Female fronted is not a genre

Foto© by Joachim Hiller

Gero von KILL HER FIRST und ihr Festival

Ein schöner Nebenaspekt des famosen Canarias Calling-Festivals ist, dass man bei dieser Gelegenheit total coole Leute kennenlernt und sich weit jenseits von Smalltalk bei einem Konzert mal austauschen kann. So lernte ich Gero kennen, Frontperson der Berliner Hardcore-Band KILL HER FIRST, die im Hauptberuf im legendären SO36 arbeitet und dort auch alljährlich ihr „Female fronted is not a genre“-Festival veranstaltet. Dessen Claim nahmen wir zum Anlass, um mal zu diskutieren, was es damit auf sich hat. Auch unter der selbstkritischen Erkenntnis, dass über die Jahrzehnte im Ox Bands unter Beteiligung einer weiblich gelesenen Person am Mikrofon als „female fronted“ beschrieben wurden.

Gero, bist du eigentlich eine „richtige“ Berlinerin?

Ich kenne tatsächlich noch echte Berliner, im Freundeskreis habe ich viele davon. Und ich bin keine. Ich komme aus Italien und lebe seit meinem zehnten Lebensjahr in Berlin. Ich fühle mich aber wie eine Berlinerin.

Mit zehn ist man typischerweise, außer man hat entsprechende Eltern, noch nicht Punk. Wann und wo kam Punk in dein Leben?
Mit 15. Ich hatte eine schwierige Situation zu Hause und bin mit 15 mehr oder weniger auf der Straße gelandet. Ich musste mich selbst durchschlagen und bin in Punkerkreise gekommen, so wegen Park und draußen abhängen und irgendwo unterkommen, schlafen. Und da habe ich sehr viele Punks kennengelernt, Berliner Punks, die wirklich extrem waren, nur gefeiert und draußen geschlafen haben. Ich bin 1977 geboren, das war in den 1990er Jahren. Da war der Böcklerpark ein großer Treffpunkt und da ist auch ein Jugendhaus, wo wir oft Hilfe bekommen haben. Da bin ich mit Punk also mehr in Berührung gekommen, aber die Musik war schon vorher eine ganz dolle Leidenschaft von mir. Ich habe mit zehn angefangen, mich richtig mit Punk zu befassen. Kassetten und Musik waren etwas ganz Besonderes für mich.

Kam das aus deiner Familie?
Mein Vater hat unheimlich viele Platten gehabt und Musik sehr geliebt. Der war ein Hippie, für ihn war Musik immer wichtig und er hat sie mir ziemlich nahegebracht. Ich war als Kind auf seinen Schultern beim Gianna Nannini-Konzert.

Du erwähntest eben diesen auf den Straßen präsenten Punk, geprägt von jungen Menschen in eher prekären Lebenssituationen. Das gibt es heute kaum noch in deutschen Großstädten, war in den 1980ern und 1990ern noch allgegenwärtig. Heute ist Punk, wenn ich mal etwas polemisieren darf, ganz schön gentrifiziert und auch mal eher schwarzer Kombi und Einfamilienhaus als im Park schlafen.
Ja, auf jeden Fall. Punk habe ich so kennengelernt und ich habe erst später herausgefunden, dass ich es sehr idealisiert habe. Am Anfang dachte ich wirklich, Punk sein bedeutet, wir halten zusammen, wir helfen uns gegenseitig aus einer schwierigen Situation, wir sind unangepasst, wir sind die, die die Gesellschaft nicht will. Wir sind die Ausgestoßenen und wir tun uns zusammen und wir sind laut und präsent, damit die Gesellschaft uns trotzdem sieht, auch wenn sie uns nicht sehen will. Das war das, was ich früher, als ich sehr jung war, für Punk hielt und was Punk für mich bedeutet hat. Ich habe aber schnell mitgekriegt, dass es für viele auch ein Vorwand war, einfach mal nichts zu machen: Kein Bock auf gar nichts. Und das hat mich irgendwie ein bisschen gestört.

