
Trotz ständiger szeneinterner Lästereien über Lost & Found ist das Hannoveraner Label nicht mehr aus der deutschen Hardcore-Landschaft wegzudenken. Um all die Gerüchte und Halbwahrheiten und über Bernd Granz und seine beiden Mitstreiter dann doch mal persönlich zu ergründen, rief ich den Chef an einem grauen Oktobersonntag nach dem Frühstück an. Lest euch das Interview mal aufmerksam und ohne Vorurteile durch, dann merkt ihr vielleicht, was auch in den Neunzigern noch der Unterschied zwischen dem großen Musikbusiness und unabhängiger Kultur ist. Der Feind ist nicht Lost & Found, obwohl die viel leichter zu treffen sind, sondern EMI, Sony, Polygram, Geffen etc. Andererseits soll hier auch kein Label glorifiziert werden und es gibt sicher Leute, die andere Auffassungen darüber haben, wie ein Hardcore-Label arbeiten sollte - X-Mist machen ihr Ding, We Bite wieder ein Anderes und Common Cause ein ganz Anderes. Haltet euch einfach vor Augen, dass, wenn jemand wirklich nur Geld machen will, er mit 100%iger Sicherheit seine Finger vom Hardcore-Business lässt. Gegen Schluss des Interviews kamen wir dann auf eher hardcore-philosopische Themen zu sprechen, die bei längerem Nachdenken die Frage rechtfertigen, ob Hardcore in zehn Jahren vielleicht die gleiche Opa-Nostalgie-Mucke geworden sein wird wie heute Jazz - gehört von angegrauten Kulturdezernenten, Abteilungsleitern und sonstigen langweiligen Leuten. Here we go!
Du bist also Bernd Granz. Details?
Ich bin 28 Jahre, bin Informatikingenieur und mache Lost & Found. Meine Hobbies sind Mittelstreckenlauf, fünfmal die Woche zehn Kilometer, und früher war ich mal niedersächsischer Jugendmeister im Hundertmeterlauf und Weitsprung. Stark, nicht?
Wow, ich bin beeindruckt. Arbeitest du so richtig ganztags in deinem Beruf, oder bist du Freiberufler?
Ein ehemaliger Schulfreund von mir hat eine Computerfirma - Hard- und Software -, bei der ich mitarbeite. Ich habe also nicht feste Arbeitszeiten, sondern kann im Prinzip kommen und gehen, wann ich will. Der bekommt zum Beispiel Software-Aufträge, die wir dann erledigen. Wir, das sind Uwe, der mit mir Lost & Found macht, und ich. Das bedeutet natürlich auch, dass wir eine dicke, teure EDV-Anlage dastehen haben, die wir auch für Lost & Found nutzen können. Das Gute an diesem Computerjob ist, dass du mit recht geringem zeitlichem Aufwand sehr viel Geld verdienen kannst.
Früher dachte ich immer, dass Lost & Found nur von dir allein gemacht wird, aber dem ist ja nicht so...
Nein, Lost & Found wurde schon immer von drei Leuten, gemacht, nämlich von mir, Uwe und mittlerweile Thomas von Old World Records, wobei der erst später eingestiegen ist, nachdem vorher jemand anderes ausgestiegen ist. Uwe studiert Umwelttechnologie und Thomas ist Krankenpfleger.
Wie lange macht ihr Lost & Found denn schon?
Das Label machen wir seit 1988, aber das Plattenverkaufen, das auch zur Zeit der wichtigste Teil von Lost & Found ist, machen wir schon seit 1982. Zuerst sind wir immer auf Flohmärkte gefahren, haben dort verkauft, und haben dann auch begonnen, auf Konzerten Platten zu verkaufen. Uwe war wohl auch einer der ersten in Deutschland, der Mailorderlisten, so mit Tapes, Platten und so, gemacht und verschickt hat. Das ganze hieß allerdings nicht Lost & Found, sondern All You Need Is... Daraus ging dann später Lost & Found heraus. Tatsache ist eben, dass wir diesen Plattenvertrieb schon seit 1982 machen und daraus auch unsere guten Kontakte zu Bands wie GOVERNMENT ISSUE herrühren. Ich sage dir das, weil sich damals, 1988, viele Leute gefragt haben, wie wir so aus dem Stehgreif eine G. I.-, eine MINOR THREAT, eineSEPTIC DEATH-Platte machen können. Die Antwort ist, dass wir die Leute in diesen Bands eben schon seit Urzeiten kennen, als diese Bands hier in Deutschland noch kaum jemand kannte. Wir waren schätzungsweise die ersten in Deutschland, die Dischord-Platten verkauft haben, haben damals direkt mit Jeff Nelson, dem Schlagzeuger von MINOR THREAT, gedealt. Und daraus hat sich dann ein langjähriger, guter Kontakt zu all diesen Leuten entwickelt. Von manchen US-Bands haben wir die Demo-Tapes gekauft und dann mir deren Zustimmung hier weiterkopiert, wobei ich mich besonders gut an ARTIFICIAL PEACE erinnere, deren Tape damals ein Superseller war. Selbiges gilt auch für SEPTIC DEATH, wobei noch hinzukommt, dass Uwe als Plattensammler Mitte der Achtziger mehrmals in die USA geflogen ist und neben anderen Leuten auch den SEPTIC DEATH-Schlagzeuger Paul Birnbaum besucht hat.
Anders als manche Leute denken mögen, seid ihr also keine Großkotze, die sich im Nachhinein an die ganzen "wichtigen" Bands rangehängt haben, sondern profitiert von euren langjährigen Kontakten.
