JOHN ROBB

Foto© by John Middleham

Reden über Goth

2023 veröffentlichte der britische Journalist John Robb das Grundlagenwerk „The Art Of Darkness – The History of Goth“, in dem er als Zeitzeuge – Robb wurde in Blackpool seit Ende der 1970er punksozialisiert – die komplexe Geschichte des Goth-Genres als Kulturgeschichte erzählt. Nun ist unter dem Titel „Goth – Die dunkle Seite des Punk“ die deutsche Übersetzung erschienen und wir stellten John zu diesem Buch und seinen anderen Aktivitäten einige Fragen.

John, bitte erzähle uns von deinen aktuellen musikalischen Aktivitäten. Die Leute kennen dich als Sänger von THE MEMBRANES und GOLDBLADE, was gibt es Neues?

Wir spielen dieses Jahr auf einigen Festivals. THE MEMBRANES werden beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig auftreten. Wir haben viele neue Songs und werden sie irgendwann aufnehmen.

Du bist nicht nur in Bands aktiv, sondern auch Musikjournalist und bei „Louder Than Bombs“ involviert und ein Spezialist für Popkultur, der oft für Dokumentarfilme interviewt wird. Seit den 1990er Jahren hast du mehrere Bücher geschrieben, darunter „Punk Rock: An Oral History“ aus dem Jahr 2006, das auch ins Deutsche übersetzt wurde. Was hast du in letzter Zeit geschrieben und gemacht?
Die Website „Louder Than War“ läuft super. Ich bemühe mich, in unserer enorm produktiven Musikszene den Überblick zu behalten ... was heutzutage viel schwieriger ist, da mehr Musik gemacht wird als je zuvor. Aktuell schreibe ich meine Memoiren, die nächstes Jahr erscheinen werden, und es gibt einen Roman, der bereits fertig ist, eine Kindergeschichte für Erwachsene. Und ein Buch über OASIS steht an.

Du bist auch Aktivist für ein grünes und veganes Leben. Was hast du aktuell in dieser Hinsicht am Laufen?
Ich bin fasziniert von Ideen und dem Brechen von Narrativen. Natürlich bewegt sich die Welt momentan in eine verrückte Richtung und die Menschen sind verzweifelt, aber ich denke, dass das auch jede Menge Raum für neue Lösungen eröffnet. Wir brauchen eine bessere Welt ohne die Trump-artigen Alpha-Männchen-Großmäuler. Ich engagiere mich in der ökologischen Weiterbildung und habe Projekte mit Dale Vince durchgeführt, einem führenden grünen Unternehmer im Vereinigten Königreich. Ich bin seit über 40 Jahren Vegetarier und seit 15 Jahren Veganer. Alles an der Fleischindustrie ist falsch, also habe ich mich entschieden, mich davon abzuwenden. Diese Ideen waren schon immer in der Gegenkultur und im Punk verwurzelt – vielleicht das Beste, was ich aus dem Punk mitgenommen habe. Ich interessiere mich nicht für irgendeinen Rock’n’Roll-Lifestyle, sondern für lebendige und energiegeladene Musik – der Rock’n’Roll-Lifestyle führt zu nichts und ich bin nicht daran interessiert, ein Zombie zu sein. Das ist mein Weg.

2023 hast du „The Art of Darkness: The History of Goth“ geschrieben und im Selbstverlag herausgebracht, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist. Was hat dich dazu motiviert, diesen Wälzer mit mehr als 600 Seiten zu schreiben?
Es gab nicht wirklich ein umfassendes, fundiertes Werk zum Thema Goth, das die vielen dazugehörigen Aspekte befriedigend abdeckt. Ich habe diese Musik gelebt und geliebt, also habe ich beschlossen, diese Lücke zu füllen. Als ich meine Idee verschiedenen Verlegern vorstellte, stieß ich allerdings auf wenig Verständnis. Aber als ich „The Art Of Darkness“ dann selbst veröffentlicht habe, erschienen bei denselben Verlagen plötzlich ähnliche Titel! Einige der größten Artrock-Werke wurden in der Goth-Ära geschaffen, aber sträflich übersehen, weil die Musikpresse sie irgendwie nicht wirklich verstanden hat. Ich bin angetreten, um das Gleichgewicht wiederherzustellen und die Geschichte des Goth ein wenig geradezurücken.

