© by BandSeit 30 Jahren begleiten mich die HARRIES ’89 aus dem niederländischen Arnheim. Ich mag ihre Art von Punkrock, ich habe sie oft live gesehen und es hat mir immer gefallen. Denn sie spielen geradlinigen 77er-Punkrock mit Songs, die ins Ohr gehen. Das sind viele kleine Hits und man merkt der Band an, dass sie Spaß hat bei dem, was sie macht. Als ich sie vor ein paar Wochen mal wieder im Düsseldorfer AK47 gesehen habe, ergab sich die Möglichkeit zu diesem Interview mit Harold (gt) und Jeroen (bs).
Warum der Name HARRIES ’89? Habt ihr 1989 angefangen?
Harold: Ja, wir haben 1989 in Arnheim angefangen, in einem Keller zwischen einer Kiste Bier und einem abgeranzten SEX PISTOLS-Poster. Wir kamen alle von anderen Arnheimer Punkbands und einer klaren Idee, was wir machen wollten: rohen, melodischen Punk mit einem breiten Grinsen. Der Name „Harries“ blieb einfach hängen. Wir haben nicht lange darüber nachgedacht.
Was hat sich für euch seitdem geändert?
Jeroen: Wir sind natürlich älter geworden, aber der Ansatz ist derselbe geblieben: Es soll DIY sein, es soll Spaß machen, es soll echt sein. Wir haben jetzt mehr Erfahrung, vielleicht weniger Chaos, aber der Antrieb ist immer noch da. Wir jagen nichts hinterher – wir haben einfach Spaß am Spielen.
Spielt ihr heute mehr oder weniger als früher?
Harold: Wir spielen nicht mehr jedes Wochenende. Es gibt in den Niederlanden heute weniger Veranstaltungsorte – aber wenn wir spielen, ist es immer noch wild. Das Punk-Publikum ist treu, auch wenn es am nächsten Tag die Kinder zur Schule bringen muss.
Was waren die besten Erlebnisse, die ihr im Laufe der Jahre mit der Band hattet?
Jeroen: Wir haben so viele schöne Erinnerungen an Auftritte und an die Menschen, die wir in den letzten 36 Jahren getroffen haben. Viele Höhen und Tiefen, wochenlange Touren durch Europa, aber auch ein Auftritt vor nur drei Leuten in einem kleinen Café, die uns nach der Hälfte des Sets freundlicherweise auf ein Bier an die Bar eingeladen haben ... Das Schönste ist, dass wir all das gemeinsam erlebt haben und dadurch so viel reicher und weiser geworden sind. Am Ende geht es im Leben nicht um Ruhm und Ehre, sondern um Liebe und Freundschaft!
Ich weiß, dass eure Einflüsse 77er-UK-Punk sind. Was hat euch dabei konkret beeinflusst?
Harold: Wir hörten die BUZZCOCKS in Dauerschleife und liebten die Einstellung von THE DAMNED. Sie waren direkt und ehrlich. Die Bands versuchten nicht, zu beeindrucken – sie legten einfach los und spielten. Diese Mischung aus Melodie und Härte kam bei uns gut an. Das tut sie immer noch. Keine siebenminütigen Gitarrensoli – drei Akkorde und los! Es soll roh bleiben, es soll Spaß machen.
Wenn ich eure Musik höre, entdecke ich auch viel Powerpop – und ich denke, ihr habt einige echte Hits, die ich immer wieder gerne höre.
Harold: Danke, Kumpel. Wir lieben einfach Melodien und Singalongs.
Worum geht es in euren Texten im Allgemeinen?
Harold: Unsere Texte sind oft kleine Ausschnitte aus dem wahren Leben mit einer punkigen Note. Meist sind es kleine Alltagsbeobachtungen. Keine großen Themen – nur Dinge, die einem im Kopf hängenbleiben oder die einen so sehr beschäftigen, dass man etwas darüber schreibt.