Richtig. Damals, als wir mit denen in Kontakt traten, waren die Bands auch noch klein und unbekannt. Bei der aller ersten L & F-Platte überhaupt war das damals sogar so, dass wir die zuerst überhaupt nicht machen wollten, sondern wir von der Band dazu überredet werden mussten. Das war GOVERNMENT ISSUEs "Fun & Games“ 7". Tom Lyle hatte uns das Band gegeben und wir hatten ihn dann bei der G.l.-Deutschlandtour getroffen, wo er uns ermunterte , statt all des aIten Demo-Krams doch mal ne Platte zu machen. Naja, wir hatten gar keinen so rechten Bock drauf, weil wir die Platte nicht gut fanden, haben uns dann aber überreden lassen. Das war der Anfang des L & F-Labels.
Als Mailorder seid ihr erst in letzter Zeit größer in Erscheinung getreten.
Listen haben wir schon immer verschickt, allerdings haben wir bis vor kurzem keine Werbung gemacht. L & F hatte bis dahin immer absoluten Insider-Charakter. Als wir damals anfingen, interessierte sich für unsere Platten so gut wie niemand. Das ist heute nur schwer nachvollziehbar, gerade wenn ich dir erzähle, dass wir damals wohl die ersten in Deutschland waren, die z.B. BLACK FLAGs "Jealous Again"-12" hatten. Oder SSDs "Get It Away". Das sind heute Klassiker, aber damals interessierte das keinen, denn eigentlich gab's damals nur England-Punk und -Oi!. Unser Mailorder war nur was für ein paar wenige, absolute Fans. In der Mitte der Achtziger verlagerte sich das Spezialistentum dann zu Japan-HC, und als auch noch unser Label dazukam, waren wir praktisch gezwungen, unseren Vertrieb auszuweiten, denn oft wurden und werden wir unsere Sachen nur auf Tauschbasis los. Unsere Listen von früher leben heute in Form der Setsale- und "Gegen Gebot'-Listen fort, die der normalen Mailorderliste beiliegen.
Im Gegensatz zu We Bite oder X-Mist wart ihr also nie so ein großer Mailorder, sondern nur ein kleiner Vertrieb für Spezialisten.
Absolut. Und darauf stehe ich auch heute noch, denn ich bin immer noch Sammler und stehe zu diesem Spezialistentum. Uwe dagegen hat das Sammeln mittlerweile aufgegeben. Unser normaler Mailorder dagegen hat vielmehr mit dem Zwang zu tun, Geld machen zu müssen.
Lass uns noch mal auf die Sammler, die Collectors zurückkommen - auf Leute also, die bereit sind, für irgendwelche Singles 50 oder auch 100 DM hinzublättern, was allen Nicht-Sammlern ziemlich bescheuert vorkommt.
Sammler zu sein bedeutete sowohl für mich als auch für Uwe und Thomas früher in erster Linie Kommunikation: Uwe kommt aus einem 600 Seelen-Dorf, bei mir waren es ein paar mehr, und bei Thomas sind es 120. Und wir drei haben uns über das Plattensammeln kennen gelernt, wobei mein Spezialgebiet Finnland, Skandinavien generell und Japan ist, während Uwe sich auf Amerika konzentriert hat. Durch das Sammeln haben wir all unsere Kontakte geknüpft, wobei wir als Schüler und später Zivildienstleistende und Studenten nie den Blödsinn gemacht haben, für irgendeine Single 100 Mark zu zahlen. Das mache ich heute, weil ich es mir durch meinen Beruf einfach leisten kann. Vor zwei Wochen habe ich mir zum Beispiel die erste RATTUS-Single gekauft, die in einer 200er-Auflage erschienen ist und für die ich 95 Mark gezahlt habe. Damals hätte ich das nicht machen können, aber heute ist es mir das wert, wobei das allerdings nicht mein Prinzip ist, denn ich bin eher auf Tausch aus und habe insgesamt 2.000 hammerrare Tauschplatten rumstehen, so dass ich von Ausnahmen abgesehen kaum auf Kauf angewiesen bin.
Wo hast du die ganzen Tauschplatten denn her?
Seit wir damals unseren Vertrieb aufgebaut haben, sind Uwe und ich so verfahren, dass sich jeder von uns von den Vertriebsplatten erstmal zwei Stück auf die Seite gestellt hat und wir dann für die restlichen einen Preis auf Non-Profit-Basis kalkuliert haben. Und von den beiden Platten ging dann eine ins private Archiv und eine kam auf den Tauschhaufen.
Wie viele Platten habt ihr denn mittlerweile privat rumstehen?
Uwe vielleicht 3.000, also Singles und LPs, und meine Zahlen kann ich dir nicht genau sagen, aber ich denke auf jeden Fall über 10.000. Die füllen in meiner Wohnung mittlerweile eineinhalb Zimmer.
Sind das in deinem Fall nur LPs und Singles oder auch CDs?
CDs sind im Grunde völlig unwichtig. Mir geht es nur um die Musik, und selbst ich kann das Sammeln von CDs nicht nachvollziehen. Um auf die Sammlung zurückzukommen: Eine Wand steht komplett mit Singles voll, eine andere mit LPs. Klar, mittlerweile kommen auch endlos CDs dazu, so über 1.000, aber an denen hängt mein Herz nicht.
Zu diesen Mengen hat doch sicherlich auch deine Schreiberei für's ROCK HARD beigetragen, oder?
Im Schnitt bekomme ich pro Monat 100 Promos, wovon allerdings höchstens 60% ins Archiv gehen. Den Rest verschenke meistens.
Wirklich? Du verschenkst die und verkaufst die nicht weiter?
Ich verschenke sie.
Lass uns wieder über L & F sprechen. Euer Logo habt ihr doch eindeutig bei Touch & Go abgekupfert, oder?