Du wurdest 1961 geboren und hast als Teenager in Blackpool den Aufstieg des Punkrock miterlebt. Und als ein Großteil der Musik und Bands, über die du in „Goth“ schreibst, in den späten 1970er bis Mitte der 1980er Jahre entstand, warst du ein junger Mann und hast diese Szene aus erster Hand mitbekommen. Kannst du dich daran erinnern, wie du diese neue Musik erlebt hast, die irgendwie noch Punk war, aber auch schon woanders?
Es war ein aufregender Trip. Es fühlte sich an wie eine lange Reise auf der Basis von Punk. Die Definition von Punk hat sich im Laufe der Jahre gewandelt und ist enger geworden, aber damals war sie umfassender. Die meisten dieser Bands waren in meinem Alter und nutzten die Energie des Punks als Startpunkt, um sich ihre eigenen Wege zu suchen. Der Ton wurde insgesamt dunkler, bis schließlich Goth entstand, was aber damals noch nicht so genannt wurde. Musikmagazine, Fanzines und John Peel waren unsere Kanäle, zugleich herrschte eine große Neugier und Offenheit in musikalischer, modischer und philosophischer Hinsicht.

In der kleinen Stadt in Süddeutschland, in der ich aufgewachsen bin, und 1983 oder so von dieser „dunklen Musik“ erfahren habe, haben wir diesen Sound und diese Bands nicht „Goth“ genannt, für uns war es „Wave“ und wir wurden „Waver“ genannt. Wann hast du den Begriff „Goth“ zum ersten Mal in diesem Zusammenhang gehört oder gelesen?
Die meisten der wichtigsten Bands in der Szene kamen bereits aus dem Punk. In gewisser Weise war also alles Post-Punk. Es gab Alternative-Clubs, in denen diese Art von Musik lief, und die Leute kleideten sich dunkler, aber es galt immer noch als Alternative-Sound, bis es etwa ab 1983 als Goth bezeichnet wurde.

Bei der Übersetzung deines Buchs hatte ich das Gefühl, dass du den „Drang“ verspürt hast, den umfassenden kulturellen Kontext zu erklären, in dem Goth verwurzelt ist. Wie bist du darauf aufmerksam geworden? Als Jugendliche haben uns die Musik, der Look, die Frisuren und ... die Vampire angesprochen ...
Das Gesamtbild ist bei Goth wichtiger als bei jedem anderen Musikgenre. Er ist zu verstehen als moderne Reflexion einer alten Idee, die Faszination für die Schattenseite und das Dunkle, aber mit den Techniken der Gegenwart wie Gitarre, Bass und Schlagzeug. Jede Generation hat mit ihrem eigenen Blues zu kämpfen. Lord Byron ist ebenso Teil dieser Geschichte wie ALIEN SEX FIEND. Es geht darum, dieses Gefühl einzufangen und es in Kunst zu verwandeln, sei es mit Mitteln der Malerei, der Literatur oder der Musik. Die Kleidung war natürlich genauso wichtig wie die Musik – das war im Vereinigten Königreich schon immer so.

Bei der Arbeit am Buch habe ich viel über den kulturellen Kontext gelernt, in den Goth eingebettet ist – und in dieser Hinsicht ist das Buch wirklich wichtig, denn die Musik und der Haarschnitt sind nur die Spitze des Eisbergs. Dein Buch hätte auch gut den Titel „Goth – Eine Kulturgeschichte“ tragen können, da du bis zum Untergang des Römischen Reiches zurückgehst, als die ursprünglichen Goten Rom eroberten ...
Ich fand die Idee toll, mit dem Fall Roms und den Westgoten zu beginnen, denn so kam das Wort „Goth“ in den Sprachgebrauch, gleich verbunden mit etwas beängstigend Düsterem. Von da aus habe ich den Faden bis zur Post-Punk-Musikszene weitergesponnen – und alles passt zusammen und ergibt einen Sinn. Goth hat eine außergewöhnliche Tiefe und eine außergewöhnliche Vision, die dunkle Seite war inspirierte zahlreiche unserer größten Musik- und Kunstwerke.

