
David Pollack gehört zum Urgestein der deutschen HC-Szene: Nachdem er Anfang der Achtziger seine Heimat San Francisco verlassen hatte, wurde er in Berlin Sänger der legendären PORNO PATROL, sowie von NO ALLEGIANCE, später der von HAPPY HOUR, gründete ein Plattenlabel namens DESTINY, auf dem er unter anderem R.K.L. veröffentlichte und das später zur gleichnamigen Touragentur wurde, die BAD RELIGION und NOFX in Europa erst richtig bekannt machte. Grund genug also, Dave auf einem Spielplatz in der Nähe des Destiny-Büros in Berlin-Kreuzbergs Oranienstraße auszuquetschen.
Kurz das Wichtigste zu deiner Person, bitte.
Ich bin David.
Alter?
Ja, älter. Ich komme eigentlich aus San Francisco und lebe seit Dezember 1982 in Deutschland. Mein Vater wohnte damals hier in Berlin und ich kam eigentlich nur rüber, um ihn zu besuchen und hatte nicht vor, hier zu bleiben. Aber damals explodierte die Punkszene in Berlin förmlich, während in San Francisco schon wieder alles zurückging. Die älteren Leute stiegen aus, ich war einer der Jüngeren und die HC-Welle hatte noch nicht eingesetzt. In Berlin dagegen war die Punkbewegung auf ihrem Höhepunkt angelangt. Zwei Wochen nachdem ich hier ankam, bin ich in ein besetztes Haus gezogen und habe eine der ersten deutschen HC-Bands gegründet. Auch die Möglichkeit, den Bullen mal eins auf die Fresse zu hauen, war ein interessanter Aspekt, denn in Amerika läuft das nicht so: Wenn du in San Francisco einen Pflasterstein auf einen Polizisten wirfst, schätze ich, dass der seine Kanone rauszieht und dich abknallt, oder zumindest ins Bein schießt. Tja, war eine gute Zeit damals. Zu der Zeit habe ich die Polizei wirklich gehasst und mich mit dieser Thematik eingehend beschäftigt. Damals hatte die Polizei noch eine andere Strategie verfolgt als heute: Wenn du die Bullen nicht direkt anmachst, dann lassen die dich in Ruhe, während sie damals Leute auch mal einfach so gecatcht haben. Da war alles viel polarisierter, viel mehr Schwarzweiß: Auf der einen Seite die bösen Bullen, auf der anderen wir.
Was meinten denn deine Eltern dazu, dass du aus dem Urlaub nicht wieder in die USA zurückgekehrt bist? Hast du denn auch die Schule geschmissen?
Die Schule hatte ich schon '79 geschmissen. Die High School habe ich beinahe beendigt und war danach auf der Freien Universität. So etwas gibt es hier gar nicht, glaube ich: Da kannst du auch ohne Abitur studieren, die Uni ist kostenlos und man kann weiterhin auf Kredit staatliche Unterstützung bekommen. Ich habe dort zwei Kurse genommen und war auf der High School, um früher fertig zu sein. Ich war dann auch ein Jahr früher fertig, aber ich hätte nach drei Monaten spätestens zurückkommen müssen. Naja, damals war ich Punk, teilweise auf Drogen und wollte nur mein Diplom haben. Dafür hätte ich in die USA zurückgehen müssen, aber ich habe denen dann gesagt: „Fickt euch!" und bin nie wieder zurückgegangen. Aber wenn mich heute jemand fragt, ob ich die High School beendet habe, dann antworte ich „Ja", denn das interessiert sowieso keinen. Und was ist schon ein Schulabschluss: Ich habe seit meinem 13. Lebensjahr gearbeitet und mittlerweile so viele verschiedene Jobs gehabt, bin außerdem selbständig, dass man wohl kaum sagen kann, ich hätte keine „Ausbildung".
Du hast also damals den Beginn der San-Francisco-Punkszene miterlebt. Kennst du die Leute von damals denn noch?