Die Leute von Touch & Go kennen wir mindestens schon so lange wie die von Dischord. Die NECROS waren neben MINOR THREAT "unsere" Band, und als Corey Rusk, der NECROS-Bassist, Touch & Go gründete, kauften wir natürlich seine Platten für unseren Vertrieb. Naja, und er hatte sein Label-Logo von Dangerhouse Records geklaut, so dass das für uns eine konsequente Fortführung dieser Linie war, unser Logo von ihm zu klauen. Er weiß das, erfindet das lustig, und nur Leute, die keine Ahnung haben, haben uns damals deshalb angemacht. Es ist einfach ein kleiner Insider-Witz.
Ein paar Worte zu eurer Labelpolitik, bitte. Es ist ja bei vielen euren Platten so, dass sie von vornherein nur für eine sehr kleine Minderheit interessant sind und ich mir manchmal denke, dass für die Leute, die damals dabei waren, eure Re-Releases interessant sind, sie für dis große Mehrheit der Hardcore-Hörer allerdings völlig irrelevant sind.
Absolut, da kann ich dir nur beipflichten. Es ist sogar so, dass bei unseren Releases viele Platten dabei sind, die wir nie rausbringen wollten. MALEFICE oder MEDIA DISEASE sind so ein Beispiel - von den 22 Songs der MEDIA DISEASE-LP kann ich mir maximal fünf oder sechs anhören. Aber die Leute, die damals in den Bands gespielt haben, sind und waren Kumpels von uns aus der damaligen D.C.-Szene, haben uns regelrecht die Masterbänder aufgedrängt, damit wir da irgendwann mal 'ne Platte machen. Das ist der Hintergrund dieser Platten, denn eine Band wie MEDIA DISEASE kennt keiner und braucht keiner, so dass wir uns höchstens brüsten können, schlechte Musik in gutes Artwork verpackt zu haben. Und was MALEFICE anbelangt, so klingen die einfach schon reichlich angestaubt: Du legst die Platte 1990 auf und sie klingt schon sechs Jahre alt. Das wissen wir, aber wir finden die "Overboard"-7" genial, haben diese Bands damals vertrieben, 50% der 7"-Auflage verkauft und wurden deshalb von der Band angesprochen, ob wir nicht die LP machen wollen. Und wir haben noch viel, viel mehr Bänder auf Lager, die man jeder Zeit als LPs pressen könnte, z.B. CYTHIAN, die ursprünglich auf H.R.s Olive Tree-Label rauskommen sollte, und, und und. Aber wir haben uns einfach gesagt, dass wir davon die Finger lassen, denn diese Sachen verkaufen sich furchtbar schlecht. Das Problem ist, dass du mit einer Band anfängst, und plötzlich kommen sämtliche Musiker an, die in irgendwelchen Nachfolgeprojekten gespielt, und wollen, dass du ihre Demo-Aufnahmen auch veröffentlichst - das ist ein furchtbarer Schneeballeffekt. CIRCLEONE zum Beispiel, da gab's danach diverse SideProjekte, bei denen es totaler Wahnsinn gewesen wäre, wenn wir da was gemacht hätten, denn von dieser LP haben wir über einen Zeitraum von zwei Jahren mit Ach und Krach 1.000 Stück verkauft.
Du sagst selbst, dass vieles eurer Re-Releases eher nur dokumentarischen Wert haben, denn musikalisch gibt´s aus dieser Zeit doch auch jede Menge Bands, die einfach besser und deshalb wohl auch bekannter sind. In euren Anzeigen und Infos sind diese Platten aber nichtsdestotrotz als "legendäre Klassiker" etc. angekündigt. Wenn ich mir die Platten dann aber angehört habe, habe ich mich aber dann teilweise gefragt, wer diese Platten eigentlich braucht. Was sagst du dazu?
Werbung ist eine Notwendigkeit. Allerdings sehe ich meistens unsere Anzeigen erst dann, wenn sie in irgendwelchen Magazinen abgedruckt sind, denn die Anzeigengestaltung ist Uwes Job. Und ich gebe offen zu, dass ich beim Lesen unserer Anzeigen oft zwischen peinlicher Berührtheit und hämischem Lachen hin- und hergerissen bin. Deiner Aussage von eben stimme ich zu, denn wir haben halt nicht RAGE AGAINST THE MACHINE auf unserem Label. Aber es ist auch so, dass wir auf unsere und zu unseren Bands stehen, wobei es so ist, dass wenigstens einer von uns total dahinter stehen muss - sei es, weil die Musiker seine Kumpels sind, sei es, dass er die Band musikalisch total geil findet. Deshalb kann ich mit so einer CIRCLE ONE-Platte leben. Und was das Namedropping betrifft: Das macht jeder. Bei CIRCLE ONE musst du einfach schreiben, dass die damals Kumpels der SUICIDAL TENDENCIES waren - was übrigens auch stimmt, auch wenn es mit der Musik gar nichts zu tun hat -, damit du überhaupt was verkaufst. Außerdem denke ich, dass sich das bei uns noch in einem vertretbaren Rahmen bewegt, denn es gibt Labels, bei denen ich brüllen könnte, weil. es nur völlig überkandidelt ist. Grundsätzlich ist jedes Namedropping peinlich und irrelevant, aber man kommt auch nicht drumherum. Um aber noch was Positives zu der ganzen Sache zu sagen: Angesichts dieses Bootlegmarktes merken wir, dass durchaus noch Bedarf besteht an dieser alten Musik. Trotzdem haben wir in letzter Zeit unsere Labelpolitik stark geändert haben in Richtung neue Bands, mit denen man richtig arbeiten kann. Wir haben ein paar Bands aufgetan, die man wirklich aufbauen kann, wie die KILLRAYS, die gerade im Studio sind, die RYKERS, die gerade aufnehmen, GlGANTOR und seit gestern auch SHELTER...
...im Ernst?
