CONFRONT STAGE

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Anti-Kriegs-Hymnen aus St. Petersburg

Nachdem Putin im Februar 2022 in die Ukraine einfiel und seine Diktatur immer offensichtlicher wurde, flohen diejenigen aus Russland, die es sich leisten konnten, um entweder dem Kriegsdienst zu entgehen oder weil sie als Gegner:innen von Putins Regime mit schlimmen Konsequenzen zu rechnen hatten. Die wenigen Kontakte, die ich nach Russland hatte, sind wie eingefroren. Und dennoch hatte ich viele Fragen, die mir im Prinzip niemand beantwortete. Man mag die Berichterstattung westlicher Medien einseitig finden, doch noch schwieriger wird es, wenn man sich fragt, ob all die Angaben wirklich stimmen. Propaganda gibt es von allen Seiten. Als Artemy Volynsky, Sänger und Gitarrist der Band CONFRONT STAGE, mitbekam, dass ihr Tape „Not Human“ in Ausgabe 178 besprochen wurde, nahm er mit uns Kontakt auf, um über sich, die Band, die derzeitige Situation der Zivilbevölkerung und Punk im Allgemeinen in Russland zu berichten.

Wie fing das mit Punk bei dir an?

Alles begann mit meiner ersten Punkband THE AHINEYA, die von 2005 bis 2012 existierte. Unsere Diskografie umfasst mehrere Alben, eine EP und ein Split-Album mit der serbischen Band ETIOPIA. Ich habe damals in der Ukraine gelebt. Ursprünglich komme ich aus dem Donbass, Region Luhansk. Von 2011 bis 2013 lebte ich in der Region Chmelnizkij und war auch in Kiew. Nach der Auflösung von THE AHINEYA beschloss ich, ein neues Projekt auf die Beine zu stellen, das einige Songs meiner ersten Band enthielt, die auch auf den ersten beiden CONFRONT STAGE-Alben zu hören sind. Die Musik wurde härter, die Texte bekamen mehr Tiefgang und mir wurde klar, dass es notwendig wurde, eine neue Band mit anderem Namen, Ansatz und Konzept zu gründen. Im Januar 2013 begannen CONFRONT STAGE – damals noch mit ehemaligen THE AHINEYA-Mitgliedern. Die ersten Songs veröffentlichten wir auf der brasilianischen Punk-Compilation „Chaoz Day Vol. 3“ beim Label Casa Punk Records der Band LUTA ARMADA. Ende 2013 kehrten wir in meine Heimatstadt Lugansk zurück. Das Line-up bestand zu diesem Zeitpunkt neben mir aus Irene am Bass und Mikro und Konstantin am Schlagzeug. Im Januar 2014 begannen wir mit dem Schreiben des ersten Albums. Ursprünglich sollte es in voller Länge erscheinen, aber aufgrund der Ereignisse, die im Donbass begannen, konnten wir nur eine EP aufnehmen und veröffentlichen. Zunächst verstand ich nicht, was geschah. Plötzlich tauchten einige Leute in Militäruniformen auf den Straßen auf und errichteten Straßensperren. Die russische Propaganda lief auf Hochtouren. Das war der Beginn der sogenannten „russischen Welt“. Im Fernsehen und im Radio hieß es, die ukrainische Armee würde mit Panzern und Flugzeugen in den Donbass einmarschieren; andere Quellen berichteten etwas anderes. Aber es war klar, dass etwas Schlimmes im Gange war. Es ertönten Luftangriffssirenen. Es war beängstigend. Wer diese Soldaten auf den Straßen waren, war ebenfalls unklar. Schließlich war vorher alles friedlich gewesen. Einige Bekannte, die vermeintlich mehr wussten als ich, sagten, dass dies der Beginn eines Krieges sei. Nachdem die Aufnahmen zu unserem ersten Studioalbum „Slave Work“ beendet waren, endete auch die Zusammenarbeit mit Irene und Konstantin.

