© by Boris SchöppnerEmma und Lizzy kommen aus Malmö, Schweden und sind eine musikalische Naturgewalt mit ihrem Electro Dance Punk, der mindestens genauso ballert wie 100BLUMEN. Ihr neues Album „Naked Rat Dance“ ist gerade raus.
Schuld“, „guilt“ ist so ein großes Wort. Und es hat so viele Bedeutungen. Welche davon hat eine Rolle gespielt, als ihr den Namen ausgesucht habt, und wie hat sich das entwickelt?
Lizzy: Als Person, die mit Angstzuständen zu kämpfen hat, denke ich viel über Scham und Schuld nach. Als ich den Bandnamen hörte, zog er mich an wie das Licht die Motten. Außerdem passt er gut zum Inhalt der Songs. Oft geht es darum, sich gegen die Erwartungen und sozialen Normen zu wehren, die uns und vielen anderen auferlegt werden. Scham und Schuld sind mächtige Mechanismen.
Emma: Als die Band ihren Namen bekam, ging es um Schuld als treibende Kraft. Jetzt empfinde ich das weniger so, sondern eher so, wie Lizzy es beschreibt. Wir sind jetzt eine ältere, weisere und glücklichere Band. Trotz all der Wut in der Musik.
Gebt uns einen Elevator Pitch über eure Band. Ihr habt 30 Sekunden Zeit ...
Emma: Magst du es, beim Tanzen zu schreien? Dann ist unser Dance Floor Anger Management genau das Richtige für dich!
Lizzy: Power Goth, Punkrock-Aerobic, Riot Grrrl Disco, Garage Electro Cunt.
Ihr seid ein Duo. Was sind die Vorteile, was die Einschränkungen?
Lizzy: Wir können coolere Autos fahren statt langweiliger Vans, das ist der Vorteil. Ein Nachteil sind die vielen, vielen Angebote von männlichen Bassisten und Schlagzeugern, die mitmachen wollen.
Emma: Wir reisen mit leichtem Gepäck und spielen heavy. Als Duo unterwegs zu sein, ist logistisch gesehen ein Traum, der wahr geworden ist. Außerdem macht es viel mehr Spaß, wenn man gut miteinander befreundet ist. Außerdem neigen wir wie Eichhörnchen dazu, Vorräte anzuhäufen. Das bedeutet, dass das Auto ziemlich schnell mit Snacks und Getränken voll ist. Zur Hälfte Equipment, zur Hälfte Essen. Deshalb brauchen wir den Platz. Wir brauchen auch Platz auf der Bühne. Es wird ziemlich intensiv, wenn unsere Arme, Beine, Haare und Gitarren herumfliegen. Spaß beiseite – so können wir uns voll auf unseren Prozess konzentrieren: weniger Köpfe, weniger Chaos? Für die Live-Shows sind wir aber auf ein gutes Team angewiesen. Wir geben auf der Bühne 200%. Das heißt, es kann schwierig sein, gleichzeitig die Ausrüstung zu packen, uns umzuziehen und T-Shirts zu verkaufen. Wenn wir viele Shows haben, kann ich vorher und nachher nicht reden, ich kann nur lächeln und winken ... Also ja, wir brauchen etwas Unterstützung, um zu funktionieren.
Seit den Tagen von SUICIDE tendiert die Duo-Besetzung zur Elektronik. Eure Gedanken dazu ... und eure Ausrüstung?
Emma: Wir produzieren mit Computern, Gitarren und allen Synthesizern, die uns zur Verfügung stehen. In letzter Zeit sind die Bass Station II, ein Moog Minitaur und ein Korg Minilogue unsere häufigsten Begleiter. Wir sind nicht abgeneigt, Software-Synthesizer/Drum-Machines oder einfache Samples zu verwenden, weil das Geld spart. Für Live-Auftritte verwenden wir die Bass Station zum Spaß – das wird eine neue Funktion für die bevorstehende Tour sein – und ein Tascam Model 12, um alles andere zu steuern, außer Lizzy, die sich selbst kuratiert.
Lizzy: Früher war ich süchtig nach Gitarrenpedalen, heute benutze ich für jede Tour ein immer kleineres Pedalboard: Mehr Platz für Essen! Was die Ausrüstung angeht, möchte ich meine DIY-Pedale hervorheben, die ich derzeit benutze. Ich kaufe sie als Bausätze von einem wirklich netten Deutschen namens Klaus, der musikding.de betreibt. Es ist etwas Besonderes, mit Dingen Musik zu machen, die man selbst gebaut hat.
Welche anderen Duos feiert ihr?
Lizzy: Da ich hauptsächlich aus dem Rock komme, würde ich THE WHITE STRIPES und die frühen BLACK KEYS nennen. Die Wildheit und Simplizität sind für mich der Schlüssel.
Emma: Ich würde gerne ROXETTE sagen, aber ich habe so ein komisches Gefühl dabei, dass Per Gessle nach Maries Tod immer noch auf Tour geht. Maries Stimme ist super. Aber eines meiner aktuellen Lieblingsduos sind ADULT. Ihr Stil ist verdammt ernst, aber mit so vielen Eigenheiten, dass man nie weiß, was als Nächstes kommt.
In eurem PR-Text erwähnt ihr „interne Richtlinien“ für euren Sound. Was hat es mit diesem „Manifest“ auf sich?