Warum?
Ich war nicht so. Während alle anderen Punks nach dem Feiern geschlafen haben bis sonst wann und der Tag dann langsam anfing, direkt mit einem Bier oder so, hatte ich eine kleine Armbanduhr mit Wecker. Ich bin jeden Morgen aufgestanden und aus dem Park zur Schule gegangen. Ich habe damals aus einem Rucksack gelebt, in dem war mein ganzes Hab und Gut. Ich bin zur Schule gegangen, weil ich gerne zur Schule ging. Ich habe mein Abi gemacht und mir fiel das alles sehr leicht. Ich habe immer gerne Menschen um mich, bin gern zur Schule gegangen, weil ich da viele Freunde hatte. Ich wollte was lernen, ich wollte was machen, was erreichen. Damit war ich unter den Leuten da eine der wenigen.

Was hat dich dann, wenn man das so sagen kann, „gerettet“? Letztlich wird oder wurde diese totale Gegenhaltung zu diesem Leistungsgedanken, dass man als Mitglied der Gesellschaft nützlich sein muss, morgens aufstehen und seinen Job machen, ziemlich idealisiert unter Punks.
Das hätte mich nicht glücklich gemacht, weil ich immer schon eher hibbelig und ein Macher war. Ich wollte gerne was machen, vielleicht nicht für die Gesellschaft allgemein an sich, aber um mir eine Daseinsberechtigung zu geben. Das war immer so der Gedanke: Warum bin ich? Was will ich? Was mache ich hier? Will ich hier sein? Will ich nicht hier sein? Das waren schon ganz früh Gedanken in mir. Ich wollte für mich selbst eine Daseinsberechtigung finden. Muss man vielleicht nicht, man kann auch einfach sein, aber mir war es wichtig, dass ich eine Daseinsberechtigung habe. Ich hatte immer diesen Hang zu Depressionen und musste mich damit retten, indem ich mich selbst überzeuge, dass es gut ist, dass ich da bin. Die Zeit im Park war nicht lang, ich habe krass viel Unterstützung bekommen, Freunde von meinem Vater haben mich bei sich wohnen lassen, und ich bin bei Klassenkameraden untergekommen, wo die Eltern unglaublich toll waren und mich auch wochenlang bei sich haben schlafen lassen. Mit 16 hatte ich schon meine eigene erste Bude, über einen Freund von meinem Vater, der den Winter nicht in Berlin verbracht hat, sondern in Indien. Und ich konnte den ganzen Winter über seine Wohnung haben. Dann waren die Partys halt bei mir, haha. Die Wohnung war klein, eigentlich wirklich schlimm, die hatte kein warmes Wasser und ein Außenklo, das ich mir mit dem Nachbarn geteilt habe. Zum Heizen ein kleiner Ofen, ich musste dafür Kohle schleppen. Es war so kalt nachts, dass ich mit meinen Tiertatzenhausschuhen ins Bett gegangen bin.

Warst du gut in der Schule?
Die Sachen, die mich interessiert haben, die sind mir zugeflogen. Und bei denen, die ich nicht wollte, habe ich mich gesperrt. Ich habe von der 5. Klasse bis zum Abitur immer eine Fünf in Mathe gehabt. Ich kalkuliere heute Veranstaltungen, und ich habe dieses scheiß Mathe nie gebraucht. Es gibt Computer, Taschenrechner, Prozentrechnung, das ist alles.

Du arbeitest seit über zehn Jahren für das SO36. Was hat dich dorthin geführt?
Ich wollte eigentlich an der FH Musik studieren, Soziologie und Italienische Philologie. Ich bin dann zu zwei, drei Vorlesungen gegangen und fand das so schlimm – ich wusste genau, das ist es nicht, da werde ich nicht mehr hingehen. Da habe ich mir gedacht, dann mache ich Mucke. Ich hatte schon eine Punkband, TOXIC LIES hieß die. Ich war versessen drauf, Musik zu machen, habe angefangen, einen Tonstudio-Lehrgang zu machen. Ich habe in der Band gesungen. Alle haben immer gesagt, dass ich so unfassbar laut bin, dass ich so eine präsente Stimme habe.

