EA 80

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Eines ihrer seltenen Interviews

Zu EA 80 gibt es nicht viel zu sagen: Entweder man liebt sie, oder man hasst sie. Meine Freundin Uschi liebt EA 80, ich liebe Uschi und EA 80, und deshalb machten wir uns an einem verregneten Sonntagabend auf den Weg nach Mönchengladbach, wo wir die Band im Proberaum befragten. EA 80 sind immer noch Martin alias Junge an Gesang und Gitarre, Oddel am Bass, Nico am Schlagzeug und Maul an der zweiten Gitarre.

Wahrscheinlich kennt nicht jeder Ox-Leser die EA 80-Geschichte von Anfang an. Erzählt doch einfach mal.
Nico:
Ich bin zwar erst seit 1982 dabei, aber ich weiß auch, wie das damals alles anfing: Damals in der Schule, 1979, haben Martin und Maul eine Band namens PANZERFAUST gegründet. Martin hat damals mit nem Bauhelm auf dem Kopf gesungen, und einen Keyboarder war auch dabei...
Martin: ...und 16 Akustikgitarren waren auch dabei...

...16 Akustikgitarren??? Gibt's davon Aufnahmen?
Martin:
Nein, und nach dem Auftritt waren es auch nur noch 4 Gitarren, haha. Das war bei so einem „Songabend" an unserer Schule vor 1000 Leuten, die gekommen waren, um irgendwelche Jazzrockbands zu feiern. Da hatte PANZERFAUST einen einmaligen Auftritt mit dem „Deutschlandlied“...
Nico: Als sie dann EA 80 hießen, haben sie hier in Mönchengladbach auf 'nem Hippiefestival gespielt, so 1980. Ich war da als Dreizehnjähriger mit langen Haaren im Publikum und Martin hatte ein Jackett an, mit unzähligen Buttons, was damals echt was Besonderes war, weil die sonst noch keiner hatte. Die hatten sich dann die Haare so hochgestrubbelt und ich hatte richtig Angst vor denen: „Uiuiui, Punker!“ Ich hab mir echt ins Hemd gemacht.
Martin: (grimmig) ...mit Recht!
Nico: Die haben dann einen Song namens "Mönchengladbach soll brennen" gespielt und dabei ist dann das Schlagzeug umgekippt und die mussten wieder aufhören. Das war mein erster Kontakt mit EA 80.
Martin: Der allererste Auftritt von EA 80 fand bei einer Party im Keller statt. Da spielten wir auf alten Koffern Schlagzeug. Der zweite Auftritt war dann dieses Hippie-Festival und der dritte fand im Okie Dokie in Neuss statt. Das war der erste richtige, lange EA 80-Gig.

Wie alt wart ihr denn da?
Martin:
So 15, 16. Mit Pferdepostern an der Kinderzimmerwand.
Nico: Ich bin dann 82 eingestiegen und danach ging es erst so richtig los. Der alte Schlagzeuger durfte von den Eltern her nicht so richtig, der sollte für die Schule lernen. Ich hab den dann bei den Aufnahmen für den 8-EP-Sampler das erste Mal vertreten...
Martin: Bei 4 der 5 Songs spielt der alte Drummer, beim fünften ist Nico dann eingesprungen.
Nico: Ich hatte nämlich mal bei einer Probe mitgespielt, als der nicht konnte und bei einem Song so 'nen Swing-Rhythmus eingeführt, den er im Studio partout nicht spielen wollte. Da hatten wir auch gut Krach. Die erste LP kam dann 83.

Musikalisch würde ich euch heute nicht mehr als Punkband bezeichnen, zumindest nicht in der Hinsicht, was heute so als Deutschpunk gehandelt wird. Irgendwie geht das doch eigentlich viel mehr in die Gitarrenrock-Ecke. Was meint ihr dazu?
Nico:
Solche Bezeichnungen sind doch eigentlich völlig egal, oder? Heutzutage hat man sowieso für jeden Scheiß eine Spezialbezeichnung. Vor zehn Jahren war das Punk, und heute ist das vielleicht Gitarrenrock oder Independent oder Hardcore-Punk - keine Ahnung.