Und wie ging es weiter?
Im Juni 2014 zog ich in die russische Region Krasnodar zu meiner Mutter und meinem Bruder. Ich hatte kaum Geld und mir fehlten die notwendigen Dokumente, um beispielsweise in ein anderes Land zu reisen. Im Grunde musste ich mein Zuhause verlassen und alles, was ich hatte, zurücklassen. Im Fernsehen sah ich, was dort alles passierte. Es war furchtbar. Um nicht in eine tiefe Depression zu fallen, schrieb ich viele Gedichte und Lieder. Der Versuch, eine neue Besetzung für CONFRONT STAGE zu finden, scheiterte mangels guter Musiker:innen. Nachdem ich zwei Jahre im Süden Russlands gelebt und die Situation in meinem Land beobachtet hatte, wurde mir klar, dass die angebliche „Rettung“ ein Trugschluss war. Wir wurden alle in den Totalitarismus getrieben. Die Menschen beschäftigten sich mit Fragen des Militärs. Sie waren wie ausgewechselt, gehirngewaschen. Oft wurde ich gefragt, warum ich nicht für den Donbass gekämpft habe. Darauf habe ich geantwortet: „Verpiss dich! Ich bin nicht auf die Welt gekommen, um für Staaten und Behörden zu töten und zu sterben, und erst recht nicht, um mich gegen meine eigenen Brüder zu stellen!“ Ich bin wütend darüber, dass die Mehrheit der Menschen immer noch so denkt. 2016 zog ich nach St. Petersburg. Ich heiratete, spielte zunächst allein Akustiksets, lernte so die Punk-Szene kennen und fand schließlich Leute für eine großartige neue Besetzung von CONFRONT STAGE. Unser zweites Album „Not Human“ aus dem Jahr 2019 wurde auf verschiedenen Labels in Ecuador, Polen und Brasilien veröffentlicht. Das deutsche Label Running Out Of Tape Records hat das Material als Tape wiederveröffentlicht, der Vertrieb erfolgt durch Under Attack Records. Wir bekamen viel Airplay und die Stücke erschienen zudem auf unterschiedlichsten Compilations. So konnten wir auch eine Hörerschaft außerhalb Russlands gewinnen. „The Kids Of The Streets“ ist eine offizielle Best-Of-Zusammenstellung der Jahre 2014 bis 2022, die 2022 vom spanischen Label Romantic Songs Records als Digipak erschien.

Wie lebst du derzeit in Russland?
Seit 2022 lebe ich von meiner Frau getrennt und bin alleinerziehender Vater. Die Sanktionen treffen vor allem die Bevölkerung. Alles ist teurer geworden. Viele westliche Produkte sind nicht mehr erhältlich. Es gibt keine Möglichkeit internationale Zahlungsformen wie PayPal oder Western Union zu nutzen. Die Grenzen zur westlichen, zivilisierten Welt sind geschlossen. Konzerte außerhalb Russlands sind ebenso unmöglich geworden wie der Paketversand. Einige Internetseiten sind gesperrt, selbst YouTube ist verlangsamt. Kurz gesagt ist es dem verdammten Zwerg scheißegal, wie es der Bevölkerung geht.

Das Video „Brainwash for war“ ist 2019 erschienen. Hast du geahnt, was kommen würde?
Für viele Hörer:innen, Radiostationen und Labels ist „Brainwash for war“ zu einem Anti-Kriegs-Lied geworden. Ich habe das Stück im Frühjahr 2018 auf Englisch geschrieben, um damit Menschen auf der ganzen Welt zu erreichen. Es ist aus der Perspektive eines Menschen geschrieben, der unter den Einfluss militaristischer Propaganda gerät und tötet. Wofür dieser sinnlose Krieg? Er ist kein Mensch mehr, sondern eine Tötungsmaschine und das Kanonenfutter von Politikern. Ich habe die Situation sehr genau analysiert und beobachtet, wie der Militarismus der Gesellschaft eingetrichtert wird, sogar den Kindern. Es ist schrecklich! Wie im Video gezeigt wird, offenbart sich jetzt das ganze Wesen der russischen Propaganda, des Mordens und des Militarismus. „Brainwash for war“ haben wir zum ersten Mal live auf dem Anti-Kriegs-Festival in St. Petersburg 2018 gespielt.

