© by Lars ChristiansenHELL & BACK aus Stuttgart sind ganz sicher eine Institution im deutschen Punkrock, nicht zuletzt durch ihre Präsenz auf jedweden Bühnen und Booten. Sie leben DIY und sind wie der Kitt der Emo/Punkrock-Szene rund um das noch gar nicht so alte Label Not Sorry Records aus Hamburg. Mit „A Constant Buzz“ haben sie endlich die Wartezeit nach dem 2017er Vorgänger „Slowlife“ beendet. Warum gerade diese zwölf Songs etwas Besonderes für die Band sind, erklärt Bassist und Zol im Interview.
A Constant Buzz“ ist ja eine Art Sampler, der Songs vereint, die ursprünglich als Limited Editions erschienen sind. Hattet ihr irgendwann das Gefühl, dass sie zu schade sind, um sie ein paar Sammlernerds zu überlassen?
Ja, absolut. Die Platte basiert auf unserer „Club-Lathe“-Serie – das waren insgesamt vier Singles mit je zwei Songs, also acht Tracks insgesamt. Jede dieser 7“s war auf nur 50 Stück limitiert. Schon zu Beginn hatten wir die Idee, die Songs eventuell auf einer späteren Veröffentlichung zusammenzuführen. Aber wir wussten nicht genau, wie das Projekt verlaufen würde. Es hätte auch einfach versanden können – dann hätten nur ein paar Nerds davon gewusst und das wäre auch okay gewesen. Als die Serie abgeschlossen war, haben wir kurzerhand beschlossen, noch ein paar zusätzliche Stücke aufzunehmen und das Ganze als vollständiges Album auf Vinyl zu veröffentlichen. Ursprünglich wollten wir es selbst herausbringen, haben dann aber Stefan von Not Sorry Records eine Sprachnachricht geschickt, um ihn zu fragen. Er war sofort dabei – wir haben auch kein anderes Label kontaktiert, sondern wollten das unbedingt mit Stefan und Jens durchziehen.
Der Titel „A Constant Buzz“ klingt wie der perfekte Zustand zwischen Koffeinschock und emotionaler Überforderung. Gab es Momente, in denen euch das Projekt an eure Grenzen gebracht hat?
Haha! Ja, auf jeden Fall. Als wir mit der „Club-Lathe“-Serie angefangen haben, hatten wir die ersten zwei Songs schon fertig aufgenommen, bevor wir überhaupt kommuniziert haben, dass es eine limitierte Abo-Serie wird. Als aber innerhalb von 24 Stunden alle 50 Abos verkauft waren, wurde uns klar: Jetzt müssen wir liefern. Der größte Stress war, derart regelmäßig neue Songs zu schreiben. Das ist nicht so einfach, wenn man wie wir nebenbei noch arbeitet, Familie hat und die Musik „nur“ als Hobby betreibt. Anders als große Bands konnten wir uns eben nicht zwei Monate in ein Studio einschließen, sondern haben uns einmal die Woche nach Feierabend im Proberaum getroffen. Wir sind das Ganze bewusst in kleinen Portionen angegangen: Alle paar Monate zwei neue Songs – so ließ sich das besser mit unserem Alltag vereinbaren. Ohne diesen gesunden Druck wäre das Projekt aber sicher versandet. Eine festgelegte Deadline wie die geplante Release-Show hat enorm geholfen.
Würdet ihr diese Arbeitsweise – Songs in kleinen Etappen zu schreiben und zusammenzufügen – auch für ein zukünftiges Album beibehalten? Oder war das eher ein einmaliges Projekt?
Unser letztes Album „Slowlife“ kam ja schon 2017, da liegen ein paar Jahre dazwischen. Momentan denken wir noch nicht konkret an ein neues Album. Aber mittlerweile haben wir unsere Aufnahmesituation verbessert: Wir können im Proberaum aufnehmen, und Vuki hat bei sich zu Hause eine kleine Gesangskabine eingerichtet. Taner, unser Gitarrist, kümmert sich ums Recording und Engineering. Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir wieder etappenweise arbeiten. Wahrscheinlich machen wir keine Abo-Serie mehr, aber einzelne Sessions, bei denen wir Songs aufnehmen und dann irgendwann gesammelt veröffentlichen – das wäre realistisch.
Also eher Stück für Stück Songs aufnehmen, so wie es heute oft üblich ist?
Vielleicht, aber ich bin ehrlich: Ich bin ein Albummensch. Dieses nur Singles raushauen finde ich oft unbefriedigend. Wenn eine Band, die ich mag, immer nur einzelne Songs veröffentlicht, warte ich lieber, bis das vollständige Album erscheint. Deshalb glaube ich, am Ende wollen wir doch wieder einen physischen Release, ein richtiges Album – nicht nur vereinzelte Tracks.
Gibt es eine inhaltliche Klammer, ein Thema, das sich durch „A Constant Buzz“ zieht?