Von den ursprünglichen Leuten ist sowieso heute so gut wie gar keiner mehr dabei: Die meisten sind jetzt ganz normale Arbeiter. Ein paar, die ich kenne, sind verheiratet und haben Kinder. Einige wenige sind übrig geblieben - FLIPPER zum Beispiel. Bruce Loose ist schon seit 1978 dabei, Jonathan Christ ist seit einer Weile verschwunden und ich habe gehört, er sei in irgendwelche Drogengeschichten verwickelt. Sowieso hatte jeder, der in der Punkszene war, irgendwie mal was mit der härteren Drogenszene zu tun. Das war wohl irgendwie „Mode". Außerdem kommst du erst mit 21 an Bier ran und musst vor dem Liquor-Store Leute anbetteln, damit sie dir Bier mitbringen, während du illegale Drogen aller Art an jeder Ecke kaufen kannst. Wenn du 13, 14, 15 bist und in der Großstadt lebst - auf dem Dorf mag das anders sein-, dann besäufst du dich regelmäßig und wenn du an Alkohol nicht rankommst und dir einer was anderes anbietet, dann überlegst du nicht lange. Hauptsache es dröhnt.
Du hast erzählt, dass du damals In Berlin eine Band gegründet hast.
Ja, die hieß SICK PLEASURE. Danach kam PORNO PATROL. Ich habe damals in zwei Bands gespielt. Die Leute von SICK PLEASURE meinten dann, ich müsste mich für eine Band entscheiden, also habe ich SICK PLEASURE verlassen und die haben sich dann auch aufgelöst. Aus PORNO PATROL, die von Anfang '83 bis Ende '84 existierten, gingen NO ALLEGIANCE hervor, die aus den gleichen Leuten bestanden, denn wir hatten uns nur umbenannt.
Was ist aus den Leuten geworden?
Ratte, der Gitarrist von PORNO PATROL, ist aus der Punkszene mehr oder weniger ausgestiegen, macht aber noch Musik. Klaus, der Schlagzeuger, arbeitet im Huxley's als Security, Dietmar, der zweite Gitarrist, arbeitet ganz normal. Ilja, der dann bei COMBAT NOT CONFORM gespielt hat, sehe ich kaum noch und Finne hat ja bis zur Auflösung bei HAPPY HOUR gespielt.
Wie lange gab es NO ALLEGIANCE?
Unser Problem war, dass wir uns totgespielt haben. Bei HAPPY HOUR war es das gleiche Problem: Weil ich keine Musik geschrieben habe und nach den Erfahrungen mit NO ALLEGIANCE, wo ich alle Songs geschrieben hatte, und ca. 20 Lieder nie aufgenommen wurden, und außer mir keiner richtig Power in die Band gesteckt hat, hatte ich keinen Bock mehr, mir als einziger den Arsch aufzureißen. NO ALLEGIANCE gab es bis '89 oder '90, als ich ausgestiegen bin und die Band danach auseinander ging. HAPPY HOUR war o.k. - live hat es immer Spaß gemacht und auch die Platten sind gut, aber an sich ist das musikalisch nicht so mein Ding. Musikalisch hätte ich lieber was anderes gemacht, aber ich durfte nichts sagen, denn ich habe keine Songs geschrieben und nur gesungen. Ich war nur für die Texte zuständig und wenn ich was kritisiert habe, dann hieß es: „Hey, du machst selber ja gar nichts, also halt's Maul". Und das musste ich dann auch wieder einsehen. Am Schluss haben mich die anderen dann gefragt, warum gar nichts mehr in die Band reinstecke und ich musste mir dann selbst eingestehen, dass es daran lag, dass die Songs zwar gut sind, aber nicht 100% mein Geschmack. Wenn ich Lieder schreiben würde, dann hätte es anders geklungen.
Wie fing das mit Destiny an?
