© by CuneneSeit mehr als 30 Jahren sind die italienischen Düster-Metaller nun schon unterwegs. Nach längerer Pause steht jetzt das zehnte Studiowerk „Sleepless Empire“ in den Startlöchern. Wir sprechen mit Sänger und Gründungsmitglied Andrea Ferro über die neue Platte, aber auch Motivationsprobleme, Langeweile und Erwartungshaltungen.
Ihr seid seit über 30 Jahren aktiv, die Veröffentlichung von „Black Anima“ liegt nun fünf Jahre zurück. Hattet ihr Schwierigkeiten, euch noch einmal für ein neues Album zu motivieren?
Es war tatsächlich nicht so einfach und hat auch eine Weile gedauert. Was in erster Linie natürlich an der Pandemie lag, die für zwei Jahre alles zum Erliegen gebracht hat. Wir fühlten uns danach sehr leer, besonders nach dem zweiten Jahr. Anfangs war das alles weniger ein Problem. Zum ersten Mal seit langer Zeit waren wir nicht permanent im Studio oder auf Tour, sondern zu Hause bei unseren Familien, was auch schön war. Doch irgendwann kam diese Ungewissheit, ob und wann es überhaupt noch einmal weitergeht. Wir waren nicht wirklich kreativ damals, es war eine sehr lähmende und uninspirierte Zeit. Der Wendepunkt war dann der 20. Geburtstag von „Comalies“, das 2002 erschienen war. Im Zuge dessen sind wir unsere alten Songs von damals noch mal durchgegangen. Haben vergegenwärtigt, was und wie wir Dinge damals gemacht haben. Und das hat uns noch einmal den entscheidenden Anschub gegeben, wieder an neuem Material zu arbeiten. Irgendwann durften wir auch wieder Konzerte spielen. Daraus ziehen wir sowieso die meiste Inspiration: alte Freunde, aber auch neue Leute treffen, neue Bands hören, reisen. Irgendwann wussten wir dann, dass wir unser zehntes Album schreiben wollen.
Was genau war die Vision, die ihr für „Sleepless Empire“ hattet?
Wir wollten sicherstellen, dass wir wirklich etwas zu sagen haben, anstatt einfach „nur“ ein neues Album zu machen. Es sollte eine Platte sein, die sowohl für unsere Hörerinnen und Hörer als auch uns selbst interessant ist. Natürlich sind wir nun schon eine Weile dabei und haben unseren Sound über die Jahre entwickelt. Es ging nicht darum, alles anders zu machen. Aber wir wollen schon gern mit jedem neuen Album auch eine neue Richtung einschlagen, die wir spannend finden. Das hat, wie gesagt, alles ein wenig gedauert. Aber ich denke, es ist uns am Ende gelungen.
Es geht also darum, eine gewisse Balance zwischen eurer eigenen Identität als Band und neuen, frischen Einflüssen zu finden?
Ganz genau. Wir haben im Verlauf unserer Karriere immer versucht zu vermeiden, uns zu wiederholen. Wir wollten immer mit der Zeit gehen. Weswegen wir auch viele neue und junge Bands hören. Wir denken nicht, dass die Musik von heute automatisch schlecht ist, nur weil wir vielleicht aus einer anderen Ära kommen. Es gibt immer spannende Sachen zu entdecken, vor allem spüren wir die Energie, die viele neuere Künstler entfachen. Das inspiriert uns. Wir wissen, wie es war, als wir angefangen haben. Wir hatten weniger Erfahrung, alles war viel aufregender, wir hatten eine riesige Energie und Motivation. Das ist es, was wir heute von den jungen Bands lernen können. Wir wollen nicht irgendwo in der Vergangenheit feststecken und immer wieder dieselben Platten auflegen. Wenn wir ein Album veröffentlichen, soll das auch immer den Zeitgeist repräsentieren. Wir sind offen für das, was in der Welt in der Musik und in der Kunst im Moment vor sich geht. Unsere Musik soll nicht so klingen, als hätten wir sie schon vor 20 Jahren geschrieben. Das ist uns sehr wichtig.
Wie geht ihr mit der Erwartungshaltung um? Es dürfte ja nicht wenige Menschen da draußen geben, die euch schon lange begleiten – und die ihr womöglich enttäuschen könntet.
Wir wollen nicht von unserer eigenen Musik gelangweilt sein. Es gibt nichts Schlimmeres für mich, als wenn ich einen Song geschrieben habe und hinterher feststelle, dass er so klingt wie 20 andere davor. Vielleicht funktioniert es für andere Bands, wenn sie dieselbe Formel immer und immer wieder anwenden. Das ist auch völlig in Ordnung. Wir aber wollen mit unserem Sound experimentieren. Das ist kein Kalkül, sondern so sind wir einfach als Menschen und als Künstler. Aber ich bin ehrlich: Früher haben die Erwartungen für uns eine wesentlich größere Rolle gespielt. Natürlich auch weil wir am Anfang nicht wussten, wo die Reise wirklich hingeht. Aber wir sind heute immer noch da, wir dürfen immer noch auf Tour gehen, Konzerte und auf Festivals spielen, Interviews geben und bekommen Aufmerksamkeit von den Medien. Und das ist doch schön.
Würdest du also sagen, dass du stolz auf das bist, was ihr erreicht habt?
Ich denke, wer heutzutage eine Idee und eine Portion Glück hat und eine entsprechende Anstrengung investiert, kann sehr schnell eine gewisse Popularität erreichen. Aber diese über viele Jahre hinweg aufrechtzuerhalten, das ist das Schwierige. Du selbst wirst älter, deine Fans werden älter. Wenn du also nicht in der Lage bist, über einen längeren Zeitraum auch neue Leute für dich zu gewinnen, kann es problematisch werden. Ich bin schon sehr stolz darauf, dass wir immer noch in der Lage sind, das zu tun, was wir lieben. Und dass immer noch Interesse an uns besteht. Das ist die größte Herausforderung für uns: Dass wir uns selbst relevant halten und uns für das, was wir tun, jeden Tag aufs Neue begeistern. Plattenverkäufe sind nicht mehr so ein wesentlicher Faktor, weil heute viel mehr gestreamt wird. Wir sind in einer ganz anderen Welt unterwegs, was den Musikkonsum angeht. Und vielleicht hast du ja sehr viele Streams, aber kommen die Leute auch zu deinen Live-Shows? Das ist es, was für uns zählt. Und da sind wir auch sehr ehrgeizig und wollen diesbezüglich weiter relevant für die Menschen bleiben.
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© by Fuze - Ausgabe #110 Februar/März 2025 und Anton Kostudis