© by Joachim HittKOMBYNAT ROBOTRON haben sich seit ihrem 2018 in Eigenregie veröffentlichten „Digital only“-Debüt „Modul 12“ (2019 folgten auf Tonzonen CD- und LP-Releases) kontinuierlich in die erste Krautrock-Liga gespielt. Struktur und Gesang sind neue Eckpfeiler des aktuellen, auf Fuzz Club veröffentlichten Albums „AANK“. Mehr dazu verrät das Kieler Trio im Interview.
Was bedeutet der Titel „AANK“?
Claas: „AANK“ steht für „Alte Affen Neuer Klang“. Wir haben vor ein paar Jahren einen gebrauchten Synthesizer gekauft, da war ein Stück grünes Klebeband dran, auf das der Vorbesitzer mit Edding diese Worte geschrieben hat. Als es um die Namensfindung für das Album ging, fanden wir die ganz passend, haben sie dann aber der Rätselhaftigkeit halber abgekürzt. Inzwischen gab es aufgrund des Artworks auch schon die Interpretation, dass „AANK“ das Geräusch ist, was man beim Zahnarzt macht.
Mit „AANK“ habt ihr euch meiner Ansicht nach musikalisch freigeschwommen. Wie seht ihr das selber?
Tommy: Nach sechs Alben und diversen Split-Releases und EPs, die alle mehr oder weniger improvisiert waren, hatten wir Lust, Songs zu schreiben, wir waren etwas müde vom Improvisieren. Mir gefällt die neue Dynamik, die der Songwriting-Prozess in der Band ausgelöst hat. Wir haben schnell Ideen gesammelt und in kürzester Zeit umgesetzt. Die neuen Songs live zu spielen, birgt eine ganz andere Energie. Die Shows sind gezielter und dynamischer und wir können uns auf die Strukturen verlassen und mehr abrocken.
Claas: Ich würde sagen, es geht weniger um „freischwimmen“, sondern mehr bei sich anzukommen, aber auf eine unesoterische Art.
„AANK“ ist euer erstes Album, das nicht rein instrumental ist. Wie kam es dazu?
Jannes: Die Entscheidung, Gesang mit aufzunehmen, basiert auf keiner neuen Idee. Eigentlich hatte ich den Gedanken schon länger. Weil wir uns aber auf die improvisierte Form konzentriert haben, war es lange Zeit schwierig, das umzusetzen. Jetzt haben wir das Gefühl, uns besser gefunden zu haben, und da ist es bei den Vocals leichter, einen gemeinsamen Nenner zu finden.
Würdet ihr sagen, dass die Schublade „Krautrock“ zu klein für euch geworden ist?
Jannes: Die Schublade Krautrock ist per se sehr weit offen. Es gibt gemeinsame Nenner wie Motorik oder Experimentierfreude, aus dieser Perspektive lässt sich das Genre gar nicht so richtig verlassen. Trotzdem haben wir mit dem neuen Album andere Einflüsse deutlicher markiert. Wir haben uns gefragt, wer wir eigentlich musikalisch sind. Wir teilen jedenfalls eine Leidenschaft für kauzige, schräge Klänge und konsequente Rhythmen.
Tommy: Würden wir uns weiterhin Krautrock-Band nennen, würde der eine oder andere Musikliebhaber auf die Barrikaden gehen. Mit „AANK“ haben sich definitiv mehr Noise und Punk in den Sound geschlichen.
Eure Musik wirkt sehr frei und improvisiert. Wie viel ist tatsächlich spontanes Jammen, und wie viel wird bewusst komponiert oder nachbearbeitet?
Tommy: Durch die neuen Songs hat sich der Prozess, ein Album zu machen, komplett verändert. Während wir früher bekifft stundenlange Jams aufgenommen und ausgewertet haben, werden jetzt konkrete Ideen zur Probe mitgebracht und gemeinsam zu einem Song strukturiert. Ein bisschen gejammt wird natürlich noch, aber eine Struktur zu finden hat Priorität. Die Strukturen bieten wiederum die Möglichkeit, live hier und da ein bisschen zu jammen und die Songs zu strecken.
Claas: Der Wechsel ist aus dem Bedürfnis nach mehr Struktur entstanden, das sich bei uns allen auf die eine oder andere Weise bemerkbar gemacht hat. Für mich waren es vor allem die Momente vor größeren Konzerten. Um ohne Konzept vor 200 oder 500 Leuten, die wegen dir da sind, genauso zu frei zu improvisieren und zu spielen, wie vor 25 Leuten, von denen die Hälfte zufällig da ist, braucht es ein gewisses Maß an Abgebrühtheit, und das ist mir zunehmend schwergefallen.
Ihr habt international tolles Feedback auf die neue Platte bekommen. Mit KOMBYNAT ROBOTRON und eurer anderen Band EARTHBONG spielt ihr mittlerweile auf der ganzen Welt. Was erdet euch bei dem ganzen Hype?