Die erste Platte war „Muttis muntere Melodei", ein Berliner Punkrock-Sampler. Früher habe ich in der Berliner Hardcore-Szene sehr viel getan: Konzerte veranstaltet, neue Veranstaltungsorte gesucht und aufgemacht und dann diese Platte produziert, nachdem ich auf dem Bau gearbeitet und etwas Geld gespart hatte. Die Bands auf der Platte waren DER REST, PORNO PATROL, BETONCOMBO, TOXOPLASMA, TBC 36, also vor allem Berliner Bands. Die allererste Platte war allerdings die von SICK PLEASURE, die zwar fertig war, aber überhaupt nicht lief und die ich nach meinem Einstieg gepusht habe. Nach „Muttis..." kam eine PORNO PATROL-7" und dann eine ganze Reihe Scheiben, die ein finanzielles Desaster waren. Ich hatte eine ganze Menge Geld geerbt und dachte mir, wenn ich viel Geld reinstecke, dann wird das Label auch groß, aber habe irgendwelche unbekannten Bands produziert. O.k., wenn man an DESTINY denkt, denkt man an R.K.L., die ein Gewinngeschäft waren, MDC auch, oder VERBAL ABUSE, obwohl die ein Flop waren, MIND OVER FOUR, die plus minus null aufgingen. DER REST, NO ALLEGIANCE und CNC gingen eben so auf. Später kam dann teure Produktionen wie NICKANUKE, VELOCET, LAVATORY oder GOD, bei denen ich jeweils 17.000 bis 18.000 DM in die Aufnahmen gesteckt und auch viel Werbung gemacht habe. Die sind alle tierisch gefloppt. Ich habe da jeweils gerade mal 400 Stück verkauft. Naja, bei Vierfarb-Covern und dem Aufwand, den ich getrieben habe, kannst du dir ausrechnen, daß ich 3.500 bis 4.000 Platten hätte verkaufen müssen, um auf meine Kosten zu kommen. Ich dachte mir eben, wenn ich alles professionell aufziehe, viel Geld in die Werbung stecke und auch in Metal-Magazinen Anzeigen schalte, dann würde das hinhauen, aber es lief halt nicht. R.K.L. sind zum Beispiel auch deshalb bekannt geworden, weil ich mit We Bite das erste Label war, das auch mal eine halbseitige Anzeige in Metalmagazinen gemacht hat.
Woher hattest du das Geld?
Meine Großmutter war gestorben und hatte mir eine ganze Menge Geld hinterlassen, das ich dann ziemlich schnell verpulvert habe. Ich hatte schon damals angefangen, nebenbei den Bands auf meinem Label beim Tourbooking zu helfen und stellte dann fest, dass meine wahre Begabung im Booking liegt. Das kann ich ganz gut, während ich das mit den Platten wohl nicht so gut kann und habe mir gedacht, dass ich das mit dem Label vielleicht besser sein lasse.
MIND OVER FOUR sind doch aber später noch recht groß rausgekommen, oder?
Naja, die hatten eine Platte bei Virgin und sind jetzt bei Relativity. Aber groß rausgekommen sind die auch nicht. Spieltechnisch sind die o.k., aber irgendwie waren die ihrer Zeit zu sehr voraus. Virgin haben die deshalb nach der ersten LP auch wieder gedroppt.
Wann ging es denn mit Destiny Tourbooking richtig los?
Ich hatte mit dem Booking für meine eigene Band angefangen und dann auch anderen Bands geholfen. Die erste richtige Tour sollte die von den CIRCLE JERKS werden - die sind dann allerdings nicht gekommen. Das war '84. Ich hatte den CIRCLE JERKS eine ganze Europatour gebucht, Plakate drucken lassen und auch schon rausgeschickt. Die haben aber ihren Bassisten verloren und ihr Telefon war abgestellt worden, weil sie die Rechnung nicht bezahlt hatten, und so konnte ich sie telefonisch nicht erreichen. Ich hatte mir überall Geld für die Flugtickets geliehen und kurz bevor ich die Tickets losschicken wollte, kam ein Anruf, dass sie nicht kommen können. Das war zwei Wochen vor Tourbeginn. Immerhin konnte ich die Tickets wieder zurückgeben und habe somit ein paar Tausender weniger in den Sand gesetzt. Mit NO ALLEGIANCE haben wir dann einen Teil der Tour als Ersatzband durchgezogen und es war ganz lustig.
So richtig durchgestartet bist du dann mit BAD RELIGION, oder?
Ja, das war unsere erste richtig „große" Tour. Durch meine ganzen Minus-Schallplatten war ich kurz vor dem Absturz und die BAD RELIGION-Tour hat mich dann finanziell saniert. Ich habe aber auch BAD RELIGION sehr geholfen, weil ich bis heute der Meinung bin, eine Touragentur sollte sich auch etwas um die Promotion der Band kümmern.
Wie viele Touren hast du für BAD RELIGION gebucht?