Ja, weil es Freunde von mir sind. Ich bin nicht Hare Krishna, habe mit denen auch darüber gesprochen und ihnen ganz deutlich gesagt, dass, wenn irgendwelche Krishnatypen anfangen, hier anzurufen, die ganze Sache sofort gecancelt ist. Die Sache ist einfach die, dass viele Leute, die falschen Leute, an SHELTER 'ne Menge Geld verdient haben. Naja, Porcell, der SHELTER-Gitarrist ist ein alter Kumpel von mir, mit dem ich auch die JUDGE- und YOUTH OF TODAY-Sachen klargemacht habe, und mit dem habe ich auch SHELTER klargemacht. Wir haben ihnen aber auch deutlich gesagt, dass wir keine Ideologie verkaufen. Grundsätzlich habe ich mit Krishna keine Probleme, denn ich denke, dass die Leute schlau genug sind, mal zu hinterfragen, was hinter Krishna steckt - und wenn wirklich jemand auf Krishna abfährt, dann ist dem sowieso nicht mehr zu helfen.
Was habt ihr dann damals von euren Singles und Demos so für Stückzahlen verkauft?
Uwe hat damals die Strategie verfolgt, keine Singles zu nehmen, auf denen weniger als acht Songs drauf sind. Und von diesen schnelleren US-Hardcore-Singles bist du maximal 30 bis 40 losgeworden. CRUCIFIX' "1984"-Single ging dann hammermäßig gut, davon haben wir über hundert verkauft.
Das sind doch weniger, als ich gedacht hatte, und das bedeutet auch, dass diese Musik damals wie heute von einer winzigen Schar überzeugter Fans gehört wird.
Ja, man kennt sich. In der deutschen Hardcore-Szene gibt es ein paar wenige Multiplikatoren, über die du auch heute noch diese alten Bands verkaufen kannst. Burkhard Järisch und sein Flex! sind einer davon. Das sind die Leute, die es interessiert, in wie viel Farben und was für Stückzahlen die erste REFLEX FROM PAIN-Single gepresst wurde - und genau diese Leute sind auch das Klientel von L & F. Oder waren es zumindest in der Vergangenheit.
Wie kam es denn zu diesem Wechsel in der Labelpolitik?
Ich persönlich kann mit diesem Schrummel-Hardcore nichts mehr anfangen. Solche Songs wirken heute nur noch für zehn Minuten. Und ich sagte dir ja eben schon, dass ich mich bei vielen unseren Platten gefragt habe, warum wir die überhaupt machen, mit denen ich relativ wenig anfangen konnte. Uwe wiederum ging das mit Platten, hinter denen ich stand, manchmal so. Irgendwann saßen wir dann beide mal da und stellten fest, dass wir an einem Punkt angelangt waren, an dem wir nur noch freundlich waren, nur noch Freunden einen Gefallen getan haben. Für mich begann L & F da zur Zeitverschwendung zu werden, denn zum einen steckt man da nur endlos Kohle rein, und zum anderen profitieren sowieso nur die anderen, die Großhändler davon. Wir waren zweimal kurz davor, mit L & F auf zu hören
Was hörst du denn zur Zeit für Musik?
Mein Problem war immer, dass meine Musik in den Anfangsjahren von L & F dort kaum repräsentiert wurde. Meine Lieblingsbands überhaupt sind VOID, EXTREME NOISE TERROR - die jetzt leider zu Roadrunner und nicht zu uns gegangen sind -, NEGATIVE APPROACH, SIEGE...
...und welche aktuellen Bands?
Zur Zeit ist meine Lieblings-CD "Wolverine Blood" von ENTOMBED, dann die neue SHELTER, CORA E., das sind die Sachen, die mir jetzt auf Anhieb einfallen.
Alles nur so Knüppel-Kombos? Kein Gitarrenrock dabei?
Nein, so was kann ich nicht leiden. Und wenn ich mir die Veröffentlichungen von L & F so anschaue und mich mit vielen Releases nicht identifizieren kann, dann ist es deshalb, weil ich nicht der Typ bin, der in der Vergangenheit schwelgt, der sich die CIRCLE ONE auflegt und denkt: "Wow, 1981 in L.A., da muss es geil gewesen sein!“ Das ist etwas, was ich an vielen unserer Kunden hasse, die hier anrufen und glauben, sich von uns New York-Hardcore-Geschichten anhören zu können. Das hat doch nichts mit dem realen Leben zu tun, ich weiß nicht. Nein, ich höre die ganzen, aktuellen Platten, denn sonst könnte ich ja auch nichts darüber schreiben.
Da hast du das richtige Stichwort gegeben: Du schreibst auch für das Rock Hard, machst dort jeden Monat die Doppelseite "Rock Hard-Core". Wie kam es dazu?
Für Rock Hard schreibe seit ungefähr acht Jahren, wobei der Kontakt zu Götz Kühnemund, einem der Chefs von Rock Hard, dadurch zu Stande kam, dass wir seit Jahren gute Freunde sind und auch zusammen Zivildienst gemacht haben. Das ist eigentlich alles. An sich ist mir diese ganze Metalwelt auch ziemlich egal und ich habe die anderen Leute vom Rock Hard noch nie kennengelernt.
Diese Tätigkeit bringt dich in die dumme Situation, deine Platten selbst besprechen zu müssen, wenn du nicht auf den Werbeeffekt einer Besprechung im Rock Hard verzichten willst.
Ja. Ich habe tatsächlich die Wahl zwischen einer völlig subjektiven Besprechung, die ich selbst schreibe, und dem unter den Tisch fallen lassen dieser Platte, was ziemlich blöd wäre. Denn L & F ist eine der letzten Trutzburgen in der sterbenden deutschen Hardcorelandschaft und es ist nicht einzusehen, dass unsere Platten im Rock Hard nicht mehr erwähnt werden, nur weil ich dort schreibe. Ich habe schon mit vielen Leuten darüber gesprochen, dass Rock Hard mehr und mehr zum Multi-Crossover-Blatt wird, so dass immer mehr "normale" Metaller gezwungen sind, sich mit dieser Musik auseinander zu setzen und so allmählich auch die anderen Schreiber des Rock Hard allmählich Kritiken schreiben können für Bands wie PITBULL, CONCRETE SOX oder UNCURBED.