Echt ...?
Das wurde mir immer nachgesagt, und dann war es offensichtlich, dass mein Ding die Vocals sind. Und ich schreibe unglaublich gern, auch Gedichte und Bücher, Schreiben ist meine große Leidenschaft. Bei der Leidenschaft für Schreiben und laut sein ist das Ergebnis ziemlich eindeutig, was man damit in einer Band machen könnte, haha. Daraus ergab sich der Gedanke, zu wissen, wie man Konzerte veranstaltet, könnte vielleicht auch der eigenen Band helfen. Um etwas gut zu machen, musst du dich damit auskennen. Und so habe ich eine Ausbildung zur Kauffrau für audiovisuelle Medien gemacht im „Forum“ in Berlin. Wegen Abitur konnte ich das abkürzen auf zwei Jahre, in denen ich einmal sechs Monate und einmal fünf Monate Praktikum machen musste. Damals waren in diesem Berufsbild noch Veranstaltungstechniker drin, aber auch Leute von Plattenfirmen, vom Radio und dem Fernsehen. Die Praktika habe ich beide bei Trinity gemacht ...

... einem Berliner Konzertveranstalter.
Ja, und da habe ich meine ersten Veranstaltung betreut. Manchmal bin ich morgens zur Schule gegangen bis um zwölf und dann direkt zur Produktion, habe das Catering vorbereitet und war dann TL, also die Technische Leitung bei den kleinen Shows – ich habe die komplett alleine abgewickelt. Ich mache das jetzt schon seit 25 Jahren.

Ist das immer noch dein Traumberuf?
Dadurch, dass ich die Möglichkeit hatte, den Bereich öfter zu wechseln, würde ich das schon sagen. Ich bin ja nicht festgefahren, ich habe schon ganz unterschiedliche Positionen besetzt. Anfangs war ich TL und habe die Produktion vor Ort gemacht in allen Venues, später habe ich im Magnet Club Booking, Produktion und Marketing gemacht. Nach neun Jahren Magnet habe ich kurz überlegt, was anderes zu machen, und ein Konzept geschrieben für einen Kaffee-Panini-Laden, denn neben Musik ist Essen meine Leidenschaft. Aber dann rief das SO36 an, und das „alte“ Team da war ein reines Frauenteam, was ich total toll fand, eben weil das mega unüblich ist in der Branche. Ich habe da wirklich viele Macker kennengelernt ... Die Panini-Idee legte ich erst mal zur Seite, aber ich hatte schon ein sehr spezielles Konzept mit Rezepten, die angelehnt sind an das, was bekannte Musiker gerne essen zum Beispiel. Ich hatte mir schon ein Sid Vicious Panino ausgedacht mit Bohnen, Ei und Worcestershire-Sauce. Im SO36 mache ich total viel, Produktion gar nicht mehr, sondern Booking, ich kalkuliere und mache Pläne. Das ist ein ständiger Wandel, wo du immer Neues lernst. Ich habe in der Pandemie online einen Social-Media-Lehrgang gemacht, versuche mich immer wieder weiterzubilden und Neues zu lernen. Ich brauche Abwechslung, ich bin ein ADHS-Kind, ich muss mich gefordert fühlen.

Du erwähntest eben das All-Female-Team im SO36. In den letzten paar Jahren wurde es zunehmend thematisiert, wie mit Frauen in der Musikszene generell vielfach umgegangen wird – ein Leuchtturmsong ist hier „Sarah (Frau, auch in ner Band)“ von AKNE KID JOE. Du arbeitest seit 25 Jahren in dieser Branche, wie ist deine Wahrnehmung?
Was mir am Anfang wirklich zu schaffen gemacht hatte, waren die ersten Shows, die ich für Trinity gemacht habe, wo ich also für internationale Acts der Repräsentant des Veranstalters war. Da ist es mir unglaublich oft passiert, dass ich nicht ernst genommen wurde – weil ich ein Mädel war. Du stehst da und willst Anweisungen geben, wer welches Backstage kriegt, hast eine Tüte Bändchen in der Hand, willst einem Musiker die Bändchen fürs Backstage geben – und dann kommt der dicke Tourmanager und hört auf kein Wort von dem, was du sagst, reißt dir die Bändchen aus der Hand, stellt sich vor dich und verteilt sie selber. So dass du gar nicht mehr existierst. Oder wenn ich Ansagen gemacht habe, zum Beispiel für das Backstage-Curfew, ist es mir passiert, dass die Musiker gelacht haben und weiter sitzengeblieben sind. Wenn es ein Typ gesagt hat, sind die Bands aufgestanden und rausgegangen. Dadurch habe ich die „Angry Gero“, die böse Gero entwickelt, die einfach krass meckert. Ich habe dann meine Hände in die Hüfte gestemmt, ich habe eine sehr laute, präsente Stimme, bin tätowiert und ich kann auch wirklich böse gucken. Und das hat funktioniert.

