© by Robert Paul KotheSeit 2017 saß Erhard Grundl aus Straubing für die Grünen im Bundestag. Schon zuvor war er in der Kommunalpolitik aktiv, spielte seit seiner Jugend in (Punk-)Bands und war bis zum Wechsel in die Politik über Jahrzehnte im Musikbusiness tätig, betreute zuletzt für den Musikvertrieb Cargo unter anderem Plattenläden. Im letzten Bundestag, der bis Ende März 2025 gewählt war, war er unter anderem für seine Fraktion Sprecher für Kultur- und Medienpolitik sowie Mitglied im entsprechenden Ausschuss, auch seine Reden im Bundestag enthielten immer wieder mal popkulturelle Zitate. Ich spreche mit Erhard Grundl am 20.03., kurz vor dem Ende seines Mandats, unter anderem über die Förderung von Live-Musik und Plattenläden, Streaming und ... Söder.
Erhard, was wirst du am meisten vermissen am künftig nicht mehr existierenden Status als MdB? Ist es das kostenfreie Netz-Ticket der Deutschen Bahn, mit dem man jederzeit mit jedem Zug überall hinfahren kann?
Ja, das kann sein. Das ist wirklich super, letzte Woche war ich noch in Rendsburg und in Hamburg bei der LiveKomm-Konferenz. Mir ist es immer bewusst gewesen, welche Privilegien man genießt als Abgeordneter, dass man in Watte gepackt ist, dass man alles hat außer Zeit. Ich hätte mir gewünscht, ich hätte mal die Zeit gehabt, einfach in den Zug zu steigen und zu schauen, wo es mich hinträgt. Ein paar Wochen gilt das Ticket noch, vielleicht habe ich noch die Zeit und die Muße.
Welche „Deformationen“ professioneller Art hast du an dir festgestellt in den siebeneinhalb Jahren als MdB?
Es war eine Legislaturperiode Opposition und eine in der Regierung, und ganz klar man verändert sich, das kann man nicht leugnen. Ich habe nie etwas davon gehalten, wenn man begrüßt wird mit dem Satz: „Du hast dich ja gar nicht verändert.“ Schon äußerlich ist das nicht so. Gerade wenn man einer regierungstragenden Fraktion angehört, ist man auch ein bisschen Parteisoldat. Das heißt nicht, dass man Überzeugungen über Bord schmeißt, das habe ich nie gemacht. Ich bin nicht ohne Grund bei den Grünen und da auch genau richtig. Aber in der Öffentlichkeit wäscht man keine schmutzige Wäsche oder geht auf die eigenen Leute los, das ist kontraproduktiv. Eine gewisse Selbstkritikfähigkeit muss man sich auf jeden Fall immer wieder erkämpfen. Und da ist es wichtig, dass man ein Umfeld hat, das einem die Wahrheit sagt. Als ich im November 2024 erklärt habe, ich trete nicht mehr an, meinten manche: „Jetzt wirst du ein ehrlicher Mensch. Jetzt sagst du mal, was Sache ist.“ Als ob ich vorher unehrlich gewesen wäre ... Aber ein bisschen mehr Beinfreiheit spüre ich jetzt schon, das ist ganz klar.
Du hast unlängst noch gesagt, der Söder müsse schon auf Knien angekrochen kommen, wenn er was von den Grünen wolle. Hast du eine Antwort von ihm bekommen?
Darauf habe ich sehr viele Rückmeldungen bekommen, aber nicht von Söder. Aber man trifft ihn ja immer wieder mal, selbst wenn man nicht MdB ist. Ich bin nach wie vor in der Kommunalpolitik unterwegs und bestimmt treffe ich irgendwann wieder auf ihn. Aber es ist schon erstaunlich, wie viele Leute mich darauf angesprochen haben. Ich war vor zwei Tagen noch in Berlin bei einer Lesung mit David Schalko, Sven Regener und Stuckrad-Barre. Da war auch die Moderatorin Katrin Bauerfeind, und dann wurden wir uns vorgestellt, und sie sagte: „Moment mal, ich glaube, ich kenne Sie aus dem Fernsehen.“ Ein Satz, den die selbst wahrscheinlich schon zigfach gehört hat. Das fand ich lustig, es ist schon Wahnsinn, wie viele Leute sich so eine Aussage in einer Rede dann doch merken.
