
San Diego steht längst nicht mehr nur für die Touristenattraktionen Sea World und Baiboa Park. Seit ROCKET FROM THE CRYPT, TRUMANS WATER und HOLY LOVE SNAKE weiß man, dass auch in Punkto Musik pulsierendes Leben durch die kalifornische Strandgemeinde fließt. Ewige Hoffnungsträger stellten auch OLIVELAWN dar, doch nach dem plötzlichen Ableben des Quartetts schien ein weiteres, wertvolles Untergrundpflänzchen eingegangen zu sein. Seit gut zwei Jahren jedoch basteln Gitarrist O. und Bassist Jonny Donhowe zusammen mit einem neuem Schlagzeuger namens Miles Gillet an ihrer aktuellen Band FLUF. O., der sich neben den sechs Saiten nun auch für den Gesang verantwortlich zeichnet, beweist nicht nur hinter dem Mikro exzellente Stimmesgewalt
O., erkläre den Daheimgebliebenen doch bitte kurz, wo wir hier gerade sind.
Dir bekommt wohl unsere Sonne nicht? In San Diego, natürlich.
Ich meinte eher dieses seltsame Restaurant.
Soup Plantation? Das ist eine Art Vegetarier-Kette, die zwar nicht so häufig anzutreffen ist wie McDonalds, dafür aber wesentlich besseres Essen anbietet. Du zahlst 4.99 $ und kannst dich am All-You-Can-Eat-Buffet solange bedienen, bis dir Nudeln und Salat aus den Ohren wieder herauskommen. Koste mal von der Tofu-Wurst hier, die ist ganz ausgezeichnet.
Du bist Vegetarier?
Ich esse gerne Nudeln und Salat. Und vor allem esse ich gern viel! Sehr viel!"
Was ist damals eigentlich mit OLIVELAWN passiert?
Aufgelöst.
Mehr nicht?
Mehr nicht. Ich könnte dir jetzt das übliche Gewäsch von wegen „in gegenseitigem Einverständnis" usw usf erzählen, aber das ist eher uninteressant, oder?
Ja, sicher. Erzähl mir stattdessen lieber etwas über die Stadt. Was ist los in San Diego?
Sicherlich eine ganze Menge. Es gibt einige Clubs in denen regelmäßig Konzerte stattfinden. Wenn man das mit Los Angeles oder San Francisco vergleicht, finden sich kaum gravierende Unterschiede. Es gibt einen harten Kern interessierter Leute, die sich zu den einzelnen Konzerten treffen und eine schwankende Anzahl an Bands, die sich in ihren Hinterhofgaragen die Finger blutig spielen - wie in jeder amerikanischen Großstadt, schätze ich. Was San Diego fehlt ist ein bisschen dieses Szene- und Glamourgetue, wie halt in L.A. Es gibt nur wenige Plattenfirmen, die hier ihren Sitz haben. Also sehen sich viele Bands woanders um. Vielleicht wird San Diego deshalb immer etwas totgeschwiegen.
So wie bei den STONE TEMPLE PILOTS? Die sind doch wohl aus San Diego und trotzdem glaubt alle Welt an ihre Seattle-Wurzeln?
Ja, das hängt aber wahrscheinlich mit ihrem Sound zusammen, der ganz eindeutig in diese Richtung geht. Mir ist ohnehin lieber, dass man die Band nicht mit meiner Heimatstadt in Verbindung bringt. They suck!
Wo du gerade von Plattenfirmen sprichst: Mit Headhunter präsentiert sich doch immerhin ein Label, das eine ganze Reihe guter Acts zutage gebracht hat, oder?