Könnte man sagen, du hast ein eher maskulin gelesenes bossy Verhalten an den Tag gelegt?
Ja. Wobei ich nicht sagen würde, dass es unbedingt maskulin ist. Es ist einfach bossy.

Sind Männer bossy?
Ja, aber Frauen können genauso bossy sein. Es gibt auch ganz viele Frauen, die zu Hause den Hut aufhaben – einfach nur durch die Art, wie sie reden. Und deswegen würde ich jetzt nicht unbedingt sagen, es ist maskulin. Männer benutzen es nur mehr. Das ist der Unterschied. Männer vereinnahmen dieses Verhalten für sich, aber es ist kein männliches Verhalten.

Es ist also eher ein erlerntes und anerzogenes Verhalten, das als Kern des Problems dahintersteckt?
Genau. Das ist alles eine Sache, wie du Manieren und das alles weitergibst. Die Kinder lernen das von den Eltern. Wenn ein Kind damit groß wird, dass seine Mutter die Ansagen macht, dann sieht es das nicht als männlich an. Dann ist es die bossige Mama. Wie man sozialisiert wird, daran hängt es, und wie das weitergegeben wird – auch mit Absicht. Das Patriarchat ist nicht aus Versehen entstanden, es ist gezielt gemacht worden. Wie auch, dass viele Geschichten zum Beispiel nur von der männlichen Seite weitergereicht worden sind.

Herstory versus History.
Ja. Viele Geschichten sind tatsächlich anders abgelaufen, als man sie weitergegeben hat. Was man aber nur herausfindet, wenn man recherchiert. Denn es ist nicht alles so, wie es dir erzählt wird.

Inwiefern hat sich die Situation in deiner Branche zum Positiven verändert? Wer hat was verstanden, inwiefern haben sich Leute verändert und was hast du dazu beigetragen?
Ich habe immer versucht, Kolleginnen zu fördern und gerne Mädels ausgebildet bei uns im SO36. Bei Einstellungen geben wir FLINTA-Personen eine Chance, Technikerinnen zum Beispiel bildet das SO36 liebend gerne aus. Wir haben schon viele Technikerinnen ausgebildet, früher war es sehr selten, dass es in einem Club Technikerinnen gibt. Da habe ich versucht, meinen Beitrag zu leisten. Ich habe gemerkt, dass sich vieles verändert hat, weil sich mit der Zeit immer mehr FLINTA-Personen getraut haben, diesen Beruf zu wählen. Sie haben Teilhabe erkämpft und man hat gemerkt, dass es tatsächlich an manchen Position ganz gut ist, wenn da eine FLINTA-Person dabei ist, also jemand nicht den Macker rauslässt, sondern auch ein bisschen Empathie aufbringt. Bands, die wollen nicht nur immer nur krassen Rock’n’Roll und prollig krass saufen, sondern es gibt viele sensible Menschen in Bands. Die haben, glaube ich, gemerkt, dass es echt cool ist, eine Tourleiterin zu haben, die Empathie hat und sieht, wenn es jemandem nicht gut geht, und ein bisschen Sensibilität zulassen kann. Das war eine gemeinsam Entwicklung: Die eine Seite hat gemerkt, das ist vielleicht auch ganz cool, und die andere Seite checkte, wenn ich ein bisschen pushe, dann komme ich da schon rein. Und so hat sich das gesteigert.

Man kann also positiv anmerken, dass dieses System offensichtlich lernfähig und reformierbar ist, oder? Denn es gibt auch eine Darstellung, wo man denkt, okay, es ist wirklich alles komplett machistische Scheiße und kompletter Dreck. Du zeigst, dass man kann die Situation auch positiv sehen kann, weil sich was tut.
Absolut, auf jeden Fall. Du hast in allem was Schlechtes und was Gutes. Du musst es nur sehen wollen, dann findest du auch die positiven Seiten.