Das eine ist, dass man auch mal so einen raushaut und dafür Beifall bekommt. Aber wie geht man um mit einem wie Söder, der immer gerne den totalen Grünenfresser gibt, wenn man ihm mal persönlich begegnet? Redet man dann ganz normal? Oder ist da pure Aggression im Raum?
Eine gewisse Grundhöflichkeit oder Menschlichkeit lasse ich mir nicht abkaufen. Söder treffe ich nicht oft, aber ich habe ihn begrüßt, als er im Bundestag war, weil sonst keiner von der Grünen-Landesgruppe zu ihm hinging. So kritisch ich ihn auch sehe, so ist der doch gewählter Ministerpräsident meines Bundeslandes. Aber eine Normalität gibt es mit Söder definitiv nicht angesichts seines pathologischen Verhaltens gegenüber den Grünen. Ich glaube trotzdem, Söder würde morgen mit den Grünen eine Koalition eingehen, wenn er muss oder wenn es ihm genehm ist. Das Problem dieses ganzen Bashings oder dieses ganzen Trash-Talks ist natürlich, dass die eigenen Leute so hoch in den Bäumen sind, dass er das nicht mehr vermittelt kriegt. Das führt zu einer Spaltung, und das finde ich sehr, sehr schwierig. Natürlich muss man hart Kritik üben. Ich übe selbst auch sehr harte Kritik an allen Abgeordneten, die im Wahlkampf wirklich die Unwahrheit gesagt haben, was die Reform der Schuldenbremse betrifft, und mit den so eingefangenen Stimmen in den Bundestag gekommen sind. Die werden ein Problem haben bei der nächsten Bundestagswahl. Aber es ist schon so, dass man sich auf vielen Ebenen mit Leuten unterhalten und mit ihnen zusammenarbeiten kann. Ich bin zum Beispiel Gründungsmitglied des Bundestags-Fanclubs des ruhmreichen TSV München von 1860 und natürlich sind da CSUler dabei und auch SPDler. Wir haben eine guten Kniff in der Satzung, so dass keiner von den Faschos mitmachen kann. Da hat man dann auch eine Ebene, wo man sich mal austauschen kann. Aber im Endeffekt ist natürlich alles politisch. Eine gewisse Lockerheit muss man schon haben, denn nur verkrampft, verbissen, mit Schaum vor dem Mund, das ist nicht gut.
Außer der AfD gegenüber, #Brandmauer. Es wird nun vermehrt behauptet, man müsste im Zweifelsfall auch mit denen reden, gerade in Lokalparlamenten würde es gar nicht funktionieren, diese pauschale Brandmauer einzuziehen, bla bla bla. Wie sind deine Erfahrungen? Im neuen Bundestag, dem du nicht mehr angehörst, sind über 150 AfD-Abgeordnete und hunderte von deren Mitarbeiter:innen.
Ich glaube, es wird kein Spaß in dieser Wahlperiode, das ist schon mal klar, mit doppelt so vielen AfDlern. Ich habe jede Gelegenheit genutzt, um auf die draufzuhauen. Der Kulturausschuss tagt immer öffentlich, das kann man auch nachschauen, und die sind nicht so dumm, wie man meint. Man erlebt da auch Überraschungen. Also man sollte sich darauf einstellen, dass das alles nicht so einfach ist im Umgang mit der AfD. Ich habe Beispiele für so was: Als Abgeordnete:r macht man auch mal Delegationsreisen, da ist dann von jeder Fraktion nur einer oder eine dabei. Das heißt, man ist in einer Gruppe von nur ein paar Leuten unterwegs. Vor zwei Jahren war ich mit so einer Parlamentariergruppe in Japan. Ich habe so eine Marotte entwickelt, wenn ich wo bin und habe noch eine halbe Stunde Zeit, dann gehe ich in einen Plattenladen und bringe mir ein Andenken mit. Japan war in der Hinsicht super, da war der Koffer im Endeffekt zu klein. In Kyoto hatte ich also eine halbe Stunde und ging zu Tower Records, das war nicht so spannend. Und was habe ich mir gekauft? „Combat Rock“ von THE CLASH in so einer speziellen Edition. Und dann komme zurück in den „Tourbus“, wo schon die anderen Abgeordneten sitzen. Und der AfD-Abgeordnete, ein älterer Herr aus Bremen, der sagte dann zu mir: „Ah, ‚Combat Rock‘.