IRON ROSES

Foto© by Joachim Hiller

Das Licht aus dem Nichts

Einen der Überraschungsmomente der Reconstruction Tour setzten THE IRON ROSES. Becky und Nat als Frontduo waren unglaublich mitreißend, wurden fast schon so frenetisch gefeiert wie Nat einst mit BOYSETSFIRE, nur dass die Ansprache heute eine ganz andere ist. Nat (oder auch Natasha) hat einen so harten wie befreienden Weg der Selbstfindung hinter sich, wählt in der Kommunikation die Pronomen „they/them/She/Her“ – und das genau in einer Zeit, in der in den USA unter Trump ein LGBTQ+-feindlicher Rollback eingesetzt hat. Backstage in Köln vereinbarten wir dieses Interview, das ich mit Becky und Nat/Natasha Ende Juni via Zoom führte, während die beiden zu Hause in Elkton, Maryland eine kleine Tourpause einlegten.

Wir haben uns in Köln unterhalten, und ich lobte euch auf typisch deutsche Art: „Hey, das war eine super Show, viel besser als die vor zwei oder drei Jahren als Vorband der CLOWNS.“ Damals war ich nicht so beeindruckt, dieses Mal war es fast wie eine andere Band, ihr habt euch sehr weiterentwickelt.

Nat: Ich stimme dir zu. Wir waren damals noch in dieser Übergangsphase, in der wir versucht haben herauszufinden, wie wir von meinen Solo-Sachen dahin kommen, was wir mit dieser Band machen wollen. Was auch bedeutet, alle in den Vordergrund zu bringen, anstatt dass nur ich im Mittelpunkt stehe. Das war mit vielen Wachstumsschmerzen verbunden und wir hatten zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht das richtige Team. Die Leute, die in der Band waren, waren nicht zu 100% dabei. Das wussten wir, und im Gegensatz zu vielen Bands, die diese Wachstumsschmerzen durchmachen, das aber aus der Öffentlichkeit raushalten, haben wir uns den Leuten gestellt. Du warst definitiv nicht der Einzige, der uns zu dieser Tour dieses Feedback gab. Viele Leute, die ich aus der Vergangenheit kannte, sagten genau das Gleiche. Und jetzt bekommen wir das Feedback, dass verstanden wird, wo wir hinwollten. Das ist wunderbar für uns. Wir lieben es, dass wir endlich zeigen können, wer wir wirklich sind.
Becky: Ich konnte es kaum erwarten, dieses Jahr nach Europa zurückzukehren, vor allem weil wir letztes Jahr bei euch nur ein einziges Konzert gespielt haben. Wir waren 2024 viel auf Tour und das hat unser Team und die Rollen aller gefestigt. Deshalb konnte ich es kaum erwarten, uns den Fans zu zeigen, die uns während dieser ganzen Übergangsphase begleitet haben.
Nat: Wir wussten immer, dass es besser werden würde.

Ihr wirkt in Bezug auf eure Band sehr selbstbewusst.
Nat: Das kommt daher, dass wir endlich herausgefunden haben, wer wir sind. Ich selbst habe viele Veränderungen durchgemacht, aber auch als Band auf der Bühne haben wir ein kollektives Bewusstsein entwickelt, indem wir gelernt haben, was uns wirklich ausmacht. Das hat einen riesigen Unterschied gemacht. Dass wir Devon am Schlagzeug haben, ist ein Glücksfall. Er ist nicht wie andere Schlagzeuger. Wir haben wirklich die richtigen Leute gefunden.

Becky, wie ist es, mit jemandem auf der Bühne zu stehen, der seit drei Jahrzehnten sehr stark solo entertaint? Wie schwer ist es, sich daneben zu positionieren?
Becky: Lustig, dass du das fragst, weil wir beide genau darüber gestern Abend noch gesprochen haben. Für mich kann es schon einschüchternd sein, neben jemandem zu stehen, der, wie du gesagt hast, drei Jahrzehnte Erfahrung hat, vor allem in Europa. Und dann die Leute zu überzeugen, auch mich wahrzunehmen, das war eine Menge harter Arbeit. Es war nach außen hin eine große Aufgabe, die Leute dazu zu bringen, mich als gleichwertig mit Nat anzuerkennen. Aber auch für mich selbst war es ein harter Kampf, also das Bewusstsein zu entwickeln, dass ich es wert bin, dort oben zu stehen, dass ich mir meinen Platz verdient habe. Am Anfang war es extrem einschüchternd, aber durch die vielen Auftritte bin ich immer selbstbewusster geworden. Und einer unserer magischen Momente war letztes Jahr, als wir einfach die Mikrofonständer weggelassen haben. Da war also keine „Krücke“ mehr, an der ich mich festhalten konnte, wenn ich Angst hatte. Je mehr Konzerte wir gespielt haben, desto mehr habe ich losgelassen, was meiner Meinung nach die Leute ganz natürlich dazu gebracht hat, mich mehr zu sehen. Das war allerdings ein ganz schöner Ritt!