Zwei. Ich hätte auch die Tour im Sommer '93 machen sollen, war aber im Urlaub und habe auf den Anruf von BAD RELIGION gewartet, weil ich wusste, dass sie wollen, dass ich den deutschen Teil der Tour buche. Naja, der Anruf kam nicht und als ich aus dem Urlaub zurück kam, rief ich sie an und Brett meinte ganz euphorisch: „Ja, alles klar, wir kommen mit OFFSPRING als Vorband und ich habe alles mit der Band geklärt. Du wirst Deutschland machen, aber rufe bitte noch Howard, unseren Manager in England an." Ich habe den dann angerufen und er meinte: „Ja, stimmt, die Band wollte mit dir arbeiten, aber ich hatte deine Telefonnummer nicht." Das war eine ziemlich lahme Ausrede, denn er hätte nur einmal bei Mr. Brett Gurewitz anrufen müssen, um meine Nummer zu bekommen. Brett wusste von all dem nichts und das glaube ich ihm auch. Tja, der Manager hatte zu dem Zeitpunkt schon einen Vertrag mit German Tours und die Sache war somit gelaufen. Pech gehabt.
Naja, dafür hast du Ja noch NOFX.
Ich warte auf die Zeit, wo NOFX so groß wie BAD RELIGION werden (siehe hierzu auch das Interview mit NOFX in diesem Heft, der Red.), aber ich weiß nicht, ob das das Richtige ist. Hoffentlich kriegen die dann nicht das gleiche Publikum wie BAD RELIGION. Klar, das ist auch eine Frage des Verhaltens der Band: NOFX hängen vor und nach dem Konzert immer noch im Publikum rum, während BAD RELIGION backstage bleiben. Ich verstehe, warum BAD RELIGION größer sind: Sie sind poppiger, nicht mehr so punkig wie NOFX. NOFX sind auf dem Teppich geblieben, interessieren sich für die Szene. Ich meine, ich mag die Leute von BAD RELIGION persönlich sehr gerne...
...die sind auch etwas älter als NOFX…
...Ich bin auch „etwas älter" und nicht so geworden wie die: Sie sind eine Popband. Mit dem Alter hat das nichts zu tun und wie ich eben schon sagte, sind die so privat völlig in Ordnung. Die Fans, die die Band besonders bei Punkrock groß gemacht haben, sind auch die ersten, die wieder abspringen, wenn die Band wirklich groß ist. Ich hoffe, dass das bei NOFX nicht passiert, denn sonst wird es zu trocken, da geht was verloren. Nichts gegen die Kiddies, aber wenn nur noch 16-, 17-Jährige zum Konzert kommen und alles voll kommerziell abläuft, dann geht für mich etwas verloren. Jede Band will Geld verdienen und ich auch, aber ich will auch etwas Persönliches davon haben. Lieber nehme ich für die Bands etwas weniger Geld und rette dafür mein Seelenheil, damit ich mich nicht völlig ausverkaufe. Wenn du wirklich nur auf Geld aus bist, dann kannst du auch Schuhe verkaufen oder für Roland Kaiser arbeiten.
Es ist ja beinahe unglaublich, wieviele T-Shirts BAD RELIGION oder NOFX verkaufen...
Ja, das ist voll die Härte: In Oberhausen hatte ich das BAD RELIGION-Konzert veranstaltet und da kamen 2.300 Leute. Die standen vor dem Eingang in einer riesigen Schlange, um sich eine Karte zu kaufen, und als sie die hatten, sind die nicht erst reingegangen, sondern haben sich sofort am T-Shirt-Stand angestellt, um das neueste, aktuellsteTour-Shirt zu kaufen. Ich dachte mir echt, so was gibt's doch nicht. Vor ein paar Jahren, als alle Leute wegen BAD RELIGION so ausgeflippt sind, habe ich noch Witze gerissen, dass die Leute , wenn man dieses BAD RELIGION-Kreuzlogo aus Legosteinen zum Selberbasteln verkaufen würde, auch das mitnehmen würden. Als ich das zu Jay, dem Bassisten von BAD RELIGION sagte, meinte er, ich solle bloß aufhören, sonst käme wirklich noch jemand auf diese Idee. Die Leute würden das garantiert kaufen.
Wer macht denn die BAD RELIGION-T-Shirts?
