
CITY SLANG dürfte eines der interessantesten deutschen Labels sein, das uns so brilliante Bands wie YO LA TENGO, HOLE, SINK, SEBADOH oder SEAM bescherte. Während die Bands jedoch allgemein bekannt sein dürften, blieben die Berliner Labelbetreiber bisher im Hintergrund. Mit diesem Interview sollten dann aber alle Fragen zu CITY SLANG geklärt sein. Ich unterhielt mich mit Anne Ellinghaus über böse Majors, gute Indies, das Musikbusiness im allgemeinen und CITY SLANG im besonderen.
Zuerst bitte ein paar Facts: Wie lange gibt es CITY SLANG, wer steckt dahinter?
CITY SLANG sind ich und mein Bruder Christof, sowie Klaus. Die Labelgeschichte von C.S. begann als Sublabel von Vielklang, wo Klaus früher gearbeitet hat. Ende 1990 startete Christof dann als Ein-Mann-Betrieb dieses Label, nachdem er mit seiner Bookingagentur Sweatshop schon seit Jahren Kontakte zu diversen Bands und Managern geknüpft hatte. Die erste Veröffentlichung waren damals eine LEMONHEADS-Single, gefolgt von den FLAMING LIPS, die zu der Zeit kein Label hatten. Und irgendwann riefen mich dann YO LA TENGO an, die in Europa kein Label mehr hatten und die ich bisher als Promoterin bei EFA betreut hatte. Naja, die habe ich dann an meinen Bruder verwiesen. Genauso lief es dann mit DAS DAMEN, die wie YO LA TENGO bei What Goes On Records waren, die pleite gegangen sind. Der große Durchbruch, auch europaweit, kam aber erst mit HOLE. 1992 habe ich dann bei EFA meinen Abgang gemacht und ging erstmal acht Monate auf Reisen. Und als ich dann Anfang '93 wiederkam, hatte mein Bruder bereits beschlossen, dass ich bei CITY SLANG einsteige. Zum 1. Juli 1992 haben wir uns dann von Vielklang getrennt, ihnen ihren 50%-Anteil an CITY SLANG, also den Back-Katalog, abgekauft und sind seit dem komplett unabhängig. Seitdem sitzen wir hier Ostberlin in unserem Büro am sowjetischen Ehrenmal in einem Gebäudekomplex, das den Leuten gehört, die auch TITANIC, ELEFANTENPRESS und JUNGE WELT machen.
Wie kamt ihr denn als junges Label an all diese doch sehr guten, bekannten Bands?
Erstmal ist es so, dass Christof und ich zusammen entscheiden, wer aufs Label kommt. Wir entscheiden das wirklich nur nach persönlichem Geschmack. An die Bands kommen wir ausschließlich durch langjährige persönliche Beziehungen ran. Ich war bei EFA lange für Labels wie Touch & Go, Dischord, Alternative Tentacles und so zuständig, kenne deshalb all diese Leute, habe mich regelmäßig mit denen getroffen, war auf den wichtigen Messen - wobei ich mich von diesem ganzen Businesskram aber ferngehalten habe - und habe mich deshalb mit diesen ganzen Leuten angefreundet. Bei Christof ist das genauso, so dass wir all unsere Bands eigentlich nur über Freunde in den USA "akquirieren" . Die schicken uns Tapes von Bands, die sie uns empfehlen wollen, wir hören uns das an, schauen uns eventuell die Band live an und machen dann vielleicht eine Platte mit denen.
Wie kommt es, dass die Bands doch irgendwie in eine bestimmte musikalische Richtung gehen? Ist das euer musikalischer Geschmack?
Ja, wobei wir in letzter Zeit feststellen, dass der sich verändert. Nimm zum Beispiel GALLON DRUNK oder diese neue Band, die wir jetzt gesignt haben, die so Seventies-Plüschbar-Jazz machen. Auf die Musik hat mich die Musik von GALLON DRUNK aufmerksam gemacht, und mich auch privat auf den Geschmack gebracht, was so Sixties-Mambo-Latin-Kram betrifft. Da gibt's wirklich noch jede Menge interessanter Sachen zu entdecken, zum Beispiel dieses Hawaii-Movement, das es in den Sechzigern in den USA gab. Und irgendwie kamen wir dann auf COM-BUSTIBLE EDISON, deren Demo uns die Managerin von URGE OVERKILL geschickt hat. Allerdings habe ich keine Ahnung, wie wir das vermarkten sollen, denn die Leute erwarten natürlich bei CITY SLANG eine bestimmte Art von Musik.