Euch beide live interagieren zu sehen, das hatte was von einem klassischen Duett wie etwa Nancy Sinatra und Lee Hazlewood.
Nat: Hahaha!
Becky: Das macht so viel Spaß!
Nat: Es funktioniert ganz natürlich. Und wie du vorhin gesagt hast, wusste ich nicht, wie ich mich dabei fühlen würde, den Platz auf der Bühne mit jemandem zu teilen. Das ist neu für mich. Ich war es gewohnt, auf die Bühne zu gehen, meinen Fuß auf die Monitorbox zu stellen und von da an im Mittelpunkt zu stehen. Aber die neue Situation ist so befreiend. Mir war nie bewusst, was für eine Last ich früher zu tragen hatte. Und jetzt muss ich mich nicht mehr darauf konzentrieren, sondern kann einfach Spaß haben mit meinen Freunden auf der Bühne. Das zeigt dem Publikum, dass es hier keine Hierarchien gibt, kein „Ich bin schon so lange dabei, also bin ich wichtig“. Das ist alles Bullshit, wir alle auf der Bühne haben zusammen Spaß. Das ist so befreiend! Und es gibt mir sogar die Chance, mal Luft zu holen. Ich kann einen Schritt zurücktreten, Becky kann einen Schritt nach vorne machen, und alles ist wunderbar.

Wie die Band heute dasteht, ist das etwas, das von dir, von euch geplant wurde? Oder war das etwas, das eine eigene Dynamik entwickelt hat?
Nat: Als wir angefangen haben, gab es die Einstellung, einfach mal was auszuprobieren. Aber erst vor kurzem haben diese Ideen wirklich Gestalt angenommen, es hat schlicht gepasst. Als ich das Album „Rebel Songs“ aufgenommen habe, hat Becky den Backgroundgesang übernommen, und noch während dieser Session haben wir gesagt: Hey, warum gründen wir nicht einfach eine Band? Ehrlich gesagt habe ich dieses Nathan Gray-Ding gehasst. Abgesehen von der Namensänderung und all dem mag ich es einfach nicht, Solo-Artist zu sein. Es macht mir keinen Spaß. Auf dieser Basis entwickelten wir die Idee für die IRON ROSES, unser Mission Statement. Dann hat es mehrere Jahre gedauert, bis wir das tatsächlich umsetzen konnten. Und ich glaube, was du in Köln auf der Bühne gesehen hast, das war der Moment, wo es endlich Klick gemacht hat.

In der Punk/Hardcore-Szene sind Bands mit so einem Gesangsduo eher selten. Normalerweise hat man einen starken Frontmann, der viel Aufmerksamkeit bekommt, so wie es eben generell in der Rockmusik ist, wohingegen es in der Popwelt recht viele dieser Duette gibt.
Nat: Duette werden normalerweise eher als einmalige Sache angesehen, also wenn zwei Sänger:innen zusammenkommen, um ein Duett zu singen. Das einzige Beispiel für so was bei einer Band, das mir aktuell einfällt, sind ALKALINE TRIO, wo Matt und Dan gleichberechtigt sind. Aber wenn sie einen Song zusammen singen, übernimmt immer einer die Führung und der andere folgt. Wir wollten also bewusst etwas Neues machen, das Aufmerksamkeit erregt, das man nicht ständig sieht, also eine Band, die immer mit einem Duett am Mikro arbeitet. Mal so ein kleines Geheimnis am Rande: Es werden von uns auch Songs rauskommen, in denen entweder ich mehr im Vordergrund stehe oder Becky mehr singt. Aber wenn wir Songs zusammen machen, werden sie im Duettformat sein. Bei vielen Songs, auch vom dem letzten Album, ist es so, dass ich Leadvocals singe und Becky die Harmonien beisteuert. Wir versuchen, das ein bisschen aufzubrechen und etwas zu machen, das ehrlich gesagt so noch nie da gewesen ist.
Becky: Wir wissen, und das meine ich weniger selbstherrlich, als es rüberkommen könnte, dass unsere Stimmen sehr gut zusammenpassen, also von der Tonlage her. Und wir sind keine Hardcore-Band, wo es auf der Hand läge, dass man Screams und Clean Vocals kombiniert. Es klingt gut, so wie es ist, und wir stehen beide gerne im Vordergrund. Warum sollten wir das also nicht einfach weiter ausbauen?