Trotzdem wissen viele Leute nicht, dass du auch der bist, der L & F macht. Wieso erwähnst du das nicht?
Ich fände das peinlich, denn wenn ich mir meine Vergangenheit anschaue, dann habe ich auch irgendwie diese "Till Neurath-Geisteshaltung": Wenn ich mir vorstelle, ich wäre siebzehn und läse in einem Magazin wie Rock Hard, daß derjenige, der die Platten bespricht, sie auch herausgebracht hat, dann fände ich das zum Kotzen, ganz einfach. Ich bin auch sehr vorsichtig bei den Besprechungen, beschränke mich auf die reine Beschreibung der Musik und lasse alles bleiben wie: "Kauft euch diese Platte!". So hoffe ich, den Leuten den Wind aus den Segeln zu nehmen, denn es kam und kommt natürlich vereinzelt Kritik.
Bernd Granz macht mit L & F ohne Ende Kohle, sonst könnte er nicht ständig so viele neue Platten machen. Realität oder Wunschdenken?
Old World Records, das Label von Thomas, werden wir jetzt dichtmachen, und das würden wir sicher nicht tun, wenn man damit ohne Ende Geld verdienen könnte. Bands wie BLATANT YOBS oder CRIVITS, um bei Old World zu bleiben, sind reine Zuschussgeschäfte. Ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, dass man in der Hardcore-Szene mit Platten kein Geld machen kann. Was die vielen Releases betrifft, so muss ich sagen, dass wir teilweise Pausen von bis zu einem dreiviertel Jahr gemacht haben, und schon rein aus Promotiongründen, um also für die einzelnen Platten genug Zeit zu haben, auch nur zwei bis dreimal im Jahr was veröffentlichen - dann aber auch mal vier oder fünf Platten auf einmal, denn das spart natürlich enorm Porto.
Du meintest, dass ich mit euren Platten kein Geld verdienen lasse, aber andererseits habt ihr doch enorme Vorteile dadurch, dass ihr bei diesen ganzen Re-Releases keine Studiokosten habt.
Das war mal. Gerade jetzt sind auf meine Kosten IMPATIENT YOUTH, KILLRAYS, RYKERS und REJUVENATE im Studio. Und von denen hat keiner Bock, dafür arbeiten zu gehen, um für L & F die Studiokosten zu zahlen. Und was die Re-Releases betrifft, so entstehen da zwar keine Studiokosten, aber dafür verkaufst du auch nichts. Unser Fünferpack mit BEARDSLEY, TESCO VEE und drei anderen Bands war damals zum Beispiel finanziell ein völliger Schlag ins Wasser. Den Verlust musst du mit Releases wie JUDGE, SIDE BY SIDE oder HERESY erst wieder ausgleichen, wobei ich HERESY 12.000 DM Vorschuss gezahlt habe. Calv rief mich damals an und klagte, dass er üble Geldprobleme habe. Er bot mir an, sein In Your Face-Label entweder komplett oder häppchenweise zu kaufen. Wir einigten uns dann darauf, daß ich große Stückzahlen seiner verkaufbaren Releases wie LAST OPTION und ATTITÜDE ADJUSTMENT plus HERESY nehme. Und wie schon gesagt, bekam er alleine für HERESY 12.000 DM von mir. Ich schätze, dass das auch bei HERESY, einer Band, die seit fünf Jahren tot ist, auf plus/minus null herausläuft.
Nun bist du aber auch nicht bescheuert und musst auch mal an irgendwas Geld verdienen. Womit verdienst du also was bei L & F?
An Sachen wie JUDGE oder YOUTH OF TODAY, bei denen allerdings auch nicht so toll, denn da gab es vorher schon fünf Bootlegs. Ich hole eben mal meine Liste, dann kann ich dir das genau sagen: IMPATIENT YOUTH kam damals zur richtigen Zeit, da haben wir innerhalb von zwei Monaten 2.500 verkauft, G.I.s „Finale"-Doppelalbum lief sehr gut, LYLE lief die ersten zwei Monate gut, dann war Schicht. F.U.s "Origin Of The Strawdogs" verkaufte sich gut, die STRWADOGS/FREEZE-Single war auch ein Knaller, JUDGE ebenfalls, GOOBER PATROL war gut, SIDE BY SIDE ganz o.k. und CRUDE SS lief ziemlich gut. PITBULL ist eben erst raus und läuft ebenfalls gut. Ja, das waren die Sachen, die es rausgerissen haben. Was unsere Kalkulation betrifft, so rechnen wir das immer so durch, dass wir möglichst keinen Verlust machen, ganz klar. Unsere Grundüberlegung ist die, dass ein Drittel unserer Veröffentlichungen Gewinn abwirft, während die restlichen zwei Drittel ihre Unkosten erwirtschaften.
Es steckt also eine riesige Menge Geld in L&F. Woher habt bzw. hattet ihr das Geld?
Uwe und ich haben immer neben L& F einen Job gehabt. Ich habe lange Zeit für eine Zuckerfabrik Computerprogramme geschrieben und da mit einem absolut lauen Job 3.000 DM netto verdient. Und von dem Geld kannst du im Monat zwei Singles machen. Uwe hatte einen ähnlich gut bezahlten Job, so dass wir es uns einfach leisten konnten, so viel Geld in L&F zu stecken. Es war ein teures Hobby, das allerdings den Vorteil hatte, dass das Geld nicht verloren war, sondern bis auf einige Ausnahmen auch wieder reinkam.
