber nur Freiheit hat, auf sich selbst zurückgeworfen wird und die Selbstrealisierung zum Zwang wird, dann führt das zu psychologischen Problemen. Auch in der Werbung wird man mit dem neoliberalen Mantra „Lebe deinen Traum“ konfrontiert. Die wenigsten Leute haben Träume, und wenn man welche hat und es dann schafft, hat man auch nichts mehr zu träumen, haha.

Also hilft, wie im Song „Pfaffenbrot“, nur der Rückzug in die Höhle?
Das ist zumindest das, was vielen Arbeitslosen passiert, der Rückzug von der Welt. Man geht nicht raus, weil man sich schämt. Eigentlich ein sehr deprimierender Text.

Hast du schon überlegt, gerade jetzt in Zeiten von Corona, den Beruf zu wechseln?
Nein, jetzt denke ich nicht mehr darüber nach. Da geht es aber auch um Selbstoptimierung und ich kenne viele, die noch mal umsatteln. Bei BLACK HEINO sind drei Personen hauptberuflich im künstlerischen Bereich tätig und es sind harte Zeiten. Wir müssen auch schauen, wie wir ohne Konzerte das Geld wieder einspielen, und wir hatten keine teure Produktion.

Der Titelsong hat was von einem italienischen Schlager, aber der Text ist heftig. Da geht es um das Gespenst der Nutzlosigkeit. Eine Person geht in Rente, setzt sich vor den Computer, gerät in diesen Strudel und wird zum Wutbürger.
Das gleiche Prinzip gilt bei Jugendlichen und der Tatsache, dass es immer weniger Jugendzentren gibt. Früher konnten wir problemlos ganze Touren durch Jugendzentren buchen, das ist vorbei. Hier in meinem Viertel geht es nachts im Park auch richtig ab, weil die Jugendlichen nicht wissen wohin. Die Verbreitung der faschistischen Ideologie im Osten hängt ebenfalls wesentlich damit zusammen. Die Jugendklubs wurden dort geschlossen und von den Faschos übernommen. Im Song geht es auch um den Roboter Nono, der am Ende ins Einkaufszentrum geht und aus Wut alle abknallt. Selbst der künstlichen Intelligenz fällt nichts Besseres ein. Alleine schon die Absurdität, dass manche heutzutage ihre Freizeit in Einkaufszentren verbringen, haha.