Und was ist mit dem Stilmittel von Call-and-Response?
Nat: Vielleicht probieren wir das in Zukunft mal aus. Die ständige Neuerfindung ist es, was diese Band frisch und spannend hält. Also dass wir uns immer wieder fragen: Wie machen wir das? Und wie machen wir es anders als alle anderen? Wir wollen originell bleiben.

Was ist mit einem neuen Album? Arbeitet ihr gerade daran?
Becky: Ja, da ist einiges in Arbeit.
Nat: Wir können im Moment noch nicht so viel darüber sagen, aber die Leute werden bald einen ersten Einblick bekommen. Wir haben viele neue Songs geschrieben und sind super gespannt auf das, was wir herausbringen werden. Das ist alles, was wir gerade sagen können.
Becky: Dass wir letztes Jahr so viel gespielt haben, hat beeinflusst, wie wir dieses Album schreiben. Wie Nat schon gesagt hat, haben sich die individuellen Stärken von jedem irgendwie zusammengefunden, was unseren Schreibprozess etwas substanzieller gemacht hat. Wir hatten viel Spaß dabei, mit den neuen Leuten in der Band neue Songs zu schreiben.

Nat, ich habe dich in Köln gefragt, ob wir im Interview über ein bestimmtes Thema reden können: die aktuelle Situation in den Vereinigten Staaten. Gerade heute habe ich einen Artikel gelesen, dass die US-Bundesregierung eine Hotline für queere Menschen abgeschafft hat. Und es gibt ständig Nachrichten etwa der Art, dass die Christopher Street Days in vielen Städten nicht mehr von großen Unternehmen unterstützt werden. Trump hat verfügt, dass nicht-binäre Menschen aus der US-Armee rausgeschmissen werden. Ein Marineschiff, die USS Harvey Milk, benannt nach dem legendären queeren Aktivisten, wurde umbenannt. Das waren nur ein paar Beispiele. Wie ist es derzeit, in den Vereinigten Staaten zu leben? Wie geht es euch beiden?
Becky: Nicht so toll.
Nat: Ja, nicht so toll. Ich erlebe, wie meine Identität ausgelöscht werden soll, wie die Identität von andere Menschen ausgelöscht wird. Ich erlebe, dass wir Rückschritte machen, und gleichzeitig verstehe ich auch die systemischen Wurzeln von all dem. All das war in unserem Land schon immer da, und die neue Regierung bringt das nur an die Oberfläche. Das merkt man auch daran, dass die Oppositionspartei nicht wirklich in Opposition dazu geht. Man sieht seitens der Demokratischen Partei nicht viel Widerstand gegen diese Entwicklungen. Es ist ein Krieg dieser Tage, diese Auslöschung von Trans-Menschen – und es scheint, als ob viele Demokraten jetzt sagen: Vielleicht sollten wir nicht so pro-trans sein. Und es stört mich, dass die Demokraten kein Problem damit haben, den Republikanern in jeden Konflikt zu folgen, in den die uns stürzen wollen. Oder dass die Demokraten sogar bei Rassismusfragen einfach den Mund halten, während die Republikaner all das zerstören, was von Schwarzen aufgebaut wurde. Es ist in gewisser Weise ein zweischneidiges Schwert: man ist frustriert über das, was da aktuell passiert, aber fast noch frustrierter darüber, dass dadurch nur die Probleme offenbar werden, die schon immer unter der Oberfläche schlummerten. Wie kann man einem Menschen seine Rechte absprechen, wenn es doch Menschenrechte sind? Wenn doch festgelegt wurde, dass diese nicht unveräußerlich sind, dann kann man sie niemandem wegnehmen. Wir müssen uns bei jeder Wahl Sorgen machen, dass uns Rechte weggenommen und vielleicht später wieder zurückgegeben werden.
Becky: Jeder Missbrauchstäter hat einen Missbrauchszyklus und mehrere Systeme, wie er diesen Missbrauch ausübt. Etwa finanziell, was man sehen kann, wenn die Demokraten, die uns eigentlich helfen sollten, lieber dem Geld hinterherlaufen. Es bringt gerade niemandem etwas, sich für die Rechte von Queers einzusetzen, wenn diese angegriffen werden. Hier ziehen gerade die Leute, die das meiste Geld haben, im Hintergrund die Fäden. Und das macht mir Angst.