Leute, die meinen, dass US-Pressungen von Platten was Besseres sind, stoßen in eurem Falle des öfteren auf das Matador-Label. Was hat's damit auf sich?
Matador ist das Label von Gerald Cosloy, der früher zusammen mit Craig Marks Homestead gemacht. An Matador kamen wir über die Bands, denn wir dealen lieber direkt mit den Bands als mit Managern oder Labels. Dass wir direkt auf ein Label zugehen und fragen, ob wir eine bestimmte Platte lizensieren können, kommt eigentlich kaum vor. Wenn du mit den Bands direkt dealst, ist dieser ganze hässliche Business-Überbau viel abgeschwächter - da kannst du viel cooler agieren. Wenn mir eine Band ein Demo schickt, auf dem die Telefonnummer eines Managers oder eines Anwalts steht, dann wandert das direkt in den Mülleimer, da habe ich keinen Bock drauf. Naja, jedenfalls kamen wir an Matador über UNSANE und SUPERCHUNK, wobei wir deren jeweils nächstes Album direkt von Matador lizensieren werden. Wie es mit diesen Bands weitergeht, weiß ich jetzt noch nicht, denn Matador gehört mittlerweile zum Majorlabel Atlantic. Die haben sich mit 51% eingekauft, was von denen tierisch schlau war, denn so kommen die spottbillig an gute Bands. Die merkten einfach, dass Matador einen guten Riecher für neue Bands haben und picken sich jetzt die kommerziellen Bands raus. Die Bands bekommen dann aber natürlich auch nur Indie-Vorschüsse, bekommen also nicht wie HELMET 600.000 Dollar Vorschuss, sondern bekommen wie bisher bei Matador einen Vorschuss von ein paar tausend Dollar.
Das klingt verdächtig nach diesem zweiten, billigen Arbeitsmarkt, den diverse Politiker hier in Deutschland fordern...
Ja, ganz genau. Die sind wirklich nicht dämlich und züchten sich ihren Nachwuchs jetzt auf der Billigschiene. Ich würde das jedenfalls nie machen, aber wenn Matador damit leben können, dann bitte.
Ihr seid also nicht nur irgendwelche Deutschen, die sich durch Lizenzdeals an den Erfolg von US-Bands ran hängen und damit ordentlich Kohle verdienen wollen?
Das mit "ordentlich Kohle verdienen" kannst du gleich streichen, denn CITY SLANG ist immer noch ein Zuschussgeschäft, bei dem wir nichts verdienen. Wir haben durch unseren Umzug und das Ausbezahlen von Vielklang ordentlich Schulden gemacht, sind wirklich ins kalte Wasser gesprungen. Mittlerweile sind wir einigermaßen schuldenfrei, aber machen noch kein Plus. Wir drei schlagen uns finanziell irgendwie durch.
Angesichts eures doch sehr professionellen Auftretens mit Anzeigen in allen Fanzines und Magazinen und euren Bands, die ja mit YO LA TENGO oder ELEVENTH DREAM DAY doch zur musikalischen Oberklasse gehören, könnte man einen ganz anderen Eindruck bekommen...
Diese Bands verkaufen ja auch ganz gut, aber dafür hast du dann wieder welche, von denen du kaum was los wirst, zum Beispiel UNSANE. Das Geld, das du mit YO LA TENGO verdient hast, ist, PENG!, mit UNSANE wieder weg. Mit HOLE, die wir europaweit vermarkten, können wir richtig Geld verdienen, das wir dann wieder in andere Bands stecken, auf die wir selber zwar total stehen, bei denen aber absehbar ist, dass da nicht viel laufen wird. Wir haben da so ein Computerprogramm, in das du alle Fixkosten wie Anzeigen, Packaging und Herstellung eingibst. Der Computer rechnet dann ein bisschen rum und zeigt dann unten an "signen" oder „nicht signen". Naja, bei unseren Bands sagt er fast immer "nicht signen", aber wir nehmen die Bands dann trotzdem, haha. Der Computer berechnet, ob man mit einer Band Gewinn oder Verlust macht, und wir sehen immer das Minus und denken uns "scheiß drauf", weil uns die Band eben gefällt. Wir müssen halt versuchen irgendwie zu überleben, damit wir den Laden hier nicht zumachen müssen. Aber wer weiß, vielleicht können wir uns ja tatsächlich nicht halten, denn zur Zeit sieht es im Musikbusiness ja nicht so rosig aus. Mit CITY SLANG ist es eben so, dass unsere Reputation zwar sehr gut ist, aber die Kohle trotzdem nicht stimmt.
