© by Ricky SperandeoLaut Myles, Sänger der Mailänder Band HOPSYDIAN, ist Spiritualität ein Kernelement seiner Musik, was er auch an der italienischen Herkunft festmacht.
Wenn man sich eure Videos und Social-Media-Beiträge ansieht, fallen einem viele religiöse Bilder und Symbole in euren Visuals auf. Welchen Einfluss haben Religion und Spiritualität auf eure Musik und euer Leben?
Religion hat uns nicht so sehr beeinflusst wie Spiritualität. Religion neigt naturgemäß dazu, etwas zu definieren, Dogmen aufzustellen und Grenzen zu ziehen zwischen dem, was dazugehört und was nicht. Spiritualität hingegen verbindet. Für uns ist die Seele eins. Sie kennt keine Trennung, überwindet Zeit und Raum und existiert in jedem Wesen. Da wir in einer Zeit leben, die den Kontakt zu ihrer eigenen Seele verloren zu haben scheint, verspürten wir das Bedürfnis, zum Ursprung zurückzukehren – zu jener inneren Suche, die vor Namen, vor Regeln und vor Grenzen existiert. Aus diesem Wunsch heraus entstand HOPSYDIAN. Unsere Kunst baut auf genau diesen Prinzipien auf. Wir glauben, dass die Menschheit gelernt hat, die Welt zu beobachten, aber vergessen hat, sich selbst zu beobachten. Doch jede echte Suche beginnt im Inneren. Man kann nicht verstehen, was draußen liegt, bevor man nicht erkennt, was im Inneren wohnt. Das innere Selbst ist der erste Tempel, das erste Universum, das durchquert werden muss. Für uns ist die äußere Welt nichts weiter als ein Spiegelbild der inneren. Was auch immer wir in unserer Seele pflegen, nimmt schließlich Gestalt an in der Realität, in der wir leben. Deshalb soll unsere Musik keine Antworten liefern, sondern eine Schwelle öffnen. Eine Einladung, innezuhalten, nach innen zu blicken und uns an den Teil von uns selbst zu erinnern, den der Lärm der Welt uns vergessen gelehrt hat. Wenn auch nur ein einziger Mensch nach dem Anhören eines unserer Lieder den Drang verspürt, diese Reise nach innen anzutreten, dann hat dieses Lied seinen Zweck bereits erfüllt.
Wie wichtig ist allgemein der visuelle Aspekt eurer Musik?
Für uns sind Klang und Bild zwei Manifestationen derselben Essenz. Was man hört, spricht den Verstand an; was man sieht, spricht die Seele an, doch beide führen zum selben Ziel. Jedes Symbol, jedes Licht, jedes architektonische Element, jede Note existiert, um etwas zu wecken, das bereits im Betrachter schlummert. Wir wollen nicht einfach nur Lieder schreiben, wir wollen Erlebnisse schaffen. Unsere Musik ist
nicht dazu gedacht, nur angehört zu werden, sondern auch dazu, durch sie hindurchzugehen.
Wie verflechten sich diese visuellen Elemente mit eurem musikalischen und textlichen Ansatz?
„Elysium“ erzählt die Geschichte dessen, was nach der Offenbarung geschieht. Der Protagonist hat alles geopfert, um „Sight“ zu erlangen, in dem Glauben, dass das Licht das Endziel seiner Reise sei und nicht der Zweck der Reise selbst. Doch jede echte Suche hat ihren Preis, und selbst das Licht fordert seinen Tribut. Als er diesen Bewusstseinszustand erreicht, der als „Elysium“ bekannt ist, entdeckt er, dass es nicht das Paradies ist, das er sich vorgestellt hatte. Es ist ein bewegungsloser, stiller Ort, fast völlig ohne Leben. Er erkennt, dass absolutes Wissen einen Menschen nicht unbedingt befreit, sondern ihn auch isolieren kann. Es ist eine Reflexion darüber, wie wir ständig nach Dingen streben, von denen wir glauben, dass sie uns ganz machen, ohne uns jemals zu fragen, was wir zurücklassen müssen, um sie zu erlangen. Das Elysium, das der Protagonist erreicht, ist nicht das Ende der Reise, sondern der Beginn des Verstehens. Das Paradies ist kein Ort, an dem man ankommt; es ist der Moment, in dem man erkennt, dass der göttliche Funke, nach dem man in der ganzen Welt gesucht hat, schon immer in einem selbst gewohnt hat. Vielleicht ist die Wahrheit kein Gipfel, den es zu bezwingen gilt, sondern ein Horizont, der sich immer weiter entfernt. In dem Moment, in dem man glaubt, sie erfasst zu haben, hört man auf zu gehen. Und wenn man aufhört zu gehen, hört man auf, sich zu wandeln. Die Reise endet nicht im Licht, sondern dann, wenn man erkennt, dass man ein Teil davon ist. Die Tragödie besteht darin, dass der Protagonist diese Erkenntnis zu spät gewinnt. Er wagte es, hinter den Schleier zu blicken. Er suchte nach mehr, als Mensch oder Gott jemals wissen sollten, und dieses Wissen veränderte ihn für immer. Er kann nie mehr zu der Blindheit zurückkehren, aus der er kam, denn wer das Licht in seiner reinsten Form einmal gesehen hat, kann es niemals wirklich vergessen. Seine Erleuchtung wird zu seinem Verhängnis. Er gehört nicht mehr zu der Welt, die er hinter sich gelassen hat, doch er kann auch nicht ganz in der Welt leben, die er erreicht hat. Er bleibt zwischen zwei Realitäten schwebend und trägt für immer die Last einer Wahrheit, die er niemals loswerden kann.
Glaubst du, dass das Aufwachsen in Mailand, umgeben vom Dom und seiner Architektur, deinen künstlerischen Ansatz beeinflusst hat, sowohl visuell als auch musikalisch?
Ich glaube, dass das Aufwachsen in einem Land wie Italien, in dem Kunst untrennbar mit dem Alltag verwoben ist, die Art und Weise, wie wir uns ausdrücken – sowohl musikalisch als auch visuell –, tiefgreifend geprägt hat. Wir leben in einem Land, das Esoterik, Kunst, Spiritualität und Kultur atmet. Wer nicht hier aufgewachsen ist, kann kaum nachvollziehen, wie tief dieser Ort einen Großteil des westlichen künstlerischen und spirituellen Erbes geprägt hat. Von Anfang an war uns klar, dass ein wesentlicher Teil der visuellen Identität von HOPSYDIAN in unserer eigenen Kultur und Geschichte verwurzelt sein musste. Unser Ziel ist es, Italiens zeitloses künstlerisches Erbe und seine Schönheit auf die größten Bühnen der Welt zu bringen.
© by Fuze - Ausgabe #119 August/September 2026 und Dennis Müller