Ein normaler selbständiger oder Kleinunternehmer würde aber niemals so wirtschaften, wie du mit Lost & Found oder ich mit dem Fanzine, denn der würde sich auch niemals mit so minimalen Gewinnspannen abgeben.
Das Hardcore-Business hat nichts mit der "real world" zu tun. Wenn ich mich mit normalen Leuten, mit meinen Nicht-Szene-Bekannten unterhalte, dann erzählt mir jeder, wieviel Kohle er mit seinem Job macht und wie erfolgreich sie doch sind. Im Hardcore- und Punkbereich aber erzählt dir jeder ständig nur, wie er drauflegen muss. Das ist der erste Unterschied. Der zweite ist, dass es im Hardcore einfach nicht nach normalen Geschäftsbedingungen läuft: Die Leute zahlen dir nicht nach 30 Tagen, sondern viel später und vielleicht sogar gar nicht. Und drittens wissen die Leute vor allem, was man in der HC-Szene darf und was man nicht darf - zum Beispiel einen Anwalt einschalten. Sowas ist "Un-Hardcore", so was darf man nicht. Wir müssen jetzt, da L&F größer geworden ist, feststellen, dass die Leute anfangen, uns zu erpressen - mit Hardcore-Werten! Ein Beispiel: Eine Band ruft an und sagt "Wenn du uns nicht noch mal 1.000 Dollar schickst, dann erzählen wir überall, dass diese Veröffentlichung ein Bootleg war. Im normalen Leben würdest sagen "Pass auf, du Arschloch, wir haben einen Vertrag, und wenn du nicht ruhig bist, kriegen wir dich wegen Verleumdung dran!“
Das sind jetzt Negativ-Beispiele, aber andererseits ist es doch erstaunlich, dass nach all den Jahren doch noch so was wie ein Hardcore-Spirit am Leben ist.
Meine Antwort läuft auf die Frage hinaus, die du bisher noch nicht gestellt hast, nämlich: "Warum machst du die ganze Scheiße überhaupt?“ Eine Antwort ist die, dass ich bei den ganzen Aktionen nie über Geld nachdenke. Das Ding ist ganz einfach, dass Hardcore etc. für mich Gegenkultur ist, und das sollte es auch immer sein. Wenn ich, wie vorgestern Abend, aus dem Haus gehe und durch die Straßen fahre, dann frage ich mich, was all das da draußen noch mit mir zu tun hat. Hardcore ist einfach eine Alternative zum "normalen" Leben, wobei ich aber nicht nachvollziehen kann, was manche Leute daraus machen, die sich ihre eigene, kleine Welt aufbauen. Hardcore bedeutet für mich: "Mach es einfach selbst!“
Du bist also mit deinen beinahe 30 Jahren kein kalter Zyniker geworden, sondern hast dir noch etwas Romantik bewahrt, ohne die man den ganzen Kram wohl schon längst hingeschmissen hätte?
Das ist jetzt eine schwierige Frage: Natürlich bin ich zynisch geworden, denn ich habe viele entsprechende Erfahrungen gemacht. Die Frage ist einfach die, warum man trotzdem weitermacht. Eine Antwort lautet "Freunde". In der Hardcore-Szene sind 99% der Leute Arschlöcher, aber in der normalen Welt sieht's auch nicht besser aus, es macht also eigentlich keinen Unterschied. Aber in der Hardcore-Welt treffe ich auch Leute wie Armin Hoffmann von X-Mist oder Holger Schmidt von Amok Records und noch ein paar andere Leute, die du im Hardcore einfach schneller triffst als im Kegelclub. Es gibt ein paar Leute, auf deren Urteil du Wert legst, und auf die Meinung der anderen kannst du scheißen. Der wichtigste Grund, der dich am meisten runterzieht und einen zynisch werden lassen kann, ist der Neidfaktor. Ich spreche jetzt über die "politisch Korrekten" in der Szene, mit denen wir gelegentlich aneinander geraten, bei denen ich immer wieder merke, wie dumm die Leute tatsächlich sind. Ich hatte da ein Schlüsselerlebnis beim DOWNCAST- Konzert in Wolfsburg. Da stand dieser Holger Ohst vom Summersault-Fanzinevertrieb und posaunte herum, was der Bernd Granz vom Rock Hard doch für ein Arschloch sei. Und zufälligerweise baute ich da gerade meinen Plattenstand auf... Ich ging also zu ihm hin und meinte: "Hey, du kennst Bernd Granz? Der Typ ist ja wohl der Letzte. Was hast du denn mit dem für Erfahrungen gemacht? Und da hat der natürlich voll losgelegt, mir endlos Stories erzählt. Ich hab mir das angehört und meinte am Anschluss nur zu ihm: "Weißt du was? Du bist ein totaler Onanierer.
Wie sieht Bernd Granz die derzeitige deutsche HC-Szene? Ist die deutsche HC-Szene = ZAP-Leserschaft?