Auf jeden Fall, sonst wären wir nicht dort, haha! Nein, im Ernst. Die Leute bei Headhunter/Cargo geben sich die größte Mühe mit den dort unter Vertrag stehenden Musikern. Ich war heute Morgen noch kurz da, um einen unklaren Punkt in unserem Vertrag abzusprechen. Es ging dabei um nichts Schwerwiegendes oder Kompliziertes, sondern lediglich um eine Routineklausel. Trotzdem bespricht man gerade solche Dinge ganz genau mit den Musikern. Mir ist nicht bekannt, dass sich bei den Verträgen jemals eine Band über den Leisten gezogen gefühlt hat.
Wie sieht es denn mit ROCKET FROM THE CRYPT aus? Wird das jetzt so ein ähnlicher Schlager für Headhunter wie NIRVANA damals für Sub Pop?
Schwer zu sagen. So weit ich weiß, steht die Band mit einem Majorlabel in Verhandlung. Kein Wunder, denn die Burschen haben im letzen Jahr aufgrund ihrer „Circa: Now! "-LP unglaublich an Popularität gewonnen. Letztens haben MTV sogar irgendein Stück von ihnen als Background für eine dieser dämlichen Modesendungen benutzt. Zum Glück haben sie trotzdem nichts von ihrer Spontanität und Individualität eingebüßt. Wenn der Deal tatsächlich über den Tisch gehen sollte, wird natürlich auch Geld eine Rolle spielen. Das gehört dazu, schließlichen haben Headhunter eine Menge investiert, um RFTC einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Außerdem hilft eine Finanzspritze bei geplanten Veröffentlichungen neuer Bands.
Wie siehst du generell die Chancen für neue Bands?
Seit MTV steht und fällt alles mit den verfluchten Videos. Ohne Airplay keine großen Verkaufszahlen. Das gleiche gilt für's Radio, mit Ausnahme der College-Sender. KCR, das Radio der San Diego State Unversity, fand schon unsere OLIVELAWN-Sachen gut. Da laufen den ganzen Tag einen Menge Headhunter-Bands. Auch FLUF. Das ist auch schon die einzige Chance. Ansonsten heißt es touren, touren und nochmal touren.
O.K., sprechen wir über eure Platten. „Man Gravy" war die erste Full-Length-CD, die ihr veröfentlicht habt...
...ich spreche nicht über CDs.
Wie bitte?
Frag' mich etwas über die Vinyl-Version, meinetwegen die Kassette, aber auf keinen Fall die CD.
Leider besitze ich lediglich die entsprechenden CD-Versionen. Aber jetzt wird zumindest klar, was all diese Andeutungen wie „This Compact Disc Is Weak" oder „You Should Have Bought The Vinyl" auf der neuen CD, pardon Veröffentlichung zu bedeuten haben.
Jaja, du hast Recht, ich hasse CDs. Klar, wenn man so ein fetter Fleischklops ist wie ich, sind CDs unglaublich bequem mit der Fernbedienung zu kontrollieren. Trotzdem liebe ich den Geruch von Vinyl. Es ist wie beim Öffnen einer Tüte Chips: es riecht nach Furz.
Stimmt es, dass FLUF in Australien soviel wie Fart bei euch und Furz bei uns bedeutet?
Yeah!
Um noch mal auf den Ausgangspunkt zurückzukommen, wo siehst du den Unterschied zwischen „Man Gravy" und dem aktuellen Werk „Home Improvement“?
„Also das neue Material stellt eigentlich nur andere Versionen des alten Krempels dar. Ich meine wir spielen immer noch den gleichen Mist, und nur ein paar Dinge haben sich wirklich verändert. Es gibt ein nettes Instrumentalstück und ein achtminütiges Neil Young-Rip-Off. Wenn man es schafft den Song komplett durchzuhören, haha. Ich hoffe insgeheim, dass wir etwas mehr Abwechslung in die Songs gebracht haben. Vielleicht mit einem Schuss mehr Punk-Rock.
Warum haben die Kassettenversionen immer andere Titel und Cover als die, Ent-schuldigung, CD und LP, obwohl die gleichen Stück darauf sind?