“ Also die von der AfD reden halt immer so rein und keiner antwortet ihnen, aber der sagt zu mir: „Ah, ‚Combat Rock‘. Aber die Beste von CLASH ist schon ‚London Calling‘.“ Ich habe nicht reagiert. Und dann hat er gesagt: „Ja, früher, da habe ich so gute Konzerte gesehen, ich habe auch THE CLASH gesehen und die ROLLING STONES. Aber das beste Konzert, das ich je gesehen habe, das waren 1980 die DEAD KENNEDYS in Bremen.“ Da habe ich doch reagiert und gesagt: „Sie kennen schon das Lied von DEAD KENNEDYS, ‚Nazi punks fuck off!‘?“ Auf der Tour habe ich die damals auch gesehen, ich war in München bei dem Konzert. Da sieht man, es ist nicht so einfach. Und da überlegt man sich schon, wo ist so jemand falsch abgebogen. Aber schlussendlich ist es eine homogene Masse von Faschisten – und die, die vielleicht für sich in Anspruch nehmen, sie seien gar keine Faschisten, sind vielleicht die Schlimmsten, weil die die Feigenglätter sind für die anderen. Ich halte die AfD für sehr, sehr gefährlich, und der eigentliche Kampf findet natürlich bei den Konservativen statt. Die Grünen triggern die, aber die wollen natürlich die Stimmen der CDU und CSU abgreifen, das müssen die Konservativen erkennen. Für mich gibt es keine Zusammenarbeit mit denen. Ich habe jede Möglichkeit genutzt, auf die draufzuhauen, sie zu entlarven, zu demaskieren und zu zeigen, dass das nicht zusammenpasst, was sie reden und was sie tun. Das ist eine ganz, ganz bedrohliche Entwicklung.
Matthias Helferich von der AfD, der sich mal als das „freundliche Gesicht des Nationalsozialismus“ bezeichnete, kündigte im Februar an, er wolle als Mitglied des Kulturausschusses mit „rechter Kulturpolitik den linken Kulturkampf beantworten“. Die AfD will hier also Themen setzen – in was für eine Richtung das gehen kann, sieht man ja in den USA, wo DEI-Programme abgewickelt werden. Die Rechten haben also einen Plan.
Ganz klar. Wir müssen uns diesem Kulturkampf stellen. Und wir müssen viel kreativer werden. Die progressive Linke muss zur Kreativität zurückfinden. Es geht nicht darum, unsere Leute noch zu bestärken in ihrer Ablehnung der AfD. Über Social Media ist es für die ein Leichtes, ihre negativen Narrative reinzublasen, und es gibt Worte, die triggern die Leute. Mit meinem Bundestagsbüro haben wir mal versucht, vier Wochen auf diese ganzen gängigen Begriffe zu Vielfalt, bunt oder rechts zu verzichten und das in anderen Worten zu sagen. Ich glaube, dass man so die Ansprache verändern kann. Aber klar, es kommen jetzt natürlich immer mehr Leute aus der Deckung, die unverhohlen rechtsextremistisch eingestellt sind. Da muss man die Möglichkeiten des Rechts ausschöpfen. Ich war auch von Anfang für das Verbotsverfahren und man muss schauen, was da passiert. Man muss wirklich alle rechtlichen Möglichkeiten nutzen, denn die Demokratie ist wehrhaft, und diese Wehrhaftigkeit muss man nun auch abrufen.
Was bedeutet das konkret? Welche Gefahren drohen für das, was uns wichtig ist? Mit Claudia Roth als Kulturstaatsministerin hatte diese Position zuletzt jemand inne, wo auch auf Basis der Biografie ein gewisses Verständnis für die Bedürfnisse der Musikszene vorhanden war. Und was sollte auf der Agenda stehen für die nächsten vier Jahre?