Nat, das ist eine Frage an dich und ich hoffe, sie ist nicht zu direkt oder übergriffig. Sich als heterosexueller Mann – oder Frau – für queere Rechte einzusetzen, ist wichtig und ehrenwert. Aber ... auch „einfach“, man ist ja nicht direkt betroffen. Wenn man aber persönlich wegen seiner Identität angegriffen wird, einfach wegen dem, was und wer man ist, dann hat das noch mal eine andere Qualität. Wie geht es dir in deiner noch neuen Situation?
Nat: Das ist echt eine super Frage, ehrlich. Es macht einen riesigen Unterschied. Ich glaube, die Leute verstehen nicht, wie einfach es für einen heterosexuellen weißen Cis-Mann ist, sich auf die Bühne zu stellen und zu sagen: „Das ist schlecht, bla, bla, bla.“ Denn am Ende des Tages hat das, worüber sie da reden, keine Auswirkungen auf ihr Leben. Ich finde schon, dass mehr Cis-Männer sich entsprechend äußern sollten, aber sie sollten auch verstehen, dass es ein Privileg ist, etwas sagen zu können – und dann einfach weggehen zu können. Die Situation ist für mich jetzt eine ganz andere. Früher wusste ich zwar, was in mir vorgeht, und ich war frustriert und wütend, aber ich wusste auch, dass ich mich noch verstecken konnte. Und jetzt gehen wir auf Tour, und ich weiß nicht, was passieren wird. Wenn ich aus dem Bus oder dem Van aussteige und einen Rock trage oder etwas, das nicht stereotypisch männlich ist, und die Leute mich so sehen, könnte ich angegriffen werden. Heterosexuelle Typen müssen sich darüber nie Gedanken machen, wenn sie auf die Bühne gehen oder etwas sagen. Ich habe das schon in Posts und vor Publikum gesagt: Ich fühle ich mich mittlerweile nicht mehr so wohl dabei wie früher, wenn ich mich von der Bühne in eine große Menschenmengen stürze. Dabei habe ich das früher ständig gemacht. Nach dem Auftritt bin ich zu den Leuten runtergegangen, habe Autogramme gegeben, Leute umarmt und so weiter. Damit fühle ich mich nicht mehr wohl, ich beschränke mich jetzt darauf, am Merchstand mit den Leuten zu reden, aber ich stürze mich nicht mehr von der Bühne runter in die Menge.
Becky: Vor allem betrunkene Leute sind ein Thema ...
Nat: Ja, betrunkene Leute, bei denen man nicht weiß, wie sie reagieren werden. Es gab schon Situationen, wo Leute mich angepackt und gesagt haben: „Hey, wo ist dein Bart geblieben? Ich mochte dich lieber mit Bart!“ Was zum Teufel ist los mit so jemandem? Wer macht so etwas? Meine Reaktion, mich nicht mehr ins Publikum zu stürzen, hat also etwas damit zu tun, dass ich mir vorstelle, was alles passieren könnte. Allein das Wissen, dass Leute so denken, dass sie glauben, sie hätten das Recht, dich einfach so anzupacken.
Becky: Haha, daran kannst du sehen, dass du jetzt eine Frau bist!
Nat: Ja, genau, das ist der Punkt. Mir hat das echt die Augen geöffnet. Das ist echt ... wild. Wenn ich durch eine Menschenmenge gehe und plötzlich berührt mich ein Typ am, äh, unteren Rücken, denke ich mir: Das ist mir früher nie passiert. Und Becky sagt: Ja, das passiert Frauen ständig.
Becky: Du bist jetzt eine von uns.
Nat: Ja, aber warum hat mich der Typ einfach so angefasst? Das ist so krass. Es ist eine sehr „andere“ Erfahrung. Es ist beängstigend und es ist scheiße. Und gleichzeitig bin ich noch das gleiche Arschloch, so was inspiriert mich irgendwie auch. Also dass ich mir denke, ey, Typ, ich könnte dir direkt ins Gesicht springen, verstehst du? Das habe ich mir bewahrt. Ich war schon immer so: Oh, du willst mich schlagen? Komm schon, zeig, was du drauf hast! Aber ich muss auch sagen, dass es wirklich cool ist, all die Unterstützung zu sehen, die wir bekommen, wenn wir auf die Bühne gehen und überall Pride-Flaggen zu sehen sind. Es ist so cool, dass die Leute das Bedürfnis haben, sich so offen zu zeigen, um uns zu signalisieren, dass sie uns unterstützen. Und übrigens, was ich an bestimmten Ecken von Deutschland liebe, ist, dass man überall diese antifaschistischen und „Fuck Nazis“-Aufkleber sieht. In den USA sagen die Leute oft, das sei unnötig, aber in Deutschland ist das sehr präsent und mir gefällt das.