Wie seht ihr die Entwicklung des Punkrock? War früher alles besser?
Jeroen: Damals war es rauer. Heute ist alles leichter zu bekommen – aber man vergisst es auch leichter. Was zählt, ist der Spirit. Jede Generation erfindet Punk neu. Wir sehen viele junge Punkbands, die eine andere Herangehensweise haben, aber das macht nichts, wenn die Musik immer noch relevant ist. Wenn das der Fall ist, funktioniert sie – unabhängig von der Epoche.
Ich muss sagen, dass ich oft genervt bin von der Präsenz mancher Bands auf Facebook oder Instagram. Wie seht ihr das?
Jeroen: Wenn man in einer Band ist, muss man heutzutage sein Frühstück auf Instagram posten. Wir dagegen versuchen, es möglichst unauffällig zu halten. Wir nutzen die sozialen Medien, um Gigs anzukündigen, und das war’s. Wir machen lieber etwas, als darüber zu posten. Aber das sind die alten Männer in uns, die hier gerade sprechen. Soziale Medien sind ein guter Weg, um mit anderen Leuten und Fans zu kommunizieren. Aber das Schlimme daran ist, dass Mark Zuckerberg und die anderen Kriminellen dabei alle unsere Daten rauben. Wir möchten die Kontrolle über unsere eigenen Daten haben und suchen deshalb auch nach Alternativen.
Wie ist es für euch, wenn ihr Konzerte spielt? Kommen auch jüngere Leute oder sind es nur die alten „Punks“? Ich habe den Eindruck, dass sich viele jüngere Leute nicht mehr für Bands aus einer anderen Generation interessieren.
Harold: Doch, überraschenderweise tun sie das. Irgendwelche Kids sehen uns und denken „Was ist das für ein Haufen alter Punks?“ und plötzlich headbangen sie. Das ist das Beste. Punk hat nichts mit dem Alter zu tun – Punk ist eine Einstellung. Und ein paar Kids entdecken diese bei uns. Aber es ist auch ganz natürlich, dass man sich eher von Bands angezogen fühlt, mit denen man sich identifizieren kann. Und seien wir mal ehrlich, wir sind aus einem anderen Jahrzehnt.
Wie ist das Leben in eurer Heimatstadt Arnheim? Was geht da ab in Bezug auf Underground-Punk/Hardcore?
Harold: Arnheim lebt – man muss nur wissen, wo man suchen muss. Es gibt immer noch coole Partys, DIY-Shows und verrückte Kellerlokale. Die Szene ist klein, aber tough – und das sollte sie auch sein.
Ich denke, die politische Situation in Europa ist ziemlich schlecht geworden und aus meiner Sicht sieht die Zukunft düster aus. Geht es euch auch so, oder berührt es euch nicht so sehr?
Harold: Ganz ehrlich? Wir sind beunruhigt. Zu viel Hass, zu wenig Hoffnung. Aber das ist genau der Grund, warum wir weitermachen. Musik kann die Dinge nicht reparieren, aber sie kann den Fokus schärfen – und manchmal reicht das schon aus. Wenn nur eine Person durch einen unserer Refrains klarer sieht, ist das schon ein Gewinn.
Bucht ihr eure Auftritte selbst oder macht das jemand für euch?
Jeroen: Klar buchen wir die selbst. Wer sonst? Wir rufen an, wir mailen, wir schreien durch ein Megaphon, wenn es sein muss. So hält man die Dinge direkt und unkompliziert.
Ich weiß, dass ihr neue Songs geschrieben habt. Erzählt mal.
Harold: Wir arbeiten gerade an einer neuen EP. Vier Tracks, schnell, melodisch, Lieder zum Mitsingen. Wir hoffen, sie irgendwann im Herbst auf Vinyl zu veröffentlichen, und wahrscheinlich auch auf Spotify.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Armin Heitmann