Ich frage deshalb, weil man bei euren Auftritten doch zu einem großen Teil „typische" Punkrocker sieht. Und angesichts der Bands, die bei diesen Leuten so angesagt sind - nehmen wir mal so Bands wie auf den „Schlachtrufe BRD"-Samplern- fällt mir eben auf, dass ihr mit diesen Deutschpunkbands musikalisch überhaupt nicht zu vergleichen seid.
Martin:
Wir laufen eben seit jeher unter „Punk". Wir haben eben zu dieser Zeit angefangen und waren unserer Vorstellung nach immer eine Punkband. Damals lief sowieso alles unter Punk, ob DEVO oder BLONDIE. Von daher war EA 80 schon immer eine Punkband.
Nico: Außerdem legen wir keinen gesteigerten Wert auf großartiges technisches Können. So richtige Rockbands streben ja auch immer musikalischen Perfektionismus an und wir eben nicht.

Ihr habt jeher eure Platten selbst rausgebracht. Da steckt doch sicher Prinzip dahinter, so dieser D.I.Y-Gedanke, denn es waren doch sicher verschiedenen Labels interessiert, eure Platten rauszubringen, oder?
Nico:
Klar, die Majors standen Schlange vor unserer Tür.
Martin: Nein, ein offenes Angebot hat es nie gegeben. Klar, man lernt Leute kennen, die Platten rausbringen und meinten, dass es natürlich toll wäre, mal ne EA 80-Platte zu machen. Aber so ein richtiges, ernsthaftes Angebot gab es nie - zum Glück. Wir haben uns wohl von Anfang an so überzeugend verkauft, dass wir alles alleine machen, dass sich keiner getraut hat, uns ernsthaft darauf anzusprechen. Es war eben auch schon immer klar, dass wir keinen Wert darauf legen, populär zu sein und im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. Und womit sonst will man eine Band denn sonst ködern?

Euch wird ja eine gewisse, ums negativ auszudrücken, Arroganz nachgesagt - so ein divamäßiges Verhalten, eine ausgeprägte Öffentlichkeitsscheu: Kaum Interviews, keine Fotos.
Nico:
Wir sind einfach nur schüchtern.
Martin: Ich frage mich, warum das bei Musikern so sein muss - dieses ständige Interviewgeben, überall Fotos abgedruckt zu haben, und so weiter. Das hat für mich nichts mit Musikmachen zu tun. Für die meisten mag das dazugehören, für mich nicht. Wenn wir auftreten, dann ist das schon der Extremschritt in die Öffentlichkeit. Ein Foto hat keine Musik und Worte, die ich sage, haben auch keine Musik.

Du meinst also, man muss den Leuten nicht auch noch Interpretationshilfen anbieten?
Martin:
Man muss Musik nicht visualisieren. Ich habe schon immer Schwierigkeiten, mir ein Cover für unsere Platten einfallen zu lassen, denn das ist schon beinahe der gleiche Blödsinn wie ein Bild der Band.

Das ist also auch der Grund für eure sehr minimalistischen, kargen Plattencover. Martin: Ja.

Wer gestaltet die? Du oder alle zusammen?
Martin:
Das machen wir zusammen.

Martin, du stehst sowohl als Sänger auf der Bühne als auch sonst immer irgendwie im Vordergrund. Wie sehen die anderen das?
Nico:
Jaja.
Oddel: Jaja.

Maul, du willst dazu nichts sagen?
Maul:
Äh, nein.
Nico: Martin macht eben die ganze Organisation, zieht die Auftritte an Land, bekommt die ganze Post...
Martin: ...die Herzen...
Nico: ...packt die Plattenkartons...
Martin: ...ist der Chef und der Blödmann in einer Person.

Ihr verkauft ja auch 'ne ganze Menge Platten, oder?
Martin:
Relativ.

Auf jeden Fall ist das Plattenverkaufen auch ein wirtschaftlicher Faktor.
Nico:
Pass auf was du sagst, Martin.
Martin: Es ist ein wirtschaftlicher Faktor, klar. Aber wenn es uns darum ginge, dann würden wir die Platten nicht so billig verkaufen.
Nico: Dann würden wir fett die Werbetrommel rühren und dreimal soviel verkaufen. Ich bin mir sicher, dass wir mit richtiger Promotion 20.000 Platten verkaufen könnten.

Und so? Weniger als die BOXHAMSTERS, habe ich gehört.
Martin:
Ja, weniger als die BOXHAMSTERS.