Das Glas ist halb voll und nicht halb leer?
Und es könnte sich weiter füllen. Jeder Step ist schwierig und manchmal ist es so, dass der erste Schritt total schwer ist und die danach super leicht werden. Ich glaube, so vor zehn, zwölf, dreizehn Jahren, da ist ein großer Schritt passiert, von da an sind ganz viele Frauen in den Bereich gekommen. Und es ist auf einmal ganz schnell gegangen. Wenn ich mir überlege, was die letzten Jahre passiert ist in puncto FLINTA und deren Akzeptanz, Gendern oder das, was für Queers passiert ist, war das wie eine Lawine. Und auch das Bewusstsein etwa für vegane Ernährung hat viel Speed bekommen.

Aber es gibt auch krasse Gegenbewegungen. In den USA und auch hier wird versucht, einen Kulturkampf zu führen. Unter dem Begriff Anti-Wokeness geht es gegen vegan, gegen Linke, gegen feministische Ideen, gegen FLINTA, gegen Queerness und so weiter. Bei allen Erfolgen merkt man, wie krass aggressiv die Gegenseite darauf reagiert.
Das Ding ist, umso mächtiger eine Seite wird, desto mehr muss die andere kämpfen, um sich selbst zu erhalten. Deswegen sind die jetzt gerade so aggressiv gegen jegliche Art von Entwicklung und wollen am liebsten die Frau wieder am Herd haben und alle essen nur Fleisch. Sie haben Angst. Menschen, die vielleicht nicht so gerne über das Leben nachdenken oder über das Dasein an sich, haben Angst, dass sie ausgeschlossen werden, dass sie irgendwann die Minderheit sind. Und deswegen müssen sie mit aller Macht dagegenhalten. Das ist ein Effekt, den ich erwartet habe, es überrascht mich nicht.

Kommen wir mal auf dein Festival zu sprechen, das du seit ein paar Jahren unter dem Namen „Female fronted is not a genre“ im SO36 machst. Warum dieser Slogan, was soll er ausdrücken?
Ich hatte schon sehr lange versucht, ein eigenes Festival zu veranstalten, es war immer ein Traum. Meine Idee war so etwas wie das Knotfest von SLIPKNOT, also wo eine Band ihre Freunde einlädt und zusammen gefeiert wird. Ich bin mit sauvielen Bands befreundet und kenne arbeitsbedingt super viele Bands. Ich schätze viele Bands für ihre Musik, bin sehr dankbar, dass es sie gibt, und deswegen wollte ich immer schon ein eigenes Festival machen. Nun war meine Band KILL HER FIRST ursprünglich als Frauenband gestartet, mit den Jahren gab es aber Wechsel an den Instrumenten, und so sind wir jetzt eine gemischte Band. In den ganzen Jahren, seit ich mit Musik arbeite, habe ich festgestellt, dass es nichts Schlimmeres gibt als Separation. Das ist sowohl in der Musik als auch in der Politik so. Wenn du dich selbst ausschließt, dann wirst du niemals die Akzeptanz bekommen, nach der du eigentlich suchst. Egal, ob du eine FLINTA-Person am Instrument bist oder eine queere Person, du willst ja eigentlich akzeptiert werden für das, was du bist, nicht was der oder die andere denkt. Jede:r hat seine oder ihre Daseinsberechtigung. Aber diese Akzeptanz kriegst du nicht, wenn du dich ausschließt. Ich habe mit meiner Band auf so vielen Ladyfests gespielt, deutschlandweit. Und überall war es so, dass es sich nicht richtig angefühlt hat. Das hat sich für mich nicht gut angefühlt, weil ... ich mag Männer. Ich bin zwar queer, aber ich bin mit sauvielen Männern befreundet. Ich schätze sie und es gibt nicht nur Macker. Ich habe viel mehr Spaß beim Feiern, wenn alle dabei sein dürfen und niemand exkludiert wird. Das hat mich zu dieser Vorstellung gebracht, dass es nicht richtig ist, ein reines FLINTA-Festival zu machen. Der Lerneffekt, den ich eigentlich vermitteln will, ist dann nicht da. Man feiert zusammen viel schöner. Das will ich rüberbringen. Das ist der eine Teil.