Ich habe heute ein sehr gutes Verhältnis zur Vorgängerin von Claudia Roth, zu Monika Grütters. Die wurde sehr stark kritisiert zu ihrer Zeit, auch von mir, denn als Oppositionsvertreter kritisiert man die Regierung. Aber was das Thema Neustarthilfen für die Kultur während Corona betrifft, so hatte sie durchaus erkannt, wie wichtig Kultur ist und wie wichtig auch Subkultur ist. Es hat natürlich immer ein bisschen gefehlt an der konkreten Geldverteilung, aber es gibt auch bei der CDU und vereinzelt auch bei der CSU Leute, die die Notwendigkeiten erkennen. So eine Kürzungsorgie, wie wir sie jetzt in Berlin erlebt haben unter Joe Chialo, ist natürlich fatal. Joe Chialo [der im Mai 2025 abgelöst wurde, die Red.] kenne ich schon lange, er war Anfang der 1990er Sänger von BLUE MANNER HAZE, einer Band, deren Vertrieb ich damals bei Semaphore betreut habe. Joe ist ein Netter, aber er sieht eben alles nur unter dem Kommerzgesichtspunkt. Und natürlich ist es wichtig zu sehen, welche große Wirtschaftskraft in der Kultur- und Kreativwirtschaft steckt. Wir reden da von 100 Milliarden Bruttowertschöpfung, dahinter stecken viele Arbeitsplätze, das ist sehr kleinteilig und die Leute sind oft schlecht bezahlt. Wenn der Kanzler die Autoindustrie einlädt, dann kommen halt diese drei, vier Dudes, aber bei der Kreativwirtschaft würde wahrscheinlich das Olympiastadion in Berlin nicht ausreichen. Ich sehe also die Gefahr, dass man alles im Kulturbereich nur noch dem Kommerzaspekt unterordnet, was ich aber selbst in kommerzieller Hinsicht als schlecht empfinde, denn die Subkultur von heute kann der Mainstream von morgen sein. Und wenn ich da die Möglichkeiten einschränke oder wenn mir das Thema egal ist, dann werde ich nur same old same haben und das ist dann einfach langweilig. Das ist genau das Gegenteil von dem, was Kultur eigentlich sein soll: dass sie uns Rätsel aufgibt und nach vorne gerichtet ist. Vereinzelt gibt es also bei der Union Leute, die wissen, welchen Wert die Kultur hat, aber ich bin mir nicht sicher, ob die noch Einfluss haben. Die Leute aus dem Kulturausschuss, die auch da mal Gegenworte fanden, sind raus. Ich sehe es mit Sorge, dass stramm konservative Leute – ich würde nicht sagen rechtskonservative – jetzt in Sachen Kultur bei der Union das Ruder übernehmen. Aber ich bin Optimist. Und dass die Grünen und die SPD nicht mit der AfD zusammenarbeiten auf dieser Ebene, das muss klar sein. Aber die Union spricht genau das aus, was auch die AfD sagt. Und die Leute wählen die AfD, weil sie glauben, die CSU und die CDU, die quatschen ja nur. In der großen Diskussion, ob Rot-Grün und damit das progressive Lager, oder die CDU/CSU die AfD größer macht, da glaube ich, wenn die Konservativen so reden wie die AfD, dann macht das die AfD nur stärker.
Julia Klöckner sagte neulich, wer die AfD-Inhalte wolle, der solle doch einfach gleich CDU wählen. Und das ist schon ein sehr deutliches Statement. Man ahnt, wo sie steht und wo andere Leute aus der Partei stehen. Die CDU hatte Anfang 2025 diesen infamen Fragebogen an die rot-grüne Noch-Bundesregierung gestellt zu NGOs und deren Positionierung gegen rechts. Und man ahnt, was droht, wenn zunehmend AfD und CDU über die Finanzierung auf lokaler Ebene Einfluss nehmen auf die kleinteilige Kultur, etwa was Jugend- und Kulturzentren und Ähnliches betrifft, die in ihrer Förderung vom Wohlwollen der Lokalpolitik abhängig sind. Wie siehst du das mit deinen Einblicken aus den vergangenen sieben Jahren?
In Bayern stehen im März 2026 die Kommunalwahlen an, und es ist genau so, wie du gesagt hast: Es ist die lokale Kulturförderung, wo entschieden wird, ob es weiterhin ein Proberaumhaus gibt oder eben nicht. Solche Sachen werden vor Ort entschieden, und deshalb ist es total wichtig, dass die Leute sich einmischen. Ich erlebe es immer wieder, dass Leute sagen, euch Politikern kann man nichts mehr glauben, dann wähle ich lieber die. Aber nein, ich kann nicht die Idioten wählen und glauben, es hat keine Konsequenzen. Das sieht man auch in den USA. Da haben auch viele geglaubt, dass das keine Konsequenzen habe – ich habe Verwandtschaft in den USA, da sind Leute dabei, die Trump gewählt haben. Die wundern sich jetzt, welche Folgen das hat. Und wir müssen es schaffen, dass die Bevölkerung in Deutschland das erkennt. Ich halte gar nichts davon zu sagen, man kann die AfD entzaubern, indem man denen Macht gibt. Das funktioniert nicht, das hat noch in keinem Land Europas funktioniert. In Österreich haben sie es probiert, und jetzt gibt es zwar keine Regierung mit den Faschos in Österreich, aber es hat die FPÖ nicht kleiner gemacht, als die ÖVP mit denen regiert hat. Im Gegenteil, die FPÖ ist heute größer als die ÖVP. Man muss die Leute stellen, und das geht vor Ort leichter, weil es da um konkrete Sachen geht. Die Bürgerinnen und Bürger können einfach sehen, wo der Unterschied liegt. Da muss man offensiv vorgehen. Mit den Faschos gewinnst du nix. Da verlierst du.
