© by MNRK RecordsDas Hardcore-Quartett aus Albany, New York, hat kürzlich mit „And Everything Was Dark“ sein zweites Album veröffentlicht. Harrison Seanor (voc) und Chris Arnold (bs) erzählen uns, was die Platte besonders macht und welche Message die Menschheit unbedingt hören sollte.
Welche eine Sache sollte man unbedingt über euer neues Album wissen?
Harrison: Dass wir mit ihm endlich angekommen sind, dass wir unseren Sound gefunden haben. Viel zu lange haben wir darauf geschaut, was andere von uns erwarten, jeder hatte eine Meinung. Letztendlich sind aber wir die Band. Jetzt hören wir nur noch auf unser Herz – und machen keine Kompromisse mehr. Produzent Jonathan Dolese war das einzige Nicht-Bandmitglied, das aktiv involviert war. Wir arbeiten seit fünf Jahren mit ihm zusammen. Bevor wir ins Studio gegangen sind, hat er alle Demos bekommen und uns bereits Feedback gegeben und Vorschläge gemacht, so dass wir genau wussten, worum es ihm geht. Zwar gab es keine drastischen Eingriffe, aber er hat es verstanden, noch ein bisschen mehr aus uns rauszuholen.
Wie geht man den Weg der Kompromisslosigkeit?
Chris: Das Wichtigste für uns war, nicht generisch zu sein. Unser individueller Musikgeschmack hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Ich bin der Metalcore- und Pop-Punk-Typ, Harrison steht auf 1990er-Rock, unser Gitarrist Anthony Salvaggio mag den alten Metal von früher ... Ich glaube, das Genre Hardcore verfolgt von uns keiner mehr intensiv, dennoch möchten wir unbedingt dessen aggressive, dynamische Aspekte beibehalten. Wenn wir schreiben, überlegen wir immer, wie die Songs live klingen, und da spielt diese rohe Energie eine große Rolle. Die wollen wir nicht verlieren.
Harrison: Aber wir wollten mehrere Einflüsse miteinander verbinden, ohne „heavy und melodisch“ nach Schema F zu sein. Das war nicht ganz so einfach.
Könnt ihr einen Song nennen, bei dem ihr diese Herausforderung besonders gespürt habt?
Chris: „Eternal“, weil das auch noch der letzte Song des Albums ist. Wir mussten nicht nur die Ausgewogenheit innerhalb des Stücks, sondern auch dessen Wirkung am Ende der Platte beachten.
Harrison: Stimmt. Für mich war es „Letting go“. Lustig, wie wir gerade auf unsere Lieblingssongs zurückkommen, nicht wahr, Chris? Ich habe ewig gebraucht, bis mir eine wirklich gute Melodie für den Refrain eingefallen ist. Es gibt außerdem Gesang in den Strophen und einen meiner liebsten Breakdowns des ganzen Albums. Es hat etwas gedauert, das zusammenzuführen.
Macht ihr innerhalb der Band Kompromisse?
Chris: Ja und nein. Schon deshalb, weil wir uns für unterschiedliche Musikstile interessieren, existieren differierende Vorstellungen davon, wie es etwa nach einem Refrain weitergehen soll. Dann gibt es freundlich-aufgeheizte Diskussionen, wie ich sie nenne. Wir hören jede Meinung an und probieren auch alles aus. Das unterscheidet uns vielleicht von anderen Bands: Unser Drummer Nick Manzella definiert in der Regel die Songstruktur, aber dann setzen wir uns alle zusammen und manchmal schreiben wir vier komplett verschiedene Varianten für einen Part in einem Song. Üblicherweise wird dabei schnell klar, mit welcher Version man sich am wohlsten fühlt.
Habt ihr mal darüber nachgedacht, die Platte als Konzeptalbum zu gestalten?
Harrison: Eigentlich nicht, aber wenn wir jetzt zurückblicken, fühlt es sich ein bisschen so an. Das liegt hauptsächlich daran, dass es ein durchgängiges Thema
gibt. Wir beschäftigen uns durchweg damit, auf den aktuellen Zustand unserer Welt zu blicken und uns zu fragen, wie man es durch diese harten Zeiten schafft, mit all der Negativität und Traurigkeit, die man dabei empfindet. Wir finden übrigens prima, dass jeder diese Songs aus seiner eigenen Sichtweise selbst interpretieren kann. Wir möchten nicht viel vorgeben oder unsere Gedanken dahinter erklären. Chris und ich haben dazu ja manchmal schon unterschiedliche Ansichten ...
Besprecht ihr die Inhalte innerhalb der Band?
Harrison: Wir versuchen, das möglichst wenig zu tun, um nicht für schlechte Stimmung zu sorgen. Vor allem wenn man unterwegs ist, kann das belasten. Klar reden wir mal kurz über das Weltgeschehen, wenn wieder etwas Unglaubliches passiert ist, aber dann versuchen wir, es auch wieder zu lassen, um uns selbst zu schützen und einen ausgeglichenen mentalen Zustand zu bewahren.
Chris: Es hilft außerdem, dass wir uns ziemlich lange und gut kennen. Wir finden viel Trost darin, unsere Zeit gemeinsam zu verbringen. Es tut gut, von Menschen umgeben zu sein, die einen nicht beurteilen, auch, wenn ihr mal nicht einer Meinung seid.
Zu euren aktuellen Features: Für „For what it’s worth“ hattet ihr Travis Moseley von COLORBLIND an Bord. Der Stil und seine Stimme unterscheiden sich deutlich vom DOWNSWING-Standard.
Harrison: Genau! Wir haben Travis buchstäblich vor wenigen Monaten überhaupt erst kennen gelernt, als er den Merch für ATTACK ATTACK! gemacht hat. Wir haben uns innerhalb einer Woche angefreundet und ihn prompt gefragt. Er hat sogar noch seinen Teil für das Musikvideo selbst aufgenommen – alles ganz unkompliziert. Elijah Witt von CANE HILL hat uns außerdem bei „Letting go“ unterstützt. Er wohnt ganz in der Nähe von Jonathan und kam häufiger im Studio vorbei.
Und wie kam es, dass Chris Roetter von LIKE MOTHS TO FLAMES bei „Too little too late“ dabei ist?
Harrison: Das war knifflig. Wir wussten zu dem Zeitpunkt aus finanziellen und organisatorischen Gründen nicht, wen wir bekommen könnten. Als bei einem Brainstorming Chris’ Name fiel, war ich sofort begeistert. LIKE MOTHS TO FLAMES haben mich als jungen Musiker sehr beeinflusst und ich finde es faszinierend, wie sie sich seit den 2010ern weiterentwickelt haben. Vielleicht war ich ein bisschen egoistisch, aber ich habe mich sehr dafür eingesetzt.
Letzte Frage: Wenn ihr für einen Tag ein Billboard am Times Square buchen könntet – was würdet ihr darauf schreiben?
Harrison: Seid lieb zueinander. Das ist ein bisschen kitschig ...
Chris: ... aber wichtig! Die Welt ist ein schrecklicher Ort, ich möchte Menschen ermutigen, ihre eigenen Ansichten und Werte zu haben und zum Ausdruck zu bringen. Bleibt stark!
© by Fuze - Ausgabe #115 Dezember 2025 /Januar 2026 2025 und Jeannine Michèle Kock