Karl Nagel

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Social Media (Teil 7)

In dieser Rubrik befragen wir Menschen aus der Szene zu ihrer Nutzung von (nicht nur) sozialen Medien. Die bestimmen unser aller Leben, aber es wird erstaunlich wenig darüber geredet, wer was wie nutzt. Diesmal beantwortet Karl Nagel unsere Fragen, den man als den Mann hinter punkfoto.de kennt, aber auch als Sänger von Bands wie MILITANT MOTHERS, MORBID OUTBURST, KEIN HASS DA oder aktuell THE SUBDIVISIONS.

Social Media privat und geschäftlich – welche Plattformen nutzt du, in welchem zeitlichen Umfang, und warum?

Facebook benutze ich hauptsächlich als Sterberegister. Jeden Morgen schaue ich nach, wer von meinen alten Bekannten über Nacht das Zeitliche gesegnet hat. Das ist effizienter als Zeitungen zu lesen – die hinken bei Todesfällen immer hinterher. Twitter war mal ganz brauchbar, um herauszufinden, worüber sich die Leute gerade aufregen, aber seit Musk das Ding übernommen hat, ist es wie eine Kneipe, in der jemand das Licht ausgemacht hat und nun alle aufeinander einprügeln. Bluesky und Threads fühlen sich an wie Selbsthilfegruppen für Twitter-Flüchtlinge. Instagram nutze ich, um Fotos von meinem Essen zu machen, die ich nie hochlade. Irgendwie beruhigt mich das Ritual. YouTube ist meine Universität – da lerne ich, wie man kaputte Waschmaschinen repariert oder warum der Kapitalismus zwangsläufig kollabieren muss. Manchmal auch beides in einem Video. Geschäftlich? Was soll das sein? Ich verkaufe ja kaum Produkte, ich erzeuge lieber Verwirrung. Dafür braucht man keine Plattform, das funktioniert überall.

Welche Quellen nutzt du, um dich musikalisch zu informieren?
Ich informiere mich nicht über Musik, ich stolpere darüber. Meistens höre ich Sachen, die andere Leute in meiner Nähe hören – im Supermarkt, im Wartezimmer beim Arzt, aus Nachbarwohnungen. Das ist wie eine unfreiwillige Geschmacksbildung. Wenn mir diese Melodien nicht mehr aus dem Kopf gehen, summe ich sie in Shazam, das ich auf dem Handy habe, aber oft erkennt die App sie nicht. Entweder ich singe falsch – oder es sind doch nur Halluzinationen. Wenn ich gezielt nach Musik suche, dann meist nach Bands, die sich aufgelöst haben, bevor ich von ihnen gehört habe. Das Internet ist voll von Geistermusik – Bands, die drei Songs aufgenommen und sich dann in Luft aufgelöst haben. Deren Geschichten interessieren mich mehr als ihre Musik. Spotify-Algorithmen sind wie Wahrsager – sie behaupten zu wissen, was du hören willst, aber eigentlich reden sie dir nur ein, was du hören sollst. Ich höre manchmal stundenlang Musik, die mir nicht gefällt, nur um den Algorithmus zu verwirren.

Und welche Quellen hast du für politische und gesellschaftliche Themen?
Ich lese keine Nachrichten, ich sammle sie. Jeden Tag speichere ich Screenshots von Schlagzeilen ab, aber ich lese die Artikel nicht. Nach einem Jahr schaue ich mir die Screenshots an und versuche zu rekonstruieren, was damals passiert sein könnte. Das ist wie Archäologie in Echtzeit. Politische Informationen hole ich mir hauptsächlich aus den Kommentarspalten unter völlig unpolitischen Videos. Wenn jemand unter einem Katzenvideo über die Migrationspolitik referiert, erfährt man mehr über den Zustand der Gesellschaft als aus jeder Talkshow. Manchmal lese ich auch lokale Nachrichtenportale aus Städten, in denen ich nie war. Deren Sorgen wirken auf mich beruhigend. In Buxtehude streiten sie sich über Radwege, während die Welt untergeht.

Wie sieht es mit Printmedien aus?
Zeitungen kaufe ich nur noch, wenn ich Pakete verschicken muss und Füllmaterial brauche. Aber dabei lese ich immer die Teile, die nach dem Zusammenknüllen noch sichtbar sind. Das sind meist Fragmente von Sätzen, die völlig neue Bedeutungen ergeben. „Bundeskanzler fordert“ zwischen zwei Büchern wird plötzlich zu existentieller Komik. Magazine wie Stern und Spiegel sammle ich, ohne sie zu lesen. Irgendwann werde ich alt und vergesslich sein, dann kann ich sie zum ersten Mal durchblättern und mich über Ereignisse wundern, an die ich mich nicht erinnere.

Welches Nutzungsverhalten hast du bei dir selbst über die Jahre beobachtet?
Früher habe ich Informationen gesammelt, um etwas zu wissen. Heute sammle ich sie, um etwas zu vergessen. Das Internet funktioniert wie ein gigantisches Löschprogramm für das Gedächtnis – je mehr Input, desto weniger bleibt hängen. Ich habe festgestellt, dass ich öfter über Informationen nachdenke als sie zu konsumieren. Soll ich diesen Artikel lesen? Soll ich dieses Video anklicken? Soll ich diese Nachricht überhaupt öffnen? Die Entscheidung über den Informationskonsum ist zeitaufwändiger geworden als der Konsum selbst. Außerdem bin ich vom passiven Konsumenten zum aktiven Sammler mutiert. Ich horte Links, die ich nie wieder öffne, speichere Artikel ab, die ich nie wieder lese, und bookmarke Videos, die ich nie wieder anschaue. Mein Computer ist ein digitaler Messie-Haushalt.

Deine Prognose: Wohin geht die Reise in Sachen Informationsquellen?
Information wird nicht verschwinden, aber sie wird unsichtbar werden. Wie Luft. Man merkt sie erst, wenn sie fehlt oder vergiftet ist. Die Zukunft gehört den Informations-Schlafwandlern – Menschen, die ständig online sind, ohne es zu bemerken. Wahrscheinlich werden wir irgendwann direkt träumen, was andere gedacht haben. Das Internet wird ins Bewusstsein wandern und dann können wir endlich aufhören, so zu tun, als gäbe es einen Unterschied zwischen „online“ und „offline“. Bis dahin werden Informationsquellen immer mehr zu Informationssenkgruben. Jeder wird seine eigene Realität konsumieren, sorgfältig zusammengestellt von Algorithmen, die wissen, was wir hören wollen, bevor wir es wissen.

Zum Schluss: Wo vertrödelst du gerne deine Onlinezeit sinnfrei und rein zum Spaß?
Ich schaue mir Immobilienanzeigen von Häusern an, die ich mir nie leisten könnte, in Städten, in denen ich nie leben möchte. Das ist wie Voyeurismus für Arme. Manchmal stelle ich mir vor, wie mein Leben in einer Villa in Düsseldorf-Oberkassel aussehen würde. Vermutlich genauso beschissen wie jetzt, nur mit mehr Platz für meine Neurosen. Wikipedia-Rabbit-Holes sind meine Droge. Ich fange bei einem harmlosen Artikel über Käsesorten an und lande drei Stunden später bei mittelalterlichen Foltermethoden. Das Internet ist ein gigantisches „Stille Post“-Spiel mit der menschlichen Neugier. Und dann gibt es noch dieses seltsame Verhalten: Ich lese die Bewertungen von Produkten, die ich schon gekauft habe. Als würde ich nachträglich überprüfen wollen, ob meine Entscheidung richtig war. Spoiler: War sie nie.

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