Ich habe neulich einen Artikel gelesen, wo die These rausgehauen wird, dass ein Teil des rechten Backlashs in den USA damit zu tun habe, dass die Linken sehr lange zu viel auf die Wokeness-Trommel gehauen und sich den tumben Rechten intellektuell überlegen gefühlt hätten. Und jetzt schlägt das Pendel zur anderen Seite aus.
Das ist eine große Herausforderung und ich teile die Analyse. Hier geht es um etwas, das man selbst verändern kann. Und es ist immer gut, wenn man Sachen erkennt, wo man selber in Aktion treten kann. Ich bin natürlich nur ein kleines Rad in der großen Maschine. Wenn ich versuche, das Narrativ zu ändern, dann ist es für mich ganz schön, aber es hat natürlich keinen Einfluss auf die Gesamtlage. Es ist einfach ein ewiger Prozess, der nicht aufhört. Und das ein Grund, warum ich mir gesagt habe, ich kann jetzt aufhören. Ich habe das fast acht Jahre gemacht, davon dreieinhalb Jahre in der Regierung, und konnte vielleicht ein paar Sachen mit anstoßen, auch schon in der Opposition. Es wird immer so sein, dass du dich in der Politik ständig erneuern musst, sonst bist du Schnee von gestern und das darf nicht sein. Man darf sich nie ausruhen und das gilt gerade für diesen Kulturkampf. Das ist eine tägliche Herausforderung, aber ich glaube, dass das gelingen kann.
Wir müssen also gezielt für unsere Werte einstehen und klar zum Ausdruck bringen, was unsere Themen sind.
Ja, man muss kreativ werden in seinen Sachen. Ich bin mit 54 Jahren reingekommen in den Bundestag, und dann werden einem Sachen zugeschrieben, so in der Art wie: Das ist der kumpelhafte bayerische Bauer. Ich war noch nie Bauer und ich bin auch nicht wirklich so kumpelhaft, wie die immer dachten. Aber mir wird manches verziehen, das weiß ich. Man muss also Linien ziehen, was du gerade mit Wokeness beschrieben hast, was ja schon fast ein Schimpfwort geworden ist. Man muss klar sagen, wo die rote Linie ist. Gleichzeitig würde ich schon für eine gewisse Lockerheit plädieren, weil man die Leute nicht kriegt, wenn man zu verbissen ist. Diese Verbissenheit ist bei der AfD voll da, aber sie können sie gut kaschieren. Unsere Aufgabe ist es, das zu demaskieren. Auch den ganzen Scheiß, den Trump in den USA abzieht, mit Vance und Musk und so weiter. Es gibt auch in Deutschland Leute, die das gut finden, aber ich glaube, dass man vielen Leuten, die auf die AfD reinfallen, mit dem Beispiel, was in den USA abgeht, deutlich machen kann, was auf dem Spiel steht bei diesem Kulturkampf.
Was konntest du konkret in deiner Zeit im Bundestag erreichen für die „Populärkultur“ in Deutschland?