Es ist eine Art Reviermarkierung, um klarzustellen, dass das hier nicht dein Platz ist, wenn du ein Nazi bist.
Nat: Genau. Es zeigt solchen Leuten, dass sie hier nicht hingehören.

Apropos ... gemeinhin halten wir unsere Szene, Punk- und Hardcore-Konzerte für einen sicheren Ort. Bei 20% Stimmen für die AfD in Deutschland und 50% für Trump in den USA fehlt mir aber die Zuversicht weiterhin zu glauben, dass deren Wähler:innen nicht auch mal neben uns auf einem Konzert oder als Musiker:innen auf der Bühne stehen. Wie stellt sich die Lage für euch dar?
Becky: Neulich erst beim Punk Rock Bowling-Festival in Las Vegas lief einer mit einem Shirt mit SS-Logo rum und wurde umgehend rausgeschmissen. Es gibt also solche Leute, die in unsere Szene stolpern und, wie soll ich sagen, mit ihrem Schwanz herumwedeln, weil ihnen nichts Besseres einfällt. Und wie du schon gesagt hast, haben so viele Leute für Trump gestimmt, dass die sich jetzt bestätigt fühlen, dass es mehr von ihnen da draußen gibt. Aber ich habe das Gefühl, dass wir bei den Shows, die wir gespielt haben, in der Szene, die wir geschaffen haben, noch nie auf so jemanden gestoßen sind.
Nat: Es gibt definitiv Leute, die den Schuss noch nicht gehört haben, was los ist. Die versuchen hier und da mal, Aufmerksamkeit zu bekommen, und scheitern damit. Das hat etwas zu tun mit ... ich benutze immer das Wort „Übergang“ – also dem Übergang von BOYSETSFIRE zu dieser Band hier. In diesem Kontext habe ich wirklich viele Leute gesehen, die offensichtlich die Texte von BOYSETSFIRE nicht verstanden haben. Man sieht das bisweilen auch etwa bei Fans von RAGE AGAINST THE MACHINE oder anderen Bands, die politisch klar links stehen. Da hast du dann Fans, die sagen: „Moment mal ... ihr seid politisch?“ Da denke ich mir immer: „Dude, come on, shut up ...“ Ich denke, dass die Szene einen Mikrokosmos der Gesellschaft als Ganzes darstellt. Das wird es immer geben, und es wird auch immer Leute geben, die versuchen, die Subkultur zu übernehmen, um neu zu definieren, was Rebellion bedeutet. Und das ekelt mich an, dass diese Trump-Anhänger und die AfD versuchen, den Begriff Rebellion für sich zu vereinnahmen – sie inszenieren sich und ihren Widerstand gegen die „linken Medien“ und all dieser Mist. Das ist so ein Schwachsinn!