Einflussreiche, bekannte Punk-Bands sowie andere Künstler:innen sind aus Russland geflüchtet. Wie hat sich die Situation seit 2022 verändert?
Seit Beginn der groß angelegten Invasion in der Ukraine und der Ankündigung der Mobilisierungswelle im Jahr 2022 sind viele Musiker:innen, Künstler:innen und Bands in andere Länder gegangen. Zuvor konnte sich die Musikszene entwickeln. Die Welt kam zu uns und wir konnten im Ausland touren. Dann begannen sie, die Grenzen zu schließen. Die Invasion spaltet nicht nur die Welt der berühmten Popstars, sondern auch die Punk-Szene. Einige sind zu den Rechtsextremen übergelaufen und unterstützen diese verdammte Z-Propaganda, andere sind ihren Überzeugungen treu geblieben. Man versucht, sich aus dem Weg zu gehen. Natürlich ist es unmöglich, offen über seine Anti-Kriegs-Überzeugungen zu sprechen oder zu singen. Viele haben Familie und werden kein Risiko eingehen, um sie nicht zu gefährden. Deshalb beschränkt man sich auf stillen Protest und Widerstand. Viele Künstler:innen, die das Land verlassen haben, werden als „ausländische Agenten“ angeklagt. „Be doomed“, eine meiner Solo-Akustiknummern, handelt davon und ist auf dem Album „In The Field Of Everyday Days“ erschienen, das 2024 als Tape auf Running Out Of Tape Records veröffentlicht wurde.

In welcher Form können CONFRONT STAGE noch aktiv sein?
Im Moment spielen wir keine Konzerte. Aber wir schreiben neues Material. Es hat sich so viel angesammelt, wobei es nicht nur um Politik geht. Natürlich ist es sehr riskant, bestimmte Positionen zu beziehen. Trotzdem versuchen wir, das in unserer Musik zu vermitteln.

Auf blackploshad.org wird über Antifaschisten und Punks berichtet, die sich auf die eine oder andere Weise gegen das Putin-Regime gestellt haben. Wenn die Informationen stimmen, sind einige dieser Menschen nicht mehr am Leben, andere wurden zu Haftstrafen von wenigen Monaten bis zu Jahrzehnten verurteilt.
Ich kenne die Leute zwar nicht persönlich, aber wir haben diverse Songs zu ihrer Compilation „Punks Against War“ beigesteuert und ihre Initiative unterstützt. Gerade ist unter dem Titel „Your Fucking Dictatorship Won’t Silence Us“ ein neuer Sampler erschienen, auf dem unser gemeinsamer neuer Track „Extermination by the light“ mit der chilenischen Band DIABOL enthalten ist. Diejenigen, die sich gegen dieses Regime ausgesprochen haben, sitzen mit langen Strafen im Gefängnis oder sind einfach verschwunden. Und es sind nicht nur Punks und Antifaschist:innen, sondern auch Großmütter, Frauen, Lehrer:innen und Schulkinder. Schon die geringste Andeutung von Protest, die der Staat als Bedrohung für sich sieht, wird mit langen Haftstrafen geahndet. „The law in your head“ handelt genau davon, dass es jede:n treffen kann und wir alle bedroht werden.

Anhand identifizierter gefallener russischer Soldaten hat man festgestellt, dass es ethnische Unterschiede gibt. Einige Bevölkerungsgruppen werden offenbar häufiger in den Krieg geschickt als andere. Man könnte meinen, dass vor allem Regimegegner zwangsrekrutiert werden. Hast du keine Angst, auch eingezogen zu werden?
Meiner Meinung nach ziehen im Großen und Ganzen diejenigen in diesen Krieg, die entweder das vermeintlich schnelle Geld wittern oder bei denen die Propaganda auf fruchtbaren Boden fiel. Natürlich geraten auch junge Wehrpflichtige in diese verdammte Todesmaschinerie. Man kann sich nur retten, wenn man die militärischen Melde- und Einberufungsbüros mit allen Mitteln umgeht, Vorladungen nicht akzeptiert und versucht, sich auf jede erdenkliche Weise zu drücken. Als es 2022 die erste Mobilisierungswelle gab, kam eine Vorladung vom Einberufungsamt zu mir. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits alleinerziehender Vater und von meiner Ex-Frau getrennt. Also ging ich zum Einwohnermelde- und Einberufungsamt. Sie nahmen mich jedoch nicht, da ich weder einen Militärausweis noch eine Aufenthaltsgenehmigung bei der militärischen Melde- und Einberufungsstelle habe. Ich bin dort nicht registriert. Außerdem war ich zu diesem Zeitpunkt bereits 36 Jahre alt. Ich habe mich immer noch nicht umgemeldet. Die können mich alle mal!