Zunächst: Alleine schafft man nix. Du kannst dein Magazin auch nicht alleine machen. Man braucht Mitstreiter:innen, die auch an die Sache glauben. Und ich hatte das Glück, immer welche zu finden. Ich glaube, dass wir heute besser dastehen bei der Wahrnehmung, dass Popkultur einen Wert hat. Unter Corona war das noch leichter, man merkt da jetzt schon wieder so eine Abwärtsbewegung, und da muss man reingehen. Mit so etwas wie dem Festivalförderfonds, den es vorher nicht gab. Und dass man sagt, nicht nur die großen „Leuchttürme“ sind von bundespolitischer Bedeutung, denn darum geht es ja immer in der Kulturpolitik des Bundes. Sondern man macht klar, dass eine Struktur von vielen kleinen Festivals auch von bundespolitischer Bedeutung ist. Und so haben wir eben diesen Festivalförderfonds ans Laufen gebracht und auch einen Amateurmusikfonds. Die Festivalförderung war schon das „Baby“ von vor allem den Grünen, aber man brauchte in der Regierung auch FDP und SPD, wo es auch gute Leute gibt. Das also haben wir hinbekommen. Und der Kulturpass für 18-Jährige ist auch eine gute Sache, wenn man schaut, für was der genutzt wird, da geht auch viel in den popkulturellen Bereich. Es ist eine gute Sache für die 18-Jährigen, die Jugendlichen, und gleichzeitig ein positiver Effekt für die Leute, die hier Dienstleistungen anbieten, die die Kinos besitzen, die Clubs betreiben, einen Buchladen, einen Plattenladen. Ein klassisches grünes Thema ist die Anlaufstelle für Green Culture, die wir geschaffen haben, weil alle von den Umwälzungen betroffen sind, die der Klimawandel mit sich bringt, vor allem trifft das auch die Budgets. Es war uns wichtig, hier eine Vernetzungsstelle zu schaffen, die den Leuten Möglichkeiten aufzeigt, was möglich ist, wie sie dem begegnen können, wie sie ihre Kosten senken können. Ich finde, dass das alles gute Sachen sind. Diese Green Culture-Anlaufstelle war übrigens auch von den CDU-Fragen an die NGOs betroffen, wobei das meiner Ansicht nach keine klassische NGO ist. Aber da merkt man schon, dass schon allein das Thema Klimaschutz in der Kultur die Leute triggert. Da ist meine rote Linie, da muss man keine Ansprache verändern, sondern da muss einfach deutlich machen, wie wichtig das ist für Museen und für Clubs und für alle, die da arbeiten.
Die Initiative Musik und ihre Förderung von Band-Produktionen ist eine Sache, von der das Ox nur „über Bande“ profitiert, etwa wenn eine Band so bei uns Geld für Anzeigenschaltung ausgeben kann – Geld, das die Band ohne diese Förderung nicht hätte. Auch Studios, Promoagenturen, Grafikdienstleister und so weiter profitieren davon, wenn eine Band 10.000 Euro bekommt. Wird es das weiterhin geben? Wie ist deine Prognose und wie siehst du die Zukunft von solchen Maßnahmen?
Ich glaube nicht, dass diese Mittel gestrichen werden. Gerade die Initiative Musik ist total wichtig und wertvoll. Wir haben in der Zeit, als wir in der Regierung waren, eine neue Geschäftsführerin bekommen, Katja Lucker, die zuvor das Musicboard Berlin geleitet hatte und selbst schon Festivals veranstaltet hat. Die weiß, um was es geht, und das merkt man auch. Ich glaube, jeder, der sich mit Haushalt, also mit Geld, beschäftigt, der weiß, dass das Problem bei Kultur immer schon war, dass Haushaltspolitiker für Summen unter fünf Millionen morgens gar nicht aufstehen. Und im Kulturbereich geht es eben nicht um Peanuts, weil diese Gelder etwa für einen Club total wichtig sind, aber der „Applaus“-Preis, der mit 30.000 Euro dotiert ist, das ist keine Riesensumme ...
Den Preis haben wir hier in Solingen 2023 für unseren Waldmeister e.V. bekommen.
Hier kann man mit wenig Mitteln große Effekte erzielen für ein gutes Leben der Leute vor Ort. Weil es ist total wichtig ist, dass es so einen Club in Solingen gibt und auch in Straubing und nicht nur in Berlin oder in München. Da kann man mit kleinen Summen viel erreichen, das finde ich super. Und das Gleiche gilt auch für den „Emil“, den Preis für Plattenläden, auf den bin ich schon ein bisschen stolz. Ich hatte die Ehre, den Koalitionsvertrag 2021 mitzuverhandeln und der war super. Was da drin steht, ist total gut. Wir haben es nämlich geschafft, unter anderem auch diesen Preis für Plattenläden einzuarbeiten, denn das sind „dritte Orte“, wo die Leute zusammenkommen, wo auch Konzerte, Lesungen und so weiter stattfinden. Und selbst wenn es nur darum geht, dass die Leute sich über Bands unterhalten – die ist scheiße, die ist super, das ist eine neue Band und so weiter. Ich will die hier ausgeschütteten Summen nicht kleinreden, aber die sind im Verhältnis zu dem, was sonst im Bundeshaushalt besprochen wird, eben verschwindend klein. Da geht man nur dran, wenn man ein politisches Zeichen setzen will, um zu sagen, das ist mir nichts wert. Aber da müsste der Aufschrei groß sein. Und ich glaube, das wird sich die Union nicht trauen. Aber die AfD, die würde da rangehen. Dann kann dieser Typ noch so viel von den DEAD KENNEDYS 1980 in Bremen quatschen.