Ihr habt jetzt, nachdem die CD die LP schon so gut wie völlig verdrängt hat, eure Platten auch auf CD wiederveröffentlicht. Wie kam es dazu? Ich kann mir denken, dass euch das viel Überwindung gekostet hat.
Martin:
Diese Entscheidung lag schon seit Langem in der Luft und wir waren uns lange nicht einig, ob wir es machen sollten oder nicht. Aber irgendwann kippte der Widerstand gegen die CD.
Nico: ...als nämlich drei von uns einen CD-Player hatten.
Oddel: Martin war auch der erste.
Martin: Ich denke nach wie vor, dass CD schlechter ist als LP, aber dieses Aufbäumen gegen die moderne Zeit hat auch irgendwie etwas Gequältes und auch etwas ziemlich Komisches an sich. Ich finde es herrlich, wenn auf der ANGESCHISSEN-LP steht „Tod der Scheiße, Tod der CD", aber nichtsdestotrotz ist das auch irgendwie ganz schön daneben und kindisch. Für uns ist es wichtig Singles zu machen, die es nicht auf CD gibt, so dass die Leute, die wirklich an uns interessiert sind, nach wie vor gezwungen sind, sich Vinyl zu kaufen. Und die Single steht dann klein und hässlich zwischen all diesen CDs und das finde ich gut. Wir tun also was, damit die Platte nicht ausstirbt, aber auf der anderen Seite gibt es dann auch CDs von uns, weil es die Leute eben so haben wollen. Ich denke, es ist nicht so wichtig, sich dagegen zu stellen. Wichtig ist der Preis, um den Leuten zu zeigen, dass eine CD nicht 30 DM kosten muss, sondern auch für die Hälfte zu haben ist.

Macht ihr selbst denn auch Mailorder, verkauft ihr direkt an die Leute?
Martin:
Ja. Bei uns kostet die CD 15 DM.

Irgendjemand meinte angesichts eurer CD-Rereleases, dass ihr eben auch nur kommerzgeil wärt, denn die Leute hätten eure Platten sowieso schon und würden sie jetzt eben noch mal auf CD kaufen.
Nico:
So 'n Quatsch, ey. Den möchte ich sehen, der sich 'ne Platte noch mal kauft auf CD. So 'nen Kerl muss man mir erstmal zeigen.
Oddel: Einer sitzt dir gegenüber (zeigt auf Martin), aber der ist ja auch ein Maniac.
Nico: O.k., wenn 'ne Platte völlig knistert, dann ist das o.k. Aber wenn eine Platte in Ordnung ist, dann ist das krank.
Martin: Diese CD-Sache war eigentlich seit Jahren absehbar. Jeder zweite Briefschreiber beschwert sich, dass unsere Platten knistern. Wir wussten schon seit Langem, dass sich die CD durchsetzen wird, also haben wir das Schlechteste Presswerk genommen, so dass die Platten spätestens nach zweimal Abspielen knistern... (Allgemeines Gelächter) ...und dann noch ein bisschen blenden mit dem niedrigen Preis - und dann voll absahnen.
Nico: Und die CDs lösen sich auch nach zwei Jahren auf, hehe.
Martin: Wir arbeiten jetzt schon an der DAT-Wiederveröffentlichung. Tja, so sieht's aus.

Was macht ihr denn sonst so? Ihr seid ja keine Berufsmusiker.
Martin:
Im Herzen schon.
Nico: Ich leb´ von meinen Eltern. Ich wohne bei denen im Haus, die geben mir zu essen, und mein Hasch muss ich mir mit der Musik verdienen. Ich spiele ja insgesamt in drei Bands: Außer bei EA 80 noch bei SERENE FALL und bei O.C.D.

Erzähl mal was zu den anderen Bands.
Nico:
SERENE FALL machen, hahaha, Gitarrenrock. Im Februar kommt unsere erste LP. Maul singt, englische Texte.

Martin, du spielst noch bei THE DEVIL IN MISS JONES.
Martin:
Ja, wir machen harten Gitarrenrock - mit ziemlich englischen Texten.

Die BÖSE HAND gibt's auch noch, das Studioprojekt mit einem Teil der BOXHAMSTERS.
Nico:
O.C.D. machen Schweinemetal, so Crossoverkram.
Oddel: Sehr, sehr harten Gitarrenrock, hahaha. Ich spiele da nämlich auch noch mit.
Martin: Ja, und wir alle spielen zusammen bei EA 80. Die sind auch ziemlich neu und machen Gitarrenrock - seichten, deutschen Gitarrenrock.