Goth – die Musik und die Bands – hatte seine Höhen und Tiefen, aber in der Szene gab es immer einen „harten Kern“. Und Goth ist ein weltweites Phänomen, von Deutschland bis Frankreich, von Großbritannien bis in die USA, von Mexiko bis Malaysia. Was macht diese schwarze Szene so attraktiv?
Menschen sind von Sex und Tod fasziniert und von Ausflügen auf die dunkle Seite – das ist Teil unserer Psyche.

In den letzten Jahren hat die Gothic-Szene durch verschiedene Social-Media-Plattformen, darunter TikTok, einen enormen Bekanntheitsschub erhalten. Wie bei vielen Phänomenen der Popkultur entwickeln sie eine Eigendynamik, und ich schätze, dass einige junge Leute, die in voller Gothic-Montur posieren, noch nie was von BAUHAUS oder RED LORRY YELLOW LORRY gehört haben. Was sind da deine Beobachtungen?
Das, was du hier schilderst, habe ich auch in dem Buch behandelt. Es gibt jede Menge Goth-Influencer in den sozialen Medien, die auf den Stil und die Atmosphäre stehen, doch die Musik ist ihnen nicht wichtig, was in künstlerischer Hinsicht ebenso gültig ist. Ein düsteres Bild für TikTok oder Instagram zu erstellen, ist genauso wertvoll wie ein neogotisches Gemälde aus dem 17. Jahrhundert! Natürlich ist das für die Bands eine Belastung, aber wir spiegeln immer nur den Moment wider, in dem wir uns befinden.

Das Buch ist seit 2023 in der englischen Version auf dem Markt und sehr erfolgreich. Wie waren das Feedback?
Die Leute waren begeistert von der Tiefe des Buches und davon, dass man sich in diesen vielen Kapiteln voller unerwarteter Referenzen verlieren kann. Das Gothic-Publikum liebt Bücher, daher ist dieser Sinn für Tiefe Teil der Kultur.

In deinem Buch geht es hauptsächlich um Großbritannien, die Heimat der Gothic-Szene, aber es gibt auch Kapitel über andere Länder, darunter Deutschland. Was war und ist das Besondere am „deutschen Zweig“ – und welche Bands aus Deutschland magst du am liebsten?
Da ich hier lebe, ist es unvermeidlich, dass ich eine britische Perspektive habe, aber das UK ist auch großartig darin, innerhalb der Popkosmos neue Subkulturen zu schaffen, zu definieren und zu kodifizieren. Ich habe ein Kapitel über parallel existierende Szenen in anderen Ländern verfasst, die nach der europäischen Neogotik-Tradition in der Kunst und Literatur entstanden sind. Im Falle von Deutschland geht es unter anderem um Bands aus dieser Zeit wie EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN, DAF etc., die nicht Goth waren – keine Band ist wirklich Goth oder mag es, als Goth bezeichnet zu werden –, aber beide von der frühen Goth-Szene vereinnahmt wurden.

Die Leute lieben Listen. Ich auch. Was sind deine fünf ultimativen Alben, die man kennen muss, um zu verstehen, worum es in dem Buch „Goth“ geht?
1. SIOUXSIE AND THE BANSHEES „The Scream“
2. BAUHAUS „Bela Lugosi’s Dead“
3. JOY DIVISION „Unknown Pleasures“
4. THE CURE „Pornography“
5. SISTERS OF MERCY „First And Last And Always“
Natürlich war keine dieser Bands „Goth“, aber wir wissen alle, was wir meinen ...

Offenlegung
Joachim Hiller hat „Goth“ ins Deutsche übersetzt.