Ein Beispiel dafür ist Gavin McInnes, der einst das Vice-Magazin mitgegründet hat und später zum Gründer der Proud Boys wurde. Und es gibt seit Jahrzehnten und bis heute immer wieder mal hässliche Vorfälle unter anderem aus dem Skinhead-Kontext, die bis in die Punk-Szene hineinreichen. Oder man denke an dieses Tough-Guy-Klischee, das etwa von Bands aus dem New York Hardcore-Kontext propagiert wurde.
Nat: Wir müssen wohl anerkennen, dass das in uns allen steckt. Es ist tief in jedem von uns verborgen, ich habe einmal ein Zitat gehört, dass jeder einen potenziellen Nazi in sich hat. Das hat sich in der Geschichte immer wieder gezeigt. Und es hat sich durch meine eigenen Handlungen gezeigt. Vor vielen Jahren habe ich online einige der islamfeindlichsten, beschissensten Dinge losgelassen, die ich je von jemandem gehört habe. Es war peinlich und scheiße und ekelhaft und ich musste mich dafür oft entschuldigen und mich ändern. Was nun diese Rechten betrifft, so besteht deren Taktik darin, sich da einzuklinken, wo Menschen verletzlich sind. Wenn Menschen an Dingen zu zerbrechen scheinen, wenn sie Dinge nicht ausdrücken können, dann kommen die Rechten und klammern sich daran fest und manipulieren sie, die schrecklichsten Dinge zu sagen und zu tun, die sie normalerweise nie tun würden. Genau deshalb konzentrieren wir uns jetzt mit den IRON ROSES sehr auf Freude und Glück und Feiern. Wir sprechen natürlich über Politik, wir sprechen über Probleme, wir sagen nicht bloß: „Sei einfach glücklich, dann wird alles gut.” Aber wir fügen ganz bewusst diesen Funken Freude und Spaß am Feiern hinzu, weil wir die Menschen anziehen wollen, die uns brauchen. Und wenn die Linke nicht anfängt, Menschen auf diese positive Weise anzuziehen und zu zeigen, dass da, wo wir sind, das Glück und die Freude ist, wird die Rechte die Leute weiterhin mit Hass und Wut auf ihre Seite ziehen. Denn dieser Scheiß ist attraktiv, das kann ich dir sagen! Wenn du innerlich verletzt und gebrochen bist, dann wird dich diese Wut packen und du denkst: Ja, das ist es, was ich brauche. Diese Wut, dieser Hass ist das, was mich heilen wird! Nein, wird es nicht, es wird nur immer mehr wehtun, bis du endlich herausfindest, was wirklich los ist. Und ich bin der lebende Beweis, dass das jedem passieren kann.

Wie viel Platz wird in deinem neuen Leben noch für BOYSETSFIRE sein?
Nat: Es wird etwas Platz sein, um wertzuschätzen, was ich in den letzten 30 Jahren gemacht habe. Ich habe aber definitiv einen Schlussstrich unter diese Band gezogen. Ich bin ausgestiegen. Und das ist endgültig. Es war kein Ende im Zorn, nicht in der Art „Fickt euch alle“. Ich bin sehr stolz auf das, was ich mit dieser Band erreicht habe. Ich liebe diese Jungs. Ich hoffe, dass sie nun andere Dinge machen. Aber nach 30 Jahren hatte ich das Gefühl, dass es genug war. Wir hatten erreicht, was möglich war, und wir hatten nicht vor, noch etwas Neues rauszubringen. Es lief 30 Jahre und wir haben einen guten Job gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass meine Zeit dort vorbei ist und ich mich etwas Neuem zuwenden musste. Ich musste diesen Cut machen, sonst hätten wir mit IRON ROSES keine Chance gehabt. Ich konnte einfach nicht weiter die immer gleiche Show spielen. Und dieses Leben als Legacy-Band ekelte mich an, ich wollte das nicht mehr machen. Aber ich habe großen Respekt vor allem, was wir in den letzten 30 Jahren gemacht haben, besonders „Plague Years“, denn das ist das beste Album, das wir je gemacht haben. Ehrlich, mich inspirierte dieses Album, jetzt mit dieser Band weiterzumachen. Ich schaue auf dieses Album zurück und frage mich, was wir darauf aufbauend für kreative und coole Sachen machen können.

Wie habt ihr beide euch eigentlich als kreatives Duo gefunden?
Becky: Ich glaube, über das Internet, wirklich. Ich bin schon lange ein Fan von BOYSETSFIRE, und wir haben uns vor etwa zwölf Jahren online kennen gelernt und sind seitdem befreundet. Ich habe damals nicht in der Nähe von Nat gewohnt, aber vor etwa sechs Jahren bin ich umgezogen. Jetzt wohnen wir zwei Häuser voneinander entfernt. Schon vorher, als Nat seine Solo-Karriere gestartet hat, hat er mich als Backgroundsängerin engagiert, ich war also bei allen Solo-Projekten von Nat involviert. Ich arbeite demnach seit 2016 mit Nat. Das ist eine sehr lange Zeit. Wir sind jetzt gerade in meinem Haus, Nat geht hier ständig ein und aus. Unsere Leben sind sehr eng miteinander verflochten, auch unsere Familien. Tja, erst also das Internet und jetzt sind wir hier, haha.