Ja, es gibt einen roten Faden: Viele Songs beschäftigen sich mit Alltagssituationen – Stress im Job, Stress in Beziehungen, Alltag als Mittvierziger mit Kindern. Vuki schreibt etwa 60% der Texte, ich 40%. Songs wie „Rise & grind“ oder „Ampersand“ drehen sich darum. Mein Song „I put the ‚pro‘ in procrastination“ handelt davon, Entscheidungen aufzuschieben – eine Neigung, die ich so bei anderen und bei mir beobachten kann. „A Constant Buzz“ fasst das als Titel gut zusammen: Es gibt immer etwas, das an einem zerrt – Handy, Arbeit, Konflikte. In „Die inside“ beschreibt Vuki diesen Dauerzustand, diese ständige Reizüberflutung. Im Vergleich zum letzten Album „Slowlife“, wo es um Entspannung ging, geht es jetzt darum, dass echte Ruhe kaum erreichbar ist. Unsere Texte sollen die Leute abholen, auch wenn wir keine Muttersprache-Songwriter sind – Hauptsache, Text und Musik passen zusammen und haben Drive.
Wir haben uns in letzter Zeit ja öfter über meine wiederaufgeflammte Leidenschaft für LEATHERFACE unterhalten, für die eigentlich du verantwortlich bist. Gibt es eine Band, bei der du sagen würdest: Die haben es richtig gemacht! So, dass du denkst, das könnte auch eine Blaupause für HELL & BACK sein?
Tatsächlich finde ich, dass LEATHERFACE es immer sehr gut gemacht haben. Die Texte sind ein bisschen kryptisch, aber richtig lesenswert, auch wenn man sie nicht sofort komplett versteht. Von den neueren Bands finde ich DRUG CHURCH total spannend. Der Sänger, Pat Kindlon, hat so eine ganz eigene Welt erschaffen. Da geht’s oft um ein Amerika von unten, um kaputte Typen, die sich in irgendwelchen schrägen Geschichten wiederfinden. Das sind fast schon kleine Kurzgeschichten – ich finde das total spannend. Klar, ich sehe nicht direkt, wie ich das eins zu eins in unseren HELL & BACK-Kosmos übertragen könnte, aber es holt mich total ab.
Punkrock und DIY funktionieren ja immer noch sehr gut. Ich habe das Gefühl, dass sich vieles, was ursprünglich durchs Internet verbreitet wurde, nun auch wieder nach draußen verlagert. Natürlich ist digitale Kommunikation superwichtig, aber viele Bands veröffentlichen ihre Musik jetzt wieder auf Vinyl – ein ziemlich reaktionärer Schritt, wenn man bedenkt, dass man digital eigentlich viel mehr Leute erreichen könnte. Warum macht ihr das?
Ich glaube, gerade in der Emo-Punk-Szene geht’s vielen darum, etwas Echtes und Greifbares zu erschaffen. Digitaler Content ist ja oft nach 24 Stunden wieder weg – wie bei den Storys auf Social Media. Aber eine Vinylplatte bleibt. Die kann im Prinzip sogar einen Atomkrieg überleben! Da steckt einfach eine ganz andere Wertigkeit und Ernsthaftigkeit drin.
Lass uns noch über das Artwork von „A Constant Buzz“ sprechen, das irgendwie besonders und ungewöhnlich für eine Punk-Veröffentlichung wirkt.
Das Cover wurde von Mara Piccione gestaltet, einer Künstlerin aus Groningen in den Niederlanden. Sie betreibt dort eine eigene Siebdruckwerkstatt. Ihr Stil ist sehr stark von Formen, Farben und geometrischen Mustern geprägt. Es geht ihr weniger um genretypische Bilder, sondern eher um eine offene, fast abstrakte Ästhetik. Uns war wichtig, dass man beim Betrachten des Covers nicht sofort sagen kann: „Ah, das ist Punk!“ oder „Das ist Emo!“, sondern dass es für sich steht. Man erkennt man ja oft schon am Artwork, in welche Richtung eine Platte geht. Emo-Plattencover haben oft bestimmte Stilelemente, und auch im Punk oder Hardcore gibt’s klare visuelle Codes – etwa Schwarzweiß-Fotokopien mit Totenschädeln oder bestimmte Typografien. Wir wollten uns davon bewusst abgrenzen.
Warum war euch diese Abgrenzung wichtig?
Weil wir nicht nur ein Produkt unserer Zeit sein wollen. Viele Bands orientieren sich visuell an dem, was gerade angesagt ist – wie damals, als AMERICAN NIGHTMARE aufkamen und plötzlich alle diese Helvetica-Ästhetik übernommen haben. Oder als Grunge-Brush-Fonts bei Photoshop der neue Standard waren. Das wollten wir vermeiden. Unser Artwork sollte zeitlos sein und eine gewisse Eigenständigkeit haben – genauso wie unsere Musik.
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