Und wie sieht es mit dem neuen Koalitionsvertrag aus? Dadurch, dass die Stimmen der Grünen für das Thema Schuldenbremse gebraucht wurden, gab es da ja wohl noch eine gewisse Einflussmöglichkeit.
Meine Meinung dazu ist, dass das Thema Sicherheit wichtig ist und es gut ist, dass wir das jetzt gemacht haben. Das mit der Infrastruktur hätte auch der neue Bundestag machen können und vielleicht sogar sollen. Drei Wochen nach der Wahl noch so weitreichende Entscheidungen zu treffen, das ist ja nur nötig gewesen, weil die Union, weil Merz so schlecht performt hat. Ich kann nicht einfach einen Tag nach der Wahl drauf kommen, das ist alles falsch, was ich vorher gesagt habe, und dann feststellen, die Mehrheiten haben sich verändert, ich müsste jetzt mit der Linken sprechen – was die sowieso werden tun müssen. Natürlich konnten wir ein paar Sachen festzurren, aber schlussendlich sind wir Opposition die nächsten vier Jahre. Und da kannst du auch nicht bei allen Sachen richtig kontrollieren, wie das dann gemacht wird. Ich glaube, es wurde gut verhandelt, und Klimaschutz ist ja nichts Abstraktes, sondern da geht es auch um Förderprogramme, die alle nur möglich sind, weil wir jetzt dafür zusätzliche Mittel haben. Dass zusätzliche Mittel für Kultur verwendet werden, da braucht es immer wieder einen Kampf. Es gibt jetzt mehr Möglichkeiten, aber für was genau das eingesetzt wird im Haushalt, steht noch nicht fest.
Wo siehst du die Herausforderungen, was das Streaming-Geschäft betrifft? Da findet eine Umschichtung hin zu den großen Konzernen statt und für die Indies wird die Luft immer dünner. Was müsste die Politik da leisten?
Das ist ein sehr wichtiges kulturpolitisches Thema. Wir haben in der abgelaufenen Wahlperiode eine wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben, die feststellen sollte, was hier Sache ist, wovon wir überhaupt reden. Nun liegen die Ergebnisse vor und die sind verheerend für Künstlerinnen und Künstler, wenn man sieht, dass nur wenige Prozent der Künstler 75% der Einnahmen bekommen. Dabei ist Spotify ja deshalb so attraktiv, weil sie ein so riesiges Portfolio haben. Allein die Ansage von Spotify, dass die ersten 1.000 Streams gar nicht zählen, ist eine Frechheit. Ich glaube, dass die zukünftige Kulturpolitik da hart reingehen muss. Und nicht nur die Kulturpolitik, sondern auch das Wirtschafts- und das Justizministerium müssen sich das anschauen. Es gibt da diverse Verflechtungen, die Majorlabels sitzen da mit drin, manchmal offensichtlicher, manchmal nicht so offensichtlich. Da wird es auch kartellrechtlich relevant. Allein die Ankündigung, dass es eine Studie geben würde, hatte damals dazu geführt, dass ich von überall her Einladungen bekommen habe, zu Konzerten und zu Abendessen. Da dachte ich mir, wenn die da so viel auffahren, wenn mir die von Sony Dylan-Platten mitbringen, die ich sowieso schon alle hatte, dann geht es wohl um was. Ich habe nichts gegen Lobbyismus, ich will nur, dass es ganz offen gehandhabt wird. Du weißt, ich komme aus der Musikbranche, da war es immer schon klar, dass man hinsichtlich Compliance ein bisschen aufpassen muss, und das habe ich auch als Abgeordneter so gehalten, weil ich keine Abhängigkeiten schaffen will. Ich habe Außenpolitik gemacht, ich war oft in Israel, aber ich habe mich nie von einem Lobby-Verein wie ELNET nach Israel einladen lassen, weil die dir nur den einen Teil vorführen. Und mir ist immer wichtig, das ganze Bild zu bekommen. Über das Thema Lobbyismus könnte man stundenlang sprechen. Man darf sich eben nicht davon beeinflussen lassen.
