BLUEKILLA

Foto© by Oliver Soulas

Münchens Ska-Institution

Gemeinsam mit den TOASTERS waren BLUEKILLA eine der ersten Ska-Bands, die ich in München live gesehen habe. Das ist ewig her. Sporadisch hatte ich immer wieder Kontakt zu Sänger Amedeo. Ende der 1990er war ich selbst für das Feierwerk in München tätig und konnte mit Oli vom Kruzefix Fanzine eine Wiederbelebung der Münchener Punk-Szene erleben. Mit im Getümmel waren da immer auch BLUEKILLA. Vor einigen Jahren kamen sie auch mal in die Reduit, dem Ska-Mekka bei ins im Rhein-Main-Bermudadreieck. Zum 40-jährigen Bandjubiläum gibt es nun eine schicke 10“-Platte mit drei neuen Songs und drei Coverversionen, die im Live-Set der Münchener eine große Bedeutung haben. Grund genug, mal nachzufragen, was es mit der neuen Scheibe auf sich hat und was generell in Sachen Ska in Bayerns Hauptstadt so los ist.

Amedeo, wie ist es, seit einem halben Menschenleben mit einer Band aktiv zu sein? Und was hat sich in den letzten 15 Jahren bei BLUEKILLA getan?

Es fühlt sich gerade so gut an wie nie. Fans, die seit 30 Jahren nicht mehr auf unsere Konzerte gekommen sind, kehren mit ihren Kindern zurück und plötzlich können alle die Texte mitsingen. Nach einer längeren Durststrecke in den 2000ern fingen wir 2013 oder 2014 mit unseren Weihnachtskonzerten im Club Milla an. Seitdem hat sich das Blatt für uns peu à peu gewendet. Dann haben wir „Pogo in Togo“ nach 30 Jahren wieder ins Programm aufgenommen. Alle wollten unsere Version hören, die im Gegensatz zu vielen anderen, die inzwischen herumschwirren, tatsächlich tanzbar ist. Dann gab es die Vinyl-LP „35 Jahre Ska“ mit einer Sammlung der besten Songs aus unserer Diskografie. Da wir aber nicht nur unser Repertoire verwalten wollten, war die Entscheidung bald da, wieder einige neue Songs aufzunehmen und zu veröffentlichen. So kam es zu der EP „They Call It Ska“. Wir dürfen uns glücklich schätzen, mit unserer Ü60-Band noch so tolle Gigs vor tanzendem Publikum spielen zu können.

Was verbindest du mit den einzelnen Veröffentlichungen und was ist dir dabei besonders in Erinnerung geblieben?
„Skaship“, unsere erste 7“ aus dem Jahr 1990, mit vier Songs auf blauem Vinyl, ist heute eine Rarität. „Bluekilla“, unser erstes Tape, erschienen 1992, haben wir im damaligen Proberaum im Hasenbergl aufgenommen. Das Studio war in einen VW-Bus eingebaut, der vor dem Übungsraum stand. Ursprünglich sollte es eine CD werden. Da der Geldgeber aber mit den Steuerbehörden in Konflikt geriet und auswandern musste, war die Band gezwungen, die Veröffentlichung selbst in die Hand zu nehmen. Wir entschieden uns für die damals kostengünstigste Variante, die Musikkassette. „The New Ska Age“ wurde 1994 unsere erste CD und war die erste Veröffentlichung mit mir als Sänger und Songwriter. Das war sehr aufregend. Wir waren stolz wie Harry, hätten aber gerne etwas druckvoller geklungen. Spontan fällt mir dazu heute ein, dass wir kein Internet hatten und die Texte bei den alten jamaikanischen Originalen heraushören mussten. Wenn ich das Ergebnis heute mit den „echten“ Texten vergleiche, muss ich teilweise lachen. Für uns Deutsche klangen die alten Aufnahmen bisweilen sehr enigmatisch. Nach den guten Reaktionen auf die erste CD haben wir es uns bei der „Wickie“-EP wegen eines Techno- und HipHop-Remixes mit der Ska-Polizei etwas verscherzt. Dass darauf drei Ska-Nummern waren, hat niemanden interessiert. Da mussten wir ordentlich einstecken.