Im Internet ist also nicht alles schlecht, oder?
Nat: Manchmal passieren auch gute Dinge.

Wir lachen viel in diesem Interview, auch wenn wir über schwierige Themen reden, und irgendwie fühlt sich das krass an, mit all den Kriegen da draußen, aber auch mit den Angriffen der Rechten auf Menschen mit nicht-binärer Identität. Wie geht man damit um, wie bewahrt man sich seine Fröhlichkeit?
Nat: Es ist nicht einfach. Becky und ich waren beide neulich in einer ziemlich schlechten Verfassung, weil wir nicht nur ständig angegriffen werden und mit einer Flut von üblen Dingen konfrontiert sind, sondern auch weil ein Freund, der trans war, vor ein paar Tagen Selbstmord begangen hat. Einerseits möchte ich sagen, dass das der Grund ist, warum wir weiterkämpfen, und ich möchte das positiv sehen, aber gleichzeitig ist, wie du gesagt hast, nicht alles eitel Sonnenschein. Man steckt das nicht weg und sagt sich, okay, lass uns weiterkämpfen. Die Leute wollen das vielleicht hören, aber manchmal liegt man einfach einen ganzen Tag lang auf der Couch und ist total fertig. Dann muss man sein Handy weglegen und weinen. Manchmal kann man nicht schlafen, manchmal wacht man auf und denkt: Ich kann heute nicht, ich kann einfach nicht. Ich mache mal wieder eine Transition durch und versuche herauszufinden, was das für mich bedeutet. Und dann, genau zu der Zeit, als ich ich selbst wurde, haben sie Gesetze erlassen, die mir verbieten, Dinge zu ändern. Ich kann nichts dagegen tun! Es gibt ein paar kleine Siege, wie den, dass ein Richter die Regelung, dass man sein Geschlecht im Pass nicht ändern kann, aufgehoben hat. Aber wie lange hält das an? Wenn das Kernproblem nicht gelöst ist, werden sie einfach in dieser Art weitermachen. Und seit wann hört Trump auf Richter? Es ist frustrierend und die ganze Situation überwältigt einen. Und das ist der Grund, warum wir weiterkämpfen, aber gleichzeitig strengt es sehr an und lässt einen sich machtlos fühlen kann. Es ist schwer, immer wieder vor die Frage gestellt zu sein: Kann ich heute ich selbst sein? Oder muss es eine Version von mir sein, die momentan akzeptabel ist? Habe ich das Geld, um etwas zu ändern? Ist es überhaupt legal, etwas für mich zu tun, das niemanden sonst betrifft? Ich wurde nun einmal dafür „ausgewählt“ und Beckys Tochter auch, als Menschen, die plötzlich im Fokus von dem stehen, was Trump da sagt über Einwanderer und Transgender-Personen. Es ist ... verrückt.
Becky: Nat und ich haben beide unsere Traumata, die wir mit uns herumtragen. Wir haben beide viel durchgemacht. Wir sind beide Überlebende, auf ähnliche und doch unterschiedliche Weise. Und so leben wir mit unseren Traumata und haben einfach Tage, an denen wir auf dem Sofa zusammenbrechen. Wir sind uns an manchen Tagen sehr nah, verbringen viel Zeit miteinander, wir müssen aufeinander aufpassen. Zu diesen persönlichen Problemen kommen auch noch all die von außen dazu, und das kann dann echt verdammt überwältigend sein. Ich glaube, eine der Sachen, die wir ganz nebenbei gelernt haben, ist, dass wir unseren Gefühlen in diesen schwierigen Situationen einfach Raum geben. Wir wissen, dass sie kommen, aber auch wieder gehen werden. Aber es ist eben auch schwer, in solchen Momenten kreativ zu sein, und dann versuchen wir, geduldig mit uns selbst und mit anderen zu sein, damit wir, wenn wir wieder die Energie dazu haben, mit voller Kraft weitermachen können.
Nat: Ja, und normalerweise schaffen wir das auch. Es gibt diesen Moment, wo alles zusammenbricht, aber dann hast du eine Idee und es heißt: Schnapp dir die Gitarre, schnell, schnell!
Becky: Es ist, als würde plötzlich aus dem Nichts das Licht wieder angehen. Solange wir also geduldig mit uns selbst und miteinander sind, werden wir unseren Weg finden.

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