© by BandAls ich im Herbst 2023 in Buenos Aires bei einem kleinen Akustik-Festival war, ist mir die Band LAS VIN UP direkt aufgefallen. Ihr Mix aus RAMONES-Punkrock und MUFFS-Elementen hat mich sofort begeistert! Ich dachte, ich muss von dieser Band auf meinem Label Campary Records unbedingt etwas für den europäischen Markt veröffentlichen. Ende September 2024 war ich wieder in Argentinien. Diesen Konzerttermin hatte ich mir notiert, denn ich wollte wissen, wie LAS VIN UP so ticken.
Das Ganze fand in San Miguel, eine kleine Stadt bei Buenos Aires, in der Il Amichi Bar statt – den Laden kannte ich bereits von meiner Tour mit DIE SCHWARZEN SCHAFE im Februar 2024. Die Stimmung war mega und das Publikum feierte die Band komplett ab. Hit auf Hit wurde gespielt, ohne großes Blabla in bester RAMONES-Manier. Direkt am nächsten Tag habe ich ihnen gesagt, dass ich eine Split-LP mit ihnen machen möchte, um noch einer anderen Band die Chance auf eine Veröffentlichung zu geben. Folgendes Interview führte ich mit ihrer Sängerin und Gitarristin Romyna.
Seit wann gibt es LAS VIN UP?
Ich habe die Gruppe vor 16 Jahren gegründet, weil ich eine rein weibliche Band haben wollte, die Punkrock spielt. Als Teenager fing ich an zu Konzerten zu gehen. Es gab einige Punkbands mit Frauen, aber sie spielten nicht diesen RAMONES-Bubblegum-Punkrock, den ich hören wollte.
Worum geht es in euren Texten?
Einige unserer Songs handeln von alltäglichen Dingen. Sachen, die passieren und mal tragisch, mal komisch sind, daraus entstehen unsere Texte. Wir singen aber auch über Herzschmerz und andere Dinge – alles, was so dazugehört.
Es gibt viele Clubs in und um Buenos Aires. Wie läuft das da? Organisiert ihr eure Gigs selber?
Wir haben das Glück, dass es hier jeden Tag viele Konzerte und Events gibt. Viel Hardcore, auch wenn es bei uns kein so beliebtes Genre ist. Wir kümmern uns zu 100% selbst um die Organisation unserer Konzerte. Wir haben 2024 angefangen, jeweils am Donnerstag Shows mit Bands aus unserer Gegend rund ums Stadtzentrum zu veranstalten. Wir wollen das Erbe der Punk-Bewegung fortführen.
In Argentinien scheint immer Inflation zu herrschen, egal, wer an der Macht ist. Seit Javier Milei Präsident ist, habe ich das Gefühl, die Preise steigen alle zwei Wochen. Das bemerkt man besonders im Supermarkt bei einfachen Grundnahrungsmitteln.
Argentinien ist ein wunderschönes Land mit wirklich tollen Menschen, aber leider mangelt es der Gesellschaft an staatsbürgerlicher Aufklärung, und auch die finanziellen Mittel für Bildung sind limitiert. Im Allgemeinen sind die Menschen über die Agenda von bestimmten Politikern nicht besonders gut informiert. Man versucht, die Nachteile zwischen zwei Kandidaten abzuwägen, die meist ohnehin absolut nichts zu bieten haben. Irgendwann fangen die Leute an, einem Politiker wie fanatisch zu folgen. Und nur weil man den einen Politiker hasst, wird automatisch der Gegenkandidat gewählt. Die Menschen werden dazu getrieben, weil die Lebenshaltungskosten so hoch sind. Viele haben bis zu drei Jobs, um wenigstens ein bisschen besser leben zu können.
Wie ist das Leben für euch unter der aktuellen rechtspopulistischen Regierung?
An einem Punkt war es ermutigend zu sehen, dass es Leute gab, die etwas unternahmen und versuchten, Verbesserungen herbeizuführen. Doch bei der Regierung, die am Ruder war, war das aussichtslos. Irgendwann wurde uns einfach klar, dass es in unseren Vierteln niemals Unterstützung von egal welcher Regierung geben wird. Also helfen wir uns selbst mit Suppenküchen oder kostenlosen Kulturveranstaltungen. Als Zusammenschluss von Menschen, die etwas Gutes tun wollen. Obwohl es viel Arbeit ist, versuchen wir es. Wir bringen eben das ein, was wir können.
Ich habe gelesen, dass sich 60% der argentinischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze bewegen. Wie schaffen es die Menschen zu überleben?
Wie ich schon sagte, es gibt Leute, die bis zu drei Jobs haben. Menschen, die keine Arbeit haben, werden von ihrem Umfeld unterstützt. Nachbarschaften helfen sich untereinander. Es gibt große Solidarität und viele soziale Aktionen gegen die schrecklichen Maßnahmen der Regierung.
Ihr seid zu 75% eine Frauenband, und das schon seit Jahren. Neuerdings habt ihr einen Mann an der Gitarre. Wie wurdet oder werdet ihr in der Szene und vom Publikum wahrgenommen? Gibt es sexistische Kommentare in Argentinien?
Wenn eine Band mit männlichen Mitgliedern auf die Bühne geht, heißt es: Sie gehen raus, um zu zeigen, was sie können, um eine tolle Show abzuliefern. Wir als Frauen müssen erst noch beweisen, dass wir das auch können, In den letzten Jahren haben wir viele unangenehme Kommentare bekommen. Und obwohl wir uns darüber ziemlich ärgern, reagieren wir meist mit Humor und Sarkasmus, um diese Leute lächerlich zu machen. Nach unseren Auftritten hören wir oft: Ihr spielt ja wie Männer! Als ob wir als Frauen nicht die gleichen Fähigkeiten hätten ...
Wenn ich in Argentinien bin, höre immer etwas über Fußball und jeder erzählt mir, von welchem Club er Fan ist. Wie wichtig ist Fußball für euch?
Der argentinische Fußball ist der Beste! Aber wir haben keine Lieblingsmannschaft. Wir sind nicht sportbegeistert.
Was steht bei euch 2025 auf der Agenda?
2025 wollen wir ein neues Album aufnehmen und eine Tour durch Argentinien machen. Dabei wollen wir in jeder Stadt spielen, wo es möglich ist. Eines unserer Ziele für die Zukunft ist es, irgendwann auch mal in Europa zu spielen. Eine Tour dort wäre unglaublich! Wir wollen unbedingt erfahren, wie Leute in anderen Ländern auf unsere Musik reagieren.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Armin Heitmann