Claas: Wir sind immer noch überwältigt von der positiven Resonanz. Wir haben gehofft, dass es den Leuten gefällt, aber gerade weil die musikalische Ausrichtung sich hörbar verschoben hat, sind wir sehr erfreut, dass so viele Leute die Entwicklung mitgegangen sind. Wir machen das ja alle, weil wir Bock darauf haben, zusammen diese ganze Bandsache zu erleben, und abgesehen davon, dass wir mit dem Kombynat seit kurzem eine Booking-Agentur haben, ist alles 100% DIY. Wir stecken einen sehr großen Teil unserer Freizeit und unseres Geldes in die Band, gehen aber auch alle noch normalen Jobs nach und müssen gucken, wie wir das unter einen Hut kriegen. Wir konnten zum Beispiel dieses Jahr keine Tour zum Release von „AANK“ spielen, weil Tommy und ich einen Großteil unserer Urlaubstage schon für die Australientour mit EARTHBONG verbraten haben. Das ist natürlich Jammern auf einem Niveau, von dem wir vor zehn Jahren geträumt haben, aber wir würden natürlich gern noch auf viel höherem Niveau jammern und zum Beispiel solche Touren spielen, ohne die Flüge privat zahlen zu müssen. Oder regelmäßig Leute dabeihaben, die fahren und Merch machen und so was. Hype ist deshalb auch irgendwie nicht das richtige Wort, es fühlt sich eher nach Entwicklung an und es macht Spaß, da drinzustecken und weiterzumachen.
Gerade die Szene für Krautrock und Psychedelica scheint international gut vernetzt zu sein. Seht ihr euch in dem Zusammenhang noch regional verortet? Wie wichtig ist euch lokale „Subkultur“?
Claas: Ich glaube, das ist insgesamt so ein Subkultur-Ding mit der internationalen Vernetzung, aber die Psych-Szene ist wirklich von besonderer Offenheit und Wärme. Wir haben zum Beispiel letztes Jahr vor unserer UK-Tour von vielen Leuten gehört, dass die Bedingungen für Musiker dort absolut furchtbar sein sollen, und waren auf das Schlimmste gefasst, wurden dann aber sehr herzlich empfangen, fantastisch beherbergt und hatten the best of times. Wenn man eine gewisse Zeit in einer Stadt Musik macht oder auf Konzerte geht, lernt man die Leute, die immer am Start sind und zum Beispiel Konzerte veranstalten, gewissermaßen von alleine kennen. Das ist bei uns nicht anders. Ich glaube, man kann den Wert lokaler Subkultur für eine Stadt gar nicht überschätzen und es ärgert mich extrem, dass dieser kulturelle Mehrwert, den Leute zumeist ehrenamtlich und oft gegen politische Widerstände erschaffen, häufig nicht gesehen und gefördert wird. Da wird lokalen Bands die Möglichkeit gegeben zu spielen, da werden überregionale oder sogar internationale Bands in die Stadt geholt, da kommen Menschen zusammen, um sich gemeinsam an Kunst zu erfreuen – alles daran ist super! Wir hätten auf jeden Fall bisher deutlich weniger Konzerte gespielt, wenn es nicht überall Leute gäbe, die Bock haben, Konzerte zu machen. Oft ohne daran was zu verdienen, weil es darum nicht geht. Mein Appell an Städte und Kommunen: Wenn es bei euch kleine Läden und Veranstaltungskollektive gibt, gebt ihnen Geld und lasst sie machen, ihr werdet es nicht bereuen!
Inwiefern versteht ihr eure Musik auch als Kommentar zur Gegenwart – oder ist sie für euch eher zeitlos, losgelöst vom Politischen?
Jannes: Für uns ist unsere Musik schon ein Kommentar zur Gegenwart, wenn auch aus der Introspektive. Textlich geht es viel um Verzweiflung und einen gewissen Pessimismus. Unser Umgang damit ist dann, dieses Chaos in die Musik zu übersetzen und so weit zu verzerren, dass daraus wieder etwas entstehen kann, das es für uns einen Moment lang erträglicher macht, die Gegenwart und ihre Widersprüche auszuhalten.
Claas: Ich finde die Formulierung „losgelöst vom Politischen“ sehr schön. Ich würde das gern übernehmen und behaupten, dass unser musikalisches Schaffen nicht unpolitisch ist, sondern losgelöst davon im Bewusstsein des Politischen existiert. Wir sind alle ziemlich politische Menschen und betrachten die mannigfaltigen Krisen der Gegenwart mit einer Mischung aus Unverständnis, Fassungslosigkeit, Wut und einigen anderen Emotionen. Trotzdem sind wir keine politische Band im klassischen Punk-Sinn: Wir prangern in unseren Texten keine politischen oder sozialen Missstände an, wir sagen auf der Bühne grundsätzlich wenig. Wir versuchen aber auch nicht einen politikfreien Raum zu schaffen, in dem man „endlich mal Ruhe“ hat, sondern machen Musik im Bewusstsein der Beschissenheit der Dinge.
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