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Die Türen sind offen ...
The Art of Darkness begleitet uns seit Jahrhunderten, denn jede Generation muss sich mit ihrem Blues auseinandersetzen. Was einst in der Kunst, der Architektur, der romantischen Literatur und der Malerei zum Ausdruck kam, war in den Post-Punk-Wars eine alternative Kultur, die ihre eigene dunkle Geschichte erzählte, während sie sich vom Punk-Urknall emanzipierte. Es war eine aufregende Zeit, in der die Musik den Stil prägte und eine selbstbestimmte Kultur in Schwarz entstand. Was damals als „Goth“ bezeichnet wurde, definierte sich im Nachhinein durch die unheilige Dreifaltigkeit der britischen Popkultur: Musik, Kleidung und Tanzfläche mit einem zusätzlichen Hauch von kaltem Sex, Style und Subversion.

Natürlich war keine der Bands „Goth“, und natürlich hasste jeder den Begriff, weil er eine nuancierte und faszinierende Welt voller bahnbrechender musikalischer und stilistischer Ideen auf ein einfaches Klischee komprimierte, wie dieses Buch aufschlüsseln wird. Dennoch gab es eine definierbare Kultur mit einem schattenhaften Kleidungsstil und einem passenden Soundtrack, der auf die dystopischen postindustriellen Zeiten reagierte. Die unterschiedlichen Bands, die alles schwarz anstrichen, pflegten einen Stil voller Melancholie, Sinn für Theatralik und künstlerischer Sinnlichkeit. Sie verbanden diese Stimmungen mit dem Post Punk und pulsierender Tanzfläche, indem sie Funk, Disco und Dub mit einbezogen. Sie gaben die wahre Antwort auf die Fragen des Punk, und viele von ihnen sind im 21. Jahrhundert zu Legenden geworden, während andere nur noch Fußnoten mit großem Einfluss sind. Wir feiern sie alle hier in ihren eigenen Kapiteln, als wäre es eine Playlist aus einem der legendären Goth-Clubs, in denen die Szene ihre ruhmreiche Geburtsstunde erlebte.

Das Buch geht auch weiter zurück und beginnt mit dem Fall Roms, das von den „ursprünglichen Goths“, den Goten, geplündert wurde. Dann geht es weiter durch düstere Volksmärchen, Geistergeschichten, neogotische Architektur und die Schauerliteratur der vorletzten Jahrhundertwende, um sich schließlich tief im dunklen Herzen des Waldes der Popkultur mit der ersten Band zu befassen, die als „gothic“ bezeichnet wurde, THE DOORS. Wie Pan und seine wilden Gefolgsleute begibt es sich dann in die lebensverändernden Abenteuer des Glam und des Punk-Kulturkriegs und kommt in der entscheidenden Post-Punk-Periode in einer Szene an, die „alternativ“ genannt wurde und dann mit „goth“ bezeichnet wurde. Was einmal Underground war, ist heute Mainstream. Im 21. Jahrhundert ist die Dystopie allgegenwärtig, von den Nachrichten über Instagram-Influencer bis zu Gothic-Gaming, Gothic-beeinflussten Romanen, Filmen und Musik. Die TV-Serie Wednesday ist nur eine populäre Inkarnation des Gothic-Stils und öffnet einmal mehr den Blick für diese verführerische Melancholie, die überall um uns herum lauert.

Das Buch geht der Frage nach, warum Goth entstanden ist und wo, wann und wie. Es liefert die Antwort, wie Goth zu einer dystopischen, eigenwilligen Kultur wurde, deren Anhänger Leib und Leben riskierten, um sich so ganz anders zu kleiden. Und es erklärt, wie Goth in der modernen Welt beinahe allgegenwärtig wurde. Dringt mit mir tief in die schwarze Materie ein. Lasst euch in das Goth-Hinterland entführen. Taucht ein in die dunkle Energie und kommt mit auf einen Spaziergang in die Schattenwelt. And dance, dance, dance to the diablo darkness ...
John Robb (aus dem Vorwort von „Goth“)

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Floorshow: Eine Nacht im Club
An einem langweiligen Abend in einer vergessenen Stadt klackerten bei düsterem Wetter spitze Absätze und Kampfstiefel auf dem feuchten Pflaster, das sich nun in einen Laufsteg verwandelte. Das widerspenstige Haar hochtoupiert, dazu die fifty Shades of Black des Goth-Looks und wallende Mäntel, die das exotisch-erotische Outfit darunter verbargen. So geschützt vor der feuchten nächtlichen Kälte und bierseligen Schlägertypen klackerte das Goth-Paar durch die postindustrielle Kulisse. Gestärkt durch das rituelle Vorglühen in der Studentenbude und ihre mächtige Kleiderrüstung klirrten sie vor Schmuck und freudiger Erwartung.

