© by QuintenQuist.ComLOATHE sind in den sechs Jahren seit dem Erscheinen von „I Let It In And It Took Everything“ keineswegs von der Bildfläche verschwunden. Auch wenn der Titel „A Stranger To You“ andeutet, dass die Band sich rar gemacht haben könnte, waren ihre Live-Aktivitäten zu präsent, um in Vergessenheit zu geraten. Diese Präsenz erklärt, warum das neue Album nicht wie ein Neustart wirkt, sondern wie die konsequente Fortsetzung eines Weges, den das Quartett aus Liverpool schon lange nach eigenen Regeln beschreitet.
LOATHE waren immer kompromisslos, im kreativen wie im persönlichen Umgang, und genau diese Haltung prägt die Entstehung des neuen Materials. Gitarrist Erik Bickerstaffe beschreibt die Phase zwischen den beiden Alben als eine Entwicklung ohne klaren Wendepunkt. Die neue kreative Richtung entstand nicht durch einen einzelnen Moment, sondern durch eine Entwicklung, die sich über Jahre vollzog: „Es war ein allmählicher Wandel, der sich durch den gesamten Schreib- und Entstehungsprozess des Albums gezogen hat. Es gab keinen einzigen Moment, in dem plötzlich alles ‚klickte‘. Wie du sagst, es war eine durchgehend transformative Reise.“ Diese Transformation spiegelt sich im neuen Longplayer wider, der stilistisch breiter und kompositorisch unberechenbarer geraten ist. Selbst wenn R & B-, Psychedelic- oder Shoegaze-Momente aufblitzen, agieren LOATHE intensiv und nie wirklich unbeschwert. Die Band nutzt diese Akzente nicht als Stilbruch, sondern als Struktur, die den Zugang erleichtert und gleichzeitig die Härte der Songs im entscheidenden Moment verstärkt.
Dass die britische Formation dabei heute klarer und selbstbewusster wirkt, ist kein Zufall. Der Gitarrist definiert das aktuelle Selbstverständnis der Band prägnant und ohne lange nachzudenken: „Gefestigt und selbstbewusst in unseren musikalischen Absichten und Fähigkeiten.“
Diese Haltung erklärt, warum „A Stranger To You“ trotz aller Vielfalt so in sich geschlossen wirkt. Die Band existiert selten in einer einzigen klanglichen Welt, sondern bewegt sich gleichzeitig durch mehrere emotionale Ebenen. Genau diese Vielschichtigkeit war schon immer Kern ihrer Identität. LOATHE entsprechen dabei keinem Genre, sondern einem Prinzip, das Erik wie folgt beschreibt: „Es muss uns etwas fühlen lassen. Wenn es ein Gefühl ist, zu dem wir eine Verbindung haben und das wir intensiv empfinden, dann lohnt es sich, es weiterzuverfolgen und in einen Song zu verwandeln.“ Die stilistische Breite des Nachfolgers von „I Let It In And It Took Everything“ ist nicht nur das Ergebnis kollektiver Entwicklung, sondern auch persönlicher Reifung. Der Musiker beschreibt, wie sich seine Hörgewohnheiten verändert haben und direkt in das Songwriting eingeflossen sind: „Meine musikalischen Interessen sind andere geworden, während ich zugleich gewachsen bin. Das, was ich höre und spannend finde, beeinflusst direkt das, was ich kreiere. Im Grunde ist es einfach ein Reifungsprozess – nicht nur als Künstler, sondern vor allem auch als Musikfan.“
Diese Offenheit gegenüber neuen Einflüssen erklärt die melodischen und elektronisch-flächigen Elemente, die „A Stranger To You“ einen größeren Bedeutungsrahmen verleihen. Ein zentraler Einfluss auf das kreative Schaffen von Erik und seine musikalische Sozialisation stammt dabei aus seiner Familie. Die emotionale Direktheit, die die Musik von LOATHE auszeichnet, hat eine klare Quelle: „Mein Großvater“, verrät der Gitarrist. „Er war musikalischer Leiter der Kirchenband, in der meine Großmutter gesungen hat – ein Multi-Instrumentalist, der Musik lebt und atmet, der immer singt und immer ein Instrument in der Hand hat. An jedem Geburtstag hat er angerufen und ‚Happy birthday‘ auf seiner Mundharmonika gespielt. Er ist bis heute extrem wichtig für mein Verhältnis zur Musik und hat mich zum Schlagzeug gebracht. Und wenn irgendwo eine Gitarre herumlag, war er immer derjenige, der sie in die Hand nahm. Das war und ist ein enorm prägender Einfluss für mich.“
Diese familiäre Geschichte fügt sich nahtlos in das Bild einer Band, die Intensität nicht als Stilmittel versteht, sondern als Grundhaltung. Nach dem Erfolg des Vorgängers war Druck die unvermeidliche Folge. Der Musiker bestätigt das ohne Umschweife. Doch dieser Druck führte nicht zur Wiederholung, sondern zur Weiterentwicklung. LOATHE entschieden sich bewusst dafür, nicht etwas zu reproduzieren, was funktioniert hatte, sondern das zu verfolgen, was sich richtig anfühlte. Genau deshalb schlägt „A Stranger To You“ noch weniger antizipierbar und eigenständiger zurück.
Seit 2014 hat die Liverpooler Band zahlreiche Wendepunkte erlebt. Auf die Frage nach den prägendsten Momenten antwortet der Gitarrist mit bemerkenswerter Offenheit: „Die wirklich unangenehmen Gespräche.“ Es sind diese internen Auseinandersetzungen, die LOATHE geformt haben, nicht die Erfolge, sondern die schwierigen Entscheidungen und die ehrlichen Diskussionen, beziehungsweise Konfrontationen. Das Quartett aus Liverpool hat seine Karriere stets nach eigenen Maßstäben gestaltet, und „A Stranger To You“ ist das Ergebnis dieser kompromisslosen Haltung. Nicht zuletzt aus diesem Grund klingen LOATHE heute stärker und gefährlicher als je zuvor.
© by Fuze - Ausgabe #119 August/September 2026 und Arne Kupetz
© by Fuze - Ausgabe #119 August/September 2026 und Arne Kupetz
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #152 Oktober/November 2020 und Jens Kirsch