Absolut nicht! Gerade bei unserem Vertrieb merke ich, dass es einfach sehr viele Leute gibt, die nur Mitläufer sind. Wenn du X-Mist und uns vergleichst, so bietet X-Mist für die politischen Leute mehr Hardcore, während wir mehr Musik anbieten, wodurch wir auch an die ganzen Leute rankommen, die sich an den Trend anhängen. Ich sehe dann eben, was die Leute sich für Platten greifen, was sie denken, dass Hardcore ist: BIOHAZARD, etc. Wir haben, gerade auf die Rock Hard-Anzeigen hin, eine ganze Reihe von Leuten, die solche Standardbestellungen aufgeben wie ein RAGE AGAINST THE MACHINE-Shirt, ein BIOHAZARD-Longsleeve und eine BAD RELIGION-CD. Da merke ich natürlich, dass da jede Menge "unhardcorige" Leute dabei sind, bei denen man aber vielleicht hoffen kann, dass die nochmal "richtig" auf den Geschmack kommen, dass sich da nochmal was daraus entwickelt. Ich verachte die nicht, denn ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie Uwe und ich damals gezittert haben, als wir unserer erste Bestellung bei Vinyl-Boogie, diesem Berliner Punk-Vertrieb, aufgegeben haben: Du bist 14, lebst auf dem Dorf, weißt, du hast keine Ahnung, hättest sie aber gern. Und schon damals bist du von diesen alten Hasen am Telefon behandelt worden wie ein Arschloch. Und wegen dieser Erfahrung wollen wir heute diese Kiddies nicht so behandeln, denn es kann sich vielleicht ja was daraus entwickeln. Wenn er sich nächstes Jahr trotzdem nur noch GUNS N ROSES anhört, dann soll er's tun, aber vielleicht kommt er ja auf den Geschmack und merkt, dass man mehr machen kann, als nur Platten anhören. Und vielleicht haben wir dann dazu ein bisschen was beigetragen.
Es ist eben ein gewisses Auswahlverfahren: Von hundert Leuten, die auch eine Platte kaufen, bleiben vielleicht ein oder zwei dabei und arbeiten sich in die Szene ein, hören auch in zehn Jahren noch die Musik. Scheiß auf den Rest - allein die Beiden waren es wert.
Als wir damals anfingen, waren wir Punker, hörten CRASS und fuhren am Wochenende nach Brokdorf zur Anti-AKW-Demonstration. Heute hören die Leute nur noch Musik, und wenn du denen sowas erzählst, dann schauen die dich erstaunt an: „Was, Hardcore kann mehr sein, als sich 'ne DOWNCAST-Single anhören?" Diesen aktiven, politischen Anteil vermisse ich in der heutigen Hardcore-Szene, denn obwohl ich den Leuten natürlich nichts vorschreiben kann, ist das für mich ein Teil von Hardcore. Linke Politik und Hardcore gehen nach meiner Definition von Hardcore Hand in Hand, lassen sich nicht trennen.
Angesichts von Konzerten wie dem von SLAPSHOT in Essen, wo 90% der Leute in SICK OF IT ALL-T-Shirts rumliefen und völlig verwirrt reagierten, als ich ihnen ein Fanzine verkaufen wollte, weil sie außer Rock Hard und Visions nichts kennen, frage ich mich doch, ob diese Vorstellung von HC sich mit der Realität in Übereinetimmung bringen lässt...
Ich denke schon, denn ich habe in vielen Fällen die Erfahrung gemacht, dass Leute, die ich zum Teil persönlich kenne, nach Jahren überzeugter Rock Hard-Lektüre gemerkt haben, dass ihre harte Musik nur reines Business ist, dass es in der Hardcore-Szene aber auch noch andere Werte gibt. Ich sehe immer wieder, dass Leute den Weg vom übelsten Blatt hin zum Fanzine machen, im Extremfall von Bravo zu Confrontation. Ich merke bei unseren Bestellern, dass die meisten zur Zeit überhaupt keinen Bock auf Magazine haben, weil die zur Zeit in Deutschland zu Crossover sind, wobei dieser Bereich meiner Meinung nach sowieso von Rock Hard abgedeckt wird, die auch eine dementsprechend hohe Auflage haben. Die Hardcore-Leute dagegen wollen wirklich nur was über Hardcore lesen, und sobald da was über Bands wie WIPERS oder BONE CLUB zu lesen ist, interessiert die das schon nicht mehr. Die wollen nur wissen, was neben SICK OF IT ALL und PITBULL noch im ZAP steht, und wenn du ihnen dann erzählst, dass Martin Büsser noch ne Reportage über ein Jazzfestival geschrieben hat, dann wollen die das plötzlich nicht mehr. Im Gegensatz dazu fragen die Leute ständig nach Enemy's Voice oder Confrontation, denn da steht drin, was die Hardcore-Leute wirklich lesen wollen - im Grunde nämlich immer das Selbe. Der Großteil unserer Käufer ist nicht besonders enthusiastisch über Fanzines und will nach Möglichkeit nur was über "richtige" HC-Bands lesen. Ich bekomme zum Beispiel Anrufe, wo Leute fragen "Habt ihr Straight Edge-Fanzines?“ Was die Hardcore-Szene als solche betrifft, so denke ich, dass es die in den verschiedensten Formen schon seit zwanzig Jahren oder so gibt, aber immer wieder in verschiedenen Ausprägungen. Ich denke, dass die jetzt entstehende Hip-Hop-Szene der frühen HC-Szene sehr ähnlich ist. Was viele Leute heute von der klassischen HC-Szene abschreckt - kurze Haare, wilde T-Shirts, böse Blicke und dann Todesmoshen -, ist das Alter der Leute, die diese Szene betreiben. Wenn ich mir anschaue, wer in Hannover die sogenannte HC-Szene "betreibt", dann hat das Ganze ziemlichen Oldie-Charakter bekommen. Die Leute tragen irgendwie die Attitüde vor sich her: "Irgendwie habe ich ja eigentlich gar keinen Bock, aber ich habe leider keine Ahnung von irgendwas anderem“. Und das sind fast alles Leute zwischen Mitte 20 und Mitte 30, die jetzt versuchen, über Hardcore ins Musikgeschäft einzusteigen. Da man im HC-Bereich aber glücklicherweise kritisch ist, schauen sich die Kids die Leute genau an und stellen sich die Frage, wer denn eigentlich die Konzerte macht und das Geld, so es denn welches zu verdienen gibt, einschiebt - aus welcher Motivation heraus. Und wenn 7 SECONDS heute das zweite oder dritte Mal touren, dann habe ich das gleiche Gefühl wie damals, als ich als Fünfzehnjähriger die abgetakelten SWEET durch irgendwelche Tingeltangel-Clubs ziehen sah. Die verdienen sich heute ihr Gnadenbrot, das hat überhaupt nichts mehr mit dem Hardcore von damals zu tun, als für Außenstehende überhaupt nicht erkennbar war, was für Power in der Szene drinsteckte. Du hattest keinerlei Bock, dir in irgendwelchen Bars mit üblen Türstehern ein Konzert anzuschauen - aber genau das ist heute im Hardcore vielfach Usus geworden
Ich stimme dir zu: Was das Alter der Leute betrifft, die heute in der HC-Szene was machen, da ist heute kaum jemand dabei, der nicht über 25 ist.