Ich hatte die damals von MCS, einem kommerziellen T-Shirt-Drucker, machen lassen, aber die haben das ganze Geld selbst behalten. Jetzt haben B.R. einen Merchandising-Deal mit einer englischen Firma, die auch die NAPALM DEATH-Shirts macht. NOFX machen das aber alles nach wie vor selbst.
Du machst ja eine ganze Menge Touren, die teilweise nicht immer so gut laufen. Werden die durch die Touren von NOFX mitfinanziert?
Für uns ist der Büroaufwand schon recht groß: Im Vergleich zu einer großen Agentur ist das zwar gar nichts, aber für eine Punkrock-Agentur ist das schon ganz schön viel. Grundsätzlich ist es so, dass wir 23 Konzerte a 1.500 DM - das ist der Betrag, den wir als Festgage in der Regel verlangen -, im Monat machen müssen, damit wir am Jahresende mit plus/minus Null dastehen.
Jeden Monat 23 Konzerte???
Ja, nur um die Kosten zu decken. Und da sind auch schon zwei Monate Pause im Jahr mit eingerechnet. Das heißt dann, dass wir in den zehn Monaten jeden Tag ein Konzert für 1.500 DM machen müssen. Und Kostendeckung heißt, dass ich zu dem Zeitpunkt noch keinen Pfennig für mich rausgenommen habe, zum Beispiel für die Miete meiner Wohnung. Das sind nur die Kosten für die Aushilfskräfte, Bürokosten wie Miete, Telefon usw. Bei Bands wie NOFX bleibt natürlich etwas mehr Geld übrig - das ist klar -, aber davon muss man versuchen zu leben. Es reicht ja nicht, nur eine NOFX-Tour im Jahr zu machen, sondern du brauchst mindestens zwei solche Touren, damit man ein Jahr lang irgendwie davon leben kann.
Es ist natürlich sehr leicht, auf ein Konzert zu gehen und zu meckern: „Die Leute von Destiny sind voll die Schweine, 15 Mark Eintritt ist ja wohl ein Witz, die müssen sich eine goldenen Nase verdienen“.
I wish, hahaha. Ich wünsche es mir. Das hätte ich natürlich gerne. Es gibt immer wieder Bands, die ich gut und nett finde, an denen ich aber keinen Pfennig verdiene. Und dann gibt es Bands, bei denen ich 18.000 DM draufzahle, weil ich denen bestimmte Gagen versprochen habe und es nachher mit der Tour nicht so läuft, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber was wir versprechen, das halten wir eben auch.
Wieso macht Ihr denn mit Bands Festgagen aus, anstatt sie auf Eintritt spielen zu lassen?
Das ist eben Erfahrung. Viele Bands wissen, dass ich NOFX und BAD RELIGION geholfen habe, dahin zu kommen, wo sie jetzt sind, und haben jetzt ganz andere Vorstellungen, was sie bekommen können. Für viele Bands sind 1.500 DM aus meiner Sicht eine sehr gute Gage, aber die denken schon wieder, es sei zu wenig. Was das Auf-Prozente-Spielen betrifft, da habe ich mit den verschiedenen Veranstaltern unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Bei vielen sind Prozentdeals o.k., weil ich weiß, dass die auch was für das Konzert tun. aber ich habe auch oft die Erfahrung gemacht, dass ein Prozentdeal für den Veranstalter kein finanzielles Risiko bedeutet. Der hat dann acht Konzerte im Monat, von denen drei Prozente-Deals sind und die anderen Festgagen. Der merkt dann, dass er sich übernommen hat, gerät ins Schwitzen und denkt sich, er kann bei den für ihn risikolosen Prozente-Deals an der Werbung sparen. Je mehr ein Veranstalter für eine Band zahlen muss, desto mehr tut er auch dafür, denn er hat ja Angst um sein Geld. Wenn NOFX 5.000 DM bekommen, dann hängen die Veranstalter sich da ordentlich rein, weil sie es sich nicht leisten können, so ein Konzert einen Flop werden zu lassen.
Wieso bringst du denn überhaupt so Bands wie COFFIN BREAK auf Tour? Bei denen müsstest du doch vorher schon wissen, dass die - wenn überhaupt -, gerade mal die Unkosten einspielen.
