© by Paulinho TscherniakPhysische Tonträger zu verkaufen, ist heute ein mühsames Geschäft. Warum dann bei der Vermarktung nicht mal neue Wege gehen? Das dachten sich auch die brasilianischen Punkrocker FLANDERS 72. Sie übertrugen die Vermarktungsrechte an einen großen Medienkonzern, der rund um die Band eine Zeichentrickserie entwickelte. Im November ist das Album „The TV Show“ erschienen, es versammelt insgesamt 14 Songs, die alle in einzelnen Episoden der ersten Staffel der Serie präsentiert wurden. Frontmann Paulinho beantwortete unsere Fragen zu diesem ungewöhnlichen Projekt.
Wenn man das Cover und das Textblatt eures neuen Albums betrachtet, fällt auf, dass es kein einziges Bandfoto gibt. Was ist der Grund dafür?
Eigentlich gibt es die Band FLANDERS 72 in der bekannten Form nicht mehr, wir haben die Urheberrechte an einen großen Medienkonzern verkauft. Und die hielten es für eine tolle Idee, drei dumme Punkrocker in Zeichentrickfiguren zu verwandeln. Und sie sehen gerade in den neuen Songs jeweils eine Episode einer Serie. Wir haben unser Image verkauft, weil es einfach zu schwer ist, mit Punkrock Geld zu verdienen. Aber vielleicht haben die Kids dann ab sofort wenigstens ein paar coolere Figuren zum Vorbild als solche Zeichentrick-Langweiler wie „Dora the Explorer“.
Ihr tretet ab sofort also nur noch als Comicfiguren auf. Das erinnert mich an die GORILLAZ.
Ich denke, man könnte schon sagen, dass wir eine bescheidene Version der GORILLAZ geworden sind, die lediglich drei Akkorde nutzen. Aber es gibt auch im Bereich Punkrock schon einige Bands, die sich in Kunstfiguren verwandelt haben. Schau dir die RAMONES an, vier Lederjacken tragende Spinner, die jeder liebt. Es wäre schon cool, eine Band wie in den Hanna-Barbera-Cartoons zu haben, die immer auf der Suche nach Abenteuern ist und am Ende jeder Episode gibt es eine Rock’n’Roll-Show. In einer Band zu sein, macht so viel Spaß, dass es immer schön ist, etwas Neues auszuprobieren. Außerdem haben wir in unseren Reihen einen Illustrator, der umsonst arbeitet, warum also nicht von ihm profitieren?
Der besagte Illustrator bist du ja selbst, deine Fähigkeiten wurde bereits in der „Punk Art“-Rubrik im Ox gewürdigt. In dem ganzen Coverkonzept steckt bestimmt eine Menge Arbeit – von der Entwicklung der Charaktere bis zur grafischen Umsetzung. Wenn das ein Außenstehender gemacht hätte, hätte das bestimmt das Produktionsbudget gesprengt, oder?
Ja, es hat tatsächlich viel Zeit gekostet, die Figuren zu entwerfen und sie zu illustrieren. Es hat riesigen Spaß gemacht, daran zu arbeiten, aber es war sehr anstrengend. Sicherlich wäre es mit externer Hilfe sehr teuer geworden, aber ich liebe diese kleine Band, und jede Minute und jeder Cent, die wir in die Band stecken, lohnen sich!
Der Verkauf von physischen Tonträgern wird immer schwieriger. Wie wichtig ist es aus deiner Sicht, dass sie nicht nur mit der Musik, sondern auch durch die visuellen Aufmachung wie das Coverartwork überzeugen können?
Ein Album zu veröffentlichen, ist viel mehr als nur ein paar Songs bereitzustellen. Für den Musikliebhaber beginnt es mit dem ersten Blick auf das Cover, dann beginnt er zu verstehen, was ihn erwartet. Dazu kommt noch das Booklet als „Handbuch“ für das Ganze und natürlich die Songs, die begeistern müssen. Die Art, wie Leute heute Musik konsumieren, ist natürlich ganz anders als noch vor zehn Jahren, daran müssen wir uns gewöhnen. Die Leute kaufen heute normalerweise keine CDs oder LPs mehr, sie hören Musik auf Spotify. Aber auf der anderen Seite wollen wir als Band ein Album weiterhin als „großes Ding“ betrachten, als ein konkretes „Meisterwerk“ mit einer soliden Idee, guten Songs, einem schönen Cover und einem Konzept, das den ganzen Scheiß miteinander verbindet. Ich hasse es, wenn Bands, die ich liebe, schlechte Plattencover haben! Schau dir beispielsweise das GREEN DAY-Album „Father Of All Motherfuckers“ an, einfach nur schlimm.
Bei euren letzten Alben habt ihr zu einigen Songs auch Videos präsentiert. Wie sind die aktuellen Pläne und werden die konsequenterweise auch alle im Comicstil sein?
Pläne gibt es reichlich. Wir haben bereits ein Video zu dem Stück „Lucy moved to London“ veröffentlicht, das auch als klassische 7“-Single erschienen ist. Sicherlich werden in Zukunft einige animierte Videos von uns kommen, aber es soll auch weiterhin „herkömmliche“ Musikclips geben.