Oddel ist ja noch relativ neu in der Band. Was war mit dem alten Bassisten?
Martin:
Tja, was soll man dazu sagen. Die Leute kommen und gehen.
Nico: Der hatte eben keine Lust mehr.

Wie kamst du denn zu der Ehre, bei EA 80 einsteigen zu dürfen?
Oddel:
Nico und ich haben schon vor einer ganzen Weile O.C.D. gegründet. Irgendwann war dann die Rede davon, dass Stefan bei EA 80 aufhören will und Nico fragte mich, ob ich nicht einsteigen will, denn er hatte gesehen, dass ich zu Hause einen Bass in der Ecke stehen habe. Eigentlich bin ich nämlich Gitarrist. So einfach ist das.

Du scheinst etwas jünger zu sein als der Rest der Band. (Allgemeines Gelächter) Oddel: Das sieht nur so aus. Ich bin der Zweitälteste.

Ihr seid ja schon voll die Grufties.
Martin:
Wir waren schon immer Grufties.
Nico: Dem kannste nicht mehr trauen, der hat schon 'ne Drei im Alter.

Ich hatte vorhin gefragt, was ihr denn sonst so macht, wenn ihr nicht gerade auf der Bühne steht.
Martin:
Ich schlafe sehr viel, und ich esse sehr gerne, und ich höre gern Musik. Meine Hobbys sind Pferdeposter und Gitarrenrock der härteren Sorte.

Etwas genauer, bitte.
Martin:
Ich habe ein 30 mal 60 großes Pferdeposter mit zwei Pferden, einer Stute und einem Fohlen. Und Gitarrenrock mag ich gern, aus allen Ländern der Erde. Ich esse gerne Sachen ohne Fleisch und Süßes. Ich schlafe sehr gerne lang in Betten mit drei Kopfkissen und einer Steppdecke.

Was hört ihr denn außer EA 80 für Musik?
Oddel:
Ach, eigentlich querbeet alles.
Nico: Ich auch. Ich habe jetzt sogar angefangen Mainstream zu hören, MISTER BIG und sowas. Kannste ruhig schreiben, dass ich auch so ekelhafte Sachen höre. Ansonsten höre ich, was alle so hören. Zum Beispiel die neue CD von SEPULTURA, lechz.
Oddel: Alles, was so im ROCK HARD steht…
Nico: ...und was im Ox steht.

Ein paar Worte zu euren Texten...
Nico:
Die Texte schreiben Martin und Halt's Maul, aber die sagen bestimmt nichts dazu. Ich und Oddel haben noch nie ein Wort geschrieben.
Martin: Noch nie? Wie hast du es denn dann durch die Schule geschafft?
Nico: Wie Kelly Bondi: Ich habe mit den Lehrerinnen abends…

Ja, weiter!
Nico:
...Nachhilfestunden genommen. (Schweigen)

Tja, vielleicht sollte sich jeder die Texte mal in Ruhe durchlesen. Da gibt's wohl nicht viel dazu zu sagen. Sprechen wir über eure Konzerte: Selbst bei kaum angekündigten Konzerten kommen Massen von Leuten. Wie kommt das?
Nico:
Das ist der Mythos EA 80. Wir spielen nicht so oft und die Leute denken sich dann wohl, es könnte die letzte Gelegenheit sein, uns zu sehen. Der Eintritt ist billig und die spielen immer tierisch lange, denken die sich.

Für 2 1/2 oder 3 Stunden dauernde Auftritte seid ihr ja berüchtigt.
Martin:
Wir sind die GRATEFUL DEAD des Punk...
Nico: Wenn man aus einem Repertoire von 200 Stücken schöpfen kann, dann will man die halt auch immer alle spielen.
Martin: Hey, ihr könnt noch nicht nach Hause gehen, wir haben noch 180 Lieder.
Nico: Das ist schon erfreulich, dass unsere Konzerte so voll sind, aber erklären kann ich mir das nicht.

Martin, du stehst nicht sonderlich darauf, auf der Bühne von zig Scheinwerfern angestrahlt zu werden und wirst, wenn die Lichtmischer auf deine Wünsche nicht eingehen, schon auch mal ziemlich sauer.
Martin:
Ich finde dieses Gefunzel total nervig, es stört mich einfach. Die Leute sollen sich auf die Musik konzentrieren können. Und wenn die Mischer meinen, sie müssten sich über die Wünsche der Band hinwegsetzen, dann kann ich sehr sauer werden.

