DREAM NAILS

Foto© by Marieke Macklon

Zwischen Algorithmus-Frust und Organoiden

Mit der Londoner Band sprechen wir über Fische, Grunge-Vibes und ihr drittes Album „You Wish“.

Steigen wir direkt ein mit „This is water“: Versteht ihr das Lied als Einladung, bewusster durch die Welt zu gehen? Und wenn ja, welche Art von Veränderung möchtet ihr anstoßen?
Lucy:
Volltreffer! Der Song ist inspiriert von einer Rede des verstorbenen Schriftstellers David Foster Wallace. Darin erzählt er die Geschichte von zwei Fischen, die durchs Meer schwimmen. Der eine sagt: „Das Wasser ist schön heute!“, worauf der andere antwortet: „Was ist Wasser?“ Auch wenn diese Rede vor etwa 25 Jahren gehalten wurde, ist sie heute vielleicht noch wahrer als damals. Wir sind völlig in uns selbst gefangen, in unseren eigenen klebrigen Erfahrungen und Identitäten, und es fällt uns schwer, die Realitäten anderer Menschen und unserer gemeinsamen Umwelt zu verstehen. Wir sind alle Fische und das hier ist das Wasser.

Der Song „Organoid“ wirkte, als sei er stark von Selbstzensur geprägt. Nach dem Motto: „Sag lieber nichts, es könnte gegen dich verwendet werden.“ War das ein bewusster Gedanke beim Schreiben?
Mimi:
Ja, es geht genau um diese Dinge. Wenn man nicht sprechen kann, fühlt es sich genauso an. Organoide sind im Grunde kleine menschliche Gehirne oder Organe, die etwa für das Testen von Krebstherapien genutzt werden. Was ich besonders erschreckend fand: Sie entwickeln buchstäblich kleine Augen und werden verwendet, um Supercomputer zu betreiben. Ich habe mir vorgestellt, dass wir das einfach geschehen lassen – und eines Tages wachst du als Organoid auf, dessen einzige Funktion es ist, Supercomputer am Laufen zu halten, die wiederum Daten anderer Menschen verarbeiten. Diese Computer verbrauchen den Großteil unserer Wasserressourcen – ein endloser Kreislauf. Was, wenn du als Organoid mit einem Bewusstsein aufwachst, aber keinen Mund hast, um dich mitzuteilen?

Wie geht ihr mit diesem Spannungsfeld um als Band, die selbst auf digitale Systeme, Streams und Sichtbarkeit angewiesen ist?
Mimi:
Wir versuchen, außerhalb der sozialen Medien mit unseren Fans in Verbindung zu bleiben – über unseren Newsletter, eine WhatsApp-Gruppe und unser Patreon mit einem eigenen DREAM NAILS-Discord-Server. Der Algorithmus funktioniert inzwischen so, dass man im Grunde zahlen muss, damit Beiträge gesehen werden. Es ist zum Beispiel viel schwieriger geworden, eine Tour zu bewerben. Wir leben davon, dass Menschen uns entdecken, zu unseren Shows kommen, Merch und physische Alben kaufen – und natürlich von unseren Unterstützer:innen auf Patreon.

Als ich den Songtitel „This is water“ zusammen mit dem schwimmenden Pferd auf dem Cover gesehen habe, musste ich sofort an das ikonische NIRVANA-Album „Nevermind“ denken. Damals gab es noch keine KI, die Wasserressourcen verschlingt – aber ein Baby schwamm trotzdem schon im Kapitalismus.
Mimi:
Wir haben einen Song auf „You Wish“ namens „Move like an animal“, der davon handelt, wie es wäre, wenn ich mit Pferden telepathisch kommunizieren könnte. Für das Cover haben wir viel mit Tierbildern experimentiert. Als wir die Fotos mit den schwimmenden Pferden von Kurt Arrigo gesehen haben, waren wir sofort begeistert. Uns war wichtig, dass das Pferd frei und wild wirkt. Ich höre mir immer gern Interpretationen zu unseren Covern an, deshalb sage ich dazu jetzt auch nicht mehr.

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