Lizzy: Es ist ziemlich genau das, was darin steht, wir finden, es ist ziemlich selbsterklärend.
Emma: Es lautet so: Drums – less real, more better. Synths – heavy + stupid. Guitars – weirder is clearer. Melody – epic. Ich finde, wir haben das ziemlich gut umgesetzt. Der Kern ist auf jeden Fall die Präsenz von roher Energie und der Melodien. Allerdings kann ich Stunden damit verbringen, mich auf einen optimierten Crash zu konzentrieren, den ich lustig finde, also muss er dabei sein. Es ist manchmal schwierig, wenn man sich in alle seine Sounds verliebt und möchte, dass sie alle ihren Platz haben. Man kann nicht zu viel Zeit alleine damit verbringen, deshalb war es wichtig, mit jemandem wie Alain Steffler zusammenzuarbeiten, der ein gutes Ohr für Electro-Sounds und ein weiteres gutes Ohr für aggressive Punk-Sounds hat.
In eurem Albumtitel „Naked Rat Dance“ kommt das Wort „naked“ vor. Was ist der Hintergrund? Hat es etwas damit zu tun, wie Gesellschaft, Kultur und Subkulturen mit diesem Aspekt umgehen – und wie männliche und weibliche Nacktheit bisweilen ganz unterschiedlich behandelt werden?
Lizzy: Der Albumtitel steht weniger für eine physischen Nacktheit, sondern eher einer Nacktheit des Geistes, des Wesens.
Emma: Der Albumtitel ist eine Anspielung auf den Ausdruck „rat race“, „in der Tretmühle stecken“. In unserem Fall ist es ein Rattentanz, denn wenn wir nicht tanzen können, ist es nicht unsere Tretmühle. Die Nacktheit ist ein Verweis auf Verletzlichkeit. Als Menschen sind wir verdammt sensibel und hysterisch selbstbewusst. Gleichzeitig sind wir darauf programmiert, miteinander zu leben, was uns sehr besorgt darüber macht, wie andere uns wahrnehmen oder sich verhalten. Wir sind sogar „hautlos“, das ist ein schwedischer Ausdruck, „hudlös“ ist ein Zustand extremer Echtheit und Zerbrechlichkeit zugleich. Wir leben in einer Zeit, in der wir alles teilen, aber selten anderen in die Augen schauen. Wir tanzen einfach nackt mit den anderen Ratten im Wettlauf. Deine anderen Fragen zur Nacktheit berühren einen ganz anderen Rahmen kultureller und gesellschaftlicher Kontrolle über den Körper. Ich glaube nicht, dass man Musiker:in oder Künstler:in sein muss, um aus erster Hand zu erfahren, wie diese Normen uns gemäß den aktuellen Standards lenken und einschränken. Psychologisch gesehen sind wir Menschen auf Strukturen angewiesen. Normen ändern sich ständig. Ich denke, deshalb kann es in manchen Subkulturen manchmal ganz anders aussehen. Normen mit weniger Plastizität sind diejenigen, die durch Gesetze, wirtschaftliche Benachteiligungen und Macht reproduziert und gefestigt wurden – wie Weißsein, Patriarchat etc. Es wäre sehr bequem, in einem Badeanzug zu spielen. Vielleicht habe ich das sogar schon mal getan. Egal, wie die Normen aussehen – es ist eine Herausforderung, sie in Einklang zu bringen, aber vielleicht macht das auch den Reiz aus. Was wäre Kunst, wenn wir keine Normen hätten, die wir hinterfragen oder mit denen wir spielen könnten? Als Künstler:in ist man sich sehr bewusst, dass man nicht kontrollieren kann, wie das eigene Hinternwackeln oder der Badeanzug wahrgenommen werden. Letztendlich lernt man, sich nicht darum zu kümmern.
Ihr kommt aus Malmö. Gibt es eine gute Szene oder ist das Beste an der Stadt die berühmte Brücke, über die man sie leicht verlassen kann?
Emma: Malmö ist eine kleine Stadt mit großem Herzen. Vielleicht bin ich voreingenommen, aber in Malmö ist alles räumlich und menschlich nah beieinander. Es gibt hier viele Leute, die sich engagieren und einbringen. Das Geschäft mit Live-Musik ist allerdings schwierig.
Lizzy: Die Brücke eignet sich bestens, um schnell nach Deutschland zu kommen, wo es gutes Essen gibt, wie Gurken, Currywurst und Brezeln. Malmö ist die beste Stadt der Welt. Vielleicht nicht immer für Bands, aber es ist wirklich schön. Kommt einfach mal.
Was kann eine Live-Show, was das Streamen von Musik nicht kann?
Lizzy: Das ist wie Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Die Live-Show ist eine Gemeinschaftssache, ein Ort, an dem man abhängen, gemeinsam mit seiner Community etwas unternehmen und den Schmerz wegtanzen kann. Und genau das wollen wir mit unseren Shows erreichen: Tolle Communities schaffen und pflegen und gemeinsam Dark-Wave-Disco-Anger-Management-Aerobic machen!
Emma: Wir lieben es, live zu spielen, zusammen zu schreien und zu tanzen. Wer nicht kommt, verpasst Lizzys unvergleichliche Witze.
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