
Als sich die Band aus Indiana 2023 nach fast zehn Jahren für einen Gig beim FurnaceFest noch mal zusammentut, ist der Funke plötzlich wieder da und mit ihm die Lust, gemeinsam neue Musik zu schreiben. Nun ist das erste HASTE THE DAY-Album seit über elf Jahren erschienen: „Dissenter“, ein cineastisch anmutendes Werk, das sich mit einer düsteren Welt befasst – kaum dem Elend entkommen, stürzt man wieder hinein. Mit Sänger Stephen Keech sprechen wir darüber, welche Rolle sein Hadern mit dem christlichen Glauben dabei spielt.
Dass härtere Musik aus den 2000ern derzeit ein Revival erfährt, verlieh Stephen und seinen Bandkollegen das letzte Quäntchen Mut, um wieder loszulegen. „Gegen Ende unserer Karriere 2011 war Metalcore nicht mehr so cool, auch die Musikindustrie geriert ins Straucheln“, berichtet er. „Wir wollten damals selbst die Entscheidung treffen, wann Schluss ist, und sie uns nicht von äußeren Umständen aus der Hand nehmen lassen. Aber jetzt, da sich die Tür wieder öffnet ...“ Er schüttelt den Kopf, während er sich darüber wundert, dass manche junge Bands heute haargenau so klingen wie jene, mit denen er damals auf Tour war: „Alles ist gleich, die Produktion bis hin zur Snaredrum. Einerseits schön, andererseits denke ich mir: Seid ihr sicher, dass ihr das nicht weiterentwickeln wollt?“
Über die Kriterien, die „Dissenter“ zu einer weiterentwickelten Version ders HASTE THE DAY-Sounds machen sollen, waren sich die sechs Musiker schnell einig, obwohl sie fast ein Jahrzehnt lang nur wenig Kontakt hatten: Sie wollten ein in sich geschlossenes Werk, bewusst gesetzte Details und große Refrains. Trotz der gewollt filmischen Wirkung ist der Stil natürlich geblieben. „Wenn du die Gitarren hörst, sollst du hören, wie Scotty sie spielt – nicht irgendein Computer“, betont Stephen und macht klar: „Ich mag überproduzierte Tracks nicht. Wenn du alle kleinen Fehler und Nuancen wegschneidest, dann bleiben eigentlich nur noch Midi-Noten übrig.“ Dass sie sich den Metalcore-Sound der 2000er bewahrt haben, feiern auch ihre treuesten Fans: „Einige erkennen wir noch wieder, die waren bestimmt bei 40 Shows.“ Als Dank stehen sie nun lebenslang auf der Gästeliste.
Inklusiver Metalcore
Inhaltlich befasst sich „Dissenter“ mit dem Dilemma, dass sich alles im Leben in Kreisläufen bewegt. „Wir müssen uns nur die Lage in den USA anschauen“, erklärt Stephen. „Es gab Zeiten, da dachte man, es gehe gesellschaftlich aufwärts, und dann schwingt das Pendel zurück. Heute herrscht wieder viel Wut und Ungerechtigkeit. Wir erleben diese Phase das erste Mal, aber in der Geschichte ist das nicht neu.“ Viele Texte sind persönlich, drehen sich um Stephens christlichen Glauben, der sich drastisch verändert hat. „Ich möchte flexibel genug sein, um die Menschen zu verstehen, nicht einfach über sie urteilen. Aber damit fühle ich mich einsam und wie ein Außenseiter in meinem eigenen Glauben.“ Ein Grund, weshalb er das Album „Dissenter“ taufte.
Eine Überzeugung zu haben, die einem Aspekt deiner Religion entgegensteht, davon handelt der Song „Heretic“. „Das Album funktioniert aber für alle“, betont der Sänger. „Es soll dazu anregen, die großen und kleinen Kreisläufe im Leben auf positive Weise zu hinterfragen. Was lohnt, es zu wiederholen? Wo sollten wir neue Wege gehen? Mir hat das sehr geholfen bei meiner Frustration mit der Politik und dem Gefühl, in meinem eigenen Glauben verachtet zu werden. In meiner Kindheit wurde uns Liebe und Akzeptanz gepredigt. Plötzlich hörte das auf, es wurden Grenzen gezogen: Liebe ja, aber ... Wenn man einen grenzenlosen Gott verehrt und dann versucht, ihn in eine Box zu sperren, hat man den Punkt nicht verstanden.“
Auf die Bezeichnung „Christian Metalcore“ verzichten HASTE THE DAY mittlerweile lieber. „Ein Grund ist auch, dass ich ein Problem mit der christlichen Musikbranche habe“, erläutert Stephen. „Du gehst ja auch nicht nur in christliche Cafés. Unsere Story ist viel nuancierter als das geläufige Verständnis vom Christentum. Wir möchten,
dass unsere Musik inklusiv ist. Heute sprechen wir auf der Bühne nicht mehr regelmäßig über Gott. Wenn du dich austauschen möchtest, komm nach einer Show auf uns zu oder schreib uns bei Instagram.“
Wenn sich alles in Kreisläufen bewegt, mag man kaum daran denken, was uns noch bevorstehen könnte. „Ich bemühe mich, nicht zynisch zu werden, wenn ich an die Zukunft denke. Das ist nämlich Gift“, beteuert Stephen. „Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, was unmittelbar vor mir liegt. Wie kann ich meinem Nachbarn positiv begegnen, selbst wenn er ganz andere Ansichten hat als ich? Das ist sehr schwierig. Ich möchte aber glauben, dass Menschen im Grunde danach streben, ein besseres Leben für sich selbst zu schaffen, dabei aber oft übersehen, was das mit anderen macht.“
© by Fuze - Ausgabe #118 Juni/Juli 2026 und Jeannine Michèle Kock
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