Spielt ihr denn gelegentlich auch mal im Ausland?
Martin:
Eigentlich nicht. Aber wir haben jetzt eine Einladung nach Holland erhalten, nach Nijmegen. Die wollen mit uns eine Radio-Livesession aufnehmen.
Oddel: Für mich ist das sowieso blöd, denn ich bin der einzige, der einen Führerschein hat, und muss deshalb ständig fahren.

Im Ernst?
Oddel:
O.k., Martin hat auch 'nen Führerschein, aber der hat seit seinem 18. Lebensjahr kein Auto mehr angerührt. Den kannste doch nicht fahren lassen.

Für die Anderen in der Band ist das natürlich recht angenehm, auch was den Drogenkonsum betrifft.
Oddel:
Klar, die schlafen dann immer...
Martin: WIR NEHMEN KEINE DROGEN!!!
Oddel: Das ist falsch, das ist vollkommen falsch.
Nico: Haschisch ist ja keine Droge, wie schon Walter Moers sagte, sondern ein homöopathisches Mittel, das einer Dämonisierungskampagne zum Opfer gefallen ist. Was die Meinungen hierzu betrifft, so spricht Martin für sich und nicht für mich und ich spreche für mich und nicht für ihn.
Martin: (mit erhobenem Zeigefinger) Musiker sollten sich grundsätzlich gegen Drogen aussprechen, selbst wenn sie selbst Drogen nehmen, um die Jugend vordem Teufel zu bewahren und zu zeigen, dass es auch andere Wege gibt, glücklich zu sein. HÖRT MICH AN, BRÜDER UND SCHWESTERN, UND SPRECHT MIT MIR DIE WORTE „NEIN, WIR BRAUCHEN ES NICHT!".
Nico: ER braucht es nicht. Jeder kann zu mir in den Backstageraum kommen und mit mir einen rauchen.
Oddel: So n Pfeifchen würde dem Martin gelegentlich ganz gut tun, dann würde er ein bisschen ruhiger werden.

Das eben klang doch sehr nach Sozialpädagoge.
Nico:
Das hat er ja auch studiert.
Martin: Hahaha. Quatsch, das habe ich im Gospelchor gelernt. Arbeitsscheues Gesindel!

Werde ich hier etwa Zeuge bandinterner Spannungen?
Martin:
Nein, das ist alles nur für dich inszeniert. Wir streiten uns nie. Nur weil er hier (zeigt auf Nico) nicht arbeitet und uns auf der Tasche liegt, gibt's doch bei uns keinen Streit. Ich mach mir den Rücken krumm, Tag für Tag!
Nico: Hast du die Schecks mitgebracht?

Was sind denn eure Pläne für die Zukunft? Reich und glücklich zu werden?
Martin:
Ach, tja, hm...
Oddel: Glücklich ja, aber nicht reich, da hat man zu viele Verpflichtungen. Nico: Aber auch nicht arm. Pläne? So weiter machen wie bisher, ab und zu ne Platte rausbringen, hier und da mal spielen.

Meint ihr, dass ihr das in zehn Jahren auch noch macht?
Martin:
Keine Ahnung. Wird dann vielleicht körperlich etwas anstrengend, wenn die Konzerte dann acht Stunden dauern: „Hey, wir haben noch 600 Songs. Bleibt doch noch!"

Ich stell mir das extrem anstrengend vor, drei Stunden auf der Bühne zu stehen.
Martin:
Ist auch sehr anstrengend.
Nico: In zehn Jahren werde ich auf jeden Fall noch trommeln. Ich glaube nicht, dass man damit einfach so aufhören kann. Wir sind ne gute Band, haben Spaß zusammen - klappt immer gut, warum sollten wir uns also andere Leute suchen, oder uns auflösen. Jeder von uns hat sowieso noch seine Nebenband.

Martin, du machst so einen sehr ruhigen Eindruck, aber auf der Bühne wirst du teilweise doch sehr wild.
Oddel:
Das liegt an den ganzen Stagedivern: Wenn er die sieht, dreht er durch.
Martin: Ich fang mir einen Stagediver... Ich weiß nicht, das hat was mit Musik zu tun. Zuhause hoppel ich auch immer durchs Zimmer, wenn Musik läuft. Es hat aber auch was mit den Menschen zu tun, die einen anschauen. Da ist es einem irgendwie peinlich - man verhält sich anders und die Musik, die man macht, wirkt auch anders. Aber vielleicht traue ich mich auch gerade dann, wenn Leute zuschauen. Ich weiß es nicht, ist mir auch Wurst. Auf jeden Fall ist Auftreten was Feines und man kann das rauslassen, was sonst unterdrückt wird.