Den Machthabern in Russland wird – abgesehen von den wenigen Jahren nach der Auflösung der Sowjetunion – vorgeworfen, dass sie in erster Linie imperiale Ziele durchsetzen wollen. Gibt es politische Tendenzen, die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben in der Zukunft machen?
Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Ich bin kein Politiker, aber ich sehe, dass es einen Kampf zwischen mächtigen und einflussreichen Herrschern um die Führung der Weltordnung gibt. Ich glaube, dass sich das kapitalistische System selbst zerstören wird. Leidtragend ist überall die Zivilbevölkerung. Es ist durchaus möglich, dass nach dem Abgang des aktuellen Diktators andere an die Macht kommen werden, die nicht weniger militarisiert sind.

Dass die einstigen freundschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine in naher Zukunft wiederhergestellt werden können, bezweifle ich. Es wird wohl viele Jahre dauern. Wie schätzt du das ein? All dieser Hass ist die Folge der brutalen Aktionen und Verbrechen des Aggressors. Hast du noch Kontakte zur ukrainischen Punk-Szene?
Leider habe ich schon lange nicht mehr mit ukrainischen Künstler:innen und Gruppen kommuniziert. Gelegentlich habe ich Kontakt zu meiner ersten Ex-Frau, die ebenfalls in der ukrainischen Region Chmelnyzkyj lebt und sich an meinen Projekten beteiligt hat. Wir versuchen jedoch, nicht über Politik zu sprechen. Das ist ein sehr schmerzhaftes Thema.

Mit „Will We Ever Learn“ ist gerade ein Split-Album von Bands aus Australien, Deutschland, Kanada und Russland erschienen.
Es ist ein Anti-Kriegs-Album, auf dem sich jede Band gegen jeden Krieg in der Welt ausspricht. Und davon gibt es viele. Das Label hat uns gefragt, ob wir mitmachen möchten, und wir haben uns gerne dazu bereit erklärt. Außerdem habe ich meine Solo-Studio-Single „Symbols of evil“ für dieses Album zur Verfügung gestellt, die ich aus offensichtlichen Gründen nicht in Russland vertreiben kann. Das Stück passt sehr gut in das Konzept der Platte. Es scheint derzeit nicht gut für freiheitsliebende Menschen zu laufen. Sehen wir uns an, was in anderen Ländern passiert. Polen hat wieder konservativ gewählt, Trump versucht in den USA, alles zu seinem Vorteil auszuhebeln, und auch sonst sind Demokratien eher gefährdet als dass sie sich in anderen Nationen neu etablieren könnten. Angesichts dieser Entwicklungen stellt sich die Frage, inwieweit es derzeit sinnvoll ist, über Sozialismus oder Kommunismus zu streiten – unabhängig davon, ob man diese Systeme für erstrebenswert hält. Ich glaube, den wahren Kommunismus wird es nie geben. Er hat bereits in einer unverständlichen und totalitären Form existiert. Und die Geschichte hat gezeigt, dass er nicht funktioniert. Das ist auch eine Frage der Auslegung des Konzepts des Kommunismus. Sozialismus in Erwägung zu ziehen, erscheint mir derzeit unrealistisch. Die Gesellschaft ist sich nicht einig. Der Kapitalismus hat hier alles zerstört. Es hängt alles davon ab, wie groß die Einsicht global sein wird, dass wir alle Bewohner:innen dieses einen Planeten sind und dass Feindschaften zwischen Nationen nicht hilfreich sind. Wir müssen unseren Planeten schützen und dürfen uns nicht gegenseitig ausrotten. Solange es kein freundschaftliches und solidarisches Miteinander gibt und wir von Menschen regiert werden, denen das Leben anderer Menschen egal ist, wird sich nichts zum Positiven entwickeln. Es muss ein globales Umdenken stattfinden, um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

Wie wird es mit CONFRONT STAGE weitergehen?
Im Moment schreiben wir neue Stücke, sowohl auf Russisch als auch auf Englisch. Außerdem sollen unsere Alben auf Vinyl in den USA veröffentlicht werden.

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