Deine Schlussfolgerung ist also, dass sich auch 1993 im Independent-Bereich kaum Geld verdienen lässt, sofern man nicht ganz schmierig wird?
Richtig. Das hat aber vor allem was damit zu tun, dass sich der Markt geändert hat und die Majors immer stärker in unseren angestammten Bereich hereindrücken.
Du meinst damit Bands wie NIRVAN, AFGHAN WIGS, BAD BRAINS, TAD oder MELVINS, nicht?
Ja. Die kaufen alles auf und blasen dann solche Mengen an Geld für Anzeigen etc. raus, dass dir schwindlig wird und fliegen noch den kleinsten Pipi-Journalisten für 'ne "Exklusiv"Story nach L.A.
Mich bisher ja leider noch nicht...
Die Stimmung im Musikbusiness ändert sich: Die Musikjournalisten und Disponenten der großen Plattenläden werden mit dicken Geschenken zugeschissen, hier ein Flug und da ein Mountainbike, und dagegen hast du als kleines Label natürlich keine Chance. Und ohne Anzeige bekommst du heute in der Regel in keinem der großen Musikmagazine mehr ein Interview für eine deiner Bands. In der Journaille gibt es nur noch sehr wenig Leute, die nicht korrumpierbar sind und auch ohne Geschenke weiterhin nett zu dir sind. Wenn ich mir da diese ganzen neuen Musikmagazine anschaue, dann sieht's da wirklich finster aus. Viele der Bands, die heute auf allen Titelseiten sind, habe ich ja früher bei EFA betreut und aufgebaut, und ich könnte wirklich manchmal heulen, wenn ich sehe, was die aus denen gemacht haben: SOUL ASYLUM als Bravo-Poster. Ich meine, ich gönne der Band den Erfolg, dass sie endlich mal ein paar Mark verdienen, aber irgendwie tut es mir auch weh, denn jetzt sind die soweit, dass du mit denen auch kein Bier mehr trinken gehn kannst. Das heißt, natürlich kann, aber es wäre wohl sehr anstrengend, denn sie hätten wohl 187 Interviewtermine uns 52 Fotosessions. Die haben mich schon angerufen, meinten dann aber auch, dass es wohl nicht klappen würde, weil sie keine Zeit haben. Ich komme mir da manchmal wie eine Großmutter vor, die sich anschaut, was aus ihren Kleinen geworden ist, die sie vor Jahren mit Verkaufszahlen von 500 Stück gepusht hat. Und jetzt: BravoTitel, Platz zwei der US-Charts und knapp drei Millionen Platten verkauft. Christof ging das mit NIRVAN A genauso, denn er hatte deren erste beide Touren in Deutschland gebucht. Tja, die Zeiten haben sich eben geändert, alles wird immer schnellebiger, so dass überhaupt nicht gesagt ist, dass das, was vor einem Jahr noch gut lief, sich auch jetzt noch verkauft. Schau dir FUGAZI an: Die neue Platte von denen steht wie Blei in den Regalen. Früher haben wir bei denen eine Startauflage von zwölf- oder fünfzehntausend gehabt... Heute wollen die Leute STONE TEMPLE PI LOTS hören und sich Grunge-Klamotten anziehen.
Für dich stellt sich die Situation also so dar, dass die Bands und Leute, mit denen man früher zu tun hatte, jetzt ordentlich absahnen, während man selbst in die Röhre
schaut?
