IRON CHIC

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Wege aus der Trauer

Ihr drittes Album „You Can’t Stay Here“ haben IRON CHIC unter ziemlich schwierigen Umständen aufgenommen. Ein paar Monate, nachdem Gitarrist Rob McAllister die Band aus Long Island, NY verlassen hatte, ist er überraschend verstorben. Wir sprechen mit Sänger Jason Lubrano darüber, wie die Band die schwere Zeit verarbeitet hat.

Jason, auf dem neuen Album wirken eure Texte deutlich düsterer als auf den beiden Vorgängern. Was war bei euch los?

Es gibt nicht wirklich eine Erklärung dafür. Ich hatte eine beschissene Zeit damals. Unser ehemaliger Gitarrist Rob war gestorben und ich hatte Beziehungsprobleme. Das Album war ein Weg, die negativen Energien rauszulassen und in etwas Konstruktives umzuwandeln. Ich mache mir nicht so viele Gedanken, worüber ich schreiben werde, bevor ich mich an die Texte setze. Es passiert meist einfach, die Ideen kommen von selbst und wenn ein Song fertig ist, ist er eben, wie er ist.

Hat es geholfen, darüber zu schreiben?

Ja, auf jeden Fall. Uns allen hat es geholfen. Auch wenn ich derjenige in der Band bin, der die Texte schreibt, war es gut für uns als Band, etwas zu haben, an dem wir arbeiten konnten, eine Aufgabe, die unsere Köpfe beschäftigt hat, abseits der Trauer.

Rob hatte die Band bereits verlassen, als er verstarb, ihr musstet IRON CHIC also schon vorher neu organisieren. Welchen Einfluss hatte sein Weggang auf die Dynamik innerhalb der Band?

Natürlich ist es anders, wenn Jesse Gitarre spielt und bestimmte Parts schreibt, er ist ein anderer Mensch als Rob. Trotzdem haben wir an der konkreten Vorgehensweise nicht viel geändert. Jedes Bandmitglied bringt seine Ideen mit zur Probe und präsentiert sie den anderen, später schreibe ich den Text dazu.

Text und Musik sind von der Stimmung her sehr unterschiedlich. Ihr legt Wert auf Chöre, die Melodien sind eher ermutigend, der Beat treibt nach vorne – wie bekommt ihr diese Balance hin?

Ich tendiere generell dazu, depressive Texte zu schreiben, aber wir versuchen, dem eine positive Idee entgegenzusetzen, um zu verhindern, dass der Song einen runterzieht. Diesmal haben wir es einfach laufen lassen und uns wenig Gedanken darüber gemacht, die Texte vielleicht ein bisschen munterer zu gestalten. Uns als Band ist aber auch aufgefallen, dass wir musikalisch poppiger geworden sind, wir mochten diesen Kontrast sehr gern.

Ein großer Spaß bei euren Platten ist es, die popkulturellen Referenzen zu finden. Ihr habt einen Song zum Beispiel nach dem Schlachtruf von Darkwing Duck benannt: „Let’s. Be. Dangerous.“. Seid ihr Comic-Nerds?

Ich auf jeden Fall! Ich liebe es, nach solchen Zitaten zu suchen. Bei Comics bin ich allerdings im Moment eher raus, ich lese nur noch wenig. Meistens lese ich hier und da mal ein paar Comics und schaue mir unterschiedliche Titel an. Es ist aber wirklich schwierig mittlerweile, in dem ganzen Marvel- und DC-Universum auf dem Laufenden zu bleiben, und teuer ist es auch. Ich mache mich eher auf Wikipedia über Comics schlau, die ich noch nicht gelesen habe. Da erfahre ich dann etwas über die Charaktere. Ich bin ein Fan von Superhelden, aber auch Horror-Comics mag ich sehr.

Wenn man euch live sieht, stehen im Publikum massenweise Kerle Arm in Arm mit Bier in der Hand und singen im Chor eure Texte mit. Welche Bedeutung hat die Gemeinschaft im Punkrock für euch?

Wir sind alle schon ein bisschen älter, deshalb sind wir nicht mehr so aktiv bei uns in der Szene wie vielleicht vor zehn Jahren. Aber natürlich ist es wichtig, dass es ein Umfeld gibt, in dem Menschen sie selbst sein können, wo sie Freundinnen und Freunde finden, die die gleichen Ansichten teilen. Wir versuchen, diesen Vibe zu pflegen, und wissen diesen Gemeinschaftsgeist zu schätzen. Erst recht, wenn wir live spielen. Für uns ist es immer großartig, wenn so viele Menschen mitsingen und unsere Show genießen.

Du hast es ja bereits angesprochen, ihr seid keine Teenager mehr. Kennt ihr irgendeinen Trick, erwachsen zu werden und trotzdem Punk zu bleiben?

Es ist schwierig und es wird von Jahr zu Jahr schwieriger, uns die Punk-Mentalität zu bewahren. Die Arbeit und die Familie werden immer wichtiger und sie alle fordern etwas von einem. Mit IRON CHIC sind wir fast so weit, die Band als Vollzeitjob machen zu können, so dass wir mehr Zeit und Energie in die Musik stecken können. Am Ende ist es die Denkweise, auf die es ankommt. Man muss versuchen, sich vom Alltag und den Verpflichtungen nicht zu sehr runterziehen zu lassen und möglichst viel von dem zu tun, was man gerne tut. Das ist der Schlüssel. Natürlich ist das bei jedem unterschiedlich und nicht jeder bekommt das mal eben so hin, aber wir als Band haben unseren Weg gefunden.

Habt ihr alle noch Jobs neben IRON CHIC?

Wir arbeiten alle ein wenig nebenbei, zum Teil im Büro oder in Konzertläden. Jesse zum Beispiel arbeitet auf dem Bau, ich mache nebenbei noch Kunst. Wir machen viel als freie Mitarbeiter, versuchen also so viel zu schaffen, wie es geht, wenn wir zu Hause sind. Mit dem aktuellen Album läuft es derzeit aber recht gut, wir hoffen sehr, dass wir bald noch mehr Musik machen können und den Rest vielleicht mal sein lassen.

You Can’t Stay Here“ ist ein sehr persönliches Album. Habt ihr als Punkrock-Band in den USA aktuell nicht das Bedürfnis, euch deutlicher über die, sagen wir mal, recht komplizierten Zustände in eurer Heimat zu äußern?

Wir alle haben unsere politische Meinung, aber es gibt viele Bands, denen es besser liegt, sich auch in ihrer Arbeit dazu zu äußern. Ich spreche lieber persönliche Themen an, mir scheint das auch zugänglicher zu sein für ein breiteres Publikum.