Und der andere?
Der andere ist der, dass jede FLINTA-Person, die Musik macht, mindestens einmal in ihrem Leben den Satz gehört hat: „Für eine Frau spielst du ganz gut.“ Oder: „Für eine Frauenband gehen die gut ab.“ Und dann frage ich mich: Wieso denn nicht? Wo ist der Unterschied? Aber es werden Unterschiede gemacht. Das geht soweit, dass Leute sich beim Booking FLINTA-Bands reinholen, nur damit sie gefördert werden. Und ich denke, du solltest die nehmen, weil du das willst. Und dann werden sie gefördert. Aber da wird das Pferd von hinten aufgezäumt. Das ist nicht die Message. Die Message ist: „Zusammen sind wir alle geil!“

Was hat sich verändert, seit du das Festival machst?
Ich mache das nun fünf Jahre und ich muss dir sagen, es ist so krass, wie anders dieses Publikum bei diesem Festival ist. Jeder, der einmal da war, kommt wieder. Deswegen ist es auch immer voll. Ich habe wirklich zig Nachrichten bekommen von Männern und Frauen und FLINTAs, die mir sagen, dass dieses Festival komplett anders ist.

Was ist anders?
Da feiern Menschen zusammen, die selten im gleichen Pogo sind. Und der Pogo, der ist zwar wild, aber er ist nicht brutal. Typen, die sonst vielleicht mehr kicken und mehr mit dem Ellbogen abgehen, die sind auf einmal sensibel und passen auf, dass sie Mädels nicht den Ellbogen ins Gesicht hauen oder dass sie nicht mit ihren Stahlkappen irgendjemand in den Rücken treten. Alle nehmen Rücksicht, aber es ist trotzdem wild. Mittlerweile sind auch Leute im Rollstuhl vorne im Pogo mit drin.

Wäre das nicht ein schönes Package, das man auf Tour durch ganz Deutschland schicken könnte?
Das plane ich bereits zusammen mit Jordan von Krod Records, wo die Platten von KILL HER FIRST erscheinen. Mein großer Wunsch ist, eine Tour zu organisieren, die unter diesem Banner läuft. Ich hoffe, ich kann dazu schon bald mehr sagen.

Lass uns über den Slogan „Female fronted is not a genre“ reden. Über die Jahre haben wir im Ox immer wieder mal über Bands mit einer weiblich gelesenen Person am Mikrofon geschrieben, sie seien „female fronted“. Warum wird diese oder eine ähnliche Formulierung als problematisch empfunden, auch wenn es keinesfalls in diskriminierender Absicht geschrieben wurde?
Ich habe dazu immer einen ganz brillanten Vergleich: Wenn du dir ein Bild anschaust, ein Gemälde, dann fragst du dich doch nicht, ob es ein männlich gemaltes oder ein weiblich gemaltes Bild ist. Man hat sich das bei der Musik so angewöhnt, auch aus Verkaufsgründen, aber es war eigentlich nie relevant. Es wurde marketingtechnisch benutzt, um etwas zu beschreiben, und womit man etwas direkt in ein Kästchen packt. Und wir packen ja alle gerne etwas in Kästchen, in Schubladen. Man hat immer diese Begrifflichkeiten, die man für Bands benutzt, wie „aggressiv“ oder „emotional“ und so weiter, und da hat sich dann dieses „female fronted“ eingeschlichen.

