
KLAMYDIA sind Finnlands bester Exportartikel seit...seit... KLAMYDIA sind Finnlands bester Exportartikel. Jüngst bestritten sie das Vorprogramm für DIE LOKALMATADORE und vermochten mit ihrer Mischung aus klassischem '77-Punk und britischem Oi vollends zu überzeugen. Die offensichtliche Spielfreude, welche die Band bei ihren Auftritten an den Tag legt, animiert einen selbst dann zum Mitsingen, wenn man kein einziges Wort Finnisch spricht. Am Abend des 23. Septembers fiel das „In den Arsch“-Tour-Paket in den aus Anlass der Landesgartenschau entstandenen Mülheimer Ringlokschuppen ein, um lautstark Rache für das MüGa-Defizit zu nehmen. Dies war ein angemessener Rahmen, um Vesku, Sänger und Sprachrohr von KLAMYDIA, zu befragen, was sich so alles im Norden tut.
Stell doch erst einmal die Band vor.
Ich bin Vesku, der Sänger, Riku spielt Schlagzeug, Vuokko Gitarre und Jakke Bass.
Aus welcher Ecke Finnlands kommt ihr?
Wir sind aus Vaasa, einer kleinen Stadt, die ungefähr auf halbem Weg die Westküste hinauf liegt.
Das hört sich relativ abgelegen an. Wie kommt man da mit Punk-Rock in Berührung?
Das fing alles 1977 an. Da war ich sieben Jahre alt und hörte zum ersten Mal „Never Mind The Bollocks" von den SEX PISTOLS im Radio.
Demnach existiert in Finnland so etwas wie Punk-Radio?
Nein, nein. Es gibt einige wenige Sender, die ab und zu Punkrock spielen, aber Punk-Radio kann man das mit Sicherheit nicht nennen. Die Programme der meisten Stationen sind ziemlich gemischt, anstatt auf einen Musikstil festgelegt zu sein. Da gibt es dann sowohl Techno und Disco als auch Rock'n'Roll und etwas Punk zu hören. Aber zum überwiegenden Teil spielen die natürlich ziemlich beschissene Techno - und DiscoMusik.
Ist es dadurch schwer, überhaupt ein Publikum für eure Musik zu finden? Gibt es eine Art „Szene", die Bands wie euch Auftrittsmöglichkeiten bietet?
Eine Punk-/Hardcore-Szene existiert schon, allerdings ist die nicht sehr groß und besitzt eher Untergrund-Charakter. Das ist aber kein Problem, da Bands in Finnland weniger in musikalische Kategorien eingeordnet werden. Zu unseren Konzerten kommen selten Punks oder Skins, sondern größtenteils ganz normal gekleidete Schüler und Arbeiter. Wir verstehen uns auch nicht als Punkband, die sich nur an ein bestimmtes Publikium richtet. Wir spielen die Art von Musik, die uns gefällt und es freut uns natürlich, wenn das Publikum Spaß hat. Aber auch wenn außer uns niemand mehr Interesse zeigen sollte, würden wir genauso weitermachen.
Spielt ihr auf euren Konzerten öfters mit Bands aus anderen musikalischen Lagern zusammen?
Wir treten häufiger mit Trash- und Rock'n'Roll-Bands auf. Mit Disco-Bands Gott sei Dank nicht.
Ist Metal nicht das große Ding in Skandinavien?
Oh ja, heavy, heavy, heavy! Mit denen spielen wir auch gelegentlich zusammen. Erfreulicherweise scheint den Leuten, die für die Metalbands kommen, unsere Musik oftmals zu gefallen, so dass sie uns genauso unterstützen.
In Wermelskirchen habt ihr eure Gage relativ schnell in ganze Kontingente von BADTOWN BOYS- und G.G. Allin-CD's umgesetzt. Sind das gegenwärtig eure Favoriten?
Unter anderem. Wir mögen alle möglichen Punk- und Oi-Bands, z.B. BLITZ, RAMONES , TOY DOLLS, SLOPPY SECONDS und auch ein wenig MOTÖRHEAD.
Sind deren Alben in Finnland so schwer zu kriegen oder weshalb der Kaufrausch?
Das ist wirklich nicht ganz einfach, da das Angebot bei uns nicht annähernd so groß ist wie hier. Oftmals bekommt man gewisse Titel nur, wenn man sie per Mailorder z.B. aus Deutschland bestellt.
Wie habt ihr die LOKALMATADORE kennengelernt?
Wir haben Michel, den Gitarristen, in Finnland getroffen und ihn gefragt, ob es möglich wäre, ein paar Auftritte in Deutschland zu arrangieren. Herausgekommen ist eine zweiwöchige Tour mit 15 Terminen, von denen jetzt 13 hinter uns liegen.
