© by Annika ZechPünktlich zur Vorweihnachtszeit kommt ein dickes Brett aus dem beschaulichen Sankt Wendel: Die saarländischen Hardcore-Punks CHRISTMAS beglücken uns nach vier Jahren endlich wieder mit einem nagelneuen Album: „Fear Of Romance“. Anders als sein Name suggerieren mag, entpuppt sich Sänger und Frontmann Max Motherfucker wie immer als feinsinniger Gesprächspartner. Wie Pandemie und Besetzungswechsel in den vergangenen Jahren die Band veränderten und zu ihrer Neuerfindung zwangen, lest ihr im nachfolgenden Interview.
Max, ist Weihnachten überhaupt noch Punkrock?
Gute Frage. Mit Weihnachten haben wir ja abgesehen vom Namen nichts am Hut. Die Intention ist ja eher, den heiligsten Feiertag des Christentums zu entwürdigen.
Okay, das ist natürlich Punk in Reinform und voll auf Linie mit Songs wie „Crucifiction“ von ALL! Aber das Konzept von Weihnachtsalben macht ja auch vor Punkrock keinen Halt – siehe zum Beispiel „Oi To The World!“ von THE VANDALS. Gibt es Weihnachtsplatten, die bei euch laufen?
Ich selbst bin überzeugter Atheist und „feiere“ Weihnachten eher anderen Leuten zuliebe. Das einzig wirklich gute Album zu dem Thema ist „Warten aufs Christkind“ von DIE ROTEN ROSEN.
Euer letztes Album „Hot Nights In Saint Vandal“ erschien 2020. Seitdem ist viel passiert, unter anderem gab es die Corona-Pandemie. War das also wie ein verlängertes Weihnachtsfest für euch?
Ja, das Album kam pünktlich zur Pandemie heraus. Wir waren gerade in Irland auf Tour zum Release-Wochenende, kamen zurück und plötzlich waren Nudeln und Klopapier rar. Danach folgte ein kompletter Line-up-Wechel und nur ich blieb als ursprüngliches Mitglied bei CHRISTMAS. Aber es wurden auch schnell wieder neue Songs geschrieben, Sitzkonzerte gespielt und auch sonst viel improvisiert. Es war ja immer bis zum Konzertbeginn fraglich, ob die Shows tatsächlich stattfinden würden, dementsprechend war das also schon eine nervige Zeit. Nach der Pandemie waren wir in vielen Clubs eine der ersten Bands, die wieder auf der Bühne standen. Soweit mir bekannt ist, waren wir auch die erste Band aus Deutschland, die nach Corona und Brexit in UK auf Tour ging.
Nun erscheint am Nikolaustag endlich euer neues Album „Fear Of Romance“. Warum sollte es unbedingt bei allen unterm Baum liegen?
Ach, das muss nicht bei jedem unter den Baum kommen. Viele Leute werden die Platte auch richtig mies finden. Uns gefällt sie jedoch richtig gut und Leute mit Geschmack haben die Platte sowieso lange vorbestellt!
Und wie sind die neuen Songs entstanden? Etwa bei Rotwein und Gänsebraten?
Ich bin ja inzwischen eher Team Weißweinschorle. Aber der Entstehungsprozess war und ist bei CHRISTMAS eher konservativ: Einer kommt mit einer guten Idee, dann arbeitet die Band diese aus und ich lege einen Text drüber. Durch diverse Besetzungswechsel hat sich das alles aber dieses Mal sehr in die Länge gezogen, was natürlich ziemlich genervt hat.
Gemeinhin gilt Weihnachten ja als Fest der Liebe. Wie passt da die von euch besungene Angst vor Romantik ins Bild?
Nun, fast jeder hat ja diese Freunde, die behaupten, sie wären ja viel lieber Single als in einer Partnerschaft, weil sie sich dadurch als nicht verletzbar wähnen. Aber das ist meiner Meinung nach kompletter Unsinn, denn es gibt nichts Cooleres, als eine Person an seiner Seite zu haben, die einen liebt und unterstützt.
Apropos: Deine Partnerin ist beziehungsweise war doch auch einmal Mitglied von CHRISTMAS. Gemeinsame Leidenschaft oder kreativer Dissens?
Nein, meine Freundin war nie aktives Mitglied bei CHRISTMAS. Sie ist gelegentlich bei den Backingvocals zu hören und für die meisten Grafiken verantwortlich. Seit einigen Jahren arbeitet sie auch bei unserem Label Kidnap Music und dem hauseigenen Mailorder Tante Guerilla. Bis auf den musikalischen Teil ist sie also trotzdem stark involviert. Aber du meinst sicher meine Ex-Frau Nadine. Sie war bei den ersten beiden Alben Bassistin. Aktuell spielt sie bei N.T.Ä.
Wie kam es damals dazu, dass du als Sänger bei den legendären REAGAN YOUTH tätig wurdest?