Wie ging es weiter?
Mit „Ska-A-Go-Go“ wollten wir uns 1996 „rehabilitieren“ – und das ist uns wohl gelungen. Auch „Ska Is Our Business“ von 1999 war ein Erfolg. Wir waren nun jemand in der europäischen Ska-Szene und die Türen zu größeren Festivals standen uns offen. Eine damals noch wenig bekannte Band, deren Plattenfirma bei uns anfragte, ob sie bei unserer CD-Präsentation im Backstage in München als Vorband auftreten dürften, wurde später sehr erfolgreich. Wir haben abgelehnt – und das war gut so. SEEED hätten uns den Arsch weggespielt. „Back To Skatalonia“ entstand 2004 noch unter dem Eindruck unserer Australientournee von 2001: Einige Songs erzählen von unseren Erlebnissen dort, verschiedene Tonbandaufnahmen mit Satzfetzen oder ganzen Dialogen fanden auch den Weg auf die CD. Irgendwie war es ein Konzeptalbum. Leider konnten wir damit nicht an den Erfolg von „Ska Is Our Business“ anschließen. Insgesamt war der Ska-Hype der 1990er verflogen. Es wurde ruhiger um uns. Mit „Never Was A Ska Band“ wollten wir 2011 ein Lebenszeichen von uns geben. Es ist immer noch zu 100% Ska und Reggae, enthält aber einige ungewöhnliche Songs wie „This town“ mit seinem Dreivierteltakt. Zusammen mit „Brizzle“ und „Another tomorrow“ klingt das eher düster. Es gibt aber auch einige großartige Gastbeiträge: King Django von STUBBORN ALL-STARS, Prince Flo von ANGER MANAGEMENT LEAGUE und Horacio Blanco von DESORDEN PÚBLICO haben das Album veredelt. Mit der Zeit wurde es jedoch immer schwieriger, neue Songs zu schreiben und aufzunehmen. Je älter man wird, desto weniger Zeit hat man für unbezahlte Jobs.

Anlässlich eures 40-jährigen Bandjubiläums habt ihr die schicke 10“ „They Call It Ska“ veröffentlicht. Neben drei Eigenkompositionen sind darauf drei Klassiker zu hören. Was hat euch zu euren eigenen neuen Songs sowie zur Auswahl von „Pogo in Togo“ von UNITED BALLS, „Staring at the rude boys“ von THE RUTS und „Here I come“ von Barrington Levy inspiriert?
Die drei Eigenkompositionen sind nur entstanden, weil wir zum 30-jährigen Label-Jubiläum von Stubborn Records einen Samplerbeitrag aufnehmen wollten. Es sollte unbedingt ein Song aus dem Repertoire des Labels sein, und wir entschieden uns für die deutsche Version von „Take your chances“. Diese Version mit dem Text von Richie Senior, auch bekannt als Dr. Ring-Ding, erschien auf der deutschen Version der dritten Platte von STUBBORN ALL-STARS, die unter dem Titel „At Version City“ auf Grover Records herauskam. Der Song heißt „Nutz die Chancen“. Aber nur wegen einer Nummer ins Studio zu gehen, ist sinnentleert. Es gab noch den Song „Boys & girls“, den ich den anderen schnell beigebracht hatte, und „Big red kangaroo“ habe ich kurzerhand aus dem Ärmel geschüttelt. Den Song kannte vor der Aufnahme noch niemand. Gleiches gilt für „Here I come“ von Barrington Levy. Die Nummer konnten wir mit BLUEKILLA relativ leicht und flott hinbekommen, außerdem ist das einer meiner All-time Favorites im Dancehall-Genre. „Zeit unseres Lebens“ durchlief drei oder vier Phasen der Textfindung, bis er in seiner jetzigen Form feststand. Gastsängerin ist hier Petra von LILA STERILA. Sie hat das wunderbar gemacht.

Wie kam es zu dieser Connection?
LILA STERILA waren die erste Ska-Band, die ich 1979 gesehen hatte. „Pogo in Togo“ hatten wir 1997 auf der Jugoslawientour schon im Programm, mussten den Song aber wieder herausnehmen, weil das Gitarrensolo unseren damaligen Gitarristen plötzlich überfordert hat. Als 2023 schließlich Hans als Leadgitarrist eingestiegen ist, haben wir das Lied wieder ins Set genommen und gemerkt, dass das Publikum in München total darauf abfährt. Wir hatten gar nicht mitbekommen, wie populär der Song in der Zwischenzeit geworden war. Das war Grund genug, ihn aufzunehmen und auf Platte zu pressen. Es sollte anfangs eine 7“-Single werden, mit „Staring at the rude boys“ als Double-A-Side. Den Song hatten wir bereits 2001 für eine Single-Beilage des Kruzefix Fanzines aufgenommen. Vocals, Schlagzeug, Bass und die Offbeat-Gitarre sind erhalten geblieben, der Rest wurde neu eingespielt. Dann kam die Idee auf mit dem 10“-Vinyl mit den fünf bereits aufgenommenen Stücken auf der B-Seite und Richie als Toaster. Er hat sofort zugesagt und einen super Job gemacht. Das Besondere an „Staring at the rude boys“ ist, dass es ein klassischer Punkrock-Song ist, der von Rude Boys handelt. Unter all den Vertretern der Jugendkultur werden in diesem Song die Rude Boys als diejenigen dargestellt, die in jeder Situation die Ruhe bewahren und einfach zu ihrem „heavy, heavy ska“ tanzen. Egal, wie brenzlig die Situation ist – selbst wenn Nazis den Club stürmen und alle das Weite suchen –, bleiben nur die tanzenden Rude Boys übrig. Das hat in unseren Augen eine veritable Ska-Punk-Version verdient.

Was geht aktuell in Sachen Ska in München und Umgebung?
Die letzte jüngere Band, die ich gesehen habe, waren SENTILO SONO. Dann sind da natürlich noch die BENUTS und SALOME FUR. Ska wird natürlich auch von uns in den einschlägigen Clubs Backstage, Milla und neuerdings dem Roody zelebriert, einem Tanzcafé in Giesing.

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