Seid ihr zum ersten Mal in Deutschland?
Nein, dies ist bereits das dritte Mal. 1990 und 1992 sind wir kurz durch Deutschland getourt, ohne besonders weit herumzukommen , schon gar nicht bis nach Berlin.
Wie war der Auftritt im Ostteil Berlins? Gab es irgendwelche Unterschiede zu den anderen Konzerten?
Die Leute dort mochten uns nicht besonders. Außerdem gab es Schlägereien vor der Halle. Ich selber habe davon nichts mitgekriegt, aber offensichtlich haben sich einige West-Berliner mit Ost-Berlinern geprügelt. Es hat mich nicht besonders interessiert, ich sehe es nur nicht gerne, wenn Leute bei Konzerten zusammengeschlagen werden. Das ist einfach nur saudämlich.
Ansonsten erschien mir die Publikumsresonanz auf eure Auftritte aber durchweg positiv. Besonders beim Konzert mit OFFSPRING, wo die anderen Bands mit einem festen Fanstamm vertreten waren, konntet ihr als unbekannte Größe offenbar einige neue Fans gewinnen.
Ja, das hat mich auch überrascht. Der Großteil der Leute schien für OFFSPRING gekommen zu sein, und ich hätte nicht gedacht, dass denen unsere Musik gefallen würde. Ich habe ohnehin den Eindruck, daß die meisten Konzertbesucher auf dieser Tour noch nie etwas von KLAMYDIA gehört haben und daher nicht wissen, was sie zu erwarten haben. Glücklicherweise sind uns DIE LOKALMATADORE vom Stil her ähnlich, so dass deren Anhänger unsere Musik ebenfalls zu akzeptieren scheinen.
Bis vor kurzem sagte mir euer Name auch noch nichts, obwohl ihr bereits eine Menge Material veröffentlicht habt.
Stimmt, wir haben bislang sechs Alben und acht EP's aufgenommen.
Sind die alle auf Stupido Twins erschienen?
Größtenteils ja und das mag auch der Grund sein, weshalb uns niemand kennt. Stupido Twins haben in der Vergangenheit haufenweise Schrott veröffentlicht und sich zudem sehr viel mehr um andere Bands wie WALTARI und HITMEN 3 gekümmert. Das war auch der Grund, weshalb wir unser eigenes Label Kraklund Records gegründet haben, auf dem unsere letzten drei Alben und die von fünf anderen Bands erschienen sind. Das sind alles Freunde, die wir seit mehr als zehn Jahren kennen. We're a happy family.
Mir ist aufgefallen, dass eure Tourkollegen euch offensichtlich etwas Deutsch beigebracht haben.
Oh ja, ich glaube aber nicht, dass du das unbedingt hören willst.
Könnt ihr deren Lieder jetzt alle mitgrölen?
Noch nicht ganz. Aber dafür haben wir selber einen deutschen Titel geschrieben, der heißt „Ich möchte..." (Au weia!).
Wie wärs mit einer kleinen Kostprobe?
Nein, nein. Wenn d u das Lied hören willst, musst du dir gleich unseren Auftritt anschauen. Es wird das beeindruckende Finale unseres Sets bilden.
Wenn ihr mit Eishockey-Shirts die Bühne betretet und euren RAMONES-beeinflußten Punkrock spielt, hat man den Eindruck, die finnischen HANSON BROTHERS vor sich zu haben. Ihr solltet vielleicht mal mit kanadischen Bands wie D.O.A. oder SNFU touren und denen zeigen, wo der Puck hängt.
Gute Idee! Aber für uns als Finnen wäre es natürlich von größerem Interesse, einer schwedischen Band im Eishockey mal richtig den Arsch zu versohlen.
Gibt es schon irgendwelche Tourpläne für die Zukunft?
Wir hoffen im nächsten Jahr wieder hier her zu kommen, dann allerdings für eine etwas kürzere Tour. Diesmal haben wir 15 Auftritte in 15 Tagen gehabt und obwohl alles hervorragend organisiert war, hätten wir uns doch ab und zu eine Pause gewünscht. In den letzten beiden Tagen sind wir über 1000 km gefahren und dementsprechend müde.
Gibt es vielleicht noch etwas Tourklatsch, den ihr abschließend mit uns teilen möchtet?
Besser nicht, aber ich könnte noch etwas Deutsch, das ich gelernt habe, zum Besten geben.
Schieß los!
Ich habe Sauerkraut in meinen Lederhosen. Außerdem werden wir heute Abend eine Live-CD aufnehmen und die wird „Schnitzel " (Autsch!) heißen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #18 III 1994 und Norbert Johannknecht