Ich habe eben Bock auf die Bands - es macht ja auch irgendwie Spaß. Aber ein paar Bands, die ich bisher gemacht habe, werde ich wohl fallen lassen, weil das nichts bringt, und dafür ein paar neue unbekannte Bands, versuchen aufzuziehen. Denn wenn ich ehrlich bin, dann mache ich zur Zeit auch ein paar Bands, deren Musik ich zwar ganz nett finde, aber hinter der ich nicht 100%ig stehe. Für Bands, die kaum einer kennt, hinter denen ich aber persönlich stehe, arbeite ich gerne mal etwas härter.
Welche sind denn zur Zelt deine Lieblingsbands?
NOFX, wobei das ganz persönliche Gründe hat, R.K.L., was einen „historischen" Background hat, dann rein musikalisch THE OFFSPRING, denn die kenne ich noch nicht persönlich.
Das sind alles kalifornische Bands.
Ja, klar.
Auf so NYHC-Bands oder sogenannte „Alternative Rock"-Bands hast du keinen Bock?
Doch, doch! THE OBSESSED finde ich zum Beispiel total geil. Die sind sehr nett, aber bei denen ist das Problem, dass sie keinerlei Bühnenshow haben. Ich hatte die Tour letztes Jahr gemacht, und in Clubs kommt das auch gut, aber auf großen Bühnen wirken die nicht. Winos Ausstrahlung reicht nicht für eine ganze Bühne, haha. CELEBRITY SKIN war auch so ein Fall: Ich hatte den Namen gehört und fand ihn geil, hatte ein gutes Gefühl dabei. Zu dem Zeitpunkt hatten die noch keine Platte, nur ein Demo, und ich war mir sicher: Die Band ist es. Das hat dann auch gestimmt, aber trotzdem habe ich bei CELEBRITY SKIN und OBSESSED draufgezahlt. Demnächst werde ich wahrscheinlich mit GWAR arbeiten, so wie es aussieht. Die finde ich genial, auch wie die Leute so drauf sind. Ich habe die erst kürzlich in Richmond besucht. Das sind eher so Künstlertypen. In San Francisco zum Beispiel gab es zu Beginn der Punkrockszene diesen Laden, MABUAEY GARDENS oder so ähnlich, und das war meines Wissens der erste Ort in ganz Amerika, noch vor New York, wo regelmäßig Punkrockkonzerte stattfanden. Seit Ende '77 haben da ein paar Mal pro Woche Punkkonzerte gemacht. Und es war damals wie jetzt bei GWAR, dass alle ursprünglich von einem Art Institute, einer Künstlerschule kamen: THE AVENGERS, 9TH CRIME (???) und all diese Bands. Aus dieser Szene kommen auch GWAR. Richmond ist so eine typische amerikanische Unistadt. Ich finde das einfach interessant, was da an punkähnlicher Energie sichtbar wird. GWAR haben zwar ein Metal-Publikum, aber die Band selbst ist eher Punk als Metal und steht auch auf Punkbands.
Die waren doch vorher bei Fast Forward, bei Lars Vogt...
Der hat die ohne Ende abgezogen. Wenn man bedenkt, wieviele Leute auf den Konzerten waren und was die an Gage bekommen haben, dann lässt das keinen anderen Schluss zu. Ich habe die Abrechnungen gesehen, will aber jetzt hier keine Zahlen nennen. Wenn er das hier vielleicht liest, dann wird er es selbst wissen, dass er sie abgezogen hat, und wenn er „Nein!" sagt, dann belügt er sich selbst. An GWAR bin ich durch Dan Sites gekommen, den Typ, der für R.K.L. malt, und der ist mit Dee und Billy befreundet, der früher und jetzt wieder bei R.K.L. spielt und auch bei der ersten GWAR-Tour Gitarre gespielt hat. Dan Sites hat übrigens auch das Cover der EMBRYO KILLERS-Platte gezeichnet, die ich produziert habe. Als GWAR hier in Berlin spielten, hatten sie ein paar Off-Days und da haben wir zusammen abgefeiert und ich lernte die Leute kennen.
Was sind denn deine Perspektiven? Destiny bis zum Ende deines Lebens?