Bei euren Konzerten seid ihr meistens auch ne ganze Runde heftiger als auf Platte. Ich erinnere mich da an ein Konzert in Düsseldorf: Am Schluss klangt ihr da überhaupt nicht mehr nach EA 80 - das war nur noch völlig derber Gitarrenfeedbacklärm a la SONIC YOUTH.
Nico:
Sowas kann man im Studio nicht nachvollziehen - das bekommt man einfach nicht hin. Sowas ergibt sich immer aus einer Live-Atmosphäre heraus, weil vielleicht die Monitorboxen wieder mal Scheiße sind. Da haut man halt voll rein und macht ordentlich Krach.

Da würde sich ja eine Live-Platte geradezu anbieten.
Martin:
Wir haben da jemanden, der mit uns zu den Konzerten reist und eigentlich jedes Konzert aufnimmt. Der ist gerade dabei, die Aufnahmen auf DAT zu überspielen, so dass wir das Material mal sichten können. Der hat insgesamt 40 oder 50 Konzerte aufgenommen und wenn da genügend gutes Material dabei ist, werden wir da mal was daraus machen. Wahrscheinlich dann mit Sachen, die es so auf Studioplatten nicht gibt, eben etwas Livespezifisches.
Nico: Auf diesem Wege deshalb viele Grüße an den Bullen.

In dieser Zeit der rassistischen Gewalttaten wird ja von vielen Leuten gefordert, dass sich Bands nicht einfach aus ihrer scheinbaren Verantwortung stehlen dürften, sondern konkrete Aussagen gefragt seien.
Martin:
Ich denke nicht, dass man so etwas von einer Band verlangen kann. Ich finde das völligen Unsinn. Das wird entweder von jedem verlangt oder von keinem.
Oddel: Eben als Mensch und nicht speziell als Musiker.
Martin: Ich fände es beschissen, wenn wir gezwungen wären, konkrete politische Aussagen zu machen, nur weil die Zeit danach ist und das eigentlich nichts mit uns zu tun hat. Wenn wir uns bisher als Band nicht politisch geäußert haben, warum sollten wir es jetzt tun? Wir sollen also unseren Stil ändern, um der Zeit gerecht zu werden? Das finde ich völlig blödsinnig. Deshalb ist auf diesem „Nazis raus!“-Sampler auch der Song „Schweigen" drauf, weil es eben nicht explizit etwas sagt, sondern so ein Grundgefühl zum Ausdruck bringt. Und das hat eher etwas mit EA 80 zu tun als so eine platte Parole. Nico: Der Song ist auch schon von '82 oder sogar noch älter.

Noch schlimmer finde ich es, wenn in Interviews politische Ansichten abgefragt werden und jeder, der irgendwann mal ein Instrument in den Händen hielt, gefragt ist, zur Weltpolitik Kommentare abzugeben.
Oddel:
Ich denke auch, dass sich Fragen nach der politischen Einstellung bei uns auch erübrigen.
Nico: Politiker sind sowieso alle Betrüger und Verbrecher.