Bei ihrer unterirdischen Zuflucht angekommen, stiegen sie die Treppe hinunter und tauchten ein in die dunkle Dezibelwelt. Ein paar gestylte Freaks saßen hinter einem Tisch und kassierten von ihnen die 50 Pence Eintritt, bevor sie das verrauchte, pulsierende Labyrinth betraten. Der Name des Clubs war mit billiger roter und schwarzer Farbe an eine Wand gesprüht, die von Nikotin und eindringender Feuchtigkeit verfärbt war. An der Decke hingen Neonröhren wie im Arbeitsamt, die aus den Boxen dröhnende Death-Disco erfüllte einen Raum voller wandelnder Kunstwerke, Sex-Beat-Kadaver und Goth-Pioniere.

Es war in den späten Siebzigern, frühen Achtzigern, in dem, was man damals als „alternativen Club“ (Der Begriff „Goth“ war noch nicht geprägt worden, weder in kultureller Hinsicht noch als Spott.) bezeichnete, und in allen britischen Städten strömte eine Schar von Goth-Krähen in diese Zwischenwelten, um am Wochenende ein Abenteuer zu erleben. Es stank nach Snakebite – eine Mischung aus Bier und Cider –, abgestandenem Zigarettenqualm und Schimmel. Das bleichgesichtige Thekenpersonal sah aus, als ob es lieber woanders wäre. Die Gäste nippten an ihrem Wodka oder Pernod und trugen Schwarz (Schwarz für Goth!), der Geruch von Poppers hing in der Luft und ließ das Herz rasen. Es gab auch Speed, was dafür sorgte, dass man doppelt so viel trank und noch mehr tanzte. Die Gespräche drehten sich um Musik, Klamotten, Post-Punk-Politik, Okkultes oder Sex. Die Atmosphäre war düster, dunkel, gefährlich und lustig.
Die Jungs waren auf den Mädchentoiletten und machten sich die Haare, während die Mädchen auf die Jungsklos gingen, um die Warteschlange zu umgehen. Die Luft war dick von dem beißenden Geruch von versengtem Haar, das an der Wurzel verbrannt war, klebrig mit der giftigen Unterstützung von Elnett, Aqua Net und Insette-Haarspray (natürlich mit Extra-Halt) oder, noch einfacher, nur durch Seife, die über Schichten von schwarzem Haarfärbemittel einmassiert und mit hektischem, follikelspaltendem Kämmen in die Höhe gezogen wurde.

Sobald sie wirklich bereit waren, stürmten sie auf die Tanzfläche und wurden zu einem monochromen Knäuel aus schwarzen Klamotten und bleichem Fleisch. Das Ritual vor dem Clubbesuch hatte die Goth-Gladiatoren bereits gut vorbereitet, denn in der kleinen Wohnung drängte sich eine laute Menschengruppe, die sich zu einer aufgedrehten Dansette aus Post-Punk und alternativer Musik, die aus den billigen Boxen dröhnte, über Styling und Mode unterhielt. Das war das wöchentliche Aufwärmen, bei dem man Wodka schlürfte, sich die Haare aufstellte und Tops, Make-up und gehässige Laufstegkommentare austauschte, während man die Finger und Handtücher mit Haarfarbe und Hoffnung befleckte. Die Vorbereitungen waren wild und lärmend. Haare samt Festiger wurden mit Kreppeisen gebrannt, die dann abgekühlt und in den schwarzen Handtaschen verstaut wurden. Die Seiten der Schädel wurden mit Bic-Rasierern oder Schermaschinen rasiert, so machten sich die Post-Punk-Mohikaner bereit für ihren Stammestanz. (...)
John Robb (aus dem 1. Kapitel von „Goth“)

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