Mein Problem ist, dass ich zu viel trinke. Wenn ich arbeite, dann trinke ich zwar nichts, aber wenn ich mal trinke, dann trinke ich zu viel. Ich stehe auf gutes Essen und Cocktails und mein Traum war schon immer, mal eine Bar aufzumachen. Oh Schreck, ich hinter der Theke! Ich wäre wohl selbst mein bester Kunde. Eines Tages werde ich das bestimmt machen. Manchmal überlege ich mir, aufzuhören, aber ich schaffe das nicht, denn es macht mir viel Spaß, obwohl es ein Knochenjob ist. Und wenn es mir keinen Spaß machen würde, würde ich etwas anderes machen, wo ich mehr verdiene, zum Beispiel Bauarbeiter. Das habe ich früher gemacht und viel mehr verdient als jetzt.
Du könntest wohl auch ohne Probleme bei einer Bookingagentur arbeiten, wo du einen ganz normalen 8 Stunden-Tag hast…
Klar, bei Mama Concerts oder so ner Scheiße. Da würde ich auch mehr verdienen, aber für so was bin ich zu lange Punkrocker, denke ich. Das musst du dir mal reinziehen, seit 1978 hänge ich in der Punkszene rum. Klar, meine Moral hat sich in der Zeit verändert und so 100% Punk bin ich nicht mehr, aber irgendwie stehe ich noch dazu. Wichtig sind mir vor allem diese ganzen persönlichen Beziehungen. Mich kotzt das total an, wenn das Verhältnis zu irgendwelchen Leuten trocken wird, denn dann überlege ich mir, dass ich in dem Fall auch einen Trotteljob auf dem Bau machen könnte, wo es wirklich nur ums Geld geht. Und Destiny mache ich eben nicht allein wegen dem Geld. Wenn ich aus dem Büro nach Hause gehe und sieben Tage in der Woche nur an die fucking Arbeit denken kann, und dann mit meiner Freundin dasitze und auch wieder über Arbeit rede, und später mit meinen Freunden über die Arbeit rede, dann kotzt mich das manchmal verdammt an. Die meisten Leute nervt an mir auch, dass ich fast nur über die Arbeit rede, aber was soll ich machen. Die Hauptsache für mich ist einfach, dass man so viele nette Leute kennenlernt. Freunde – und Feinde, haha –, in aller Welt zu haben, das ist schön. Gute Freunde zu haben, ist doch eins der wichtigsten Dinge im Leben, oder? Man kann mit wenig Geld durch das Leben gehen, aber mit wenig Freunden, darauf habe ich keinen Bock. Obwohl viel von beidem auch nicht schlecht wäre, hahaha. Lieber mehr Spaß haben und weniger verdienen, sage ich mir. Es gibt ein paar Veranstalter, denen es scheißegal ist, dass sie mit einer Band arbeiten, die sie gar nicht interessiert - hauptsache, man kann ein paar Mark verdienen. Und ich sehe das echt nicht so. Klar, auch ich muss sehen, dass ich Bands habe, mit denen ich was verdiene, aber ich möchte nicht Bands nur des Geldes wegen buchen. Die meisten Agenturen machen das auch so, aber ich habe wirklich keinen Bock drauf.
Wenn hasst du wirklich?
Ich bin nicht sehr nachtragend. Dazu bin ich wohl zu sehr Hippie oder Punk. Mir fällt niemand ein, den ich wirklich hasse. Vielleicht generell Leute, die dich ausnützen. Das können Politiker sein, aber auch Leute aus dem persönlichen Umfeld. Leute, die alles von dir nehmen und dann auf dich scheißen. Leute, die nur nehmen und nicht geben, die gibt es viele, aber deswegen kann ich niemanden hassen. Solche Leute kenne ich genug. Man wundert sich manchmal, wie abgefuckt manche Leute sind. Das bringt mich wirklich beinahe zum Heulen, wenn ich sehe, dass sich jemand bemüht, für einen anderen etwas zu tun, oder nett zu sein, und der andere nimmt sich nur, was er braucht und dreht sich, lästert hinter dessen Rücken. Sowas ist schrecklich. Vielleicht bin ich naiv sowas zu sagen, denn das passiert ständig, aber mir fallen solche Sachen eben immer wieder auf – sowas tut mir weh.
O.k., danke für das Interview.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #15 II 1993 und Joachim Hiller