Das ist eine schräge Geschichte. Wir waren einmal Vorband für REAGAN YOUTH in Saarbrücken. Mitten im Set sind Paul, RIP, und Tibbie auf die Bühne gesprungen und haben dem Publikum gesagt, dass wir die beste Vorband wären, die sie je hatten. Ein halbes Jahr später bekam ich plötzlich von Tibbie eine Nachricht, dass sie einen Sänger suchen und dass Paul die ganze Zeit von mir schwärmen wurde. Später erfuhr ich übrigens, dass auch der neue Drummer Deutscher ist: Björn von OXYMORON.
Getreu eurem selbsternannten Stil Satanic Rock ist euer Baum sicherlich ganz in Schwarz geschmückt. Hat das Album inhaltlich hingegen einen roten Faden?
Auf der neuen Platte finden sich viele ganz persönliche Texte, die sich auch viel mit Ängsten befassen. Nimm beispielsweise den Song „I’m not alright“: Darin geht es um die beiden Panikattacken, die ich 2023 hatte. Ich habe aber gelernt, dass es in solchen dunklen Momenten gerade hilft, sich zu öffnen und zu kommunizieren. Mein Sprachrohr sind da oft die Texte.
Leider sind Probleme wie Panikattacken in der Gesellschaft häufig immer noch tabuisiert. Wie schwer fällt es dir, dein Seelenleben textlich nach außen zu kehren?
Na ja, im ersten Moment ist es schon komisch, sich derart „nackt“ zu machen. Allerdings weiß ich auch, dass sicherlich nichts besser wird, wenn ich nicht darüber spreche.
Weihnachten steht ja auch synonym für Konsum, Heuchelei und Völlerei. Reiner Zufall also, dass eure erste Singleauskopplung „Maggot“ gerade das Schmarotzertum thematisiert?
Das ist wirklich Zufall, ja. Wie bereits gesagt, befasse ich mich wenig mit der Thematik des Weihnachtsfests. Die alltäglichen Probleme finde ich relevanter. Viele Leute merken ja leider nicht, wie gut es ihnen doch im Vergleich zu anderen geht, und jammern permanent herum. Natürlich ist immer noch Luft nach oben, aber gemessen am weltweiten Standard geht es uns Kartoffeln hier doch wirklich sehr gut!
Das stimmt. Wohlstandsprobleme sind uns Deutschen ja quasi ins Stammbuch geschrieben. Da wir gerade beim Thema Nörgelei sind: Pünktlich zur Bescherung tauchen ja leider oft auch unliebsame Verwandte auf und fangen schlimmstenfalls noch Diskussionen auf Stammtischniveau an.
Oh ja, leider. Ich kann hier nur für mich sprechen, aber es ist wichtig, immer erst einmal zuzuhören. Wenn ich mir die Sorgen und Probleme der Leute nicht anhöre, wie soll ich sie dann verstehen oder mit ihnen auf Augenhöhe diskutieren? Aber selten sind einfache Antworten auf komplexe Themen die Lösung. Wenn man die Leute überzeugen will, braucht man Zeit und Geduld.
Da stellt sich die Grundsatzfrage, ob man überhaupt mit politisch suspekt Denkenden reden soll. Ganz im Sinne des Punk denkt man da natürlich zuerst: Keine Bühne für Rechte! Wie schwer fällt es euch, dabei Contenance zu wahren?
Über so etwas wird bei uns als Band wenig diskutiert. Man steht auf der Bühne und hält seinen Monolog – Live-Shows sind ja auch kein Plenum. Und im Privatleben trifft man auch immer Menschen mit unterschiedlichen Ansichten. Das sind oft Leute, die man von früher kennt und irgendwie mochte oder noch immer mag. Das Thema muss nicht zwangsläufig rechts vs. links sein. Erst vor wenigen Jahren hatten wir ja beispielsweise die Impfdebatte. Manche Menschen hatten auch nachvollziehbare Gründe, sich eben nicht impfen zu lassen. Aber so etwas erfährt man wiederum nur im Dialog.
Dann lass uns den Blick noch einmal nach vorne richten. Werdet ihr nach den Feiertagen mit gespanntem Hosenbund und unzähligen unnützen Geschenken aufwachen oder geht es dann direkt auf Tour mit der neuen Platte?
Na ja, in Deutschland ergibt es nicht wirklich Sinn, auf eine lange, zusammenhängende Tour zu gehen. Wir werden also eher die Wochenenden nutzen, um die Bühnen des Landes zu bespielen. Es werden aber über das Jahr verteilt so einige Shows zusammenkommen, so viel sei bereits versprochen!
Zu guter Letzt: Weiße Weihnachten 2024 in Sankt Wendel: Bandrodeln auf dem Bosenberg oder lieber im dunklen Proberaum Dampf ablassen?
Dank der Auswirkungen der höchst bedauerlichen Klimapolitik vieler Länder wird eher weniger gerodelt. Aber direkt nach Weihnachten spielen wir auf dem dreißigsten Bandgeburtstag von LOADED. Das wird ein schönes Highlight zum Jahresende!
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