Du musst sehen, dass es für uns, für mich, eine bewusste Entscheidung ist, independent zu sein und zu bleiben. CITY SLANG ist ein Untergrund-Label, wird es auch bleiben. Das hat aber überhaupt nichts damit zu tun, dass wir uns weiterhin professionalisieren werden, denn wenn du das nicht machst, hast du von Anfang an verloren. Wir sind ein Fanlabel und werden nie Bands aus rein kommerziellen Gesichtspunkten auswählen, auch wenn es in Zukunft nötig sein wird, auch mal ein paar Exemplare mehr von einer Platte zu verkaufen. Zu deiner Frage, ob wir bewusst independent sind: Ich könnte nicht bei einer Major-Plattenfirma arbeiten, da habe ich überhaupt keinen Bock drauf. Allerdings musst du unterscheiden, dass die Majors in den USA anderes arbeiten als hier in Deutschland: Die Leute dort haben Ahnung, stehen wirklich hinter den Bands. Ich kenne ein paar von den A&R-Leuten der Majors, weil zwei von unseren Bands in den USA auf einem Majorlabel sind, und die sind o.k. Dagegen die Majors hier, die bekommen die Bands von ihren US-Chefs auf's Auge gedrückt, kennen die Bands nicht, haben sie nicht gesignt, lassen den nötigen Enthusiasmus vermissen und haben dementsprechend einfach keine Ahnung.
Das habe ich gemerkt, als ich bei der Plattenfirma der MELVINS angerufen habe, damit die mir deren neue Platte schicken. Die haben mir ganz offen gesagt, dass sie keine Zeit haben, sich um Fanzines zu kümmern - und das bei einer Band wie den MELVINS, die durch Fanzines erst groß geworden sind.
Erzähl das mal den Bands - die kotzen, wenn die sowas hören. Aber es ist enifach so, dass die deren neue Platte auch ohne Fanzines verkaufen werden. Die pushen die in alle Metalhefte, die eine entsprechend hohe Auflage haben, und die Metalkids denken dann, dass sie jetzt eine neue Band entdecken können, so dass die Labels auf entsprechend hohe Verkaufszahlen kommen. Ganz klar, die Majors scheißen auf Fanzines, halten es noch nicht mal für nötig, die Fanzines zu bemustern, während ein Label wie wir nur so mit Platten um sich wirft. Aber wir sind eben auf die Fanzines angewiesen und ich bin froh, dass es Fanzines gibt, denn anders kannst du diese Art von Subkultur auch gar nicht verbreiten. Ich schicke deshalb auch einem Fanzine, dass nur eine Auflage von 500 Stück hat, unsere Platten zum Reviewen. Andererseits leben die Majors ja auch von dieser Subkultur, die sie abgrasen und sich die dicksten Brocken wegschnappen. Haps, ist die Band weg und die ganze Basis zum Teufel. Bands wie NIRVANA scheinen das auch erkannt zu haben und haben deshalb so eine Punkrock-Platte rausgebracht, die ich echt total gut finde, weil sie irgendwie der Stinkefinger für all die Trittbrettfahrer ist. Aber die Geschichte kann man trotzdem nicht zurückdrehen.
Dafür kommen ja aber auch für all die großen Aufsteiger-Bands wieder neue, geniale Bands nach - wie bei euch zum Beispiel SEAM.
Das ist ein gutes Beispiel für eine gut, unspektakuläre Band, so eine ruhige Perle. Mit denen arbeitet es sich sehr angenehm. Die sind total engagiert und eigentlich stimmt alles - nur dass diese Band in diesem schnellebigen Vierfarb-Hochglanz-Spekatakel, das zur Zeit hier abgeht, vollkommen untergehen wird. Und wir können und wollen mit diesen gekauften Stories nicht mithalten. Ich habe da kein Bock drauf. Wenn ich bei einer Zeitung anrufe und die sprechen mich darauf an, dann sage ich denen, dass ich darauf keinen Bock habe und die Sache ist für mich erledigt, auch wenn es für uns wichtig wäre, in diesen Heften vertreten zu sein. Ich kann mich ja nicht mal selbst nach Chicago schicken, wieso sollte ich dann also einem Journalisten den Flug zahlen? Um auf die Majors in den USA zurückzukommen: Ich kann die Bands dort verstehen, denn der Vertrieb in den USA ist extrem beschissen. Für die Bands ist es extrem frustrierend, wenn sie geniale Platten machen und dann durch die Gegend fahren und ihre Platten nirgendwo in den Läden stehen.
Das hört man immer wieder. Steht es denn wirklich so schlecht um die Independent-Vertriebe in den USA? In Deutschland ist es ja in der Regel kein Problem, irgendwelche Platten zu bekommen.