Ich habe zusammen mit Wick von BAMBIX 2001 die „Girls Kick Ass“-Compilation gemacht ... nur mit Bands mit weiblicher Beteiligung. Alles in bester Absicht. Seitdem hat sich das Denken verändert, oder?
Ich fand damals Grunge ziemlich geil und war großer NIRVANA-Fan, aber HOLE fand ich immer geiler. Für mich ging es um die Musikrichtung. Ich fand es interessant, diese Vorbilder zu haben, und habe dann natürlich auch die Riot Grrrl-Bewegung total supportet. Ich hatte Compilations mit Riot Grrrl-Bands, ich habe Bücher darüber, ich habe mir alles reingezogen, was es gab. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass das, was mich ansprach, die Musik war, die Lyrics, wie es gesungen wurde. Und nicht dass sie Frauen waren. Die haben einfach nur repräsentiert, wo ich mich wiedergefunden habe als Frau. Aber der Grund, warum ich sie gut fand, war nie, dass sie eine Frauenband waren. Es gibt zig Frauenbands, die nicht gut sind. Nur weil eine Frau dabei ist, ist es nicht gleich gut. Mir ist immer wichtig gewesen, dass die Musik gut ist, das ist das A und O, es geht um die Musik, die Musik ist die Kunst. Und deswegen erwähne ich das Beispiel mit dem Bild.

Es ist also eine Frage des Fokus. Wenn ich ein Foto mache mit dem Smartphone, dann kann ich mit dem Finger irgendwo den Fokuspunkt setzen, und da ist es dann scharf, aber es könnte auch jede andere Stelle im Foto sein. Mit „female fronted“ setzt man also einfach willkürlich einen Fokus.
Das ist es, das hast du ganz toll gesagt.

Danke. Nichtsdestotrotz hat es natürlich einen immensen Effekt auf junge Frauen, wenn all female oder female fronted Bands auf der Bühne stehen. Die sehen: Was die da kann, das kann ich auch! Angesichts der massiven männlichen Überpräsenz in der Rockmusik ist das also nicht unwichtig.
Du brauchst Vorbilder, wenn du jung bist,. Vielen jungen Menschen fehlt es manchmal noch an Selbstbewusstsein. Diese Vorbilder, die sagen dir: Wenn sie es kann, kann ich es auch. Und das ist immer schon so gewesen. Jeder junge Sportler will wie ein älterer Sportler sein, zu dem er aufschaut. So ist es in der Musik auch. Wenn du wirklich nur eine Handvoll Vorbilder hast, ist es viel schwieriger, an dich zu glauben, als wenn du hunderte hast. Wenn du nur ganz wenige hast, dann kommt der Gedanke auf, die müssen ja echt besonders sein, die müssen richtig gut sein, und ich bin vielleicht gar nicht so gut. Je mehr solcher Bands es gibt, desto mehr passiert. Deswegen gibt es gerade diese Lawine, es multipliziert sich alles. In den letzten Jahren sind so krass viele gute Bands mit FLINTA-Personen entstanden, für die das alles gar kein Thema mehr ist. Denen fehlen nicht die Vorbilder. Die sind mittlerweile da.

Ist es also auch ein „Problem“ von uns älteren, weißen Menschen, dass wir das überhaupt noch thematisieren müssen? Dass wir darauf hinarbeiten sollten, dass eine Generation von Menschen, die in zehn Jahren zwanzig Jahre alt sind, dann dieses Interview lesen und sich fragen wird: Worüber haben die da eigentlich geredet?
Ja, das wird so sein. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer. Ich teile das immer in zwei Generationen auf: die Älteren und die Frischeren. Was die Frischeren verstehen, das verstehen die Älteren oft noch nicht, weil sie anders groß geworden sind. Sie halten an ihren alten Werten fest und möchten auch so weiterleben. Sie haben auch keinen Bock mehr, sich jetzt noch zu ändern. Die sagen sich, ich bin so, ich bleibe so, und ich verstehe diese ganzen Jungschen nicht. Und genauso sagen sich die ganzen Jungschen auch, pass auf, ich verstehe diese alten Leute nicht mit ihren komischen Vorstellungen. Die sind altertümlich und überhaupt nicht mehr aktuell. Die verstehen ja gar nichts mehr von der Welt. Das Wichtige ist, dass diese zwei Gruppen noch miteinander kommunizieren, damit ein Austausch passiert, damit die Alten mitgenommen werden ins Neue. Und damit die Jungen, die alles für selbstverständlich halten, auch mal peilen, dass dafür mal was getan wurde. Dass sie vielleicht die Nächsten sind, die irgendwas tun müssen. Die Leute müssen verstehen, dass Miteinander immer besser ist.

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