„Es sind nicht immer die gleichen Stücke darauf zu finden. Auf der LP gibt's einen Bonus-Track und eine Bonus-7". Das mit den Titeln und den Covern ist einfach Spaß an der Freude. Wir verwirren die Leute gerne und mögen es, das Design dem jeweilgen Format anzupassen. Wem das nicht gefällt, der soll von mir aus einen Aschenbecher aus den Dingern machen, oder das Tape mit irgendwas Eigenem überspielen.
Ihr macht anscheinend fast alles in Eigenregie. Du schreibst sogar einen Teil des Platteninfos selbst, zumindest glaube ich die Anregung mit dem Aschenbecher irgendwo schon mal gelesen zu haben?!
Haha, ja kann sein! Wir genießen halt uneingeschränkte künstlerische Freiheit, wie man so schön sagt. Und das nutzen wir auch aus. Bis zum selbst verfassten Promo-Info.
Und die Kategorisierung „Shitty Hawd Koa Rock'n'Roll" liefert ihr auch gleich mit?
Warum nicht? Immernoch besser als die absurden Vergleiche mit BLACK SABBATH, BLUE OYSTER CULT qnd HÜSKER DÜ, die ständig durch die amerikanische Presse geistern. Besonders abartig finde ich jedoch meinen Gesang in irgendeinen Zusammenhang mit J. Mascis zu setzten. Nichts gegen DINOSAUR JR., aber damit wird man mir bestimmt nicht gerecht, oder was meinst du?
Hmmh?! So ganz abwegig finde ich das gar nicht, wenn ich etwas darüber nachdenke. Ich wundere mich eigentlich mehr über das Wort „Hawd Koa". Ich sehe euch eher als fettige Punk-Rock-Maschine mit ohrwumigen Popmelodien.
Punkrock, Hardcore, wer kann das heute schon noch unterscheiden? Bei den Popmelodien stimme ich dir durchaus zu. Das alles ist wie auch jede zukünftige FLUF-Platte mit dem nötigen Humor zu betrachten. Man sollte nicht jedes Wort gleich auf die Goldwaagelegen. Wir haben mit FLUF unsere eigenen, kleinen Markenzeichen entwickelt. Alles wird in Eigenregie produziert und im selbstkreierten Hi-Fi-3-dimensional-Fuckophonic-Sound aufgenommen. Wer sich „Home Improvement" genau ansieht wird haufenweise kleine Spitzeleien finden. Du hast ja bereits einige angesprochen. Wer den Aufruf „Buy A Record Player" auf der CD ernst nimmt, ist selber schuld. Wir sind einfach der Meinung, dass die Plattenindustrie nicht das Recht hat, unser Lieblingsformat nur wegen seiner uneingeschränkten Marktdominanz zu verdrängen.
Glaubst du nicht, dass sich die Mehrheit der Leute längst damit abgefunden hat?
Schon möglich, aber es gibt auch noch genug Individualisten, die dagegen ankämpfen. Ich habe mein eigenes kleines Label „Standard", auf dem ausschließlich Vinyl-Sachen erscheinen.
Außerdem arbeitest du schon unheimlich lange und noch dazu sehr erfolgreich als Fotograf für das „Transworld Skateboarding Magazine". Wie lässt sich das alles unter einen Hut bringen?
Manchmal wird es eng, aber dann stelle ich die Sache, die gerade einen Zeitaufschub zulässt etwas nach hinten. Um das Label kann ich mich nur sehr intensiv kümmern, wenn ich viel Zeit habe. Ansonsten gehen Band und Fotografieren eindeutig vor.
Fährst du gelegentlich selbst Rollbrett?
Willst du mich verarschen? Woraus sollte das gebaut sein? Granit? Nein, nein, bei meinem Körperumfang sollte man sich auf Zusehen beschränken, aber ich mag die Leute halt sehr und kann gut davon leben.
Okay, danke für das Interview.
Kein Problem, mampf!
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #18 III 1994 und Christian Schaub