In Deutschland ist es eher andersherum: Da bekommst du die Platten der gängigen Independentvertriebe überall, während es manchmal schwierig ist, gewisse Major-Platten zu bekommen. Der Grund ist die mangelnde Identifikation der Major-Leute mit ihren Produkten. Schau dir doch nur mal die Industrievertreter an: Der kann Volksmusik und ACE OF BASE verkaufen, aber mit Bands wie MELVINS hat der Probleme, weil er in den Plattenläden ganz andere Einkäufer kennt. Und wenn dann so ein Anzug-Typ zum Punkrock-Einkäufer von WOM geht, sind da natürlich Berührungsängste. Und die Vertreter haben natürlich auch ganz andere Schwerpunkte, an denen sie viel mehr verdienen als an irgendwelchen Independent-Newcomern. Die LEMONHEADS haben von ihrer ersten Industrieplatte zum Beispiel weniger verkauft als an ihrem letzten Independentalbum davor, das über Rough Trade lief. Und so läuft das ständig, das weiß ich aus zuverlässiger Quelle. Als SOUL ASYLUM ihre erste Platte bei A&M raus hatten, haben die mir die Hucke vollgeheult, als ich sie getroffen habe, weil die Platte nirgends in den Läden war. Wegen der "Hang Time"-LP war ich dreimal bei WOM, bis die sie endlich bestellt hatten, und in den kleine Läden war die Überhaupt nicht zu bekommen. Die Majors können solche Platten nicht verkaufen, weil sie keine Ahnung haben, darauf überhaupt nicht geschult sind. Bei Rough Trade und EFA gibt es Vertretertreffen, wo die Leute auf die aktuellen Themen hingewiesen werden, und außerdem stehen die Leute auch meistens auf die Musik, die sie verkaufen. In den USA haben die Majors allerdings mittlerweile geschnallt, was für ein Chartpotential in dieser Musik steckt, und deswegen läuft das dort ganz anders. Wegen der unterschiedlichen Arbeitsweise hier und in den USA sind deshalb jetzt ein paar Bands dazu übergegangen, sich in den USA einen Major zu suchen, gleichzeitig aber hier Independent zu bleiben. Bei YO LA TENGO ist das beispielsweise der Fall. Uns passiert es deshalb schon, dass US-Majors anrufen und uns fragen, ob wir nicht ihre Bands für Deutschland lizensieren wollen. Bei JAWBOX werden wir das so machen, obwohl ich da ursprünglich dagegen war, weil ich keinen Bock auf diesen schleimigen Atlantic-Typen hatte. Aber dann hat uns die Band ein Demo mit ihren neuen Songs geschickt, das uns wirklich umgehauen hat, so dass wir die Platte jetzt in Deutschland machen werden, auch wenn ich es für ziemlich blöd halte, von Dischord zu Atlantic zu wechseln. Wir machen das aber ganz Low Budget, zahlen keine Vorschüsse und so, sondern lassen das ganz ruhig anlaufen. Da läuft also nichts mit dicken Anzeigen in allen Magazinen. So langfristig bin ich gespannt, welche von uns Indie-Labels überleben werden...
EFA, euer Vertrieb, hat ja in letzter Zeit auch etwas an Beliebtheit eingebüßt, und verschiedene Labels sind abgesprungen.
Ich kenne die alle sehr gut, weil ich dort ja selbst lange genug gearbeitet habe, von daher habe ich mit EFA eigentlich keine Probleme. Klar, man schreit sich mal an, wenn die Verkaufszahlen nicht stimmen, aber ansonsten sind die o.k. Zudem gibt es für uns keine akzeptable Alternative. Außerdem kümmere ich mich auch noch selbst um die EFA-Vertreter, schreibe denen Rundbriefe, telefoniere mit denen, halte die einfach auf Trab. Du musst einfach ständig pushen, wenn du nicht untergehen willst. Außerdem hat es EFA auch nicht gerade leicht, denn die kämpfen an vorderster Front dagegen, dass zum Beispiel die Läden plötzlich anfangen wollen, Fläche für Plattenstände direkt an die Vertriebe zu vermieten und nur noch Kommissionsware zu verkaufen, also Ware mit komplettem Rückgaberecht.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #16 I 1994 und Joachim Hiller