Die Leute vom Confrontation - das heißt, äh, Corey ist 30 und Bernd auch schon 25. Tja, du hast wohl Recht. Ich seh das bei meinem kleinen Bruder, der jetzt 21 ist, der das, was wir machen, nur noch witzig findet und nichts damit anfangen kann. Es ist einfach unattraktiv, was ich sehr gut nachvollziehen kann, wenn ich mir vorstelle, wie ich über verschiedene Dinge denken würde, wenn ich jetzt 16 wäre. Da würde ich mir auch sagen, dass JEFF DAHL völlig unattraktiv ist, mich fragen, was mir so ein alter Sack denn bieten kann.
Ich denke, in zwanzig Jahren wird die heutige Hardcore-Szene in ähnlicher Form mit den gleichen Leuten auch noch existieren, nur dass die Kids davon kaum noch Notiz nehmen werden, denn sie haben dann ganz andere Musik, auf die wir nur ächtlich herabschauen werden. Das wird die gleiche Entwicklung nehmen wie die Jazz-Szene, die heute von fünfzigjährigen Kulturdezernenten betrieben wird.
Das ist der springenden Punkt. Und was die städtische Unterstützung betrifft, so frage ich mich seit langem, wie eigentlich rechtfertigt wird, dass die ganzen Hardcore-Läden sich vom Kulturamt subventionieren lassen, während auf der anderen Seite antiautoritäre und anarchistische Sprüche geklopft werden. Wenn du nicht völlig dämlich bist und mehr als drei Jahre in der Punk- und HC-Szene bist, dann fängst du an, dir solche Fragen zu stellen: Wie Punk sind die Leute eigentlich? Was mache ich hier? Und dann schaue ich mir an, was heute im Hip-Hop-Bereich so abläuft, z.B. ANARCHIST ACADEMY neulich hier in so nem Dorf. Da ist das Publikum so abgegangen wie damals 1984 die Leute bei YOUTH BRIGADE in der Korn. Ich konnte das gar nicht glauben, kam mir vor wie in einer Zeitmaschine - nur dass es Hip-Hop und nicht Hardcore war.
Klar, Konzerte wie D.O.A., JEFF DAHL oder WIPERS sind mittlerweile richtige Gruftietreffen.
Ja, Hardcore und Älterwerden ist so ein Ding. Hardcore als Musik ist was für junge Leute, und Hardcore, als Lebenseinstellung muss man nicht Hardcore nennen, denn das kann man unabhängig davon betrachten, das hat mit der Musik nicht unbedingt was zutun. Ich bin auch der Meinung, dass die Musik an sich zweitrangig ist. Wirklich "wichtig" sind im Leben ganz andere Dinge. Ich merke mittlerweile auch, dass manche Bands, manche Songs für mich Oldiemusik sind: Du legst die Platte auf und denkst an ein Konzert vor zwölf Jahren oder ähnliche Ereignisse.
Was wird Bernd Granz in zehn Jahren machen? Hoffentlich nicht das, was er heute macht. Er wird dann wahrscheinlich... 'nen Kinderwagen schieben?
Das tut er jetzt schon, haha. Ich schätze, dass Uwe und ich auf dem EDV-Sektor weitermachen werden, denn in letzter Zeit bekommen wir vermehrt lukrative Angebote. Lost & Found werden wir aber mit Sicherheit weitermachen, das haben wir uns fest vorgenommen. Allerdings werden wir weniger Platten veröffentlichen und Re-Releases auf ein Minimum beschränken. Die allernächsten Releases auf Lost & Found werden übrigens Platten von den KILLRAYS, von den RYKERS, von PITBULL, ein Live-Al-bum von SICK OF IT ALL sowie was von JUDGE sein.
Gibt es noch eine Frage, die ich vergessen habe?
Ja, ich dachte, du würdest mich fragen, wie das Verhältnis der Labels und Vertriebe untereinander ist. Denn eine Sache, die im Hardcore mittlerweile wirklich tot ist, ist die Kommunikation zwischen den Leuten. Die typische Bestellung sieht bei uns heute so aus: "Bitte schicken Sie mir...". Ja, die Kids siezen uns! Zu meiner Zeit hätte ich dem Label zum Beispiel auch einen erbosten Brief geschickt, wenn bei einer Platte wie PITBULL keine Texte abgedruckt gewesen wären. Aber heute kommt da nichts mehr. Außerdem hast du nichts zur Konkurrenz gefragt, denn ich war auf die obligatorische Frontline-Frage gefasst: “Ist das denn interessant? "Nein, denn dazu gibt es eigentlich nichts zu sagen, außer dass wir völlig verschiedene Sachen machen. Wir kaufen bei denen, die kaufen ein bisschen bei uns, weil die nur noch ganz wenig Hardcore verkaufen. Früher waren die auch ein guter Großhandelskunde von uns, aber mittlerweile kaufen wir mehr bei denen als die bei uns. Trotz allem haben wir ein gutes Verhältnis zu denen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #16 I 1994 und Joachim Hiller