
Die Band aus Stony Brook, NY hat gerade erst ihre Tour als Support für ARM’S LENGTH beendet, die sie auch nach Deutschland geführt hat. Jetzt sind KOYO direkt zurück mit ihrem neuen Album „Barely Here“. Warum es darauf auch ums Touren geht und welche Rolle Häuser in der Emo-Musik spielen, erklärt uns Sänger Joey.
Euer zweites Album ist endlich da und heißt „Barely Here“. Der Titel passt sehr gut, denn in gewisser Weise ist das ständige Unterwegssein hier auch ein Thema.
Ja, das war definitiv beabsichtigt. Der Titel besitzt so eine gewisse Doppeldeutigkeit: Einerseits sind wir physisch wirklich kaum da. Andererseits gibt es auch so eine mentale Abwesenheit, die entsteht, wenn man so viel Energie ins Touren steckt, quasi dafür lebt und stirbt, nur diesem Ziel nachjagt. Währenddessen passiert zu Hause weiterhin das Leben – gute wie schlechte Dinge. Und irgendwann fühlt man sich, zumindest ging es mir so, nicht nur wegen Depressionen oder Stress, sondern insgesamt irgendwie mental abwesend. Daher kommt der Titel: körperliche und mentale Abwesenheit und dieses Gefühl, komplett ausgebrannt zu sein.
Das Albums wirkt insgesamt auch sehr persönlich. Ich finde, das macht eure Band besonders, dass ihr diese Emotionen in die Songs steckt und keine Angst habt, euch zu öffnen. Zum Beispiel im Titelsong „Barely here“. Wahrscheinlich gibt es zeitgleich den Wunsch, als Band Erfolg zu haben, aber eben nicht immer von zu Hause weg zu sein. Wird es mit der Zeit leichter, das in Balance zu halten?
Gute Frage, weil es kompliziert ist. Die Songs sind sehr persönlich, die Band ist uns extrem wichtig – auch wenn wir das Rad nicht neu erfinden, ist es für uns trotzdem etwas ganz Besonderes. Und die Vorstellung, dass die Band erfolgreich sein muss, kann dem auch im Weg stehen. Wenn man Kunst aus Liebe macht, entsteht Druck, sobald Erwartungen oder Geld ins Spiel kommen. Wir arbeiten übrigens alle neben der Band – wir haben Remote-Jobs und andere Karrieren, was den Druck etwas mindert. Aber wir haben trotzdem oft so getourt, als ginge es um alles oder nichts. Das kommt sicher auch aus dem Wunsch heraus, erfolgreich zu sein. Und Erfolg ist nicht nur finanziell gemeint, aber Geld gehört eben dazu, wenn eine Band groß wird. Dieser Druck kann der Sache schaden. Und das hat auch das Album beeinflusst, weil ich dieses Gefühl nicht mag, dieses „es muss unbedingt klappen“. Es muss nämlich gar nicht. Es wäre schön, klar, aber es ist keine Voraussetzung. Zu akzeptieren, dass wir das aus Spaß angefangen haben und weiterhin aus Spaß machen, nimmt viel Druck raus und ist gesund.
Tatsächlich hört man das bei eurer Musik. Eure Single „Irreversible“ gibt da schon einen guten Eindruck – schnell, energiegeladen, direkt. Das Ganze ist insgesamt auch recht kurz, etwa 28 Minuten, angemessen für ein Punk-Album. Hattet ihr eine klare Vision dafür?
Ja, absolut. Du hast das eigentlich schon gut zusammengefasst. Wir wollten einfach härter klingen als beim ersten Album. Nicht langsamer werden, nicht zu experimentell, nichts Abstraktes – sondern uns darauf konzentrieren, was wir an unserer Band lieben. Was hat uns überhaupt dazu gebracht, Musik zu machen? Das war vor allem die Emo- und Hardcore-Musik, mit der wir aufgewachsen sind. Wir wollten das bewahren und gleichzeitig unseren Sound verfeinern. Vielleicht haben wir ihn auch ein bisschen erweitert, aber das Hauptziel war: fokussieren, verbessern, einfach viele starke KOYO-Songs schreiben. Kurze, schnelle Tracks, die direkt treffen. Und ich glaube, das ist uns gelungen.
Auch das Musikvideo dazu passt gut. Es zeigt euch beim Spielen vor Publikum, in einem Garten. Es fängt dieses Live-Feeling und den Spirit der Szene ein. Es fühlt sich sehr vertraut an, wenn man viel auf Emo- oder Hardcore-Shows geht. Außerdem steht da noch ein klischeehaft amerikanisches Haus im Hintergrund, viele Emo-Bands scheinen damit ja eine Obsession zu haben. Ist das bei euch auch der Fall?
Ja, ich denke definitiv, dass das so ist, in dem Sinne, dass wir aus so einer ganz klassischen Vorstadtumgebung kommen. Dort wächst man damit auf, Shows in Privathäusern zu sehen, in den Vorgärten und Hinterhöfen und so weiter. Und genau das wollten wir auch. Wir dachten uns: Lass uns einfach im Garten eines Freundes spielen, in dem tatsächlich schon viele Bands gespielt haben. Das ist auch der Ort, an dem TAKING BACK SUNDAY eines ihrer neueren Musikvideos gedreht haben, neben vielen anderen lokalen Bands aus Long Island. Diese Leute lieben es einfach, Partys zu schmeißen. Shoutout an die Familie Smith, die unsere Gastgeber waren. Die sind schon eine feste Adresse in der Musikszene auf Long Island. Für dieses Video dachten wir dann: Alles klar, lasst uns das noch mal steigern, lasst uns ein bisschen verrückter werden und ein Konzert bei euch zu Hause bewerben. Um auf deine Frage zurückzukommen: Ich glaube, das liegt daran, dass so vieles von dieser Musik seinen Ursprung in den Vororten hat. Ehrlich gesagt entsteht sie an Orten, die ... ich will nicht sagen, dass da nichts los ist, weil meiner Meinung nach auf Long Island eigentlich ziemlich viel passiert und es kulturell unterschätzt wird, aber sie kommt aus eher bescheidenen Gegenden mit einem ruhigeren Lebensstil. Und wenn man ein gelangweiltes Kind in einem wenig aufregenden Umfeld ist, dann findet man, zumindest ein bestimmter Typ Mensch findet dann irgendwann zur Musik, weißt du? Und das prägt alles, was man macht. Alles ist ein Produkt davon, zumindest in meinem Fall, von diesen beschaulichen Küstenvororten. Und diese Fixierung auf die Vorstellung, ein eigenes Haus zu besitzen, also das ist für mich so etwas wie die größte Ehre im Leben. Aktuell besitze ich keins, nur um das klarzustellen, aber ich will unbedingt eins haben. Und dass das für mich so wichtig ist, ist direkt auf diese Herkunft zurückzuführen. Eigentlich spielt es gar keine Rolle, ob ich jemals ein Haus besitze oder nicht, aber weil ich in der Vorstadt aufgewachsen bin, denke ich mir: Der größte Erfolg meines Lebens wäre es, mir einfach irgendwann irgendein beschissenes kleines Haus zu kaufen.
Wenn du wirklich mal ein Haus hast, kannst du vielleicht das als Albumcover für das nächste Album benutzen?
Genau, genau. Noch ein Grund mehr, warum ich das unbedingt schaffen muss.
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