Du hattest vorher schon eine große Expertise im Musikbereich über dein Berufsleben, du warst zuletzt im Außendienst für Cargo Records tätig. Nun hast du siebeneinhalb Jahre Druckbetankung an ganz anderer Expertise bekommen. Was wirst du damit machen? Wirst du wieder als Außendienstler Plattenläden in Bayern abklappern?
Nein, das werde ich nicht machen. Ich bin seit 2017 raus aus der Branche und ich sehe ja. wie sich das alles verändert hat, auch in Hinblick auf Streaming. Ich merke schon jetzt, wie meine Kreativität zurückkehrt, und wenn ich raus bin, bin ich raus. Ich will dann auch nicht kluge Tipps vom Balkon herab geben. Sicher ergeben sich Sachen und ich bin offen, diese Expertise, diese Erfahrung weiterzugeben. Die Leute sollen ja davon profitieren, und wir haben auch innerhalb der Grünen-Fraktion ein System, damit solches Wissen nicht verloren geht. Es geht hier auch um die Leute, die für einen gearbeitet haben. Ich hatte das Glück, von Anfang an ein super Team zu haben, denn das ist für die Abgeordnetentätigkeit sehr wichtig. So kann man sich auf bestimmte Sachen konzentrieren und hat Leute, die einem zuarbeiten. Ich hoffe, dass ich nun wieder Zeit finde, mehr auf Konzerte zu gehen, und ich habe einen Berg Platten und Bücher angesammelt. Außerdem bin noch in der Kommunalpolitik aktiv, und da Anfang 2026 in Bayern Kommunalwahlen anstehen, muss man mal schauen, was da passiert. Ich denke, ich habe den Moment erwischt, wo sie dir sagen, schade, dass du aufhörst. Das ist besser, als wenn sie sagen würden: „Glad to see you go.“
Ich frage das einfach mal ganz offen: Es gibt ja Klischees, dass jemand, der im Bundestag war, für den Rest des Lebens ausgesorgt hat und nicht mehr zu arbeiten braucht.
Also ich kann da ganz offen drüber sprechen, und es ist auch alles recherchierbar. Wie hoch die Diäten sind, weiß jeder, und dass man als Abgeordneter in Watte gepackt ist, das ist so. Und der Rentenanspruch, den man erwirbt, ist nicht von schlechten Eltern, aber der kommt aber erst zum Tragen, wenn man im Rentenalter ist. Und das bin ich noch nicht und ich werde auch nicht in Rente gehen. Wie Muddy Waters mal gesagt hat, hat Rock’n’Roll sowieso keine Pension. Es besteht jetzt nicht der unmittelbare Zwang zu arbeiten, aber ich werde schon was machen. Weil ich das auch will. Ich hatte zwei Legislaturperioden und ich habe vorher gearbeitet und Rentenansprüche erworben. Ja, was ich da so höre, das ist schon ein Ausdruck dafür, dass die Menschen viel kritischer sein müssten, gerade gegenüber dem, was ihnen bei Social Media oder in WhatsApp-Gruppen reingespült wird – und nicht nur kritisch den Öffentlich-Rechtlichen oder den Parteien gegenüber. Da stelle ich ein gewisses Ungleichgewicht fest. Es ist ein Schmarrn, dass man nach zwei Wahlperioden ab Tag 1 danach eine Pension von 5.000 Euro kriegt.
Viele Menschen, die im Kulturbereich arbeiten, sind von Altersarmut bedroht. Auch Musiker:innen, Kleinselbständige und so weiter. Was wäre hier wünschenswert?
Wir bräuchten unbedingt eine Bürgerversicherung, in die alle einzahlen, auch die Abgeordneten. Diese Unterteilung in private und gesetzliche Krankenversicherung, in Rente und Pension, das müsste angegangen werden. „Die Politik“ gibt es aber nicht, gegen diesen Ausdruck habe ich eine Aversion, denn das würde ja bedeuten, die Linkspartei und die AfD seien gleichzusetzen. Aber die Leute wählen dieses Thema eben nicht. Es gibt Parteien, die zu dem Thema ganz klar was sagen, wir Grünen gehören dazu, aber wir haben bei der letzten Wahl 11,6% bekommen. Wenn den Leuten das so wichtig wäre, müssten sie entsprechend wählen. Dabei ist es eigentlich total relevant, dass jeder seinen fairen Beitrag leistet und eine erträgliche Existenz hat, wenn er nicht mehr arbeiten kann. Das müsste die Bevölkerung dann aber auch wollen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #144 Juni/Juli 2019 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Joachim Hiller