KIND KAPUTT

Foto© by Shmagman

Spiegelbilder

KIND KAPUTT sind in der deutschen Musikszene durchaus angekommen, haben mit anderen Bands wie MARATHON­MANN kollaboriert oder mit Mathias von HEISSKALT gearbeitet. Nun folgt also die Rückbesinnung auf die Band und die Welt wird erst mal außenvorgelassen. Sänger und Gitarrist Johannes erzählt.

Beim Hören von „Ins Blau“ hatte ich das Gefühl, dass es oft um das Warten geht – warten, dass das Leben losgeht, oder dass man etwas verpasst hat im Leben, weil man stattdessen abgewartet hat. Würdest du da zustimmen?

Ja, das stimmt. Das ist auf jeden Fall auch ein Thema, über das ich mir in den letzten Jahren viele Gedanken gemacht habe.

Inwieweit betrifft dieses Lebensgefühl des „Wartens“ dich persönlich? Würdest du sagen, dass es viele Menschen deiner Generation so empfinden?
Ich glaube, dieser Zustand des „Wartens“ kann auf unterschiedliche Weise entstehen. Einmal ist da das Abwarten, weil man sich unsicher ist und Fehler vermeiden will. Oder es sind einfach zu viele mögliche Optionen und durch die daraus resultierende Überforderung kommt man dann in so einen Freeze-Modus, wo man lieber gar nichts macht und wartet, statt sich zu entscheiden. Und dann ist da das Warten darauf, dass es endlich losgeht. Erst nach der Schule, dann nach dem Studium oder der Ausbildung, mit dem ersten Job, der ersten eigenen Wohnung ... Jedes Mal denken wir: Wenn das erst geschafft ist, dann passiert’s. Aber der Punkt kommt irgendwie nie. Es gibt immer ein nächstes Ding, das ansteht. Ich kenne beide Versionen des Wartens sehr gut von mir selbst. Ich glaube, vor allem die zweite kennen auch ganz viele aus meiner Generation.

Gleichzeitig muss man natürlich sagen, dass man als Band, die jetzt auch schon länger dabei ist, ja zwangsweise in eine gewisse „Machen“-Mentalität kommt. Drei Alben schreiben und veröffentlichen sich ja nicht von allein. Siehst du das als Gegenstück zum „Warten“ oder ist das trotzdem irgendwie ein Teil davon?
Sowohl als auch, würde ich sagen. Wir haben uns für dieses Album bewusst vorgenommen, die Dinge so wenig wie möglich zu zerdenken. Einfach machen und erstmal schauen, was dabei rauskommt, bevor man sich in riesigen Plänen und Konstrukten verliert. Genau das meint für uns auch der Albumtitel „Ins Blau“. Gleichzeitig ist das vorhin genannte „Warten aufs nächste Ding“ bei mir persönlich auch sehr stark Band-bezogen. Wenn das Album erst draußen ist, wenn die Tour erstmal rum ist, nach dem Festivalsommer, dann ...

Ich finde „Wie geht denn das“ ist ein ungewöhnlicher Song für euch, mit seiner ruppigen Art erinnert er mich irgendwo an frühe FRANZ FERDINAND und ähnliche Indie-Bands Anfang der 2000er und andererseits durch seine repetitiven Vocals auch an DEICHKIND. Inhaltlich passt es wieder in das Thema, die Überforderung mit der modernen Welt, die einen lähmt, was ja irgendwie auch eine Form des Wartens darstellt. Inwiefern sind die Dinge, die du da aufzählst, auch die, mit denen du persönlich strugglest?
Ich habe versucht, mit dem Text zwei Ebenen aufzumachen: Einmal diese funny-relatablen Alltagssachen, wie das Wäschezusammenlegen oder Browser-Cookie-Banner. Und im Kontrast dazu die ernsteren Aussagen, wie „den eigenen Ängsten mit Rationalität begegnen“ etc. Von beiden Seiten gibt es Dinge, mit denen ich mich selbst rumschlage. Wäsche liegt bei mir zum Beispiel relativ lange rum, bevor sie in den Schrank wandert, haha. Es sind aber auch ein paar Zeilen dabei, wo die Inspiration eher aus meinem Umfeld kam.

Ihr habt euch für dieses Album sehr auf euch selbst konzentriert, selbst produziert und aufs Wesentliche reduziert, inhaltlich ehrlich ins Innere geschaut – ist „Ins Blau“ der Spiegel für euch als Band und Menschen? Wie sieht dieses Spiegelbild aus und bist du glücklich damit?
Ich glaube, „Ins Blau“ war eine wichtige Erfahrung für uns. Ein Album zu machen, ist eine unglaublich lange und intensive Reise und diesen Weg als Band komplett allein zu gehen, war für mich am Anfang ziemlich scary. Conna, unser Gitarrist, hat als Produzent aber einen fantastischen Job gemacht. Er hat mittlerweile so viele Alben für andere Bands und Künstler:innen produziert, dass es für ihn, glaube ich, gar keine so große Umstellung war. Trotzdem gab es keine weitere Person, auf die wir uns verlassen konnten, die im Zweifel sagt: „Jungs, ich glaube, das geht in eine falsche Richtung“. Da sind nur wir. Das war aber auch unglaublich befreiend. Die Einzigen, die uns im Weg stehen können, sind wir selber. Ich glaube, aus diesem Gedanken ist auch das ganze „Ins Blau/Einfach machen“-Konzept entstanden. Für uns gab es da gar keine Wahl, weil wir uns sonst wahrscheinlich selber ein riesiges Loch aus Zweifeln und überzogenem Perfektionismus gegraben hätten. Von daher ist das Album, glaube ich, schon sehr nah dran an uns als Menschen. Deshalb hat es sich zum Beispiel auch total richtig angefühlt, zum ersten Mal unsere Gesichter aufs Cover zu packen. Das sind halt wir, ohne dass da noch ein Filter drüber liegt, wobei überm Artwork liegt natürlich ein Filter drüber, haha! So ein Spiegelbild zeigt aber immer nur eine Seite. Die Rückseite sieht man nicht. Genauso ist es auch irgendwie mit dem Album. Es zeigt einen Teil von uns, meistens den, mit dem wir am meisten zu kämpfen und strugglen haben. Ich bin sehr glücklich damit, wie wir diese Seite von uns in Musik gegossen haben. Ob wir mit dem Teil vom Spiegel­bild so happy sind, ist eine andere Sache.

Anzeige