Ich habe da mit meinem Fanzine ein ganz ähnliches Problem: Ich finde, es gibt bessere Möglichkeiten, sich politisch zu informieren, als schlecht recherchierte Nachrichten aus zweiter Hand in Fanzines zu lesen. Allerdings ist so etwas nur für Leute nachvollziehbar, die schon eine eigene Meinung haben, sich auch anderweitig informieren können. Bei 14- oder 15-Jährigen, die noch dabei sind, sich politisch zu orientieren, können aber vielleicht die Aussagen von Bands in Interviews oder entsprechende politische Artikel etwas bewirken. Vielleicht macht es da ja auch wieder Sinn, wenn eine Band, die bei den Leuten eine gewisse Autorität besitzt, konkrete Aussagen macht.
Martin:
Da musst du als Band aber auch ein gewisses Sendungsbewusstsein haben. Wir sind von ganz anderen Grundvoraussetzungen ausgegangen, haben erst mal was für uns gemacht. Die Texte sind eben sehr persönlich gehalten - die muss nicht jeder verstehen können -, da muss auch nicht jeder zuhören. Andere Bands verfahren da anders - die setzen die Parolen so nach vorne, dass es jeder versteht und die Band dadurch erst ihre Identität erreicht. (Beim Abtippen des Interviews muss ich hieran SLIME denken, auch wenn die Band im Interview nicht erwähnt wurde. Joachim) EA 80 haben mit sowas nichts zu tun und deshalb gibt's auch keine klaren politischen Statements von EA 80. Ich glaube allerdings auch nicht, dass wir dazu in der Lage wären, das gut zu tun.
Nico: Ich kann dazu auch nur sagen, wie ich persönlich mich in gewissen Situationen verhalte. Das ist für mich Politik. Und Politik fängt im Kleinen an, im persönlichen Umfeld. Leben und leben lassen ist meine Devise.
Martin: „Einleben", dieses Stück von der neuen Platte, sagt viel darüber aus, was wir so mit Politik zu tun haben, dass wir über unseren kleinen, privaten Rahmen hinaus sehr wenig wissen und den Teufel tun sollten, den Großen, Allwissenden rauszukehren, eben uns zu Dingen außerhalb unseres kleinen, persönlichen Kreises zu äußern. Oder wir müssen uns so ändern, dass wir wirklich kompetent werden.

Du siehst zwischen diesem Anspruch und dem Auftreten auf irgendwelchen Festivals oder so einem Sampler wie „Nazis raus!" keinen Widerspruch?
Martin:
Bei diesem „Nazis raus!"Sampler hatte ich sehr gemischte Gefühle, allein schon wegen des Titels - der hat mich angekotzt. Das ist so platt, sowas darf eigentlich nicht wahr sein. Und diese Festivals gegen Ausländerfeindlichkeit, die haben doch keinen Sinn. Da werden nur Leute zusammengeführt, die sowieso die gleiche Meinung haben, und fühlen sich unheimlich korrekt. „Unkorrekte" Leute sind da sowieso nicht dabei, aber gerade die hätten es ja nötig, mal was Neues mitzubekommen.

Eure Texte wirken auf mich immer sehr poetisch: Weniger wie ein normaler Songtext, sondern eher wie ein Gedicht, das man vielleicht gar nicht mal versteht, sondern es einfach uninterpretiert auf sich wirken lässt. Wie seht ihr das?
Maul:
Poesie? Nee. Da ist ein Grundgefühl, ein Gedanke, den man versucht auszudrücken.
Martin: Das kann aber auch Poesie sein…
Maul: Das kann, aber für mich ist es das nicht. Ich finde Poesie zum Kotzen.

Gut, ich kann Poesie in den meisten Fällen auch nicht ab, aber beim Lesen eurer Texte habe ich eben diesen Eindruck.
Maul:
Du sollst unsere Texte ja auch nicht einfach lesen, sondern mit der Musik hören. So ist das gedacht.
Martin: Die Texte sind wirklich gezielt zur Musik geschrieben, und die wenigsten würden gut klingen, wenn man sie rezitieren würde. Es gab in Hamburg mal so eine Radiosendung, die haben anlässlich der „202"-LP Stücke davon gespielt und davor die Texte vorgelesen. Das kam völlig komisch, lustig und daneben rüber, weil sich die Texte einfach nicht dafür eignen. Das kann man einfach nicht machen, und deshalb ist es keine Poesie. Man kann einzelne Zeilen hervorheben und darüber dann sagen, das sei typisch kleiner Dichter, der in seinem Zimmer sitzt und sich was zusammendichtet. Für uns sind es einfach Liedtexte. Die können platt und doof sein, aber auch ein bisschen versponnen und undeutlich. Und EA 80-Texte sind eben EA 80-Texte.

O.k., danke, das reicht. Noch was zu sagen?
Nico:
Ich heiße Nico mit „c“.

Ach, vielleicht noch eine letzte Frage: Warum habt ihr dieses Interview gegeben? Nico: Weil wir schon lange keines mehr gemacht hatten.
Martin: Und weil wir eigentlich nie Interviews ablehnen, es sei denn, es handelt sich um Schriftliche. Wir sagen immer, kommt vorbei, dann ist das Interview kein Problem.
Nico: Außerdem ist das Ox so ziemlich das beste Fanzine, das ich kenne. (Der Interviewer errötet. Tja, sowas geht runter wie Öl. Man sieht schon, Nico hat Geschmack - und außerdem auch recht…)

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