Wenn man an animierte Musikvideos denkt, hat man immer auch „Yellow Submarine“ von den BEATLES vor Augen. Der von dir eben angesprochene Song „Lucy moved to London“ wurde in den Abbey Road Studios gemastert. Wie kam es dazu? Und sind die BEATLES neben den RAMONES und GREEN DAY ein weiterer wichtiger Einfluss für euch?
„Yellow Submarine“ ist reine Kunst, unser Stil ist eher wie bei Cartoon Network, ein bisschen poppiger, weniger künstlerisch. Es bedeutet mir sehr viel, dass „Lucy Moved To London“ von Alex Wharton und Davi Pacote, unserem Bassisten und Produzenten, in den Abbey Road Studios gemastert wurde. Pacote war in London, um an einem Workshop in Abbey Road teilzunehmen, und lud mich ein, einen Song zu schreiben, damit er ihn in dort mastern konnte. Die BEATLES sind ein großer Einfluss für uns, ich bin mir ziemlich sicher, dass es die erste Band war, die ich als Kind gerne hörte. Mein Vater liebt die BEATLES und hat mir ihre Musik immer wieder vorgespielt.
Euer Bandname FLANDERS 72 ist eng mit der Serie „Die Simpsons“ verknüpft. Die haben ja immer Mal musikalische Gäste in einzelnen Episoden. Auch ihr habt auf eurem Album mit Joe Queer und Mike Huntington prominente Unterstützung. Wie kam es dazu?
Das stimmt, Joe und Mike sind unsere Gäste bei zwei Episoden respektive zwei Songs. Ich habe Joe Queer zum ersten Mal 2005 kontaktiert, als wir eine EP aufgenommen haben und unsere Band noch wirklich schlecht war, haha. Joe unterstützt uns immer sehr, zum Beispiel indem er auf der Bühne regelmäßig unsere Band-Shirts trägt, auf unserem zweiten Album hat er den Song „Totally right“ mit uns gesungen und beim „Atomic“-Album sprach er ein Outro ein für den Song „Gundinho is a punk rocker“. Als wir im Juli 2024 unser zwanzigjähriges Jubiläum feierten, dachte ich daran, dazu mit „Punk rock pub“ einen alten Song aus unserer Startphase neu aufzunehmen. Da geht es darum, dass wir bis heute in einem Pub festsitzen und immer noch Punkrock spielen. Also habe ich Joe eingeladen, dieses Lied mit mir zu singen. Und was Mike angeht, letztes Jahr habe ich die HUNTINGTONS beim Raduno Festival in Italien getroffen, ich mochte ihre Musik schon immer sehr. Ich finde es einfach toll, dass Mike in ein und demselben Song gleichzeitig wie Joey Ramone und Joe Queer klingen kann. Nach diesem Treffen lud ich Mike ein, einen Song mit uns zu singen, und er sagte zu. Ich wählte ein Stück aus, in dem es um zwei betrunkene Jungs in einer Bar geht, die aufgrund des Alkohols beste Freunde werden.
Joe Queer und Mike Huntington sind nicht unumstritten. Von Joe gab es in der Vergangenheit einige politische Statements, die nicht unbedingt im Bereich der Political Correctness verortet werden können. Und bei den HUNTINGTONS standen immer mal wieder die Vorwürfe im Raum, es würde sich bei ihnen um eine christliche Band handeln, wobei dies von ihnen wohl nie öffentlich propagiert wurde.
Das ist eine schwierige Frage. Ich kann nur sagen, dass wir die QUEERS und die HUNTINGTONS lieben, unter anderem ihre Musik hat uns dazu gebracht, unseren Stil zu finden. Uns gegenüber waren sie immer absolut korrekt und super freundlich. Wir können natürlich besser über uns selbst sprechen. Wir haben in Brasilien viele Fans verloren, nachdem wir öffentlich gegen Bolsonaro, den ehemaligen brasilianischen Präsidenten, Stellung bezogen haben. Es ist unfassbar, fast 50% der Bevölkerung hier unterstützen Bolsonaro immer noch. Unsere Fans wissen natürlich, dass wir ihn hassen, doch wenn sie sich deshalb von uns abwenden, trauern wir diesen Idioten nicht nach.
Ihr wart in den Jahren 2014, 2017 und 2019 in Deutschland auf Tour. Das neue Album wäre doch ein guter Grund, wieder mal nach Europa zu kommen. Oder gibt es dann Probleme mit eurem TV-Show-Engagement?
Unsere beste Zeit als Band hatten wir auf alle Fälle in Europa, deshalb wollen wir unbedingt zurückkommen. Ich werde mit Disn..., also mit dem Medienkonzern sprechen, ob wir in Europa touren können. Vielleicht mit ein paar großen Puppen auf der Bühne, die lippensynchron singen, haha. Nur ein Scherz, wir würden auf alle Fälle 2025 gerne wieder auf Europatour gehen, um das neue Album zu feiern.
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